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Michael Bröning: Lob der Nation

Cover Michael Bröning: Lob der Nation. Weshalb wir den Nationalstaat nicht den Rechten überlassen dürfen. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2018. 112 Seiten. ISBN 978-3-8012-0528-7. 12,90 EUR.
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Autor

Manchmal ist es wichtiger, vorab zu wissen, wer spricht als worüber gesprochen wird; im vorliegenden Fall ist das so. Michael Bröning, Jg. 1976, leitet das Referat „Internationale Politikanalyse“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, ist Gründer und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Internationale Politik und Gesellschaft“ und derzeit John F. Kennedy Memorial Fellow am Center for European Studies der Harvard University. Von einem solchen Mann sollte man sich gediegenes Linksintellektuelles erwarten dürfen. Dass solche Erwartung nicht trügt, zeigen viele seiner Artikel zu Fragen deutscher und europäischer in ausländischen und inländischen Zeitungen. So auch in der ZEIT.

Thema

Dort konnte man in der Ausgabe vom 25.3.2018 von ihm einen Beitrag (Bröning, 2018) lesen, dessen Text ein gestraffter Auszug aus vorliegendem Buch ist. Der ZEIT-Artikel trägt den Titel „Zu viel Integration schadet nur. Die Europäer wollen den Nationalstaat behalten, Sozial- und Haushaltsfragen nicht an Brüssel delegieren. Deshalb brauchen wir eine EU der verschiedenen Geschwindigkeiten“. Nach Lektüre des Buches scheint mir dies tatsächlich eine bedeutsame These des vorliegenden Buches zu sein: Wir brauchen eine EU der verschiedenen Geschwindigkeiten.

Aber die These ist nur Teilmoment der Zentralthese: Wir brauchen eine (Rück-)Besinnung auf den Nationalstaat. Unter einem solchen versteht man ein Staatsmodell, das auf der Idee und Souveränität der Nation beruht. Im Konstrukt „Nationalstaat“ fällt das Staatsgebilde mit dem Begriff der Nation zusammen. Sprachliche, kulturelle und/oder ethnische Homogenität werden im Diskurs um die Nation oft als Voraussetzung und Ziel des Nationalstaates benannt. An heutigen Staaten, die sich dem Typus des Nationalstaates faktisch am meisten angenähert haben, werden die Insel(!)-Staaten Island und Japan genannt; das ist eine überschaubare Zahl.

Aufbau und Inhalt

Der Autor nennt sein Buch wahlweise „Zwischenruf“ und „Essay“. Das erste ist eine Kategorie der Rhetorik, das zweite eine der literarischen Gattung. Beide Charakterisierungen aber deuten an: Es geht hier um eine eher kurze Ausführung, die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema steht im Mittelpunkt und die Einhaltung von Kriterien einer „wissenschaftlichen Abhandlung“ ist nicht unbedingt beabsichtigt.

In Einführung: Von einem Konsens, der keiner ist (1. Kapitel) skizziert Michael Bröning sein Vorhaben: „Dieser Essay soll keine erschöpfende wissenschaftliche Abhandlung sein, sondern ein eher dialektisch zu verstehender Hinweis darauf, dass die zentralen Anliegen progressiver Politik zwar nicht ausschließlich durch den Nationalstaat, aber auf absehbare Zeit ganz sicher nicht ohne ihn realisiert werden können. Angesichts der allzu verbreiteten Rede vom Sündenfall der Nation soll daran erinnert werden, dass Demokratie, Partizipation, globale und lokale Gerechtigkeit sowie Solidarität und Integration in einer globalisierten Welt ohne den Nationalstaat als Forum progressiver Politik derzeit zwar denkbar, aber nicht realisierbar sind. Hierzu soll im Folgenden die zentrale Rolle des Nationalstaats herausgearbeitet werden, und zwar auf drei Ebenen…“ (S. 14)

Diese drei Ebenen werden in den nachfolgenden drei Kapiteln 2 - 4 näher betrachtet.

  • Die in Migration, Solidarität und Integration (2. Kapitel) entfaltete These lautet, „dass gerade Nationalstaaten im Hinblick auf eine intelligente Migrations- und Integrationspolitik unersetzlich sind“ (S. 14-15).
  • Europa und die Demokratie (3. Kapitel) spielt folgenden Gedanken durch. „In Anbetracht der Europäischen Union erweist sich die Symbiose von Demokratie und Nationalstaat als entscheidend. Demokratie bedarf eines Demos, einer klar definierten demokratischen Körperschaft.“ (S. 15)
  • Schließlich soll in Globale Politik und der Nationalstaat (4. Kapitel) „gezeigt werden, dass auch weltweite Sicherheit aufs Engste mit dem Nationalstaat verknüpft ist. Es ist aufschlussreich, dass die globale Ordnung derzeit nicht dort erschüttert wird, wo ein Zuviel, sondern da, wo zu wenig Staatlichkeit zu politischen, sozialen und menschlichen Katastrophen führt.“ (S. 15)

Die Überschrift des 5. und letzten Kapitels Fazit und Ausblick: Ein linkes Lob der Nation beschreibt dessen Inhalt in prägnanter Art und Weise. Seine letzten Sätze fassen die Vision, die den Autor an- und umtreibt, in wenige Worte: „Zu entwerfen wäre hier ein aufgeklärtes patriotisches ‚Wir‘ als progressive Identität, das eben weder nach patriotischen Wagenburgen strebt noch im Gegensatz steht zu europäischer und globaler Kooperation. Ein solcher Nationalstaat wäre dem Alleinvertretungsanspruch der Extremisten entrissen und würde progressiven Kräften die Handlungsebene zurückgeben, auf der sie stets ihre größten Erfolge feierten. Kurzum: Ein solcher Staat wäre ein würdiger Adressat für ein so offenes wie deutliches linkes Lob der Nation.“ (S. 108)

Diskussion

Das Buch ist flott geschrieben und parteilich gehalten; ganz wie man das von einem guten Essay erhoffen darf. Gute Essays zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine bestimmte Fragestellung in knapper, aber anspruchsvoller Form diskutieren. Angesichts der Breite und Tiefe der hier behandelten Thematik ist das Buch von wahrlich geringem Umfang. Und was den Anspruch anbelangt: Das Buch ist in bestem Journalistendeutsch verfasst, kenntnisreich und materialgesättigt. Das betrifft das „Wie“ des Gesagten.

Was das „Was“ anbelangt, zunächst dies: Soweit und sofern die zentrale Botschaft des Buches sein will, dass wir eine EU der verschiedenen Geschwindigkeiten brauchen, findet das meine volle Zustimmung. Die vom Autor dafür vorgetragenen Argumente führen sogar zu einer weitergehenden Doppelthese: Weder braucht „Europa“ noch der deutsche „Normalbürger“ die EU – und den Euro ebenfalls nicht. Die Juncker-EU und der Draghi-Euro haben das Projekt „Europa“ in Misskredit gebracht und dem Missbrauch preisgegeben. So muss man sich nicht wundern über die nach üblichen Kriterien der üblichen Politikwissenschaft „perverse“ neuste Regierungskoalition Italiens zwischen dem auch von deutschen Linken bejubelten MoVimento 5 Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung) unter Luigi Di Maio und der in Teilen rechtsextremen Lega unter Matteo Salvini. Was sie eint, ist eine Verachtung der Brüssel-EU und die Forderung eines Schuldenerlasses von 250 Milliarden Euro. Oh nein, diese beiden Parteien haben die Euro-EU keineswegs missverstanden; sie erweisen sich als deren wahre Versteher.

Ein Verlassen des Euro-Raums und ein EU-Austritt ist weder ein Verrat an „Europa“, dessen Definition ich nicht den Brüssel-Funktionär(inn)en überlassen will, noch macht es ein Land „uneuropäisch“. War denn das Vereinigte Königreich vor dem Brexit kein europäischer Staat, bloß weil es vom Euro nichts wissen wollte? Und soll es denn nach dem Brexit, für den sich die von Politiker(inne)n aller Couleur immer wieder bemühten „kleinen Leute“ eher aussprachen als die Finanzjongleure von Canary Wharf, das United Kingdom kein europäisches Land mehr sein? Großbritannien wird auch weiter so europäisch sein wie zu den Zeiten, da es im Alleingang und unter großen Opfern die hitlerische „Festung Europa“ zu attackieren wagte, und London weiterhin jene liberale weltoffene Stadt, wie sie es zu Zeiten war, als Karl Marx dort Asyl und im British Museum das Material für sein „Kapital“ fand.

Meine Zustimmung findet das Buch darin, dass es fortwährend auf die Bedeutung von Staat und Staatlichkeit hinweist. Der Autor hat völlig Recht mit seiner Feststellung, „dass die globale Ordnung derzeit nicht dort erschüttert wird, wo ein Zuviel, sondern da, wo zu wenig Staatlichkeit zu politischen, sozialen und menschlichen Katastrophen führt“ (S. 15). Zu sozialen, menschlichen und möglicherweise politischen Katastrophen führt es auch im Binnenbereich von Staaten, wenn dort Staatlichkeit abgebaut wird. In Deutschland droht in Folge von Privatisierung und Staatsrückzug nicht nur den „kleinen Leuten“ Alters- und Wohnraumarmut. Dem kann nicht durch „Riesterei“ und „Baukindergeld“ gewehrt werden. „Mehr Staatlichkeit“ müsste für Deutschland auch heißen: Ein Staat, der souverän und stark genug ist, der Argrar- bzw. Dieselautoindustrie nachhaltig zu verbieten, weiterhin unser Trinkwasser bzw. unsere Atemluft zu vergiften. Und einer, der den chinesischen Staatskapitalismus erfolgreich daran hindert, weiterhin internationale Schlüsseltechnologie made in Germany aufzukaufen und das für seine „Made in China 2025“-Strategie auszunutzen.

Nun trägt das Buch ja nicht den Titel „Plädoyer für ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten“, auch nicht „Lob des Staates“, sondern „Lob der Nation“. „Über die Nation. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ könnte eine ausführlichere Überschrift sein, die der Intention des Autors vollauf gerecht wird. Und genau damit, mit „Nation“ und „Nationalstaat“ sind meine Verstehens- und Akzeptanzprobleme verbunden. Die rühren von einem Doppelten her: Zum einen setzt der Autor, als wäre er dazu jeglichen wissenschaftlichen Wissens bar, „Nationalstaat“ und „Staat“ allermeist in eins. Zum anderen will er uns wider alle historische Kenntnis und im Widerspruch zu allen staatsphilosophischen und völkerrechtlichen Bestimmungen glauben machen, man könne von „Nation“ reden, ohne zugleich von „Ethnie“.

Er tut beides, und das sei an zwei Beispielen illustriert. Geboten werden keine willkürlich aus dem Zusammenhang gerissenen und für das Ganze unbedeutende Zitate. Vielmehr für das Buch und dessen Argumentationsgang typische; Leser(innen) mögen sich nach vertiefter Lektüre ihr eigenes Urteil bilden. Da spricht er beispielsweise, um mit dem zweiten Punkt („Nation“) zu beginnen, von der „Idee einer progressiven und nicht ethnisch begriffenen Nation“ (S. 16); von einer „nicht ethnisch begriffenen Nation“ zu reden macht ebenso viel Sinn, wie von „schwarzen Schimmeln“ zu sprechen.

Was den ersten Punkt anbelangt, führt er beispielsweise, um das obige Zitat auf S. 15 in seinen Textkontext zu stellen, aus, „dass auch weltweite Sicherheit aufs Engste mit dem Nationalstaat verknüpft ist. Es ist aufschlussreich, dass die globale Ordnung derzeit nicht dort erschüttert wird, wo ein Zuviel, sondern da, wo zu wenig Staatlichkeit zu politischen, sozialen und menschlichen Katastrophen führt.“ Hier wie anderswo setzt er „Staat“ und „Nationalstaat“ in eins – werch ein illtum und welch eine Sünde wider den Geist!

Bleiben wir bei diesem ersten Punkt. Ja gibt es denn, werden sich manche Leser(innen) fragen, überhaupt Staaten, die keine „National“-Staaten sind? Ja, die gibt es, und wenn man die für einen „Nationalstaat“ die von Seiten der Staatsphilosophie und des Völkerrechts hierfür üblicherweise angewandten Kriterien anwendet, gibt es davon eher viele als wenige. Selbst ob man die Bundesrepublik Deutschland als „Nationalstaat“ ansehen kann bzw. muss, ist fraglich. Dessen Recht wählt für seine Staatsbürgerschaft eine Mischform zwischen Volkszugehörigkeits- und Staatsangehörigkeitsprinzip. Und das ist gut so.

Aber fassen wir mit Rücksicht auf all jene, die die Kriterien eines Staates als „National“-Staat eher lax handhaben, doch andere Staaten ins Auge. So kenne ich keinen ernstzunehmenden Menschen, der beispielsweise die USA als „Nationalstaat“ bezeichnen würde. Ebenso wenig Kanada, das eine vom Autor gelobte Migrationspolitik betreibt. In einem Staat, dessen nominelles Oberhaupt Queen Elisabeth II. ist, dessen Premierminister Justin Trudeau heißt und der für Einwanderungsfragen zuständige Ministers Ahmed Hussen, einst als mittelloser Migrant aus Somalia gekommen. Blicken wir auf Europa. Wäre es nicht unsinnig, die Confoederatio Helvetica als „National“-Staat zu bezeichnen? Jenen Staat im Herzen Europas auf einem Gebiet, dessen Eckpunkte mit Bodensee, Le Léman (Lac de Genève), Lago di Lugano und Piz Tschütta zu markieren sind. Auch die Schweizerische Eidgenossenschaft betreibt eine Einwanderungspolitik, von der Deutschland nur lernen kann.

Weder die Schweiz noch Kanada sind Staaten, die vom sozialen und regionalen Auseinanderfallen bedroht sind. Was sie zusammenhält, sind auch Werte. Aber nicht solche, für die man gemeinhin so etwas wie „Nation“ bemühen muss, sondern durch die „Werte des Westens“ im Sinne von Heinrich August Winkler (2016). Diese „Werte des Westens“ sind durch lokale Werte angereichert. Im Falle der Schweiz durch solche, die zur Geschichte des stark durch das Christentum geprägten Abendlandes gehören; das Genfer Reformationsdenkmal legt davon ebenso Zeugnis ab wie die Päpstliche Schweizergarde.

Man kann nach meiner Einschätzung gut verzichten auf alles, was einzig mit „Nation“ verknüpft ist. Und man sollte es tun. Weil im Namen der „Nation“ allzu viel Unheil angerichtet wurde und weiterhin wird. Nicht zuletzt deshalb – und das ist der zweite Teil meines Widerspruchs – „Nation“ unlösbar mit „Ethnie“, sprich „Völkischem“ verbunden ist. Diese Verknüpfung lässt sich von keinem Gelehrtenschreibtisch her aus der Welt schaffen. Einfach, weil sie in der Welt so gegeben ist. Um sich dessen zu vergegenwärtigen, muss man nicht in graue Vorzeiten und auf entlegene Kontinente blicken.

Der Blick auf die deutsche Geschichte seit 1848/49 (prägnant: Winkler, 2009) könnte alleine schon genügen. Aber es ging ja nach 1945 auch andernorts weiter. Bleiben wir in Europa. Bei dem, was da gegenwärtig unter der Bezeichnung „Katalonien-Konflikt“ auf die Bühne der Weltöffentlichkeit gestellt wird, weiß man nur eines sicher: Hier wird wieder einmal mit dem gefährlichen Sprengstoff „Nation“ gezündelt. Ob es sich bei der Aufführung „Katalonien-Konflikt“, in die sich Deutschland in aller außenpolitischen Dummheit hat hineinziehen lassen, um eine Komödie, eine Tragödie oder einfach nur eine Farce handelt, liegt im Auge des Betrachters.

Für die meisten Beobachter eine Tragödie dürfte das gewesen sein, was als „Jugoslawienkriege“ in die Geschichtsbücher einging. Da wurde zu Lebzeiten sowohl des Autors und des Rezensenten und gleichsam nebenan in den Grenzen eines (ehemaligen) Staates, der zu Tito-Zeiten multiethnisch und multireligiös war, gemordet, vergewaltigt, verbrannt und vertrieben – jeweils im Namen des (künftigen) „National“-Staats, dessen stets ethnischen Begründungen mit solchen religiöser oder konfessioneller Art angereichert wurden. Ich war schon zuvor kein „Nationaler“; dafür haben meine antifaschistisch gesinnten Lehrmeister(innen) gesorgt. Seither aber ist mir jeglicher Glaube daran, es könne mit „Nation“ auch nur irgendetwas Gutes an sich haben können, gründlichst abhanden gekommen.

Vertiefte Studien zur Geschichte des europäischen Judentums bestärken mich in dieser Ansicht. Nirgendwann und nirgendwo ging es den europäischen Jüdinnen und Juden besser als dort, wo sie in staatlichen Gemeinschaften lebten, die eben keine „National“-Staaten waren. Das gilt für die Sephardim, die um 1500 von der iberischen Halbinsel vertrieben wurden durch ein Königspaar, das ein Reich wollte, das nicht nur religiös (Stichwort „Inquisition“), sondern auch ethnisch rein sein sollte. Die Kapitulationsurkunde, die der letzte Emir von Granada, Boabdil, Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien 1492 überreichen musste, gehört zu den Geburtsurkunden der „spanischen Nation“, die Basken und Katalanen bis heute für ein aragonisch-kastilisches Konstrukt zur Legitimierung von Herrschaftsansprüchen halten. Zuvor hatten die Jüdinnen und Juden der iberischen Halbinsel bald acht Jahrhunderte lang gut gelebt in el-Analuse. Welcher Art die dort errichteten staatlichen Gebilde unter muslimischer Herrschaft auch immer waren (Emirat, Kalifat oder Königtum), sie waren nie „national“staatlicher Art, sondern stets multiethnisch und multireligiös.

Multiethnisch und multireligiös war auch das Kaisertum Österreich (1804–1867) und die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn (1867–1918). Dort hatten es die Jüdinnen und Juden, hier die Aschkenasim, über mehr als ein Jahrhundert weitaus besser als im Rest des damaligen Europas. Betrachten wir zur Anschauung die historische Landschaft Galizien mit ihrer Haupt- und Universitätsstadt Lemberg (zum Weiteren vgl. Heekerens, 2018; Sands, 2018). Das Territorium gelangte im Jahr 1772 im Rahmen der ersten Teilung Polens als Kronland „Königreich Galizien und Lodomerien“ an das österreichische Haus Habsburg, wurde 1804 Bestandteil des Kaisertums Österreich und war von 1867 bis 1918 Kronland im österreichischen Teil Österreich-Ungarns. Dort konnte ein jüdisches Geistesleben entstehen, das den „Westen“ nachhaltig befruchtete. Damit war es ab 1919 vorbei. Polen, das sich (auch) damals mit allem Nachdruck als „National“-Staat verstand, verleibte sich das Gebiet ein; die Situation der Jüdinnen und Juden wurde zunehmend unerträglicher. Aber es blieb dem NATIONAL-sozialistischen Deutschland vorbehalten, aus Galizien eine Schlachtstätte für dessen jüdische Bevölkerung zu machen.

Fazit

Von allem, was nach „Nation“ riecht, sollten die Linken und Liberalen, an die das vorliegende Buch vornehmlich adressiert ist, auch weiterhin die Finger lassen. Nicht aber von dem Buch selbst. Es enthält viele kluge Denkanstöße zur Forderung nach mehr Staat und Staatlichkeit. Und es mahnt völlig zu Recht an, dass man die Frage der Werte, die unsere Gesellschaft und unseren Staat im Innersten zusammenhalten (können), nicht den Rechtspopulisten überlassen sollte. Auf deren Niedrigniveau, wie es bei der derzeitigen „Kruzifix-Debatte“ allzu oft erreicht wird, sollte man sich bei anstehenden Diskussionen nicht herunterziehen lassen. Allerdings darf man die „Kruzifix-Debatte“ auch ganz einfach mit „Kruzefix“ oder kurz „Zefix“ kommentieren.

Literatur

  • Bröning, M. (2018). Zu viel Integration schadet nur. Die Europäer wollen den Nationalstaat behalten, Sozial- und Haushaltsfragen nicht an Brüssel delegieren. Deshalb brauchen wir eine EU der verschiedenen Geschwindigkeiten. DIE ZEIT vom 25.3.2018 (online verfügbar unter www.zeit.de/politik/ausland/2018-03; letzter Aufruf am 19.5.2018).
  • Heekerens, H.-P. (2018). Rezension vom 09.05.2018 Sands, Ph. (2018). Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frankfurt a. M.: Fischer (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/24112.php; zuletzt aufgerufen am 21.5.2018).
  • Sands, Ph. (2018). Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frankfurt a. M.: Fischer (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/24112.php).
  • Winkler, H.A. (2009). Eine verspätete Nation? Zeitzeichen, 2/2009 (online verfügbar unter https://zeitzeichen.net/archiv; letzter Aufruf am 22.5.2018).
  • Winkler, H.A. (2016). Die Geschichte des Westens. Die Zeit der Gegenwart (3., durchgesehene Aufl.). München: Beck (socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/20628.php).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 15.06.2018 zu: Michael Bröning: Lob der Nation. Weshalb wir den Nationalstaat nicht den Rechten überlassen dürfen. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2018. ISBN 978-3-8012-0528-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24220.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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