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Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Vielfalt und Zusammenhalt

Cover Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Zwei Konzepte auf dem Prüfstand. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. 96 Seiten. ISBN 978-3-7841-3032-3. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.

Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit, Ausgabe 2/2018 -.
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Thema

Im Zuge der Modernisierung und Globalisierung hat sich Soziale Arbeit auf gesellschaftliche Ausdifferenzierungen und kulturelle Vielfalt einzustellen, womöglich auch darauf, dass eine ihrer wichtigsten Ressourcen, der soziale Zusammenhalt in der Nachbarschaft und im Stadtteil nachlässt.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Das Vierteljahresheft wird im Auftrag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge von Peter Buttner herausgegeben.

Die Autoren sind (mit zwei Ausnahmen) Professorinnen und Professoren der Sozialarbeits-, Sozial- oder Erziehungswissenschaften.

Aufbau

Nach einem kurzen Vorwort des Stuttgarter Bürgermeisters Wölfle finden sich folgende acht Beiträge:

  • Ludger Pries (Bochum) zu „Vielfalt und Zusammenhalt…“,
  • Ruth Großmaß (Berlin) zu diesen als „Bezugspunkte sozialer Arbeit“,
  • Albert Scherr (Freiburg) über die Funktion Sozialer Arbeit für „Zwangsmigration“ und „Flucht“,
  • Nicole von Langsdorff (Darmstadt) über „Intersektionale Perspektiven für die Jugendhilfe..“,
  • Heike Radvan (Sachsendorf) zur Rolle von Mädchen und Frauen im Rechtsextremismus,
  • Christian Reutlinger (St. Gallen) über „Nachbarschaft“,
  • Barbara Brokamp (Bonn) zur „Inklusion auf kommunaler Ebene“ sowie
  • Maria do Mar Castro Varela (Berlin) und Ralf Lottmann (Surray) über Diversität in der Altenpflege.

Inhalt

Nach einem eher allgemein gehaltenen Einleitungskapitel thematisiert Großmaß Soziale Arbeit als „Praxis abstrakter Solidarität“, die einen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt leiste, indem sie „den Schwächsten einer Gesellschaft hilft“. Dazu gehört u.a „Antidiskriminierungsarbeit“ und die Interessenvertretung (social advocacy).

Danach skizziert Scherr die Bedingungen, unter denen Soziale Arbeit mit Flucht zu tun hat: Solange sie als Dienstleistung eines Territorialstaates definiert ist, kann sie für Flüchtlinge erst dann etwas tun, wenn diese die Landesgrenzen überschritten haben. Ihrer Zuständigkeit geht also eine selektive Regelung voraus. Auch danach ist sie dem staatlichen Migrationsregime unterstellt, wenn sie in Aufnahmeeinrichtungen oder bei der „Rückkehrberatung“ tätig wird. Ganz anders würde sich dies darstellen, wenn sich Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession verstehe, also parteiisch für Menschen auf der Flucht eintrete.

Langsdorff verspricht sich von Intersektionalität die Erkenntnis, welche Differenzkategorien Ausschluss und Diskriminierung befördern und sich überschneiden, und wie durch Teilhabe Prozesse der Inklusion in Gang gesetzt werden können.

Radvan erinnert daran, dass die Wirkung von Mädchen und Frauen im Rechtsextremismus leicht unterschätzt wird, etwa wenn sie in scheinbar unpolitischen Projekten im Stadtteil tätig sind, Nachbarschaften als „völkische Familien“ prägen wollen. Zu Nachbarschaften gibt es einen Bericht aus der Schweiz. Reutlinger unterscheidet die eher praktische Kooperation von Grundstücksnachbarn und das durch Abgrenzung gestärkte Zusammengehörigkeitsgefühl, vor allem in ländlichen Regionen.

Brokamp fordert mehr Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche auf kommunaler Ebene. Inklusion ist dann auf dem Wege, wenn Menschen nicht nur in einer Kategorie (z.B. als Behinderte) wahrgenommen werden.

Castro Varela und Lottmann stellen eine Wohngemeinschaft vor, die sich in erster Linie und explizit an schwule Männer richtet, auch Pflegefälle. Generell jedoch plädieren sie, nach Gesprächen mit Personal und Betroffenen, dafür, die Rechte und Bedürfnisse von Lesben, Schwulen, Trans*Menschen und Inter*Menschen in den Pflegehinrichtungen zu respektieren, ob sich die Betroffenen nun outen wollen oder nicht.

Diskussion

Das Heft wird durch etliche Seiten mit Werbung (auch in eigener Sache) gelockert; die Artikel sind übersichtlich gestaltet, mit markierten Zwischenbilanzen, insofern sehr nutzerfreundlich. Die Beiträge könnten jedoch mit weniger Formeln, mit Beispielen und Fallstudien auf den Leser zugehen. Eine Passage wie die folgende sollte das/dem Lektorat nicht passieren: „Gelingende Teilhabe und Integration sind nicht durch Assimilation, Marginalisierung oder Separation, sondern durch Integration zu erreichen…“(S. 14).

Der klärende, programmatische Beitrag von Scherr lässt noch Wünsche offen. Zum einen fehlt jeder Hinweis auf transnationale Praxis, die es doch eindrucksvoll tatsächlich gibt (Caritas International, Ärzte ohne Grenzen usf.), zum anderen auf die Wirkungen, die von menscnenrechtlichen Grundsätzen bereits ausgehen. Dabei ist nicht nur vom Non-Refoulement (der Flüchtlingskonvention) zu reden, sondern vor allem von der Kinderrechtskonvention, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge den einheimischen Kindern und Jugendlichen praktisch gleichstellt. Mehr Aufmerksamkeit verdienten auch die UN-Konventionen („Internationale Pakte“) über wirtschaftliche, bürgerliche, kulturelle, soziale usf. Rechte, die die Lebens- und Entwicklungsrechte JEDES Menschen unabhängig der Staatsangehörigkeit einfordern.

Anders als der Titel des Heftes verspricht geht es eigentlich nur in einem Beitrag um den sozialen Zusammenhalt. Der wird nicht wirklich definiert, geschweige denn operationalisiert. Das Verhältnis zur gesellschaftlichen Ausdifferenzierung wäre auch theoretisch zu diskutieren: Zwar differenziert sich die moderne Gesellschaft z-B. auch kulturell deutlich und rasant aus, doch ergeben sich dabei auch viele neue, quasi subkulturelle Gemeinsamkeiten, die sich überschneiden, aber nicht immer an der gleichen Stelle. Genau dies ist ja auch der Ausdruck von Intersektionalität.

Fazit

Das Heft könnte manche Diskussion anregen, insbesondere über die Rolle der Sozialen Arbeit im Zeitalter von Flucht und Zwangsmigration.

Deutlich wird auch, dass die üblichen Formeln, allen voran die „Inklusion“ empirisch wie praktisch dargestellt werden müssten. Dann würde sich auch zeigen, was „Zusammenhalt“ bedeutet.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 03.08.2018 zu: Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Zwei Konzepte auf dem Prüfstand. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2018. ISBN 978-3-7841-3032-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24224.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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