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Wolfgang Sander: Bildung - ein kulturelles Erbe für die Weltgesellschaft

Cover Wolfgang Sander: Bildung - ein kulturelles Erbe für die Weltgesellschaft. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2018. 240 Seiten. ISBN 978-3-7344-0625-6. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie gebildet sein wollen? Die Frage ist berechtigt – und gleichzeitig problematisch; denn: Die Auffassungen darüber, was Bildung ist, sind durchlöchert wie Schweizer Käse, und glitschig wie Seife! In der antiken, griechischen Philosophie wird der Pepaideumenos, der Gebildete, charakterisiert als jemand, „der sich durch eine besonders souveräne Urteilskompetenz auszeichnet“ (Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 419ff). Und im anthropologischen Diskurs wird Bildung als die Fähigkeit definiert, „die individuelle Gestaltung, Prägung und Entfaltung einer Person mit dem Ziel, in Wechselwirkung mit der Natur und den jeweiligen historisch bedingten kulturellen Gegebenheiten die eigenen Anlagen in möglichst umfassender Weise zu entwickeln, sodass diese Person einerseits den an sie gerichteten Anforderungen zu entsprechen vermag, wie sie andererseits sich frei zu diesen Anforderungen verhalten kann“ (Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009, S. 98). Bildung ist deshalb Anspruch und Aktion ( vgl. z.B. dazu auch: Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14556.php; und: Willehad Lanwer, Hrsg., Bildung für alle. Beiträge zu einem gesellschaftlichen Schlüsselproblem, www.socialnet.de/rezensionen/16915.php ).

Entstehungshintergrund und Autor

Philosophisch, anthropologisch, pädagogisch und gesellschaftspolitisch kommt der Bildung eine besondere Aufmerksamkeit zu, und zwar individuell, lokal und global. In der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, heißt es unmissverständlich: „Jedermann hat das Recht auf Bildung“. In der sich immer interdependenter, entgrenzender, globaler entwickelnden (Einen?) Welt zeigen sich Tendenzen und Bruchstellen, die sich als „ungebildet“ und „unaufgeklärt“ in Ethno- und Nationalismen, in Rassismus und Populismus äußern und Bildung als ideologische Verführung benutzen. Der gebildete und aufgeklärte Mensch jedoch sieht in der globalen Entwicklung die Chance und die Möglichkeit, die Menschen davon zu überzeugen, dass Bildung globale Verantwortungsethik und globale Gerechtigkeit zustande bringen kann. Anstelle der egozentrierten I- und Nation-First-Einstellungen ist die Überzeugung gefordert, dass die Menschheit nur dann human existieren und sich weiter entwickeln kann, wenn Global Citizenship als „Herausbildung eines weltbürgerlichen Bewusstseins“ gelingt, wie dies im Herbst 2015 vom Programm der neuen UN-Entwicklungsagenda gefordert wurde (Roland Bernecker / Ronald Grätz, Hrsg., Global Citizenship – Perspektiven einer Weltgemeinschaft, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23073.php).

Der an der Justus-Liebig-Universität in Gießen lehrende Politikwissenschaftler Wolfgang Sander hat bereits mit dem von ihm 1997 herausgegebenem und 2014 in vierter Auflage überarbeitetem „Handbuch Politische Bildung“ darauf aufmerksam gemacht, dass Bildungsanspruch und -verwirklichung keine deutschen oder europäischen Erfindungen sind, sondern als Menschenrecht global verstanden werden müssen (Wolfgang Sander, Hrsg., Handbuch Politische Bildung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/23073.php). In der nun vorgelegten Untersuchung zur Aktualität der Bildung in der Weltgemeinschaft nimmt er die lokale und globale Entwicklung auf, wie sie sich z.B. in der Herausforderung ausdrückt: Global denken, lokal handeln! – oder wie er es in seiner Schlussbetrachtung zusammenfasst: „Der Weltbürger sollte ein gebildeter Mensch sein!“.

Aufbau und Inhalt

Die Studie ist in sechs Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten thematisiert er mit der Metapher „Die Vertreibung aus dem Paradies“ die evolutionären, anthropologischen, historischen und weltanschaulichen Umstände und Entwicklungen, wie Wissen in die Welt kommt.
  2. Das zweite Kapitel setzt sich damit auseinander, wie sich „Leben in der Weltgemeinschaft“ vollzieht.
  3. Im dritten Kapitel geht es mit dem Begriff „Globaler Humanismus“ um die Möglichkeiten und Grenzen eines humanen Zusammenlebens der Menschen auf der Erde.
  4. Mit dem vierten Kapitel diskutiert der Autor „Traditionen der Bildung“,
  5. die im fünften als „Perspektiven der Bildung“ aufgeschlüsselt werden.
  6. Im sechsten Kapitel schließlich werden mit „Schule in der Weltgesellschaft“ Theorien und Praxen des Bildungsverständnisses und der Bildungsvermittlung thematisiert.

Die Gedichtstrophe – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“ – verdeutlicht eindeutig, dass die individuelle Identität immer ihren Anker hat in der Erkenntnis, dass der Andere, der Fremde Ich selbst sein kann, Entfremdung menschengemacht ist und deshalb durch Bildung verändert werden kann hin zu einem empathischen, auf der Würde des anthrôpos beruhenden Bewusstseins: „Die Welt ist die Gesamtheit alles Seienden. Sie ist als Ganzes kein Gegenstand unserer Wahrnehmung, durchaus aber unseres Denkens“. Darin artikuliert sich die philosophische Erkenntnis: „Ich weiß, dass ich nichts weiß!“. Diese Erkenntnis bedeutet ja nichts anderes als sich bewusst zu sein, dass Wissen immer auch die Erkenntniskritik beinhaltet.

Es sind die sozialen, lokalen und globalen Wirklichkeiten, die Faktenwissen als Nonplusultra bei der Bewältigung des individuellen und gesellschaftlichen Alltagslebens ausweisen, mit der Gefahr, dass daraus Fake News und ideologisiertes Fehl- und Falschwissen entstehen können. Mit der Hoffnung und der Vision, dass Egoismus, Fundamentalismus und Populismus überwunden werden könnten, gelänge es, eine „Weltgesellschaft“ zu schaffen, wird immer wieder das Konzept des „Humanismus“ angeführt. Dieses Produkt der europäischen Geistesgeschichte zeigt sich als janusköpfige Errungenschaft zwischen Gut und Böse, Egalität und Disparität, Frieden und Krieg und bedarf der Veränderung hin zu einer „Ethik der kommunikativen Konsensbildung“ (Karl-Otto Apel). Wie ein solches humanistisches Verständnis entstehen kann, diskutiert Sander in einem Dialog und als Konfrontation mit den historischen und aktuellen, philosophischen und anthropologischen Konzepten von der „Vielfalt und Einheit der Menschen“. Es ist der positive Zugang, dass bei der Suche nach Humanität mehr Gemeinsamkeiten und Gleichheiten denn Unterschiede und Feindschaften gibt: „Es sind analytische Untersuchungen, die helfen sollen, jene Gemeinsamkeiten der menschlichen Lebensform zu identifizieren, auf denen kulturelle Unterschiede insofern beruhen, als solche Unterschiede als differenzierte Antworten auf ähnliche Fragen und Probleme gedeutet werden können“.

Bildung als individuelle und kulturelle Errungenschaft ist jedem Menschen eigen! Es ist deshalb unzulässig, von „höherer“ und „niedriger“, von „geistiger“ und „primitiver“ Bildung zu sprechen. Bildung und Erziehung wird hier, im Sinne der von der UNESCO am 19. November 1974 vorgelegten „Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ verstanden als der „Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“. Somit ist Bildung eine gleichwertige, anspruchsvolle und intellektuelle Fähigkeit eines jeden Menschen in jeder Gesellschaft, Kultur und Weltanschauung, also mit transkulturellem Anspruch und Perspektive. So lassen sich die Bildungsprozesse als ganzheitliche, individuelle und global-kollektive Errungenschaften des Humanum erkennen: Selbstbewusst und bescheiden, sensibel und neugierig, bedachtsam und tolerant, humanistisch und verantwortlich.

Mit der Forderung „Bildung für alle“ wird gleichzeitig das Menschenrecht auf Bildung reklamiert. Die Vermittlung von umfassender, ganzheitlicher Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die institutionalisierte Bildung wird in der Schule vermittelt. In den Bildungssystemen ist fächerbezogene und -übergreifende, ethische, inter- und transkulturelle (globale) Bildung als curricular ausgewiesene Lern-, Bildungs- und Querschnittaufgabe zu verstehen.

Fazit

Sanders Plädoyer für Bildung in der Weltgesellschaft wird nicht von der Illusion getragen, es könnte sich zukünftig so etwas wie eine „Weltregierung“ bilden, und es würden sich Denk- und Handlungsstrategien entwickeln, in denen die Individuen in der Welt zu „Weltbürgern“ mutieren. Vielmehr geht es im darum zu erkennen, dass ein Weltbürgertum nur in einer „kreativen Vielfalt“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995) möglich, und in dem Bewusstsein „von Gleichwertigkeit und moralischer Gleichheit aller Menschen“ verwirklicht werden kann. Dass dies keine Fata Morgana und kein Wolkenkuckucksheim zu sein braucht, sondern Wirklichkeit werden kann, dafür liefert der Autor vielfältige historische Analysen, aktuelle Bestandsaufnahmen und zukünftige Visionen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.05.2018 zu: Wolfgang Sander: Bildung - ein kulturelles Erbe für die Weltgesellschaft. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2018. ISBN 978-3-7344-0625-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24230.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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