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Jochen Peichl: Integration in der Traumatherapie

Cover Jochen Peichl: Integration in der Traumatherapie. Vom Opfer zum Überlebenden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. 261 Seiten. ISBN 978-3-608-89199-7. D: 25,00 EUR, A: 25,80 EUR.
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Thema

In seinem neuen Buch, das sich an Traumatherapeuten, Psychotherapeuten und Betroffene richtet, stellt Jochen Peichl im Kontext der Teiletherapie den Integrationsaspekt, als einen häufig vernachlässigten Schritt einer Traumatherapie, in den Mittelpunkt. Ein Problem der Integrationsphase sei, dass gerade nach der Trauma-Konfrontation bei vielen Betroffenen heftige Emotionen wie Hass, Racheimpulse oder Scham auftreten. Anhand vieler Beispiele zeigt der Autor auf wie eine allmähliche Transformation solcher Gefühle hin zu einer lebensbejahen und zukunftsorientierten Haltung, der Übernahme von Selbstverantwortung und dem Übergang vom Opfer zum Überlebenden gelingen kann.

Autor

Dr. med. Jochen Peichl war langjährig als Oberarzt in einer Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik tätig, die Schwerpunkte in seiner eigenen Praxis liegen in der Traumatherapie und Behandlung von Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, insbesondere mit komplexer PTBS.
Jochen Peichl ist ehemaliger Lehranalytiker und Lehrtherapeut des Moreno-Instituts Überlingen, er absolvierte eine EMDR-Ausbildung bei Arne Hofmann und eine Ausbildung in Ego-State-Therapie bei Woltemade Hartman und hypnotherapeutische und hypnosystemische Weiterbildungen bei Bernhard Trenkle und Gunter Schmidt. Buchveröffentlichungen u.a. zu den Themen „Die inneren Trauma-Landschaften“, „Innere Kinder, Helfer, Täter und Co. Ego-State-Therapie des traumatisierten Selbst“, „Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer“.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand aus persönlichen Erfahrungen mit Psychotherapien, in denen der Autor in der Integrationsphase mit massiven Emotionen konfrontiert wurde.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Teile.

  1. Im ersten Teil werden Konzepte einer Integration von Traumata ausführlich vorgestellt,
  2. im zweiten Teil stellt der Autor kritische Anmerkungen und weiterführende Ideen in den Mittelpunkt.
  3. Das Buch schließt im dritten Teil mit einem neuen Verständnis von Integration des Traumas.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil I

Bei der Vorstellung bewährter Konzepte der Integration des Traumas wird einführend das 3-Phasen-Modell nach Judith Herman (Stabilisierung/Ressourcenarbeit, Traumabearbeitung, Integration und Neuorientierung) vorgestellt. Anschließend stellt der Autor mit dem SARI-Modell der Behandlung von Traumafolgestörungen seine Perspektive aus der Sicht der Teile-Therapie nach John und Helen Watkins vor.

Einführend gibt er einen Überblick, um dann in den nächsten Kapiteln detaillierter auf die verschiedenen Phasen einzugehen. Das SARI-Modell beinhaltet die Phasen

  • Stabilisierung (S),
  • Zugang (access) zum Traumamaterial schaffen (A),
  • Traumakonfrontation/Auflösung (resolving) (R) und
  • Integration (I).

Peichl distanziert sich in seinem Modell u.a. von dem klassischen Modell der Übertragung, welches er wegen der Regressionsgefahr für gefährlich hält. Stattdessen wendet er sich in der Behandlung an das Erwachsenen-Selbst des Patienten und kombiniert hypnotische Aspekte mit Methoden der Ego-State-Therapie.

Auch in diesem Kapitel vermittelt der Autor seine theoretisch sehr differenzierten Kenntnisse durch viele hilfreiche Beispiele und Anleitungen für z.B. den Einsatz von ressourcenorientierten Tranceinduktionen. Im einem weiteren Unterkapitel fokussiert Peichl seine Ausführungen auf die Arbeit mit Täterintrojekten. Er betont nicht nur die Bedeutung der Sicherheit, sondern weist auch darauf hin, dass in der Behandlung zunächst ein Bündnis mit dem mächtigsten Teil im System, häufig einem Täteranteil, geschlossen werden muss, bevor mit den Inneren-Kind-Anteilen gearbeitet werden könne.

Im fünften Unterkapitel „Mein hypnotherapeutischer Werkzeugkasten: SARI-Phase 3“ beschäftigt der Autor sich mit der Auflösung traumatischer Erfahrungen mit Hilfe hypnopsychotherapeutischer Techniken. Im sechsten Unterkapitel werden Techniken für die Integrationsphase thematisiert.

Zu Teil II

Im Teil II des Buches: „Kritische Anmerkungen und weiterführende Ideen“ beschäftigt Peichl sich zunächst mit kritischen Anmerkungen zum Ego-State-Begriff und u.a. mit der Abgrenzung der Integration vom Inklusionsbegriff. Zusammenfassend definiert er Integration (S. Ein 27) als das Hineinnehmen eines traumatisierten Teils in ein bereits existierendes System von Anteilen, wobei sich das Gesamtsystem dabei nicht substantiell ändert. Anschließend stellt er sich die Frage, ob kindliche Ego-States erwachsen werden können. Hier warnt er vor einer Verdinglichung genutzter Metaphern, denn solche Bilder können sich selbstständig machen und zu Schlussfolgerungen führen, die mit dem Patienten nichts zu tun haben.

Im Weiteren diskutiert Peichl, inwieweit bei schwer traumatisierten Patienten ein Erwachsenen-Ich oder Alltags-Ich vorhanden ist und wie sich Ego-States definieren lassen. Aus seiner Perspektive hat sich für die Therapie die Imagination eines steuernden Anteils, einer Innenperson, die eine Geschäftsordnung vorgibt, bewährt (S. 139). Ego-States sind für den Autor keine autonomen Wesenheiten, sondern Konstruktionen des präfrontalen Cortex im Hier- und-Jetzt aus den gespeicherten Verhaltens- und Erfahrungselementen der Vergangenheit (S. 144). Im letzten Kapitel des zweiten Teils fasst der Autor nochmals die verschiedenen Modelle der Integration zusammen.

Zu Teil III

Im Teil III mit dem Titel „Ein neues Verständnis von Integration des Traumas“ steht die Versöhnung mit sich selbst im Mittelpunkt. Hier knüpft er an den Integrationsbegriff von Judith Hermann an, bei der das „Wiederanknüpfen an das Leben“ im Mittelpunkt der Integration steht.

Zunächst beschäftigt Peichl sich grundlegend mit verschiedenen Formen des Gedächtnisses und deren Bedeutung für die Traumatherapie, um dann im elften Unterkapitel die Erweiterung des Behandlungsplans – in einer fünften Phase – vorzustellen. Diese Phase nennt er Reconnecting with the world, „Kontext-Integration“, um so den Integrationsbegriff von Judith Herman mit den Themen Umgang mit Schuld, die Sehnsucht nach Versöhnung, der Wunsch nach Rache und die Erlangung von Selbstverantwortung zu erweitern. Ziel der Behandlung sei es, dass der Patient ein neues Narrativ entwickelt habe und in seinem Leben stehe.

Anschließend fügt der Autor differenzierte Anmerkungen zur Integration bei verschiedenen Traumafolgestörungen an. Im 13. Unterkapitel beschäftigt Jochen Peichl sich zunächst mit der kontrovers geführten Diskussion, ob ein kompletter Kommunikations- und Beziehungsabbruch zu den nahen Bindungspersonen, die das Leid angetan haben unbedingt notwendig sei, um eine erfolgreiche Bearbeitung traumatischer Erfahrungen der Kindheit zu unterstützen. Hier ist er der Meinung, dass die Forderungen eines absoluten Beziehungsabbruchs oftmals nur schwer zu realisieren seien. Er betont, dass es bei der Traumakonfrontation mit dem Täter unbedingt notwendig sei, nicht mit dem Bild z.B. des Vaters zu arbeiten sondern mit dem inneren Bild des Täters und seiner Funktion im inneren System, denn es ginge um eine Neupositionierung und Versöhnung auf der inneren Bühne (S. 205f). Zudem müsse solch eine Konfrontation aus dem „richtigen Grunde“ geschehen. Wenn der Patient irgendwas vom Täter wolle, dann sei die Gefahr sehr groß mit der Konfrontation zu scheitern. Gut sei es, wenn die Konfrontation mit dem Täter dem Überlebenden die Möglichkeit gebe, dem Täter offen ins Gesicht zu sagen, was passiert ist, was ihm angetan wurde und was er darüber denkt. Es gehe nicht darum den Täter zu verändern oder etwas zuzugeben sondern es ginge um den Überlebenden, das ehemalige Opfer und nicht um den Täter (S. 208).

Zum Thema des Wunsches von manchen Klienten nach Vergebung und Verzeihung positioniert sich Peichl wie folgt: Vergeben heißt nicht, die Tat zu vergessen, den Täter zu verstehen, den anderen zu entschuldigen und eine Strafe zu erlassen. Das Opfer habe die Freiheit zu verzeihen oder auch nicht.

Im nächsten Kapitel beschreibt er Rache als eine psychologisch logische Reaktion auf das Erleben einer Kränkung bzw. einer Verletzung, um das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Damit ist Rache eine Trauma-Coping-Strategie, die jedoch nicht halten würde, was sie verspricht. Rachegefühle und -gedanken seien in der Praxis durchaus positiv zu bewerten, weil es bedeuten kann, dass das Opfer den Täter, der es zum Objekt fremder Absichten gemacht hat, seinerseits nun zum Objekt machen will, um die eigene Subjektivität wiederzugewinnen – zumindest ein erster Schritt heraus aus der Ohnmacht des Opfer-Seins. Da Rachegedanken keine Rachehandlungen seien, sei es wichtig diese in der Fantasie auszuleben, auch um Selbstschädigungen zu vermeiden. In der Teile-Arbeit sei es dann möglich mit diesem Teil auf der inneren Bühne ins Gespräch zu kommen.

Nachdem der Autor sich mit der toxischen Scham beschäftigt hat, stellt er abschließend im letzten Kapitel die „Fünf Schritte zur Selbstverantwortung“ vor. Ziel ist es, dass der Traumaüberlebende erkennt, nicht für die Ereignisse seiner Kindheit oder Jugend verantwortlich zu sein, er jetzt aber die volle Verantwortung für heute übernehmen müsse. Zu diesen Schritten gehören: Die eigene Rolle in der Vergangenheit überdenken, Illusionen aufgeben und betrauern, die eigenen Verletzungen anerkennen, bedenken, was ich behalten und was ich verändern will und Verantwortung für sich übernehmen.

Diskussion

Für Berater_innen und Therapeut_innen bietet Peichl zunächst einen sehr guten Überblick über verschiedene Grundkonzepte der Traumabehandlung. Er stellt Beispiele und auch Anleitungen hypnotherapeutischer Techniken vor, zudem gibt er einen Überblick über die Arbeit mit Täterintrojekten. Diese Erkenntnisse sind meines Erachtens nicht nur für Traumatherapeuten bedeutsam, sondern werden zukünftig auch für ein besseres Verständnis von problematischen Verhaltensweisen in der Traumapädagogik und in anderen beraterischen und pädagogischen Kontexten (z.B. in Schulen, Suchteinrichtungen, Jugendamt) wichtig werden. Ein Einstieg für diese Kontexte bietet z. B von Schulz von Thun (2014) mit seinem Modell des inneren Teams, auf das, mit den notwendigen Ergänzungen der Ego-State-Therapie, zurückgegriffen werden könnte.

Fazit

Peichl legt in seinem Buch nicht nur den Schwerpunkt auf die Phase der Integration einer Traumabehandlung, sondern gibt zudem auch einen sehr guten allgemeinen Überblick über sein Verfahren und hier insbesondere über die Arbeit mit Täterintrojekten. Das Buch ist verständlich geschrieben und könnte auch Betroffenen empfohlen werden.

Den LeserInnen bietet dieses empfehlenswerte Buch mit seinem fundierten theoretischen Überblick umfangreiche praktische Anregungen und Anleitungen, insbesondere für die Phase der Integration in der Traumatherapie.

Literatur

Schulz von Thun, Friedemann (2014): Miteinander reden: 3. Das „Innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation. Reinbek


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 02.08.2018 zu: Jochen Peichl: Integration in der Traumatherapie. Vom Opfer zum Überlebenden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-608-89199-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24236.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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