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Wolfgang Kraushaar: 1968. 100 Seiten

Cover Wolfgang Kraushaar: 1968. 100 Seiten. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2018. 100 Seiten. ISBN 978-3-15-020452-8. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.
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Thema

Das Jahr 1968 polarisiert nach wie vor. Der Kampf um seine Deutung und ums Erbe scheint wie Bob Dylans never ending tour kein Ende zu finden. Das macht den Reiz dieser Bewegung aus, ermöglicht und fordert, sich immer wieder mit ihr auseinanderzusetzen. Wolfgang Kraushaar fragt auch, warum sich heute an der 68er-Bewegung immer noch die Geister scheiden? 50 Jahre 1968 ist für freiheitsliebende und sozial gesinnte Menschen nicht nur von historischem Interesse! Angesichts des atemberaubenden Erfolges der Neuen Rechten, nicht nur im Kernland der Demokratie, und des gegenwärtigen Kulturkampfes, geht es um die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen in einer offenen oder geschlossenen?

Autor

Wolfgang Kraushaar, geb. 1948, studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik. Seit 2015 forscht er an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Kraushaar publizierte zahlreiche Bücher über die 68er-Bewegung. 1977 veröffentlichte er ihre Chronologie. Er gilt als ihr Chronist, Kritiker und als einer ihrer besten Kenner.

Aufbau

Die Studie besteht aus zwölf Kapiteln und entspricht thematisch weitgehend den vom Rezensenten formulierten Kapitelüberschriften. Der vollständige Aufbau des Buchs findet sich auf der Verlagshomepage.

Inhalt

Zu 1. Meine Doppelrolle

Wolfgang Kraushaar beginnt seinen Essay mit einer historischen Einordnung von 68, mit der man die Ausgangslage, die Hypothek und die Herausforderung der Generation 68 erst richtig verstehen kann:

„2018 liegt das Jahr 1968 für uns genauso weit zurück wie für die 68er das Jahr 1918“ (1). 68 ist ohne die Zeit zwischen 1918 und 1968, vor allem ohne 1933 bis 1945 nicht in dieser Form denkbar. 68 ist ohne dieses „Nie wieder!“ nicht zu begreifen. „Die Radikalität, mit der gegen die bürgerliche Gesellschaft […] vorgegangen werden sollte, habe sich vor allem aus einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber der Nachkriegsdemokratie“ gespeist. In ihr habe man „jene Kräfte dominieren“ sehen, „die für eine personelle Kontinuität zum Nationalsozialismus“ gestanden hätten (42).

Kraushaar berichtet von seinen „Erinnerungen und Erfahrungen“ im konservativen nordhessischen Fritzlar als Abiturient, mit seinem Sternmarsch am 11. Mai 1968 auf Bonn zur Verhinderung der Notstandsgesetze, dem Einfluss Heideggers auf sein Denken und Handeln und seines schärften Kontrahenten in Frankfurt am Main: Adorno. Kraushaar verstand sich als undogmatischer Linker. Insofern verkörperten ihm „sowohl die DDR als auch die Sowjetunion geradezu Horrorvorstellungen von einer politischen Utopie“ (7).

Zu 2. Was seitdem alles geschehen ist: ein halbes Jahrhundert im Zeitraffer

Seit 68, resümiert Kraushaar, sei „vieles geschehen“, aber als „dann 1991 auch noch die Sowjetunion auseinanderfiel“, sei „mit dem Sowjetkommunismus auch der Ost-West-Konflikt und der Kalte Krieg unwiderruflich zu Ende“ gegangen. Das habe „weitreichende gesellschaftliche und geopolitische Folgen, auch für all jene Strömungen“ gehabt, „die sich in irgendeiner Weise noch als links und in der Tradition der 68er-Bewegung“ verstanden hätten. Selbst dann, „wenn sie sich kritisch oder gar ablehnend gegenüber dem Totalitarismus östlicher Prägung verhalten“ haben (11).

In den „letzten Jahrzehnten“ habe es „auch auf anderen Gebieten massive, […] Veränderungen gegeben“ (13): Neoliberalismus, Globalisierung, wachsende soziale Ungleichheit, Umbau des Sozialstaats, Einführung des Euro, die Abschaffung der Grenzkontrollen, Digitalisierung, weltumspannende sozial media, sowie „die Ablösung eines sozialkritisch, zuweilen neomarxistisch geprägten […] Denkens durch Theorien der Postmoderne“ (14).

Zu 3. Eine Protestbewegung wie keine andere

Der „Kulturkampf um »1968«“ ist aktueller denn je. Für Kraushaar stelle sich die Frage, „warum wird die einstige 68er- Bewegung von den Rechtspopulisten, jenen neuen Feinden der Demokratie […] noch ein halbes Jahrhundert später als der Ursprung eines ihnen so sehr verhassten multikulturellen, ausländerfreundlichen, anti-nationalistischen, nicht-autoritätshörigen, durch und durch liberalen, kurzum eines modernisierten Deutschland angesehen?“ (18). Auch der „CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt“ vertrete die „Ansicht, dass die 68er- Bewegung als anti-bürgerlich zu verurteilen sei“ und fordere „nun eine »Konservative Revolution«“ (19).

Das Bild, das AfD und CSU „von den 68ern und ihrer Bewegung“ transportierten, stelle nach Auffassung Kraushaars „einen Popanz“ dar. „Kaum jemand unter den einstigen Akteuren“ werde „die damalige Revolte wohl für derartig erfolgreich halten“. „Im Grunde genommen“ richte sich „das Gerede vom politischen Paradigmenwechsel und der Abwicklung der 68er gegen eine sich über Jahrzehnte hinweg erstreckende Politik der Modernisierung und Liberalisierung, die von der sozialliberalen Koalition begonnen“ und – „wie partiell und wechselhaft auch immer – von den Christdemokraten letzten Endes fortgesetzt“ worden sei (20).

Zu 4. Die Frage nach einer angemessenen Beurteilung

Die Singularität von 68, so Kraushaars Diagnose, finde seinen Ausdruck darin, dass „weder zuvor noch danach“ […] „die Gesellschaft so grundlegend in Frage gestellt worden“ sei: „Autorität, Ordnung, Gehorsam, Pflicht, Leistung, Zuverlässigkeit, Sauberkeit sowie Ethik und Moral insgesamt – der gesamte Kanon an sozialen Werten“ sei „auf den Prüfstand gestellt“ worden (25). Kraushaar bringt es auf den Punkt: Das „neue Schlüsselwort lautete »Emanzipation« – die Loslösung aus ebenso überflüssigen wie überfälligen Herrschaftsverhältnissen“. Es seien „Fragen aufgeworfen“ worden, „die die meisten zuvor nie“ hätten „zu stellen gewagt“ (25). Aus dem „Überschuss an utopischen Energien“ seien auch „Kräfte für lange überfällige Reformen freigesetzt“ worden. Die Rebellion habe, auch wenn sie in ihren „unmittelbaren politischen Zielsetzungen fast überall gescheitert“ sei, nicht nur „die Einstellungen, Haltungen und Mentalitäten“ […] „nachhaltig beeinflusst“, sondern auch das, „was die Bundesdeutschen in ihrer Subjektivität“ ausmache, sei „erst durch sie in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt worden“ (26).

Zu 5. Eine Gesellschaft wird grundlegend in Frage gestellt

Seine Auffassung über Erfolg und Misserfolg von 68 präzisierend meint Kraushaar, dass der „in quantitativer Hinsicht keineswegs zu den stärksten“ zählenden 68er-Bewegung, es doch gelungen sei, „die bundesdeutsche Gesellschaft tatsächlich zu verändern“. Wer diese verstehen wolle, der müsse „sich vor allem auf die seinerzeit angestrebte Umorganisierung des Privatlebens konzentrieren und seinen Blick auf die Kernzelle der Gesellschaft werfen – die Familie“ (29).

Theodor W. Adornos Studien über Autorität und Familie hätten bestätigt, dass der »autoritäre Charakter« Produkt der Familie sei und „sozial- psychologisch betrachtet den Faschismus überhaupt erst möglich gemacht“ (29) habe. Eine kleine Gruppe aus München, mit dem Namen Subversive Aktion, zu der auch Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Dieter Kunzelmann stießen, wollten diesen »Repressionszusammenhang bürgerliche Kleinfamilie« aufbrechen und das »Projekt revolutionärer Kommunen« entwickeln (30). Die Kommune I und ihre Nachfolger zerfielen aber schon „im Laufe des Herbstes 1969“. Sie wurde zwar „als Sozialform von Hunderttausenden junger Leute“ als „Vorbild auserkoren“, doch habe sie sich allein „in der Form von Wohngemeinschaften“ verbreitet. Selbst „in dieser reduzierten Form“ habe sie „mehr Freiräume für eine individuelle Lebensgestaltung und ein Mehr an Freiheit“ schaffen können (36).

Zu 6. Die Revolte der Frauen

Eine der „überraschendsten, aber auch folgenreichsten Entwicklungen“ habe für Kraushaar darin bestanden, „dass es im Spätsommer 1968 zu einer Revolte in der Revolte kam“ (56). Die „eher symbolischen Angriffe auf die uneingeschränkte und bis dahin nicht in Frage gestellte Vorherrschaft der Männer“ hätten „sich jedoch nichtsdestotrotz als folgenreich“ erwiesen. Sie hätten die neue Frauenbewegung eingeleitet (61).

Zu 7. Die globale Dimension

68 sei von Anfang an Teil einer globalen Bewegung gewesen. „Im Laufe der sich auf kaum vorhersehbare Weise zuspitzenden Ereignisse“ seien „verschiedene Erdteile […] miteinander verknüpft“ worden. Die „internationale Synchronisierung“ sei ohne den von den USA entfachten Vietnamkrieg (63 f.) unmöglich gewesen. Neben dem »Pariser Mai« und des »Prager Frühlings« gab es 1968 aber noch ganz andere Zentren, „die in Deutschland kaum Aufmerksamkeit fanden, die Welt aber gleichwohl in Atem“ gehalten hätten (66). Diese „zeitliche Verdichtung“ habe „unter den Beteiligten einen Effekt“ verstärkt, der sich „als Wahrnehmungsfalle herausgestellt“ habe – „der Glaube, dass es sich bei diesen Revolten um Anzeichen für einen bevorstehenden Systemwechsel handeln würde“ sei eine Selbsttäuschung gewesen (71).

Zu 8. Kapitalismus und Demokratie

Für Kraushaar bleiben, „angesichts des Siegeszuges“ des Neoliberalismus, die „damals geäußerten Bedenken gegenüber der Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie immer noch unausgeräumt“ (86). Die „ökonomische Dynamik“, treibe „die Schere zwischen Reichen und Armen“ weiter auseinander (86). Kraushaar nimmt die Kritik der 68er am Parlamentarismus wieder auf. Denn, so Kraushaars Gedanke, wenn der „grassierende Rechts- oder Nationalpopulismus im Kern eine Folge der globalisierten neoliberalen Ökonomie“ ist, dann müsse „auch die von den 68ern damals so vehement artikulierte Demokratiekritik wieder auf den Tisch“ […] (87).

Trotz der produktiven „Demokratiekritik“ hinterlasse, nach Meinung Kraushaars, die „68er-Bewegung eine eher gemischte Bilanz“: den „weitgehenden Misserfolgen in den politischen Nahzielen“ stünden „spätere Achtungserfolge in sozialer, pädagogischer und kultureller Hinsicht gegenüber“. Und dieser „Langzeiteffekt, der die Verirrungen in den totalitären Flirt mit kommunistischen Kadergruppen und terroristischen Untergrundorganisationen wie der RAF gewiss nicht einfach neutralisieren“ könne, hebe den „unvergleichlichen Stellenwert des damaligen Aufbruchs hervor“ (87).

Wolfgang Kraushaar beurteilt diesen »Aufbruch« abschließend wie folgt: „»1968« war in seinem Kern auch eine Freiheitsrevolte. All ihrer illiberalen Züge zum Trotz war sie darin dem Liberalismus, wenn auch in einer radikalen, oftmals libertär-anarchistischen Form, verbunden. Das Subjekt sollte in seinem Innersten von seinen als »bürgerlich« verstandenen Panzerungen aufgebrochen und in einer neuen, ursprünglicheren Weise entfaltet werden. Erklärtes Ziel war es, die Gesellschaft auf eine neue Grundlage stellen zu wollen. Sie sollte nicht mehr durch eine kapitalistische Wirtschaftsordnung geprägt sein, sich keine weiteren nationalsozialistischen Verfehlungen mehr zuschulden kommen und alle Formen von Ausbeutung und neoimperialistischer Herrschaft hinter sich lassen. All das ist, wenn man einmal von der weltanschaulichen Formelhaftigkeit der Zielhorizonte absieht, auch heute immer noch nicht überholt“ (88).

Diskussion

Die 68er-Revolte ist schwer greifbar. Es ist schwer sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Alle, die dabei waren, hatten ihr ganz spezielles »68«. Zu einem umstrittenen Begriff ist »68« erst mehr als ein Jahrzehnt später geworden. Polararisiert hat die Jahreszahl aber sofort. Schon früh brachte Politik und Presse die Stimmung erst richtig zum Kochen, an vorderster Front das Zentralorgan des gesunden Volksempfindens, die „Bild-Zeitung“, die Studenten als Terroristen bezeichnete [1]. Heute übrigens eine beliebte Methode autokratischer Regimes die politische Opposition zu kriminalisieren. Auf den Straßen hörte man von aufgebrachten Passanten oft: „Euch hat man vergessen zu vergasen“. So gesehen war die anschließende Radikalisierung auch Ergebnis einer Eskalationsspirale, die von Menschen aus einer Welt von vorgestern ausging gegen die die Rebellion sich richtete. Dass Hans Filbinger von 1966 bis 1978 Ministerpräsident von Banden-Württemberg sein konnte schien niemand außer den Studenten zu stören.

Von Frankfurt und Berlin nahm die Bewegung ihren Ausgang. 68 war nicht nur eine große Verweigerung, ein Aufstand gegen das Autoritäre, Bevormundende und Einengende, ein Versuch aus dem „stahlharte(n) Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber) auszubrechen, sondern auch eine Bewegung, die Licht in das Dunkel der deutschen Vergangenheit bringen wollte. 68 war mehr eine kulturelle als eine politische Bewegung. Sie war, mit Ernst Cassirer zu sprechen, der mehr oder weniger gelungene Versuch, einer „Selbstbefreiung durch Kultur“ [2]. 68 war auch der „lange Sommer der Theorie“ (Philip Felsch) [3]. Von dem Wort Theorie ging ein magisches Leuchten aus, es war mit dem Anspruch die Wahrheit zu finden verbunden. Wohl niemals zuvor wurde so viel gelesen.

Für Kraushaar gehörten Protest und Rockmusik damals zwar „unzweifelhaft“ zusammen. „Ob das aber auch für das Gros der anderen galt“, wagt er „zu bezweifeln“ (50). Das sei auch alles andere „als überraschend“ gewesen; schließlich hätten viele der Aktivisten, auch der Adorno-Doktorand Hans-Jürgen Krahl, „bei Adorno“, dem „Generalkritiker der Kulturindustrie“, studiert, „für den nicht einmal der Jazz akzeptabel“ gewesen sei (54). Diese Beobachtung mag für die Köpfe der Bewegung zutreffen, ob das für die Jüngeren, galt, ist fraglich. Neben Theoriewut und Erotik schwelgte und lebte man in und mit Bildern und Sounds, Rhythmen und Gesängen, weniger in Arbeiterliedern dafür umso mehr Beatles, Stones, Led Zeppelin, Pink Floyd und Hendrix. Das war der Sound einer globalen neoromantischen Freiheitsbewegung.

Auch für Kraushaar steht »1968« als Chiffre für das Wetterleuchten einer globalen kulturellen Revolution, die sich einige Jahre zuvor längst abzeichnete. 68 steht für eine Zeitenwende, in der überkommende Kultur- Moral- und Rechtsnormen aus dem 19. Jahrhundert, die bis in wilhelminische Zeiten zurückreichten, radikal in Frage gestellt wurden. Die westdeutsche antiautoritäre Bewegung, hervorgegangen aus dem Bürgertum, war, trotz romantischer Größenphantasien, Teil einer globalen kulturellen Modernisierungsbewegung, die ihren Ausgang in den USA nahm. Mit ihr begann der Aufstieg eines weltoffenen liberalen Bürgertums, deren Kern, marxistisch gesprochen, nicht nur den Überbau der beginnenden Globalisierung mit gestaltete, sondern die Basis für die aktive Zivilgesellschaft legte ohne die die Demokratie auf Dauer nicht überlebensfähig ist.

68 bleibt die Chiffre eines kulturellen Umbruchs, oftmals erstarrt in den immer gleichen Argumenten. Eine Chiffre für die alten und Neuen Rechten zur Denunzierung aller möglichen angeblichen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und Missstände, als auch für manche Linke, die 68 wie „einen Talisman mit Zähnen und Klauen verteidigen“ (Gerd Koenen 6) [4]. Man kann vieles kritisieren, den Dogmatismus, das Autoritäre, die RAF, auch Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus.

Wie Marx haben die 68er und die, die später dazukamen, groß gedacht, aber auch groß geirrt, weil sie, wie ihre philosophischen Vorbilder, versucht haben vom Ganzen aus zu denken. Marx und Hegel (Mader, 74) [5], gingen von einer das Ganze der Gesellschaft beherrschenden Ökonomie aus. Nur durch die politische Aufhebung gesellschaftlicher Widersprüche, meinte man, ließen sich die wahren Ursachen der Missstände beseitigen, und nicht, wie der Kritische Rationalismus vertritt, durch die Korrektur der oberflächlichen Symptome dieser Ursachen. Statt auf Reformen, setzte man auf Revolution.

Auf der deutschen Geschichte thront ein Koloss aus Blut und Stahl – der Nationalsozialismus. Darum klebt die 68er-Generation lange „am Faschismus wie eine Fliege am Leim“ (Bernd Ulrich). Aus Angst vor einem wieder erwachenden Faschismus wurde der Kapitalismus bekämpft, ein folgenschwerer Irrtum. Von der Kritischen Theorie erhielt die Linke ihre Argumente im Faschismusdiskurs. Faschismus wurde von den Studenten als zwangsläufige Folge der krisenhaften Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft gedeutet.

Während eine kausale Verbindung zwischen Kapitalismus und Faschismus hergestellt wurde, blieb 68 gegenüber dem Antisemitismus oft blind. Ein schweres Erbe! Die wichtigste Lehre aus dem NS wurde nicht gezogen: Nicht der Kapitalismus, sondern der Rassismus, die vorgebliche ethnische und kulturelle Überlegenheit „der Deutschen“, die im Holocaust ihren furchtbaren Ausdruck fand, stellt die größte Bedrohung für die liberale Demokratie und für den Zusammenhalt in Europa dar. Früher kämpften die Nazis gegen die „jüdischen Bonzen“. Heute kämpft die radikale Linke gegen „die kapitalistischen Bonzen“ und die Globalisierung und sieht sich als Opfer des neoliberalen Kapitalismus. Bis heute ist der Antikapitalismus und die soziale Frage für die radikale Linke wichtiger als der Kampf gegen den Rassismus und für die liberale Demokratie.

Die historische Ausgangslage der 68er-Bewegung war eine bedrückende und belastende Hypothek für die ins junge Leben aufbrechende Nachkriegsgeneration. Es gab blinde Flecken. 1968 wurden aber richtige Fragen gestellt: Warum gibt es Armut in einer reichen Welt? Wie muss eine freie Gesellschaft beschaffen sein, in der der Einzelne seine Fähigkeiten optimal entfalten kann, nicht vermarktet wird und dem nicht ein Preis, sondern Würde zukommt?

Die Anlehnung an die Theorie Marx von der Ohnmacht der parlamentarischen Demokratie war ein verhängnisvoller Irrtum. Wie Marx haben die 68er die Spielräume innerhalb des Kapitalismus nicht erkannt. Die radikale Linke ist nicht unschuldig an der Schwächung des freiheitlichen Liberalismus, die dem paradoxen Credo anhing, dass die größte Gefahr für die Demokratie vom demokratischen Staat ausgehe. So wurde die Bundesrepublik von Vertretern der Neuen Linken als „Nachfolgestaat des Dritten Reiches“ abgetan, so als hätte es nach 1945 keinen Bruch gegeben. Das Narrativ vom Primat der Ökonomie über die Politik wird heute wieder von globalisierungskritischen Linken und von Nationalpopulisten aufgegriffen. Kapitalismus und Globalisierung sind aber kein Schicksal, dem wir hilflos ausgeliert sind. Sie sind eine Gestaltungsaufgabe der Politik und der Zivilgesellschaft. An Anlehnung an Karl Popper lautet die „liberal-demokratische Antwort auf die Exzesse des schrankenlosen Kapitalismus“: »Wir müssen soziale Institutionen konstruieren, die die wirtschaftlich Schwachen vor den wirtschaftlich Starken schützen, und die Staatsgewalt muss diesen Institutionen zur Wirklichkeit verhelfen« (Popper 146, 201) [6].

Was bleibt? „Der Protest gegen das Autoritäre ist Teil unserer Kultur geworden“ (Marek Dutschke)[7]. Die Nachwirkungen von 68 haben sich vor allem in der Erziehung ausgewirkt. Die Familie galt schon Rudi Dutschke als Ort, um den antiautoritären Geist in der Gesellschaft zu fördern. „In der Retrospektive“, so Marek Dutschke, „wirkt einiges dieser neuen Erziehungsmethoden übertrieben, […] aber 1969 hat dazu geführt, dass es heute ganz natürlich ist, dass die Familie nicht mehr auf strenger Gehorsamkeit basiert, sondern auf Zuneigung und gemeinsam verbrachter Zeit“ [8]. Ohne 68 hätte es vielleicht keine Friedens- und keine grün-alternative Bewegung gegeben. Deutschland hätte heute ein anderes politisches und kulturelles Gesicht, wäre nicht so bunt. 68 war eine Bewegung der Inklusion (Armin Nassehi) und nicht der Exklusion, wie die ihrer Väter. Dutschke war einer der ersten „Gutmenschen“. Auch er hatte einen Traum, dass die „Menschen als Brüder miteinander leben“ (41) [9].

Die Partei, die sich am engagiertesten für Ökologie, Menschenrechte, Pluralismus und den Universalismus der Aufklärung eingesetzt hat, ist Bündnis 90/Die Grünen, die Erben von 68. Für Kurt Kister (SZ) ist der „Triumph der Grünen“ […] „auch ein Sieg der 68er“. In gewisser Weise geht es also doch um 68, insbesondere um seinen Geist und seine Erben, der sich heute in wichtigen Medien als auch in vielen zivilgesellschaftlichen Engagements ausdrückt. Zweifellos, 68 hat die Republik verändert – und die Republik die 68er. Sicher, die Grünen 2018 sind andere als die von 1980. Aber mehr noch als die Grünen haben sich Gesellschaft und Parteien wie CDU und CSU verändert, weil wir heute in einer anderen, in einer globalisierten Welt leben. Die Welt der Nationalstaaten gehört mehr und mehr der Vergangenheit an. Angela Merkel hat die Modernisierung der Gesellschaft beschleunigt, aber sie hat sie weder angestoßen noch gesteuert.

»Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848« (715) [10]. Dies schrieb die jüdische Philosophin Hannah Arendt bereits am 26. Juni 1968 in einem Brief an ihren Freund und Lehrer Karl Jaspers. 1848 steht wie 1968 für einen liberalen demokratischen Aufbruch gegen staatliche Repression und Bevormundung. Hannah Arendts interessante These ist für uns Heutige nicht nur von historischem Interesse. Angesichts des atemberaubenden Erfolges der Neuen Rechten, nicht nur im Kernland der Demokratie, gewinnt sie traurige Aktualität, denn 1848 steht auch für den Sieg der Reaktion. Wie damals wird auch heute wieder „Geschichte gemacht“, scheinbar festgefügte politische Strukturen geraten ins Wanken.

Zweck des 68er-Bashings ist für Meuthen, Dobrindt und Buschmann die „Radikalisierung des illiberalen Bürgertums“ (Alan Posener). „Wie schon die erste »Konservative Revolution« nach dem Ersten Weltkrieg“, schreibt Alan Posener, richte sich „Dobrindts »konservative Revolution« im Namen des Bürgertums gegen das Bürgertum“. Damals sei „die liberale jüdische Bürgerlichkeit der Hauptgegner, heute“ sei „es die liberale, weltoffene Bürgerlichkeit“. Und „so wie man damals behauptet“ habe, „die ganze Republik“ sei »verjudet«, würden heute „Meuthen und Co.“ behaupten, „die Republik sei von den 68ern gekapert worden und »rot-rot-grün versifft«“ [11]. Die rechtsnationale Versuchung ist groß. Der Gedanke liegt nahe, dass das 68er-Bashing den Zweck haben könnte, die liberale Mitte zu schwächen und zu spalten, um das illiberale Bürgertum für sich zu gewinnen und Bundeskanzlerin Merkel zu stürzen. Mit weitreichenden Folgen nicht nur für Deutschland.

Putin, Orban, Kaczynski, Erdogan und Trump haben gezeigt, dass heute wieder Mehrheiten rechts von der Mitte mobilisiert werden können: Wähler, die keinen großen Wert auf Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Liberalität und Weltoffenheit legen. „Einzusammeln“ sind nicht allein die Verlierer der Globalisierung, die „Abgehängten“, sondern auch die, denen die ganze Richtung nicht passt, das illiberale Bürgertum. Diese Wähler finden wir in allen Parteien. Ihnen geht es weniger um wirtschaftliche Fragen als um kulturelle. Dies könnte sich mit der Wiederkehr der Eurokrise – Trump, Italien – bald ändern. Wohin das „Bündnis“ des illiberalen Bürgertums mit dem Mob führen kann, wissen wir Deutsche aus der Geschichte. Gerade deshalb sollten alle Demokraten das liberale Erbe von 68 nicht kleinreden, sondern bewahren und gegen alle erklärten Gegner der offenen menschenrechtlich verfassten Gesellschaft verteidigen.

Platons Republik, schreibt Kant in der Kritik der reinen Vernunft, sei ein „Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen Denkers ihren Platz haben kann… Allein, man würde besser tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen…, als ihn, unter dem sehr elenden und schändlichen Vorwande der Untunlichkeit, als unnütz beiseite zu setzen“ […] (98) [12]. Alle modernen ethischen und politischen Theorien wurden aus der gleichen Denkhaltung entworfen. In der Philosophie der Aufklärung hat sie sich als eine der stärksten Waffen gegen den Absolutismus erwiesen. Nach Cassirer ist es das symbolische Denken, das den Menschen mit einer Fähigkeit ausstattet, „der Fähigkeit, sein Universum immerfort umzugestalten“ (100) [13]. Rudi Dutschke schrieb 1960 in einer Klassenarbeit Kant zitierend: „Der Mensch kann nicht groß genug vom Menschen denken […] Um aber diese vorhandene Größe voll entfalten zu können, bedarf der Mensch der Freiheit“ (37) [14].

Die 68er-Bewegung wusste schon damals, Freiheit und Demokratie werden durch den schrankenlosen Kapitalismus bedroht. Er untergräbt Mensch und Natur und basiert auf einem „imperialen Lebensstil“. Sie wollte, dass Freiheit nicht nur den Reichen gehört, vertraute jedoch nicht ihren politischen Gestaltungsmöglichkeiten in der damaligen Bundesrepublik und unterschätzte die Innovationskraft und Dynamik des Kapitalismus. Heute fordert niemand mehr, der nicht völlig aus der Zeit gefallen ist, einen rätedemokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Die Erben von 68 fordern auch nicht die Abschaffung des Kapitalismus, sondern seine multilaterale institutionelle Gestaltung auf Basis von sozialer Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und der Menschenrechte.

Fazit

Wolfgang Kraushaar ist es gelungen auf 100 Seiten das legendäre Jahr 1968 wieder lebendig werden zu lassen, auch mit seinen blinden Flecken und mit dem was bleibt. Der Autor hat seinen kritischen Geist bewahrt und gehört nicht zu denen die 68 wie eine Monstranz vor sich hertragen. Das Büchlein gewinnt seine aktuelle Bedeutung und Dringlichkeit durch den erklärten Versuch sogenannter Konservativer Revolutionäre eines gesellschaftlichen Rollbacks, weil sie die liberalen Errungenschaften nicht mehr ertragen wollen. Umso mehr gilt es sich klar zu machen, was vor 50 Jahren an Freiheit errungen werden konnte und was jetzt auf dem Spiel steht. Wolfgang Kraushaar gehört als ehemaliger Akteur und Chronist zu denjenigen, die nicht nur »das Ereignis« bewachen, sondern auch seinen freiheitlichen und aufgeklärten Geist verteidigt.


[1] Michael Meyer: Medienhetzer und Politgammler, www.deutschlandfunk.de/medienhetzer-und-politgammler

[2] Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg 2007, S. 345.

[3] Philip Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte. 1960 – 1990. München 2015.

[4] Gerd Koenen, Andreas Veiel:1968. Bildspur eines Jahres. Berlin.

[5] Johann Mader: Von Parmenides zu Hegel, Wien1996.

[6] Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band II: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen (1945). Tübingen 2003, 8. Auflage.

[7] Marek Dutschke: Familiensache. SZ 9./10.2018, S. 5.

[8] Marek Dutschke, ebd.

[9] Rudi Dutschke: Mein langer Marsch. Hamburg 1980.

[10] Hannah Arendt: Hannah Arendt Karl Jaspers. Briefwechsel 1926–1969, München 1993.

[11] Alan Posener: Schwarz-Blau-Gelb gegen das Gespenst von 68, https://starke-meinungen.de/blog/2018/03/03/schwarz-blau-gelb-gegen-das-gespenst-von-68/

[12] Ernst Cassirer: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg 2007.

[13] ebd.

[14] Rudi Dutschke, ebd.


Rezensent
Dr. phil. Bruno Heidlberger
Studienrat (Philosophie, Politik, Geschichte), Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppendynamik und Gruppentherapie in Berlin, Lehrbeauftragter an der MHB Berlin-Brandenburg
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Ein ausführlicher Essay zu „68“ erscheint bei „Aufklärung und Kritik“, voraussichtlich Heft 4/2018, Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie. Herausgegeben von der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg


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Zitiervorschlag
Bruno Heidlberger. Rezension vom 28.06.2018 zu: Wolfgang Kraushaar: 1968. 100 Seiten. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-15-020452-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24228.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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