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Lilith König: Bindung in Therapie und Beratung

Cover Lilith König: Bindung in Therapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 125 Seiten. ISBN 978-3-621-28583-4. 34,95 EUR.

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Thema

Das Buch behandelt die Bindungstheorie wie Sie von John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelt wurde im Kontext ihrer praktischen Anwendungsmöglichkeiten in Psychotherapie und psychosozialer Beratung. Das Buch will dabei sehr präzise entlang der Ergebnisse der bisherigen Bindungsforschung zeigen, dass Bindung als psychologisches Konstrukt verstanden werden kann, das in therapeutischen Prozessen, insbesondere mit Eltern und Kindern, sehr hilfreich sein mag, jedoch nicht für alles Mögliche zur Erklärung heranzuziehen ist. Neben einer fundierten Einführung behandelt es typische therapierelevante Themengebiete wie Bindungsdiagnostik, Bindung und Trauma sowie Bindungsdesorganisation bis hin zur Bindungsstörung.

Autorin

Prof.'in Dr. Lilith König ist Psychologin, Systemische Therapeutin und Bindungsforscherin, die das Institut für allgemeine Sonderpädagogik und die Abteilung Sonderpädagogische Psychologie/Frühförderung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg leitet.

Aufbau und Inhalt

Nach einer Einleitung der Autorin, kann der der inhaltliche Aufbau des Buchs grob in sechs größere Kapitel gegliedert werden:

  1. Bindung als psychologisches Konstrukt,
  2. Bindungsrepräsentationen und Emotionsregulation,
  3. Die desorganisierte Bindung,
  4. Trauma und Bindung,
  5. Bindungsdiagnostik und
  6. Schlussfolgerungen für die Beratung und Therapie.

Das Buch endet mit einem Literatur- und einem Sachwortverzeichnis.

Das erste Kapitel führt in die grundlegenden Konzepte und Begrifflichkeiten der Bindungstheorie ein. Dabei werden wichtige Differenzierungen vorgestellt, wie z.B. zwischen Bindung und Beziehung bei Eltern und Kindern. Als weitere Aspekte, die mit Bindung im Zusammenhang stehen werden unter anderem Exploration, Fürsorge, Feinfühligkeit, Gefühlswärme und darüber hinaus psychische Grundbedürfnisse jenseits von Bindung thematisiert.

Das zweite Kapitel behandelt Bindung – wie sie sich zeigt, sich auswirkt und sich im Laufe des Lebens entwickelt – insbesondere in Bezug auf die Regulation von Gefühlen. Dabei werden zunächst die Unterschiede von Bindungsqualitäten vorgestellt und der Zusammenhang dieser als Reaktion auf unterschiedliche Lebensumstände, wie Belastungen und Fürsorgebedingungen, verdeutlicht. Die Bindungstheorie konzeptualisiert die unterschiedlichen Bindungserfahrungen die Menschen im Laufe des Lebens (insbesondere in der Kindheit) machen dabei im Konstrukt des inneren Arbeitsmodells von Bindung das insbesondere anhand des Adult-Attachement-Interviews (AAI) in diesem Kapitel dargestellt wird. Dabei wird bereits die Bedeutung der mentalen Bindungsrepräsentation von Eltern für den klinischen Kontext gestreift.

Im dritten Kapitel steht der Zusammenbruch von organisierten Bindungsstrategien, die Bindungsdesorganisation im Mittelpunkt. Kennzeichen, Erklärungen für die Entstehung und Folgen der Desorganisation von Bindung werden dabei behandelt ebenso wie eine Abgrenzung zu klinischen Bindungsstörungen.

Das anschließende vierte Kapitel befasst sich mit einer therapeutisch sehr interessanten Verquickung, nämlich dem Verhältnis von Bindung und Trauma. Zunächst werden dabei Trauma und Traumafolgen, Dissoziation und Trigger definiert, bevor spezifische Bindungsqualitäten und -erfahrungen mit Trauma und Traumverarbeitung in Zusammenhang gebracht werden. Befunde zur individuellen Bindungssicherheit und psychischer Erkrankung bildet in der Folge den Abschluss des Kapitels.

Das fünfte Kapitel ist der Bindungsdiagnostik und den unterschiedlichen Erhebungsverfahren der Bindungsforschung gewidmet. Dabei differenziert die Autorin Methoden zur Erfassung der elterlichen Fürsorgequalität (Feinfühligkeitsskalen, MBQS, EA Scales), Methoden zur Erfassung der Bindungsqualität auf der Verhaltensebene (Fremde Situation) und Methoden zur Erfassung von Bindung auf der Repräsentationsebene (GEV-B, CAI, AAI). In einem eigenen Kapitel wird dabei die Anwendung von Bindungsdiagnostikverfahren in der Praxis diskutiert.

Das sechste und letzte Kapitel schließlich beschreibt einen unbedingten Kernbereich des vorliegenden Buchs: Anwendungsmöglichkeiten und Schlussfolgerungen für die beraterische und therapeutische Praxis. Zunächst wird dabei die bereits von Bowlby vertretene These, die therapeutische Arbeitsbeziehung als Bindungsbeziehung zu verstehen in den Mittelpunkt gerückt. Die folgenden Abschnitte befassen sich sodann mit der Bedeutung von Bindungsrepräsentationen für die therapeutische Arbeit und erörtern Möglichkeiten z.B. die Modelle des sicheren Hafens und der sicheren Basis oder die Erkenntnisse zur Bindungsdesorganisation und unverarbeiteter Bindung einzubeziehen. Auch eine mögliche Veränderung von Bindung als Ziel therapeutischer Intervention und die konkrete Anwendung des AAI in der Beratung mit Eltern werden abschließend besprochen.

Diskussion

„Bindung in Therapie und Beratung: Ein ressourcenorientierter Ansatz für die Arbeit mit Kindern“ ist nicht das erste Buch, welches hilfreiche Aspekte der Bindungstheorie für die psychosoziale, pädagogische oder psychotherapeutische Arbeit aufbereitet. Sicherlich ist es jedoch eines der Bücher, die sich am stärksten am entwicklungspsychologischen Konstrukt der Bindung und dessen Forschungsergebnissen orientieren und diesbezüglich differenzieren. Während gerade im Bereich der Beratung und Therapie, aber auch in anderen sozialen, pädagogischen und psychologischen Anwendungsfeldern Bindung und enge liebevolle Beziehung oder Eltern-Kind-Beziehung oftmals vermengt und gelegentlich auch gleichgesetzt werden, plädiert die Autorin dafür, Bindungsorientierung in der Beratung nicht mit allgemeiner Beziehungsförderung zu verwechseln.

Ebenso scheint König sehr nah an der Bindungstheorie und -forschung orientiert, um eine Integration der von ihr vorgestellten Anwendungsmöglichkeiten und Schlussfolgerungen schulenneutral in die therapeutische Praxis zu ermöglichen. Während andere vergleichbare Werke auf insbesondere psychodynamische, gelegentlich auf systemische oder kognitiv-behaviorale Beratungs- und Therapiekonzepte abzielen, gelingt es der Autorin, auf eher allgemein psychologischer Ebene, die Relevanz von Bindung für jegliche psychosoziale Arbeit mit Eltern und Kindern deutlich zu machen.

Diese äußerst präzise und differenzierte Darstellung von Bindung und den damit verbundenen Konzepten und Entwicklungen bringt in der Folge, aus dem Blickwinkel eines therapeutischen Praktikers betrachtet, eine Reihe von positiven Aspekten mit sich. So kann eine genaue Unterscheidung, auch und gerade in der Praxis, was Bindung und Bindungsverhalten ist und was eben nicht, zu einer unabdingbaren Grundlage im diagnostischen Vorgehen wie auch im Beratungsprozess werden. Denn darauf bauen alle weiteren Beobachtungen und Entwicklungen, sei es nun eine Desorganisation von Bindung oder ein diagnostisches Verfahren, wie das GEV-B oder das AAI, auf. Bindung mit seiner spezifischen Funktion der Wiederherstellung von (psychischer) Sicherheit und der Regulation von Emotionen kann und sollte in der Arbeit mit Kindern und notwendigerweise auch ihren Eltern möglichst genau erkannt und nicht verwechselt werden.

Was das Buch daher, fast zwangsläufig, weniger darstellt ist ein praktischer Leitfaden für die bindungs- und ressourcenorientierte Arbeit mit Kindern. In die Praxis übertragbare Methoden und Vorgehensweisen werden in den allermeisten Fällen nur skizziert oder es wird darauf hingewiesen, dass es zu deren Anwendung unbedingt weiterer Kenntnisse bzw. einer ausführlichen Schulung bedarf. Wer wirklich bindungsdiagnostisch und bindungsorientiert therapeutisch mit dem AAI oder anderen Verfahren in Beratung und Therapie arbeiten möchte, dem bietet das Buch andererseits eine sehr gute Grundlage in die Prinzipien, Modellvorstellungen und empirisch abgesicherten Erkenntnisse der Bindungstheorie, themenfokussiert einzusteigen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass das Buch für den psychologischen bzw. therapeutischen Praktiker in verständlicher Sprache geschrieben ist und durch seine gut nachvollziehbare Struktur den Einstieg sehr erleichtert. Durch die anschauliche Gestaltung mit hervorgehobenen Hinweisen, Definitionen und Zusammenfassungen sowie übersichtsgebenden Abbildungen und insbesondere im letzten Kapitel praktischen Beispielen, weiß das Werk zudem zu gefallen.

Letztlich bietet das rund 120-seitige Buch kompakt gebündelt und äußerst präzise viele Informationen und Wissensbestände aus der Forschung zum Thema Bindung und ist somit eine ausgezeichnete Anregung für die beraterische und therapeutische Praxis.

Fazit

„Bindung in Therapie und Beratung“ ist ein kompaktes Werk, welches dennoch aus einer sehr präzisen wissenschaftliche Perspektive das Konzept Bindung für die psychosoziale Praxis aufbereitet. Es besticht durch eine gute optische Aufmachung und Strukturierung, einen auch für Praktiker sehr verständlichen Schreibstil und eine differenzierte Aufbereitung des Gegenstands. So kann das Buch nicht nur von Beratern und Psychotherapeuten unterschiedlichster Therapieschulen mit Gewinn gelesen werden, sondern auch von anderen Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeitern und angrenzenden Berufsgruppen in der professionellen Praxis mit Kindern und ihren Eltern. Wer nicht unbedingt davon ausgeht, einen fix und fertig übertragbaren psychotherapeutischen Ansatz vorzufinden, den erwarten vielfältige Impulse für eine ressourcen- und bindungsorientierte Arbeit mit Kindern.


Rezensent
Dipl.-Sozialpäd. Mathias Berg
M.A., Mitarbeiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Doktorand an der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Mathias Berg. Rezension vom 01.10.2018 zu: Lilith König: Bindung in Therapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28583-4. Mit eBook inside. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24231.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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