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ARBEIT UND LEBEN Sachsen e.V., Ulrich Klemm u.a. (Hrsg.): Wegweiser für Asylsuchende

Cover ARBEIT UND LEBEN Sachsen e.V., Ulrich Klemm, Frank Schott (Hrsg.): Wegweiser für Asylsuchende. Kurse zur Erstorientierung in sächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2018. 120 Seiten. ISBN 978-3-945959-28-2. D: 10,00 EUR, A: 10,00 EUR, CH: 12,00 sFr.
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Entstehungshintergrund

Grundlage war ein Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz, zur Entwicklung und Durchführung von Kursen zur sprachlichen und kulturellen Erstorientierung von Asylsuchenden in sächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen. Das Projekt wurde an verschiedenen Standorten in Sachsen durchgeführt. Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation erfolgte durch die Professur für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der TU Chemnitz. Das Projekt wurde mit dem 2. Preis im Rahmen des Innovationspreises Weiterbildung des Freistaates Sachsen ausgezeichnet.

Aufbau

An dem Text des Wegweisers sind 23 Autorinnen und Autoren beteiligt. Sieht man von einführenden Grußworten ab, gliedert sich der Text in fünf Blöcke.

  • Block I mit fünf Beiträgen (S. 16-35): die Rahmenbedingungen,
  • Block II mit neun Beiträgen (S. 36 – 71): das „Wegweiser“ Format,
  • Block III mit sieben Beiträge (S. 73-94): Erfahrungs-/ und Praxisberichte,
  • Block IV mit zwei Beiträgen (S. 95 – 105) und
  • Block V (S. 106-110) mit einem Beitrag, ziehen ein Fazit und werfen einen Blick in die Zukunft.

Angaben zu den Autorinnen und Autoren finden sich auf S. 111 f.

Inhaltlicher Überblick

Nachfolgend wird der Inhalt der Blöcke unter dem Gesichtspunkt ihrer Bedeutung für das Projekt dargestellt, ohne dabei einzelne Beiträge in den Mittelpunkt zu stellen.

Block I Rahmenbedingungen

Das Kurskonzept ist zweispurig: Es besteht aus einem Sprachteil und einem Teil zur Alltagsorientierung. Zu den Rahmenbedingungen gehört, dass die Teilnehmer/-innen mit je kulturspezifischen Erwartungen kommen, Erwartungen wie der Alltag funktioniert, wie Institutionen funktionieren. Der Wegweiser Kurs bearbeitet dies im Rahmen eines „interkulturellen Erwartungsmanagements“, indem die jeweils unterschiedlichen „Normalitätserwartungen“ ein zentrales Thema sind. Dabei steht im Mittelpunkt, eine erste Einführung in die deutsche Sprache durch deutsche Sprachmittler in einem Kurs von 30 Stunden (11), „Systemwissen“ zu vermitteln und geltende Werte und Normen zu verdeutlichen. Didaktisch soll diese doppelte Aufgabe, neben dem Einsatz von jeweils fachkompetenten Kursleiterinnen und Kursleitern, durch Kulturmittler und Kulturmittlerinnen mit Migrationshintergrund bewältigt werden, die sich zugleich mit den Teilnehmern in deren Herkunftssprache unterhalten können. Diese erarbeiten mit den Teilnehmenden basales kultur- und alltagsspezifisches Orientierungswissen (11). Ziel ist die Teilnehmer in kurzer Zeit „mit den hiesigen Regeln und Umgangsformen vertraut zu machen“ (21), auch um Alltagskonflikte zu vermeiden.

Die zentrale Bedeutung der Kulturmittler/-innen, die ausgebildet und begleitet wurden durch ARBEIT UND Leben in Sachen ev. wird noch in vielen Beiträgen hervorgehoben. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch Fortbildungen für die Kulturmittler/-innen (S. 64-66) und Sprachmittler/-innen (S. 59 f.)

Die Teilnahme an den Kursen war freiwillig, zudem musste der spezifische Kontext einer Erstaufnahmeeinrichtung berücksichtigt werden, in welcher die Teilnehmer für ganz unterschiedliche Zeitdauer verweilen, oder Termine zur Anhörung im Asylverfahren haben.

Block II Das „Wegweiser“-Format

Die Wegweiser Kurse können oder sollten verstanden werden als eine „Art Vorkurs, der auf das Leben in Deutschland vorbereitet“ (37), auf den Umgang mit der deutschen Sprache (36).

Aus den Fragestellungen der Teilnehmer und aus Informationen der Institutionen konnte ein Curriculum entstehen „welches detailliert“ die Inhalte der Wegweiser Kurse in für das Leben und den Alltag der Asylsuchenden wichtigen Bereichen umfasst (39).

So dienten die Kursmodule zum einen der Alltagsorientierung, wie zugleich der sozialen Orientierung. In einem kurzen Beitrag wird noch einmal auf die besondere Bedeutung, des Kulturmittler-/Sprachmittler-Tandems hingewiesen. Auf er einen Seite die Lehrkraft im Bereich der sozialen Orientierung, die zugleich erste Grundlagen der deutschen Sprache vermittelt – z.B. grundlegende Redewendungen –, auf der anderen Seite ein Kulturmittler mit Migrationshintergrund. Hervorgehoben wird, wie wichtig es für den Kurserfolg ist, dass beide gut zusammenarbeiten (S. 44).

Aufgebaut wurden die Kurse in fünf thematischen Modulen

  • Vorstellen und Alphabet
  • Familie und Bekleidung
  • Wohnen und Einkaufen
  • Ort und Zeit.
  • Gesundheit und Kalender

BIock III Erfahrungen und Praxisberichte

In den Praxisberichten spiegelt sich die Heterogenität der Teilnehmer wieder( S. 81), etwa das unterschiedliche Alter, ein Modulleiter berichtet von 14 bis 67 Jahren, Teilnehmer/-innen ohne jeden Schulabschluss und mit einem Studium, ein vielfach unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Hintergrund. Das stellte zwar erhebliche organisatorische Anforderungen dar, (verdeutlicht etwa auf S. 91), wurde aber zugleich von Dozenten als ein Vorteil gesehen, um Brücken zu bauen (S. 78).

Block IV und V. Innovationspreis Weiterbildung / Ertrag

Einige Erfahrungen werden in diesen Blöcken bilanziert. Das didaktische Prinzip der Kurse „Voneinander lernen – miteinander lernen – übereinander lernen“, noch einmal begründet als Prinzip eines Bildungsprozesses, der „Kopf, Herz und Hand umfasst“(103).

Generell ist Flexibilität erforderlich. Das Konzept aus „zwei Komponenten – Sprachteil und Alltagsorientierung“ kann nicht überall und in jeder Erstaufnahmeeinrichtung gleich gehandhabt werden. So wurde beispielsweise der Teil der Alltagsorientierung auf die drei Tage am Ende der Woche gelegt, Freitag-Samstag-Sonntag, mit dem Vorteil dass die Teilnahme an den Kursen nicht durch Aktivitäten in der EA unterbrochen werden musste (z.B. Medical Check) 108. Gezeigt hat sich auch, dass weibliche Kulturmittlerinnen häufiger von weiblichen Geflüchteten angesprochen werden als männliche. Aber es bleibt die Schwierigkeit zu Kursbeginn „die Kursstruktur für alle nachhaltig zu erläutern“ (108 f).

Das Modellprojekt „Wegweiser Kurse“ wird als „Erstorientierungskurs“ jetzt in allen sächsischen Einrichtungen der Erstaufnahmen als Regelangebot weitergeführt.

Diskussion

Das Projekt war offensichtlich, so das Evaluationsergebnis, sehr erfolgreich, es würde sonst nicht als Regelangebot weitergeführt.

Sein Alleinstellungsmerkmal ist aus Sicht des Rezensenten,

  • dass es in einer Erstaufnahmeeinrichtung durchgeführt wird,
  • dass die Lehrenden als Tandem arbeiten,
  • dass die Teilnahme freiwillig (und kostenlos) ist,
  • dass es keine Einschränkungen bezüglich der Bleibeperspektive, des Herkunftslandes, des Alters (ab 15 Jahre), des Alphabetisierungsniveaus, der Bildung und der Sprache der Teilnehmer/-innen gibt.

Das erfordert eine hohe Flexibilität von allen Beteiligten, so steigen Teilnehmer/-innen erst später in den Kurs ein oder verlassen in vor dem Ende (S. 70). Manche nehmen nicht an dem Kurs teil, da sowieso unklar sei, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. Aber gerade diese vielfältigen Unterschiede scheinen zugleich Faktoren für die Entwicklung von Kreativität und Verständnisbrücken auf allen Seiten der Beteiligten zu sein. Ein Kulturmittler hatte vorgeschlagen, die Kurse verbindlich zu machen. Aber es gibt sicher gute Argumente dafür, dass gerade die freiwillige Teilnahme ein guter Motivator ist. Die angeführten Anforderungen an Flexibilität werden mit jeder Evaluations- und Projektrunde zu neuen Erkenntnissen führen, wie die Wegweiser Projekte inhaltlich und didaktisch weiterentwickelt werden können. Man darf gespannt sein.

Fazit

Dass Sozialbetreuung in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende mehr als nur Einzelfallhilfe sein kann, nämlich eine niedrigschwellige Hilfe für den Lebensalltag, das kann man als Erfahrung aus diesem Projekt ziehen.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 07.06.2018 zu: ARBEIT UND LEBEN Sachsen e.V., Ulrich Klemm, Frank Schott (Hrsg.): Wegweiser für Asylsuchende. Kurse zur Erstorientierung in sächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2018. ISBN 978-3-945959-28-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24216.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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