socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Vjera Holthoff-Detto: Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Cover Vjera Holthoff-Detto: Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. 213 Seiten. ISBN 978-3-608-94947-6. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Auf nur 200 Seiten bietet dieses neue gerontopsychiatrische Fachbuch einschlägige Diagnosekriterien und konkrete Hilfestellungen für den Umgang mit Dementen, und zwar sowohl für ihre Angehörigen als auch zur Weiterbildung von Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern und Schulung von Fachpersonal in Klinik, Praxis, Heim und im häuslichen Alltag. Kommunikation zwischen allen Beteiligten wird als das A & O herausgearbeitet. Hilfreich ist im Buch auch die konstante Abfolge von präzisen fachlichen Erklärungen und wörtlichen Beispielen, wie das Wesentliche jeweils zu erfragen und zu vermitteln ist, z.B. in folg. Fallvignette: „Wir sind uns schon einmal begegnet, aber der Mensch mit Demenz erinnert sich nicht und ist misstrauisch. Lösungsbeispiel: Frau S., ich erinnere mich gut an Sie und freue mich Sie wieder zu sehen. Sie haben mir von Ihrem Enkel Paul erzählt.“ (S. 46)

Autorin

Prof. Vjera Holthoff-Detto hat in Köln Medizin studiert und seit ihrer Promotion in Neuroanatomie nachhaltiges Interesse an kognitiven und Verständigungsprozessen entwickelt. Wissenschaftlich forschend und praktisch tätig war sie auch in den USA und in verschiedenen deutschen Universitätskliniken. In Dresden war sie Professorin für Gerontopsychiatrie und kognitive Neuropsychiatrie, bevor sie 2014 nach Berlin an die Charité berufen wurde. Dank ihrer psychotherapeutischen und psychoanalytischen Qualifikationen konzentriert sie sich wissenschaftlich und klinisch auf Selbstwahrnehmung, Beziehung und Selbstbestimmung bei Menschen mit Demenz in ihren Behandlungen und Unterweisungen.

Aufbau und Inhalt

Im Mittelpunkt stehen für Holthoff-Detto Zuwendung und Wertschätzung im Planen und Tun.

    In Teil 1 beschreibt sie Zugangsmöglichkeiten zu Menschen mit Demenz:
  1. in Akutsituationen
  2. aktuelles Erleben erfassen
  3. gemeinsame Kommunikationsebene schaffen
  4. Angehörige erreichen und begleiten
  5. Kommunikation im Behandlungsverlauf
  6. und in besonderen Situationen wie bei Schamgefühlen, hilflos, verlassen, nicht behütet zu sein, Misstrauen, Aggressivität.
  7. Im umfangreicheren Teil 2 geht es um Diagnosestellung und Behandlungsstrategien. Auch in den folg. Kapiteln widmet sich die Autorin eingehend der Gesprächsgestaltung, da „Menschen mit Demenz sich ihrer kognitiven Einbußen selten in vollem Umfang bewusst sind.“ (S. 58) Sich für Angehörige Zeit nehmen, sie sollten nicht in die schwierige Situation kommen, vor dem Betroffenen ein ganz anderes Bild seiner kognitiven Leistungsfähigkeit zu zeichnen, als der Patient es selbst erlebt.

  8. Verdacht auf kognitive Störungen überprüfen bei verschiedenen Demenzformen, Delir und Altersdepression
  9. Multikomponentenprogramme, pharmakologische und psychosoziale Behandlungsstrategien. Wichtig: Anleitung der Angehörigen bei Veränderungen
  10. Zur systematischen Schmerzerfassung gehören auch Beobachtungen von Folgen im Verhalten
  11. Vor Palliativsituationen Menschen mit Demenz zu ihren Wünschen und Werten befragen, solange sie sprachlich und kognitiv dazu in der Lage sind
  12. Rechtliche Aspekte, z.B. Fahrtauglichkeit: ein emotional besetztes Thema, Warnzeichen sind Angst des Beifahrers, Beinahe-Unfälle, Fehleinschätzung von Abstand und Geschwindigkeit. Wichtige Punkte sind Einwilligungsfähigkeit und Vorsorgevollmacht
  13. Krankenhausbehandlung – abwägen und vorbereiten
  14. Rehabilitation nicht von vorne herein ausschließen
  15. Räumliche Anpassung: Was fördert Vertrautheit, was mobilisiert und aktiviert? Sichere Umgebungsgestaltung trägt zu einem Geborgenheitsgefühl bei
  16. Häufig gestellte Fragen: Beziehungskonflikte bei Änderungen des Verhaltens, des Tagesablaufs, Wechsel von Bezugspersonen. Noch reisen – aber wie? Übergänge von häuslicher Pflege in eine Einrichtung. Umgang mit sexueller Enthemmung und anderem schambesetzten Verhalten. Gesprächshilfen für Angehörige mit ihren Demenzkranken
  17. Zusammenfassung – daraus folg. Zitat: „Menschen mit Demenz kommen aus einem individuellen Leben mit Selbstbestimmung und Lebensleistung. Sie sind darauf angewiesen, dass andere es nicht vergessen und hinter ihrer gegenwärtigen Erkrankung nach der Persönlichkeit mit Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen schauen.“ (S. 192)

Diskussion

Der engagierten Autorin gelingt der Spagat zwischen verständnisinniger Anschaulichkeit und wissenschaftlicher Fundierung ihrer Aussagen. Von Kommunikationsbeispielen bis zu Differentialdiagnosen wird alles übersichtlich vorgetragen und stimmig diskutiert, nicht einfach behauptet oder gefordert. Oft werden Vorgehensweisen empfohlen, tabellarisch in Einzelschritten aufgelistet, durch ein Fallbeispiel illustriert und daraus nachvollziehbare Schlüsse gezogen, die auf andere Beispiele übertragbar sind.

LeserInnen können sich unmittelbar angesprochen fühlen, als säßen sie in einem Fortbildungsseminar oder als Angehörige in einem Einzelgespräch. Die Literaturverweise im laufenden Text und das ausführliche Literaturverzeichnis am Schluss laden zum Verweilen und Vertiefen ein. Ebenso gut kann man in Eile etwas nachschlagen und wird dank prägnanter Formulierung rasch fündig. Millionen von Menschen mit Demenz – davon leiden bis zu 75 % an der Alzheimer-Krankheit – haben oft eine jahrelange Lebenserwartung. Daher müsste sich die Gesellschaft dieser zunehmenden Herausforderung stellen. Das Buch zeigt, wie Fachkräfte umfassend unterwiesen und Angehörige kompetent begleitet und unterstützt werden.

Fazit

In diesem Fachbuch unterrichtet die Gerontopsychiaterin Professor Vjera Holthoff-Detto angehende und schon tätige Fach- und AllgemeinärztInnen, Sozial/PsychologInnen und Pflegepersonal einschl. der heute so stark geforderten Angehörigen von Demenzkranken. Was das Buch absolut lesenswert macht: erfolgreicher Umgang mit Menschen mit Demenz steht und fällt mit der inneren Haltung ihrer Bezugspersonen. Diagnostik und Therapieplanung entfalten sich natürlich aus dem aktuellen Wissensstand. Freude an der Altersmedizin sei eine Frage der Erfahrung, umschreibt Holthoff-Detto ihr Ziel. Erfahrung wächst nicht von selbst reichhaltig genug, auch nicht unter Ärzten.

Ich halte das Buch für ein sinnvolles Instrument in der Hand des „informierten Angehörigen“, der manchmal wie auch „informierte Patienten“ weiter sein muss als Experten und Betreuer, die nicht schon aus positiver innerer Haltung realistisch helfen können. In Umfang und didaktischem Aufbau eignet sich „Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen“ vorzüglich als Grundlage für Ausbildungszwecke von professionellen Untersuchern, Behandlern und Betreuern. Ebenso befreit es betroffene Angehörige Schritt für Schritt vom Druck sich zu überfordern und vom Gefühl zu versagen, wenn sie Grenzen setzen.


Rezensent
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Joachim Gneist anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 29.05.2018 zu: Vjera Holthoff-Detto: Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-608-94947-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24237.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung