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Thomas Bock, Gerhard Dieter Ruf: Eine Frage der Haltung. Psychosen verstehen und (...)

Cover Thomas Bock, Gerhard Dieter Ruf: Eine Frage der Haltung: Psychosen verstehen und psychotherapeutisch behandeln. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 147 Seiten. ISBN 978-3-525-45287-5. 17,00 EUR.

Im Gespräch mit Uwe Britten.
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Thema

Lange galt die Psychotherapie mit Menschen mit Psychosen als kontraindiziert. Inzwischen sind die gesetzlichen Grundlagen geschaffen, und es gibt keinen Grund mehr, Psychotherapie bei Psychosen zu vermeiden. Ein langjährig erfahrener Lektor spricht in diesem Buch mit zwei prominenten Psychotherapeuten über ihrer Haltung, ihre Erfahrungen und Beziehungen zu Menschen mit schizophrenen Psychosen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich sowohl an PsychotherapeutInnen als auch an psychiatrisch interessierte LeserInnen. Es ist nicht in erster Linie für PatientInnen und Angehörige geschrieben.

Autoren

Thomas Bock ist Leiter der Psychosen-Ambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gemeinsam mit Dorothea Buck begründete er die Psychoseseminare; er ist durch zahlreiche sozialpsychiatrische Publikationen bekannt.

Gerhard Dieter Ruf ist in eigener Praxis als (Neurologe), Psychiater und Psychotherapeut tätig und plädiert in seinen Publikationen dafür, das systemische Herangehen stärker in der psychiatrischen Arbeit zu verankern.

Uwe Britten arbeitet als Lektor, Redakteur und Autor und konzipierte die Reihe „Psychotherapeutische Dialoge“.

Aufbau

Das Buch bezieht sich in Frage- und Antwortform auf die folgenden Themen:

  • Unsere Wahrnehmung ist immer affektiv geprägt
  • Vom Wissen und Nichtwissen
  • Dem psychotischen Menschen als Mensch begegnen – eine Haltungsfrage
  • Herausfordernde therapeutische Begegnungen?
  • Höhere Funktionen des Psychotischen?

Inhalt

Thomas Bock erläutert ausführlich seine anthropologische Sicht: Es geht ihm darum, im Umgang mit Menschen mit Psychosen das allen Menschen Gemeinsame, das zutiefst Menschliche zu sehen: Alle Menschen ringen mit dem Selbstverstehen und dem selbstverständlichen In-der-Welt-Sein. Dieses selbstverständliche In-der-Welt-Sein ist in Psychosen erschüttert. Es gilt in der Psychotherapie, Menschen mit Psychose zu begleiten, ihre Erlebnisse mit ihren Lebenserfahrungen in Verbindung zu bringen, sie in ihrem Gewordensein zu verstehen, in ihrem Sosein zu akzeptieren und in ihren Hoffnungen zu stärken. Die therapeutische Haltung ist dabei von einer Beziehungsgestaltung auf Augenhöhe, einer Ressourcenorientierten Sichtweise und einer gemeinsamen Sinnsuche geprägt. Es gehe im Umgang mit Menschen mit Psychosen weniger um anzuwendende „Tools“ als vielmehr um eine demütige, gemeinsam suchende und an die Lebenswelt anknüpfende Haltung.

Auch Gerhard Dieter Ruf betont den respektvollen Umgang bei gleichzeitiger Respektlosigkeit gegenüber Theorien. Als Systemiker reflektiert er Konstruktneutralität, Veränderungsneutralität und die Kybernetik zweiter Ordnung: „Was tritt ein, wenn der Beobachter, also der Therapeut, hinzu kommt und mit dem Betreffenden oder der ganzen Familie spricht?“ So wird nicht nur der Patient in seiner Familie beobachtet, sondern auch der Therapeut in seinen Wirklichkeitskonstruktionen. Hierbei gelte es, den Patienten selber zu fragen, ob er sich verändern möchte oder nicht. Zugleich betont Thomas Bock die Bedeutung, den Patienten nicht zu heroisieren. Psychosen bleiben ein leidvolles Geschehen.

Ein wenig kontrovers diskutieren die beiden, ob der Ausdruck „Jemand hat eine Psychose“ sinnvoll ist. Sie stimmen aber darin überein, dass es sich um ein Etikett handelt. Bei der Frage der medikamentösen Therapie plädieren sie für individuelle Lösungen, die – wenn keine Gefährdung vorliegt – vom Patienten selber entschieden werden sollte. Das Buch enthält konkrete Beispiele, wie die beiden Therapeuten mit Wahnkranken umgehen. Zur Frage von Zwangseinweisungen wird eine sehr differenzierte Haltung vertreten und betont, dass nach einer Zwangseinweisung ein Wiederanknüpfen an vertrauensvolle therapeutische Beziehungen möglich und wichtig ist.

Diskussion

Das Buch führt sehr gut in die modernen Möglichkeiten der psychotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Psychosen ein und lässt zwei ausgewiesene Experten in Interviewform zu Wort kommen. Thomas Bock stützt sich dabei auch auf die Ergebnisse des SuSi-Projektes, bei dem 500 Personen befragt wurden, und auf seine Erfahrungen in der Kooperation mit Peer-Begleitern. Fallbeispiele werden kurz angeschnitten.

Fazit

In Frage- und Antwortform kommen in diesem Buch zwei ausgewiesene Experten zu Wort: Sie betonen, dass psychotische Erfahrungen verstehbar werden, wenn man darum ringt, sie auf einen allgemein menschlichen Horizont zu beziehen und als TherapeutIn eine respektvolle, offene Haltung einnimmt, um sich gemeinsam im psychotherapeutischen Prozess auf die persönliche Sinnsuche zu begeben. Zugleich werden Grenzen bei Eigen- und Fremdgefährdung nicht ausgespart.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 24.05.2018 zu: Thomas Bock, Gerhard Dieter Ruf: Eine Frage der Haltung: Psychosen verstehen und psychotherapeutisch behandeln. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45287-5. Im Gespräch mit Uwe Britten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24222.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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