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Arnold Lohaus: Entwicklungs­psychologie des Jugendalters

Cover Arnold Lohaus: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Springer (Berlin) 2018. 336 Seiten. ISBN 978-3-662-55791-4. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Thema

„In diesem Buch wird das Jugendalter aus sehr unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, wobei die gemeinsame Klammer vor allem darin besteht, dass eine psychologisch-empirische Sichtweise im Vordergrund steht.“ (VI)

Herausgeber und AutorInnen

Der Herausgeber ist Professor für Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie an der Universität Bielefeld, Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft.

Die 13 Kapitel des Buches wurden von 27 Autor*innen verfasst, die fast alle an Universitäten und Hochschulen lehren und forschen.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im ersten Kapitel werden die hormonellen Veränderungen und durch sie bedingte körperliche Wachstumsprozesse in der Pubertät dargestellt. Sehr ausführlich wird u.a. auf medizinische Testmethoden zur Erhebung der Hormonkonzentration oder auf bildgebende Verfahren zur Erforschung der hirnstrukturellen Entwicklung eingegangen. Zu den Forschungsergebnissen jüngeren Datums gehören Ausführungen zur Bedeutung körperlicher Ursachen für die Veränderung des Tag-Nacht-Rhythmus während der Adoleszenz. Die eigentlichen psychologischen Fragen der individuellen Verarbeitung pubertärer Entwicklung werden lediglich angerissen.

Das 2. Kapitel erläutert das bereits in der Mitte des letzten Jahrhundert von Robert Havighurst formulierte Konzept der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter einschließlich moderner Updates (vier Cluster von Entwicklungsaufgaben nach den Shell-Jugendstudien: Qualifizieren, außerfamiliäre soziale Bindungen aufbauen, Konsumieren und Regenerieren, politisch Partizipieren und Werteentwicklung).

Kognitive Entwicklungen, insbesondere metakognitive selbstreflexive Prozesse, Zuschreibungsmuster (Attributionen) und die Perspektivenübernahme sind Gegenstand des 3.Kapitels. Eingegangen wird auch auf Chancen und Risiken der Nutzung digitaler Medien (siehe auch Kap. 9).

Kapitel vier umreißt Aspekte der emotionalen Entwicklung. Untersucht werden u.a. jugendspezifische Auslöser negativer Emotionen: „…soziale Bewertungssituationen, soziale Ausgrenzung (und) Autonomieeinschränkung“ (78). Die Emotionsregulation wird als Ausdrucksform erlernter Bindungsmuster dargestellt. Das Alter zwischen 13 und 15 Jahren gilt nach aktuellem Forschungsstand als Phase erhöhter emotionaler Vulnerabilität.

Das Kapitel 5 zu Selbstkonzept und Selbstwert hat den Anspruch, sich einer der zentralen Fragen des Jugendalters zuzuwenden, der Frage: „Wer bin ich eigentlich und was zeichnet mich als Person aus?“ (92) Die begriffliche Analyse von Selbst und Identität wird angemahnt aber nicht geleistet, die Selbstkonzeptforschung wird als Mikrokosmos entfaltet ohne Bezug zur modernen Identitätsforschung.

Sozialbeziehungen und Herkunftsfamilie sind Gegenstand des sechsten Kapitels. Die psychologische Erörterung der Dialektik von guter Elternbindung und Autonomieentwicklung wird eingangs soziologisch gerahmt durch Darstellung des historischen Wandels familiärer Bedingungen und Strukturen (Diversifizierung/ Verpatchworkung, Tendenz zur Ein-Kind-Familie). Der historische Rückgang des Machtgefälles in den Herkunftsfamilien, so die Autorinnen, wird den Autonomieansprüchen der Heranwachsenden besser gerecht. Sehr instruktiv sind die dargestellten Befunde empirischer Untersuchungen zu elterlichen Erziehungsstilen (autoritativ, autoritär, permissiv-verwöhnend, uninvolviert-vernachlässigend/ 122), auch hier wäre eine historische Einordnung sinnvoll gewesen. Ebenfalls knapp eingegangen wird auf die Beziehung zu Geschwistern sowie zu den Großeltern, wobei diesbezüglich Forschungsbedarfe gesehen werden.

Im siebten Kapitel werden Sozialbeziehungen zu Gleichaltrigen analysiert. Ausgehend von allgemeinen Erkenntnissen zu Funktion und Wichtigkeit außerfamiliärer sozialer Eingebundenheit werden Freundschaftsbeziehungen, Jugendkulturen, Cliquen und schließlich Liebes- und Sexualbeziehungen besprochen. Festgestellt wird, dass sich seit einigen Jahren nun auch die akademische Entwicklungspsychologie den im Jugendalter zentralen Themen Partnerschaft und Sexualität zuwendet.

Im 8. Kapitel zum Thema „Problemverhalten“ werden allgemeine Erklärungsmodelle des überwiegend transitorischen risikobehafteten Verhaltens Jugendlicher beschrieben, insb. neurobiologische Ansätze sowie der Einfluss von peer groups. Genauer eingegangen wird auf Substanzkonsum, Delinquenz und Bullying. Interessanterweise spielen geschlechtsspezifische Differenzierungen in den Darstellungen so gut wie keine Rolle.

Digitaler Medienkonsum ist Gegenstand des 9. Kapitels. Aufbauend auf empirischen Befunden zur historischen Entwicklung digitaler Kommunikation (JIM- und KIM-Studien) werden Funktionen sozialer Netzwerke im sog. „Wabenmodell“ beschrieben: um die Funktion der Beziehungsgestaltung herum gruppieren sich die Funktionen Präsenz, Selbstdarstellung, Status, Gruppenzugehörigkeit, Konversation und Austausch (von Inhalten/ 202 ff). Verschiedene empirisch ermittelte Wirkungen der Nutzung sozialer Netzwerke werden beschrieben: sozial kompetente Jugendliche profitieren durch mediale Kommunikation – als „Reich-wird-reicher-Hypothese“ eingeführt (in der Medienpsychologie als communication-effect-gap beschrieben und andernorts als „Matthäus-Effekt“: wer hat, dem wird gegeben), aber auch schüchterne Jugendliche können positive Lerneffekte verbuchen, indem sie mediengestützt Kompetenzdefizite kompensieren. Digitale Freundschaftsnetzwerke sind einerseits Verfestiger bestehender Beziehungen, andererseits unterstützen sie auch eine Tendenz zur Oberflächlichkeit. In Bezug auf Liebesbeziehungen und sexuelle Kontakte werden z.B. Dating-Apps im Jugendalter vor allen zum Ausprobieren benutzt, seltener zur konkreten Anbahnung einer Beziehung.

Im Kapitel 10 werden verschiedene Modelle und Theorien der Berufswahl vorgestellt, u.a. die „konstruktivistische Laufbahntheorie“, die die Lebensspanne in fünf Phasen unterteilt: die Ausbildung eines beruflichen Selbstkonzepts in Kindheit und früher Jugend, die berufsbezogene Exploration in Jugend und frühem Erwachsenenalter, die berufliche Etablierung bis zur Lebensmitte, die Aufrechterhaltung oder Neubewertung der beruflichen Position bis zum Renteneintritt und schließlich die Loslösung vom Arbeitsleben. Verschiedene Untersuchungen zum Einfluss der Eltern, der Gleichaltrigen, der Geschlechterposition sowie verschiedener Persönlichkeitsmerkmale werden referiert. Hinweise zu Maßnahmen der Berufsorientierung und der Berufsberatung runden das Kapitel ab.

Die Kapitel 11 und 12 widmen sich psychischen und physischen Störungen. Pubertäre Entwicklungsverzögerung bzw. -akzeleration wird geschlechtsspezifisch als Risikofaktor dargestellt: akzelerierte Mädchen und retardierte Jungen neigen häufiger zu psychischen Störungen (252 ff). Die Autor*innen weisen darauf hin, „dass psychische Störungen unterschiedlich häufig bei Jungen und Mädchen vorkommen und zwar in Abhängigkeit vom Alter. Allgemein gesprochen sind vor der Pubertät Jungen häufiger von psychischen Krankheiten betroffen als Mädchen. Dieses Verhältnis kehrt sich nach der Pubertät allerdings um, vor allem was die sog. internalisierenden Störungen wie z.B. Ängste oder Depressionen anbetrifft. Externalisierende Probleme wie Störungen des Sozialverhaltens treten grundsätzlich bei Jungen häufiger als bei Mädchen auf.“ (260)

Genauer eingegangen wird im Folgenden auf Depression, Suizidalität und Geschlechtsidentitätsstörungen. Nach der Auflistung einer ganzen Reihe von Merkmalen, die das Suizidrisiko erhöhen, halten die Autor*innen aber zumindest in einer Hinsicht Zurückhaltung bei Wirkvermutungen für angebracht: „So ist z.B. das in der Literatur oftmals postulierte erhöhte Suizidrisiko bei Homo- und Bisexualität im Vergleich zur Heterosexualität aufgrund der z.T. erheblichen Mängel der entsprechenden Studien nicht eindeutig belegt (Diefenbach 2015).“ Sie stützen sich dabei auf eine Quelle der rechtspopulistischen Internetplattform „sciencefiles“.

Im Abschnitt zu Geschlechtsidentitätsstörungen schließlich mutmaßen Wenglorz und Heinrichs (die Verfasser*innen des Kapitels), dass mediale Darstellungen und eine (Sexual-)Pädagogik der Vielfalt kausal mitverantwortlich für Geschlechtsidentitätsstörungen sein könnten: „Die Darstellung in den Medien könnte zumindest ihren Beitrag dazu leisten, dass die Nachfrage von Geschlechtsumwandlungen bei Minderjährigen zunimmt. Auch die Maßnahmen einiger Bundesländer …, die neue Bildungspläne zur sexuellen Vielfalt eingeführt haben, wird in Zukunft zeigen, ob eine solche auch bildungspolitisch verordnete Akzeptanz mit dem erklärten Ziel, die eigene Geschlechtsrolle zu hinterfragen, bei der Entwicklung einer sexuellen Identität hilfreich sein wird.“ Es folgen abschließende Ausführungen zur psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen sowie praktischen Problemen beim Übergang zum Erwachsenenalter (zuständigkeitsbedingte Behandlungsabbrüche).

Im Abschnitt zu den physischen Störungen werden auf Basis der Epidemiologie ausgewählter chronischer Erkrankungen mögliche Entwicklungsbeeinträchtigungen in Bereichen wie Schule, Identitätsentwicklung oder Partnerwahl diskutiert. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass bei sozialer Unterstützung auch Bewältigung gelingen kann.

Das Schlusskapitel widmet sich institutioneller Unterstützung im Jugendalter, dem KJHG, den dort verankerten Hilfen zur Erziehung, der Jugendsozialarbeit sowie der Jugendgerichtshilfe.

Diskussion

Generell zu würdigen ist die interdisziplinäre Perspektivenvielfalt des Buches, insbesondere die Einbindung biologischer Perspektiven und die Darstellung von Befunden der modernen Hirnforschung.

Die traditionellen Themen der akademischen Entwicklungspsychologie entlang des Konzepts der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter werden umfassend dargestellt. Moderne Themen wie die Nutzung digitaler Medien und die medienvermittelte Kommunikation und soziale Integration halten Einzug. Auch der (riesige) weiße Fleck auf der akademischen Landkarte der Psychologie, das Thema Liebe und Sexualität wird zaghaft erkundet. Allerdings überwiegt hier (siehe 7. Kapitel) bei der Darstellung v.a. US-amerikanischer Ergebnisse nach wie vor ein risikofokusierter Blick (Schul- und Verhaltensprobleme bei sexuellen „Frühstartern“ etc.). Empirisch umfangreich belegte (und in der Literatur zur Jugendsexualität seit Jahrzehnten dargestellte) historische Veränderungen, z.B. die Familiarisierung der Jugendsexualität bleiben nach wie vor unbeachtet.

Unter die achtzehn Begrifflichkeiten des Stichwortverzeichnisses, die mit „Selbst-“ beginnen, hat die Selbst-befriedigung noch immer nicht Einzug gehalten. Noch ganz unzulänglich und oberflächlich wird gerade im Bereich der Sexualität auf den historischen Wandel der Sexualkultur eingegangen, ist doch die Jugendsexualität ein Kind des sexuellen Liberalisierungsprozesses. Dass die historisch konkreten gesellschaftliche Bedingungen Basis für die psychische (und auch die psychosexuelle) Entwicklung sind, hätte unter Bezug auf Homosexualität und Geschlechtsidentität gut herausgearbeitet werden können: Wenn tatsächlich (wie im Text behauptet) eine homosexuelle Entwicklung nicht (mehr) zu überdurchschnittlicher Suizidalität führt, dann könnte das Resultat der gesellschaftlichen Entstigmatisierung (oder Entpathologisierung) gleichgeschlechtlichen Begehrens sein. Diskursive Ent- ebenso wie Neopathologisierungen (die es tatsächlich gibt, v.a. durch antiliberale und ahistorische Sichtweisen) hätten diskutiert werden können. Stattdessen wird einer Pädagogik, die für Toleranz und Akzeptanz gegenüber sexueller Vielfalt eintritt eine Triggerfunktion für das Auftreten von Geschlechtsidentitätsstörungen zugemutmaßt.

Das Themenfeld sexuelle Entwicklung zeigt, dass eine moderne empiriebasierte Entwicklungspsychologie noch stärker als bislang Erkenntnisse anwendungsorientierter Forschung anderer Disziplinen (z.B. Sexualpädagogik und -wissenschaft) integrieren sollte. Damit gelänge auch die historisch-konkrete gesellschaftspolitische Einordnung der Darstellung ontogenetischer Entwicklung noch besser.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch ist vor allem für Student*innen der Psychologie relevant, zumal der Springer-Verlag eine begleitende Website mit studienrelevanten Hinweisen anbietet. Es liefert eine allgemeine Orientierung über jugendtypische Entwicklungsbesonderheiten und -probleme sowie exemplarische Vertiefungen. Auch für Praktiker*innen, die sich pädagogisch oder therapeutisch mit Jugendlichen befassen, kann eine solche Orientierung nützlich sein, v.a. was die theoretisch-konzeptionelle Einordnung ihrer Arbeit betrifft.


Rezensent
Prof. Dr. Konrad Weller
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Zitiervorschlag
Konrad Weller. Rezension vom 03.07.2018 zu: Arnold Lohaus: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Springer (Berlin) 2018. ISBN 978-3-662-55791-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24235.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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