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Robert Rossa, Julia Rossa: SOS Gefühlschaos (Jugendlichen­psychotherapie)

Cover Robert Rossa, Julia Rossa: SOS Gefühlschaos. 100 Übungen zum Umgang mit starken Gefühlen. Kartenset für die Jugendlichenpsychotherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 100 Seiten. ISBN 978-3-621-28582-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Nach Angaben der Autoren wurden die vorliegenden Übungen zur Emotionsregulation im Rahmen der Arbeit mit delinquenten Jugendlichen entwickelt. Aus dem Manual: „Im Verlauf eines intensiven, 80 Stunden umfassenden Antigewalttrainings zum Umgang mit Wut und Aggressionen zeigte sich, dass die Jugendlichen erhebliche Schwierigkeiten hatten, ihre Emotionen zu regulieren. Gleichzeitig waren sie häufig gut dazu in der Lage, die aversiv erlebte einschießende Spannung in Form von Wut, Trauer und Angst zu beschreiben. Durch Interviews mit den Jugendlichen entstand die Frage, ob die dysfunktionalen Bewältigungsmuster nicht als Bewältigungsstrategien gestörter Affektregulation interpretiert werden können. In diesem Fall sollte sich ein individualisiertes Emotionsregulationstraining für die Jugendlichen als hilfreich erweisen.

Die Betroffenen sollten befähigt werden, in entsprechenden Situationen mit hohem Stress- und Spannungsniveau selbst Maßnahmen zu ergreifen. Zu diesem Zweck wurde ein Fertigkeitentraining für den Einsatz bei Jugendlichen im Alter von 12–16 Jahren entwickelt. Durch den Aufbau und den Charakter der Übungen wird dabei eine über den ursprünglichen Kreis delinquenter Jugendlicher weit hinausreichende Zielgruppe angesprochen“ (S. 2).

Autor und Autorin

Dr. Robert Rossa, Dipl. Soz.-päd., ist tätig als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut im Bereich Verhaltenstherapie. Schwerpunkt: Schematherapie und EMDR, amtl. bestellter Betreuungsvisor des Jugendgerichts, Leiter der „Superheldenakademie“.

Julia Rossa, Dipl. Soz.-päd., ist Dozentin für systemische Selbstbehauptungs-Trainings und gewaltfreie Kommunikation für Grundschullehrer; Schulsozialarbeiterin, Einzelfallhilfe und Ausbilderin schulinterner Streitschlichter, fachliche Beratung und Begleitung der Lehrer und Pädagoginnen bei Kindeswohlgefährdungen.

Aufbau und Inhalt

Das Paket enthält 100 Karten, auf denen die jeweiligen Übungen beschrieben werden und ein 11seitiges Begleitheft. In diesem wird der Einsatz der Übungen beschrieben:

Ziele des Fertigkeitentrainings:

  • Anspannung abbauen
  • Gefühle achtsam und bewusst wahrnehmen
  • stresskonforme Assoziationen erkennen
  • Zusammenhang zwischen Gedanke, Gefühl und Handlung verstehen
  • grundlegende Gefühle differenzieren
  • negative Gefühle abschwächen
  • positiven Gefühlen mehr Raum geben
  • dem Bedürfnis hinter dem Gefühl mehr Beachtung schenken

Anwendungsbereiche

Nach Angaben der Autoren sind die Einsatzmöglichkeiten vielfältig. Grundsätzlich könnten die Übungen bei jedweder therapeutischen Intervention zum Einsatz kommen, bei der es um die Bearbeitung von dysfunktionalen Emotionsregulationsstrategien gehe. Konkret gäbe es bereits positive Erfahrungen „mit Jugendlichen, die ein reduziertes Selbstwertgefühl, emotionale Empfindlichkeit, Versuche der Selbstmedikation (Drogen- und Alkoholkonsum), eine Abnahme positiver Empfindungen, eine Neigung zu psychosomatischen Folgeerkrankungen, ein invalidierendes Umfeld, emotionale Instabilität und erlebte Hilflosigkeit der Lebensgeschichte aufwiesen“ (S. 3). Zudem seien die Übungen so ausgewählt worden, dass sie im therapeutischen Prozess ergänzend zu folgenden Verfahren eingesetzt werden können:

  • Akzeptanz- und Commitmenttherapie
  • Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie
  • Compassion-Focused Therapy
  • Dialektische Verhaltenstherapie

Beschreibung des Kartensets

Es handelt sich um 100 durchnummerierte Karten, bei denen jeweils auf einer Seite ein symbolisches Foto, das für die Übung steht, abgebildet ist und auf der anderen Seite die jeweilige Übung konkret beschrieben wird. Die Übungen nehmen generell in der Intensität zu: so ist beispielsweise die erste Übung („Duft-Attacke“) der Aromatherapie entnommen. Die Patienten inhalieren Duftöle und konzentrieren sich auf die Wahrnehmung hierbei. Später kommen dann beispielsweise aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie entnommene sogenannte „Stresstoleranzskills“, wie beispielsweise das Lutschen von Chili – Eiswürfeln, zum Einsatz. Aus diesem Fundus von Übungen soll dann individuell für jeden Jugendlichen ein passendes Vorgehen zusammengestellt werden.

Hinweise zur Anwendung

Hier werden unterschiedliche Anwendungshinweise gegeben. So könne beispielsweise eine Art „SOS-Gefühle-Box“ erstellt werden, indem unterschiedliche Übungen als therapeutische Hausaufgaben mit nach Hause gegeben und ausprobiert werden. Es werden zudem Hinweise für Vor- und Nachbereitung, der Einstufung der Wirksamkeit der Übungen und weitergehende Sicherheitshinweise geliefert. Abschließend werden umfassendere Hinweise für den Einsatz der Übungen als Hausaufgaben erläutert.

Aus der Praxis für die Praxis

An dieser Stelle kommen am besten die Autoren erneut persönlich zu Wort: „Alle (…) Fertigkeitenübungen sowie deren Titel und Beschreibungen entstanden in der Zusammenarbeit mit betroffenen Jugendlichen. Die Übertragbarkeit in die klinische Anwendung war mit wenigen Veränderungen spontan möglich. Das Set stellt eine Auswahl an Fertigkeitsübungen dar, die sich erweitern, modifizieren und den Bedürfnissen entsprechend anpassen lässt. Den Jugendlichen wünschen wir viele entlastende und selbst wirksamkeitsfördernde Erfahrungen und weisen darauf hin: >>Alles, was ihr benötigt, steckt bereits in euch, die Übungen können euch nur dabei helfen, es zu entdecken.<<“ (S. 10-11).

Diskussion

Das Autorenpaar hat im Beltz-Verlag bereits einige bemerkenswerte Therapiematerialien veröffentlicht. Beispielhaft seien hier die bereits auf socialnet rezensierten folgenden Materialien genannt:

Allesamt sind als rundum gelungen zu bewerten. Während die oben genannten Materialien sich eher auf die Arbeit mit Kindern konzentrieren, wurde das vorliegende Material für die Arbeit mit Jugendlichen entwickelt.

Die Karten sind hochwertig gestaltet, die verwendeten Bilder sehr ansprechend und die Erläuterungen auf den Rückseiten einleuchtend. Es wird sehr deutlich, dass die Autoren viel praktische Erfahrung in der therapeutischen Tätigkeit aufweisen und diese glücklicherweise gewinnbringend in ihre Veröffentlichungen einbringen.

Die inhaltliche Nähe zum sogenannten „Skillstraining“ aus der Dialektisch-Behavioralen Therapie für Adoleszente (DBT-A) sind offensichtlich. Dennoch können die Übungen darüber hinaus, wie von den Autoren auch treffend beschrieben, bei fast allen Patienten eingesetzt werden. Immerhin ist eine gestörte Emotionsregulation ein Kernsymptom fast aller psychiatrischen Störungsbilder im Kindes- und Jugendalter.

Die Anregung, individuell mit den eigenen Patienten noch weitere Karten und Übungen zu entwickeln, hätte noch unterstützt werden können, indem zusätzlich leere Karten bereitgestellt werden, die mit den Patienten gemeinsam ausgefüllt werden. Dies kann jedoch natürlich aber auch auf eigene Vorlagen geschehen. Bemerkenswert ist, dass weder auf der Packung, noch im Begleitheft die Autoren persönlich vorgestellt werden. Dies lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass diese so wenig narzisstisch veranlagt sind, dass sie Wert auf ein Autorenporträt legen, oder dass dieses dem Lektorat zum Opfer gefallen ist. Vielleicht wurde es jedoch auch schlichtweg vergessen. Aufgrund der Qualität der vorliegenden Materialien hätten sie eine umfassendere Würdigung ihrer Person jedoch verdient.

Fazit

Die Materialen reihen sich nahtlos in die bisherige hochwertige Veröffentlichungsliste der Autoren ein. Die Materialien sind großartig gestaltet und in fast jedem therapeutischen Setting mit Jugendlichen einsetzbar. Die Anwendung sollte jedoch durch entsprechend geschultes Personal erfolgen (Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten) da ansonsten die übliche Rückmeldung von Patienten droht: „Skills? Hab ich schon probiert. Bringt bei mir nichts.“


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 03.07.2018 zu: Robert Rossa, Julia Rossa: SOS Gefühlschaos. 100 Übungen zum Umgang mit starken Gefühlen. Kartenset für die Jugendlichenpsychotherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28582-7. Mit 12-seitigem Booklet. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24232.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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