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Tine Haubner, Tilman Reitz (Hrsg.): Marxismus und Soziologie

Cover Tine Haubner, Tilman Reitz (Hrsg.): Marxismus und Soziologie. Klassenherrschaft, Ideologie und kapitalistische Krisendynamik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 276 Seiten. ISBN 978-3-7799-3054-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Nach den HerausgeberInnen Tine Haubner und Tilman Reitz sollen die einzelnen Aufsätze des Sammelbandes den „soziologischen Einsatzwert“ der Marxschen Analysen ausloten, „seinen Beitrag zum Verständnis der kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft“, wobei, da sich der Kapitalismus in einer von Marx nicht vorauszusehenden Weise entwickelt und „krisenhaft erneuert“ habe, fraglich bleibe, ob man hier und heute direkt an Marx anschließen könne. Geprüft werden müsse daher, ob nicht „neue theoretische Werkzeuge“ verlangt sind. Gerade der Soziologie, die sich auf die „Totalität sozialer Verhältnisse bezieht“ und die „sich institutionell als offener für marxistisches Denken erwiesen (hat) als etwa die Philosophie und die Volkswirtschaftslehre“, sei als Frage aufgegeben, wo „marxistisches Denken, indem es die kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart zu begreifen hilft, auch die Theoriebildung und die empirische Arbeit der Gegenwartssoziologie entscheidend voranbringen“ kann. (S. 7 f.)

Die HerausgeberInnen betonen, dass sie daran „glauben“, „dass marxistische Analysen in den Kernbereich sozialwissenschaftlicher Forschung gehören, solange wir in kapitalistischen Verhältnissen leben.“ Was daraus an „kritischen Mahnungen“ folgen kann, könnte „natürlich zum Bestandteil ideologischer Sonntags- oder Geburtstagsreden werden“, allerdings sei eine „genauere Durchdringung der Verhältnisse“ für die „Benachteiligten selbst nutzbar“ zu machen, was „Anspruch marxistisch geprägter Sozialforschung“ sei. Die BeiträgerInnen des Bandes gehören in der Hauptsache zum so genannten wissenschaftlichen Nachwuchs, doch sind auch u.a. ausländische WissenschaftlerInnen vertreten, die bereits emeritiert oder „schon lang am Rand akademischen Betriebs tätig sind“, also KollegInnen, „die noch nicht oder nicht mehr ihre ganze Arbeitszeit darauf verwenden müssen, die repräsentative Position einer deutschen Hochschulprofessur auszufüllen.“ (S. 9 ff.)

Aufbau

Der Band ist in vier thematische Teile untergliedert, wobei in jedem einzelnen Beitrag verdeutlicht werden soll, ob und wie „zentrale gesellschaftliche Konflikte und Krisen der Gegenwart mit marxistischen Mitteln zu begreifen“ sind. Es geht um Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse, gefolgt von „theoretischen und disziplinären Auseinandersetzungen“, worauf kritische Aufnahmen von Bereichen „jenseits der Wissenschaft, für die sich (ebenfalls) der Begriff der Ideologie anbietet“ folgen, um danach „exemplarisch“ zu zeigen, „wie sich die Grenzen des Kapitalismus marxistisch begreifen lassen.“ (S. 9 ff.)

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil 1

Der Teil „Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse“ wird mit der Frage von Marcel van der Linden eröffnet, „Wer sind die Arbeiter_innen?“, die auch abverlange, den „eng gefasste(n) Proletariatsbegriff“ angesichts „subalterner Arbeit“ etc. theoretisch auszuloten. (S. 16 f.) Angesichts einer fast „unendlich große(n) Bandbreite an Produzent_innen“ und fließenden Übergängen zwischen den „Kategorien“ (S. 20) formuliert er die „(i)mplizite Annahme“, die „vorherrschende Kategorisierung sozialer Klassen“ zöge „nicht nur eine klare Grenze zwischen Phänomenen, die in Wirklichkeit nicht voneinander getrennt sind. Die Trennung als solche basiert bereits auf tiefergehenden Annahmen, die kritisch unter die Lupe genommen werden sollten“ (S. 25), was der Autor leistet, wobei er den Blick global erweitert; dabei verweist er auf „Erkenntnisse aus der Geschichte subalterner Arbeit“, Anschub häufig für eine „Intensivierung sozialer Kämpfe“ (S. 33), um festzustellen, dass es „eine Menge Militanz“ gibt, „der bisher keine Stärke in der langfristigen Organisierung entspricht.“ Sein Desiderat: „Die Zielgruppe der gewerkschaftlichen und politischen Organisierung von Arbeit muss neu bestimmt werden.“ (S. 34)

Der nächste Beitrag von Stefan Schmalz mit dem Titel „Das weltweite Industrieproletariat – ein Gespenst von gestern?“ geht auf internationale Arbeitsteilung und den Aufstieg Chinas ein. Über argumentativen Einbezug von Imperialismus und neuer internationaler Arbeitsteilung kommt er in Bezug auf den „Kapitalismus des 21. Jahrhunderts“ zur Einschätzung, dass „von einer Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in transnationalen Produktionsnetzwerken gesprochen werden“ muss, „die sowohl auf der Monopolisierung von Märkten als auch auf der schonungslosen Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in der Produktion im globalen Süden aufsetzt.“ (S. 44) Der Autor benennt Widersprüche und Machtverschiebungen im globalen Kapitalismus, verweist auf den Einfluss von „Faktoren wie militärischer Macht, Kontrolle über Rohstoffe und geopolitische Bündnisse“ (S. 45) und größer werdende „Friktionen in der globalisierten Wirtschaft“ und ein beobachtbares „Stocken des Globalisierungsprozesses“, und er warnt vor „Fehleinschätzungen“ hinsichtlich eines „vorschnellen Abgesang auf das kapitalistische System“, weshalb eine „globale Perspektive, die die Marx’sche Theorie aufgreift, notwendiger denn je“ sei. (S. 47)

„Transnationale Klassen, Klassenfraktionen und die gegenwärtige Krise“ sind Thema von Kees van der Pijl, wobei er sich auf die „Rolle des transnationalen Finanzkapitals“ konzentriert. (S. 50) Über Krisen und Entwicklung des Neoliberalismus habe sich das „Geldhandelskapital“ im „Resultat“ schließlich „im kapitalistischen Kerngebiet als bestimmende Kraft konsolidiert.“ (S. 56 f.) Da das Geldhandelskapital den anderen „Kapitalfraktionen und Klassen keine Kompromisse mehr anbieten“ könne, so folgert der Autor, „ersetzt es materielle Beteiligung durch bloßen Symbolismus, der wiederum die populistische Massenbasis für eine ‚Politik der Angst‘ (…) schafft.“ Folge sei eine „verunsicherte, desorientierte und schutzlose menschliche Masse“, die „ohne anderen Kompass als Eigeninteresse durch ein mikroökonomisches Universum navigiert.“ (S. 58)

Diese Argumentationsfigur wird von Éric Pineault in seinem in englischer Sprache verfassten Beitrag „Cashing in and Maxing out“ mit Nachweis einer extrem auseinanderklaffenden Schere zwischen Profitierenden und Benachteiligten flankiert resp. radikalisiert. Er schließt, wobei er sich insonderheit auf Nordamerika und United Kingdom bezieht, man wäre „confronted with an accumulation regime that has been entirely reworked around financial circulation because of the depth of the penetration of financial relations inside the economic structures of these societies.“ (S. 78)

In Bezug auf die Ausbeutung von Laienpflegearbeit will Tine Haubner „Mit Marx gegen Marx denken“. Das alte „ordnungspolitische Subsidiaritätsprinzip“ würde neu akzentuiert, die „Grenzen zwischen bezahlter Lohn- und freiwilliger Gratisarbeit“ zunehmend verwischt. (S. 81) Weil sich der Ausbeutungsbegriff Marx' nicht „ohne weiteres auf das Feld unbezahlter oder semi-kommodifizierter, informeller Sorgearbeit anwenden“ lasse (S. 82), kehrt die Verfasserin mit Bezug auf Marx hervor, dass es sich bei der Ausbeutung von Laienpflegearbeit um einen „machtgestützten Prozess handelt, der notwendig strukturell, also nicht zufällig, aus einer bestimmten Gesellschaftsform resultiert“ und eben „ökonomische, rechtlich-politische sowie ideologische Aspekte in ihrer wechselseitigen Vermittlung berücksichtigt werden müssen.“ (S. 88) Im Anschluss an feministische Marx-Kritik, die auch einen „spezifisch ökonomischen Reduktionismus“ ankreidet (S. 90), nimmt sie jene – hinlänglich bekannten – Bevölkerungsgruppen in den Blick, „die sich in ökonomischer und kultureller Hinsicht durch soziale Verwundbarkeit auszeichnen“, um die Form deren Ausbeutung „kaskadenförmig“ zu beschreiben: „Ökonomische und politische Rahmenbedingungen erzeugen einen strukturellen Ausbeutungsdruck, der stufenweise ‚nach unten‘, das heißt auf andere Akteure mit begrenzten Handlungsoptionen weitergereicht wird.“ (S. 95) Ihr Fazit: „Der Ausbeutungsbegriff bringt dabei einen gleichzeitig spezifisch wie einfachen Grundgedanken zur Anwendung: Dass nämlich die Last der Einen der Preis für die Aufrechterhaltung der Vorteile Anderer ist.“ (S. 96)

Zu Teil 2

Der zweite Teil, „Theoriestreit und Wissenschaftskritik“, beginnt mit dem Beitrag „Klasse und Klassismus: Wie weit reicht askriptive Ungleichheit“ von Urs Lindner. Der Autor formuliert Anforderungen an einen „intersektoral rekonstruierten Klassenbegriff“, arbeitet heraus, „was von der Marx’schen Klassenkonzeption übernommen werden kann“ und diskutiert vor allem „webermarxistische Ansätze“. (S. 100 f.) „Klassenungleichheit“ sei „in Ausbeutung fundiert“, erschöpfe sich darin aber keineswegs, „aber ohne Ausbeutung gäbe es sie nicht“, hält er auch Weber entgegen, dessen „Klassenkonzeption“ den „Ausbeutungsbegriff“ nicht beinhalte. (S. 105 f.) Nach Aufnahme webermarxistischer Theorieansätze kommt der Autor im Hinblick auf eine „rekonstruierte Klassenkonzeption“ auf eine „sinnvolle ungleichheitstheoretische Mehr-Ebenen-Topik“ und verweist darauf, dass man es mit einer „Gemengelage von Ungleichheitsverhältnissen zu tun“ hat. Politisch folge daraus, dass es auch theoretisch illegitim ist, mit „Verweis auf das große Ganze nicht vor der eigenen Haustür bzw. im eigenen Haus selbst aktiv zu werden“. Mit Fraser sei allerdings „zwischen affirmativen und transformativen Umverteilungspolitiken zu unterscheiden“, wobei „affirmative Oberflächenkorrekturen“ zu identifizieren sind. (S. 115)

„Wer arbeitet für wen?“ fragt Tilman Reitz, wobei es, so der Untertitel, um „Werttheorie, Machtpositionen und die Zukunft der Ausbeutung“ geht. Es scheint dem Autor „vergleichsweise einfach ausweisbar zu sein, das weder Werttheorie noch Neoklassik theoretisch überzeugend fundiert sind“, weshalb er mit einer kritischen Aufnahme von „Austauschverhältnisse(n)“ beginnt (S. 119), wobei ihm, solange „keine sonstigen Alternativen in Sicht sind, (…) ein weiterer Blick auf die Arbeitswertlehre“ lohnend erscheint, „der ihre Probleme nicht abstreitet, sondern bearbeitet.“ (S. 125) Dabei stellen sich Fragen nach Ausbildungskosten und nach verschiedenen Profitraten in verschiedenen Branchen, was Reitz behandelt, wobei „die möglichen Antworten (…) zurück zu Konkurrenz und Machtgefällen“ führen. (S. 130) So ließen sich die Probleme selbst „deindustrialisierter Länder (…) negativ begreifen“; sie gerieten in Wachstumskrisen, „weil die regulär entlohnte, profitabel rationalisierbare Arbeit unter eine kritische Schwelle sinkt.“ Solcherlei Erklärungen seien grundlegend und von Gültigkeit, „wenn man die Arbeitswertlehre durch eine Analyse der Machtgefälle ersetzt, die den Austausch und profitorientierten Einsatz von Arbeitskraft prägen.“ Unter diesem Blickwinkel sei es sinnvoll, „dem reinen Typ doppelt freier Lohnarbeit viele andere zur Seite zu stellen“, wovon die „Klassentheorie (…) nur profitieren“ könne. (S. 134)

Jan Sparsam formuliert in seinem Beitrag „Zur Soziologie der Wirtschaftswissenschaften“ die These, die kritischen Stimmen zu diesem Forschungsfeld nähmen unzureichend Bezug auf Marx' Materialismus, was hauptsächlich daran läge, „dass Marx die Naturwissenschaften als technikerzeugende und damit ‚produktivkrafttaugliche‘ Wissenschaft funktional von den Sozial- und Geisteswissenschaften als Ideologie unterscheidet.“ Ziel seines Beitrages sei, „dieses funktional ‚gespaltene‘ marx(isti)sche Wissenschaftsbild darzulegen und die alternative Programmatik einer materialistischen Soziologie der Wirtschaftswissenschaften zu skizzieren“ (S. 137 f.): Eine zeitgemäße ideologiekritische Soziologie der Wirtschaftswissenschaften habe zu zeigen, „welche – krisenhaften und konjunkturfördernden – Ergebnisse der ‚Oberflächenblick‘ der Ökonomik zeitigt.“ Daran schließt er die Forschungsaufgaben konturierenden Fragen an: „Welche realen Konsequenzen hat die Systematisierung, Verdolmetschung und Rechtfertigung der ‚Erscheinungsebene‘ des kapitalistischen Produktionsverhältnisses? Welche explanatorischen Freiheitsgrade gibt es, worum werden Definitionskämpfe geführt und woran Hegemonieansprüche formuliert?“ (S. 147 f.)

Unter dem Titel „Ökonomischer Imperialismus und soziologischer Marxismus“ geht Peter Streckeisen der Frage nach, „ob und unter welchen Prämissen wir uns heute auf Marx und den Marxismus stützen können, um den ökonomischen Imperialismus zu kritisieren“ (S. 151), wobei er den Werdegang der Ökonomie zu einer imperialistischen Disziplin nachvollzieht und in kritischer Aufnahme von Burawoy das Problem um Ökonomie und Vermarktlichung behandelt. Er flicht ein, dass „im wissenschaftlichen Feld ein Prozess“ zu beobachten sei, „der zur Herrschaft der Ökonomie über andere Disziplinen führt.“ (S. 155) Ebenfalls kritisch nimmt er ‚soziologischen Marxismus‘ im Hinblick auf die Debatte unter die Lupe, ob in „der Kunst oder in der Wissenschaft die Interessen der Arbeiterklasse“ vertreten werden könnten, was er für „reines Wunschdenken linker Intellektueller“ hält. (S. 158 f.) Im „Feld der Regierungswissenschaften“ weist er den „Aufstieg der Ökonomie zur imperialistischen Disziplin“ aus. (S. 160) Ob dieser Entwicklung sieht er insoweit die „Stärken der marxistischen Tradition (…) vor allem im Bereich der kritischen Ökonomie“, wobei er auch anmahnt, „die Felder der Kultur- und Wissensproduktion einer materialistischen Analyse zuzuführen.“ (S. 163)

Zu Teil 3

Schwerpunkt des dritten Teils sind „Ideologie und ideologische Apparate“, was von Susanne Martin mit dem Beitrag „Kulturindustrie und Herrschaft“ eröffnet wird. Sie zeigt die Orientierung Kritischer Theorie an Marx nicht nur im Hinblick auf die ‚Kulturindustrie‘ von Horkheimer und Adorno auf, um diese auf Marx rekurrierende Gesellschaftstheorie mit den konkurrierenden Cultural Studies zu konfrontieren. Auf dieser Folie stellt die Verfasserin Thesen vor, in welchen die Aktualität der Analysen von Horkheimer und Adorno pointiert werden. Hier führt sie den Begriff der „erweiterten Kulturindustrie“ ein, den sie von Resch und Steinert bezieht, die auf eine „Expansion des Tauschverhältnisses“ im Neoliberalismus verweisen und „‚Waren und Verwaltungsförmigkeit‘ als zentrale Prinzipien der gegenwärtigen Kultur und Gesellschaft“ betonen. (S. 179) Allerdings, so Susanne Martin, sei nicht die „gesamte Kultur- und Wissensproduktion (…) von vornherein warenförmig strukturiert oder wird kommerziell“: „Geistige und ästhetische Arbeit (…) kann Nischen kultivieren und mit subversiven Mitteln die Produktions- und Rezeptionsvoraussetzungen der Kulturindustrie unterlaufen“ – was die Analysen der Kritischen Theorie nicht aushebele und weshalb sie meint, „eine eng an Marx orientierte kritische Kultur- und Gesellschaftsforschung“ sei „nach wie vor möglich.“ (S. 180 f.)

Nach der „Aktualität der Marx'schen Religionsanalysen“ fragt Jan Rehmann: „Säkularisierung versus ‚Wiederkehr der Religionen‘?“ Er problematisiert die Entgegensetzung von ‚säkular‘ und ‚religiös‘ und stellt knapp Marx' „Metakritik der Religion“ vor, wobei er (u.a.) dabei anmerkt, dass Bloch „den analytischen ‚Kältestrom‘ des Marxismus mit dem ‚Wärmestrom‘ zu verbinden“ unternommen habe, „die nüchterne Gesellschaftsanalyse mit dem utopischen Überschuss, der in der Traumgeschichte der Ausgebeuteten und Unterdrückten enthalten ist“. (S. 187) Marx habe die Religionsfreiheit (der jüdischen Gemeinden) verteidigt und festgehalten, dass Religion die Anerkennung des Menschen durch „einen Mittler“ (Marx) ist, insistiere aber, die Verdoppelung von weltlicher und religiöser Welt aus dem „Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären“ (Marx). Rehmann verknüpft Marx' Religionskritik mit seinem Fetisch-Begriff, womit er auch in seiner „Religionsanalogie“ den in der bürgerlichen Gesellschaft erzeugten „Ideologiebedarf“ freilegen konnte (S. 197), und er verweist auf „Christliche Befreiungstheologen“, die „Marx' Fetischismuskritik mit der biblischen Idolatrie-Kritik vermittelt und den Kapitalismus als institutionalisierten Götzendienst kritisiert“ haben, wobei, deutlich am Neoliberalismus, „‚die religiöse Unterwerfungsstruktur‘ lupenrein erhalten“ (Veerkamp) geblieben sei.

In einer Anmerkung bemerkt Tove Soiland, „dass es zumindest aus der Perspektive Lacans nicht der Umstand der Unbewusstheit ist, der die Subjekte manipulierbar macht, insofern dem unbewussten Genießen sowohl die Möglichkeit zur politischen Indienstnahme wie das Potenzial zu deren Vereitelung innewohnt.“ (S. 201, Anm. 2) Mit ihrem Beitrag „Die postödipale Gesellschaft: Eine lacan-marxistische Gegenwartsanalyse“ tritt sie im Fortgang bis heute andauernder Auseinandersetzungen an, analytisch tiefer und argumentativ ausholender als bei Marx „zu erfassen, wie Menschen in Verhältnisse eingebunden werden, in denen sie oftmals scheinbar gegen ihre eigenen Interessen handeln“, was bei Marx unter den Ideologie-Begriff gefallen sei. (S. 200) Lacans Gegenwartsdiagnose steht im Vordergrund und der Begriff des ‚Genießens‘ und auch ‚Scham‘ eines „veränderten Über-Ichs“: „Nicht die Scham, auf frischer Tat beim Übertritt eines Verbots ertappt worden zu sein, sondern die Scham, nicht alle Facetten meiner Identität entfaltet und ihnen damit zu ihrem Recht verholfen zu haben. Wir stehen nun nicht länger der Gesellschaft, sondern uns selbst gegenüber in der Pflicht, einem Ideal der Selbsttransparenz zu folgen, das aber unerreichbar ist, weshalb wir schuldig bleiben.“ Somit unterlägen wir schlussendlich „einer äußerst rigoros überwachten Einhaltung selbstauferlegter Regeln, die in ihrer Rigidität das alte Verbot bei weitem übertreffen.“ (S. 215)

Zu Teil 4

Systemische Herausforderungen des Gegenwartskapitalismus“ ist der vierte Teil des Bandes betitelt. Im ersten Beitrag behandelt Jens Wissel „Globale Arbeitsteilung, Nationalstaat und Migration“. Gleich eingangs erinnert er an die Analyse von Rosa Luxemburg (zit. S. 221), dass sich die „andere Seite der Kapitalakkumulation“ (neben der Produktion des Mehrwerts) „zwischen dem Kapital und nichtkapitalistischen Produktionsformen“ vollzieht, wohin u.a. „Methoden der Kolonialpolitik“ mit all ihren Auswüchsen gehören. Der Autor erörtert die Problematik um Nationalstaaten und territoriale Fragmentierung, um den Internationalen Wettbewerbsstaat, um globale Arbeitsteilung und nationale Arbeitskraftregime und imperiale Lebensweise, um dann auf Harveys Hinweis (mit dessen Bezug auf Rosa Luxemburg) zu kommen, „dass die sogenannte ursprüngliche Akkumulation (…) als permanenter Prozess beschrieben werden kann. Ein Teil der globalen Aneignungsprozesse basiert auf Raub, Plünderung, Enteignung“, wozu die „Vertreibung der Landbevölkerung“ u.a.m. gehöre. (S. 230) Migration, merkt der Autor unter dem Begriff „Autonomie der Migration“ an, sei auch eine „eigenständige Form von Praxis“ und insoweit nicht einfach Reaktion auf ökonomische und politische Entwicklungen; wo sie gemanagt wird, würden „repressive Momente mit dem liberalen Wunsch nach einem globalen Arbeitsmarkt und dem hieraus folgenden ‚Wettbewerb um die besten Köpfe‘ verbunden.“ Prospektiv wären „gesellschaftliche Verhältnisse“ zu überwinden, die „moderne Grenzen“ hervorgebracht hätten. Stünden nicht mehr „globale Akkumulation und Wachstum im Vordergrund, können notwendige grundlegende Transformationsprozesse in Angriff genommen werden, die Akkumulation als Prinzip der Vergesellschaftung und der Produktionsweise aufheben und die Grenzen überflüssig machen.“ (S. 232)

Eine „Analyse nicht-nachhaltiger gesellschaftlicher Naturverhältnisse“ stellt Thomas Barth in seinem Beitrag „Marxismus und Ökologie“ vor, wobei er (auch) die Frage aufwirft, ob messbare Erfolge des Umweltschutzes in reichen Ländern „primär auf der Auslagerung der umweltschädlichen Produktion“ beruhten und ob „der Kapitalismus global grün werden“ könnte. (S. 235) Marx habe mit seiner Kapitalismusanalyse angewiesen nachzuvollziehen, woran seine kritische Bemerkung, die Erde sei „den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlassen“ (zit. S. 236, Anm. 2), unter den wie gegebenen ökonomischen Bedingungen scheitere. Zunächst setzt er der „populären These vom Anthropozän“ den präziseren „Begriff ‚Kapitalozän‘“ gegenüber (S. 239) und formuliert im Anschluss an Marx, die „strukturellen Widersprüche zwischen der kapitalistischen Produktionsweise einerseits und der reproduktiven Eigenlogik der Natur andererseits“ zu erklären und zeigt, dass die „ökologische Nicht-Nachhaltigkeit der kapitalistischen Ökonomie strukturell angelegt“ ist. (S. 240 f.) Seine These, zugleich Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „In der von asymmetrischen Machtbeziehungen gekennzeichneten Weltwirtschaft findet eine systematische Ungleichverteilung den positiven und negativen ökonomischen und ökologischen Folgen der Handelsbeziehungen statt“, wobei die „ressourcenintensiven Formen der Lebensführung sowie die gleichzeitig zu beobachtenden umweltpolitischen Erfolge der reichen Industrieländer (…) demnach zum Teil auf Externalisierung ihrer ökologischen Voraussetzungen und Folgen“ basieren. (S. 244 f.) Dass sei mit Marx zu erhellen und damit ebenso die „Beschränktheit gegenwärtiger Lösungsansätze“. (S. 247) Abschließend betont Thomas Barth, dass „politisch-praktische Veränderungen“ als „zwingende Voraussetzung (…) eine sozial und global-räumliche breite gesellschaftliche Bewegung“ hätten, „die u.a. die Interessen der Arbeiter*innen im Norden wie im Süden sowie der jenseits des Marktes Arbeitenden mit der Reproduktionsfähigkeit der Ökosysteme vereinbaren müssten.“ (S. 248)

„Cyber-Marx?“ fragen Florian Butollo und Sebastian Sevigniani und konturieren „Ansatzpunkte einer historisch-materialistischen Analyse des digitalen Kapitalismus“. Sie behandeln das Problem, wie sich „das System der Produktivkräfte im Kontext der Digitalisierung“ verändert, welche Folgen das für die „Entwicklung der Produktionsverhältnisse“ hat, um schließlich zu skizzieren, „welches gesellschaftliche Subjekt im digitalen Zeitalter in der Lage sein könnte, die krisengeschüttelte und strukturell von Entfremdung und Ausbeutung gekennzeichnete kapitalistische Gesellschaftsform zu transzendieren und wie sich eine solche Transformation gestalten ließe.“ (S- 252 f.) Die Autoren halten fest, dass mit der „Digitalisierung neue Potenziale“ entstehen, „die sich nachhaltig auf die Klassenstruktur und die Formen der Erwerbsarbeit auswirken“; für eine „plausible Deutung“ halten sie, dass „die aktuelle Digitalisierungswelle eher auf eine ‚Rationalisierung des Konsums‘ (…) als auf Prozessinnovationen in der Fertigung“ abziele. (S. 255) Mit Marx sei allerdings eine „gegenläufige Tendenz“ festzuhalten, „Arbeit stets neu in Wert zu setzen“ und die „Dynamik des Kapitalismus“ sei „eben dadurch geprägt, sich der Arbeit stets zu entledigen, um sie sich in neuen Akkumulationszyklen wieder anzueignen“ (S. 256), was „kein Widerspruch in sich“ sei. (ebd., Anm. 3) Die Autoren betrachten die Produktionsverhältnisse im digitalen Kapitalismus auf den Ebenen Eigentums-, Verwertungs- und Verteilungsverhältnisse in ihren jeweiligen, veränderten Erscheinungsformen; bei dem sich auf diesem Hintergrund aufwerfenden Problem „Subjekte: Klasse oder Multitude?“ entlassen sie über eine kritische Aufnahme von Hardt/Negri in die Fragen einer „Soziologie der Klassenverhältnisse bzw. ein Urteil darüber, ob eine politische Einheit der Subalternen überhaupt möglich ist.“ (S. 269) Die „Spielräume für die Subjekte, sich jenseits der Lohnarbeit zu reproduzieren“, blieben beschränkt und hätten „im historischen Vergleich sogar abgenommen“, weshalb sich auch eine „Mikropolitik der digitalen Commons (…) nicht durchsetzen“ könne, „wenn sie nicht an den Grundfesten des Lohnarbeitsverhältnisses rüttelt – und damit die Grenzen zum Analogen durchbricht.“ Sie schließen mit der Bemerkung, der „politischen Vermittlung subalterner Bewegungen im digitalen Kapitalismus“ komme gleich dem Eingreifen sozialistischer Organisationen bei der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts „eine umso größere Bedeutung zu“, damit die „diversen Akteur_innen im lokalen, nationalen und sogar globalen Rahmen im Rahmen von Auseinandersetzungen zueinander finden.“ (S. 271 f.)

Diskussion und Fazit

Dass solche wissenschaftlichen Analysen, wie sie hier dankenswert weit entfernt von einem vormaligen ‚German Ableitungsmarxism‘ und jeweils vom Umfang her zwar knapp, dafür aber inhaltlich gehaltvoll vorliegen, „dem Normalbetrieb abgerungen werden“ müssen (S. 12), spricht mehr gegen den gegenwärtigen Mainstream der Soziologie, wie er sich in den letzten Jahrzehnten insoweit herausgeschält hat, als sie sich in der Lehre scheint's wieder mehr auf ein Durchdeklinieren von Theorien verlegt hat, ohne dabei (zumeist) auf immanent kritische Auseinandersetzung zu zielen. Ein Nachbuchstabieren des systemtheoretischen Begriffsapparates, um damit soziale Phänomene einzukesseln, hat allem Anschein nach zwar an Attraktivität verloren, hält sich aber vereinzelt zäh.

Was man in Publikationen häufiger findet, sind eben jene von Tine Haubner und Tilman Reitz genannten „kritischen Mahnungen“ (s.o.), tauglich nicht nur für ‚Sonntagsreden‘, sondern Zuträger für „affirmative Oberflächenkorrekturen“ (Lindner), die dazu beitragen, einem „ständig perfektionierten Apparat ideologischer Selbstverherrlichung“ (Haubner/Reitz) die Steigbügel zu halten. Allerdings wäre bei Linder nachzuhaken, wo er reklamiert, sich nicht mit „Verweis auf das große Ganze“ zu bescheiden und im „eigenen Haus selbst aktiv zu werden“, ob und wie bei opponierenden Aktivitäten nicht immer jener „Verweis“ auf zugrundeliegende Widersprüche aus kapitalistischer Ökonomie einzuspeisen ist, die letztlich nicht integrierbar sind. Vor ca. fünfzig Jahren hätte man auch solche Wissenschaft, wie sie hier noch als ‚kritisch‘ apostrophiert wird, mit einiger Chuzpe als ‚bürgerlich‘ abgetan und mit dem Vorwurf von Affirmation und Legitimation bestehender Verhältnisse bedacht. Der Kapitalismus kam (damals wieder) ins Gerede, Eigentumsverhältnisse, zentral das Eigentum an Produktionsmittel. Es stand in politischer Absicht eine „genauere Durchdringung der Verhältnisse“ an, was für „die Benachteiligten selbst nutzbar“ (Haubner/Reitz) werden sollte.

Was die HerausgeberInnen reklamieren, galt also und gilt nach wie vor und dies ggf. mit sich zuspitzender Dringlichkeit. Dass Marx im Jahr seines 200. Geburtstages mit viel Tamtam auf Kongressen gefeiert wird (vor den Türen reichlich Fanartikel im Angebot) und der ‚Intelligenzpresse‘ ganze Seiten wert ist, wo allseits den vielen scheint's kritischen theoretischen Verwässerungen auch weitere zugesellt werden, dass man ihm nun nicht mehr zwingend alles anlastet, wofür sein Name politisch herhalten musste, sondern ihn moderat exkulpiert, heißt nicht, dass man sich auf seine Kapitalismusanalyse und das, was daraus zu folgen hat, besinnen bzw. daran anschließen wird – in der Soziologie nicht und auch nicht einer Philosophie, die in eine ‚neue Marxlektüre‘ ausweicht und Marx ‚positivistisch‘ zu wenden versucht oder wie Heinrich abfällig von „Weltanschauungsmarxismus“ spricht. Allerdings, was zu hoffen und bei aller Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Betrieb doch zu mutmaßen ist, wird es angesichts der Problematiken aus kapitalistischer Ökonomie zumindest nicht abschlusshaft gelingen, die Werke von Marx und Engels in der wissenschaftshistorischen Schublade einzumotten: „Marxistische Theorie und Sozialforschung sind als kritische Instanzen unverzichtbar.“ (S. 12) Da tritt der vorliegende Band Beweisführung an.

Es versteht sich, dass mit allen Beiträgen Anschlussdiskussionen eröffnet sind, allein darum, weil mit Marx selbst Hinweise auf Problematisierungen seiner Analysen an einigen Punkten zu korrigieren wären, was nicht daran liegt, dass die meisten BeiträgerInnen auf die MEW-Ausgabe und nicht die bislang vorliegenden MEGA-Bände zurückgegriffen haben, was anderenorts angekreidet wird. Auch eine Kritik der Arbeitswertlehre resp. Arbeitswerttheorie und nicht stattdessen Ersetzung durch „Analyse“, wie bei Reitz vorgeschlagen, sondern ggf. Ergänzung der „Machtgefälle“, wird durch Lektüre der MEGA-Ausgabe des ersten Bandes des ‚Kapital‘ nicht sonderlich gewinnen können. Die klassentheoretisch belangvolle Schlussfolgerung bei Reitz (vergleichbar in anderen Beiträgen), dem Typus des doppelt freien Lohnarbeiters, unter den letzten Endes alle wie auch immer Beschäftigten fallen, „viele andere zur Seite zu stellen“, ist zu ergänzen zum einen dadurch, dass eine Tendenz zur Senkung des Wert der Waren Arbeitskraft der Produktion des relativen Mehrwerts immanent ist. Aufzunehmen etwa wäre also auch, was Marx zur „Produktion des absoluten und relativen Mehrwerts“ sagt (MEW 23) und über „Produktive und unproduktive Arbeit“ (MEW 26.1). Marx betont, dass der „Begriff des produktiven Arbeiters (…) daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt“ einschließt, und er weist auf „Zwitterformen“ hin, „worin die Mehrarbeit weder durch direkten Zwang dem Produzenten ausgepumpt wird, noch auch dessen formelle Unterordnung unter das Kapital eingetreten ist.“ Dabei ist auch zu vergegenwärtigen, dass, worauf Thomas Kuczynski aufmerksam macht, das „Verhältnis von formeller und reeller Subsumtion (…) keineswegs rein historischer Natur“ ist. Übertragen lässt sich, was Marx in Bezug auf Lehrer, Schauspieler etc. ausführte, obgleich sie dem Publikum resp. den Schülern „gegenüber keine produktiven Arbeiter sind, sind sie es ihrem Unternehmen gegenüber.“ Denkt man an heutige „Laienpflegearbeit“ (Haubner), an Ein-Euro-Jobber, an Beschäftigungsmaßnahmen u.a.m. bleibt Marx’ Bemerkung richtig, dass alle „diese Erscheinungen der kapitalistischen Produktion auf diesem Gebiet (…) so unbedeutend (sind), verglichen mit dem Ganzen der Produktion, dass sie gänzlich unberücksichtigt bleiben können.“ Dass es (über die Analyse des „Ganzen“ hinaus) für politische Aktivierung dann doch nicht so „gänzlich unberücksichtigt“ blieb, zeigen die Studien des „Projekt Klassenanalyse“ von 1972 ff., wo es bereits hinsichtlich der „Aufhebung der trennenden Schranken“ hieß: „Um dieser Kernforderung nach Aktionseinheit der Fraktionen der Arbeiterklasse zum Durchbruch zu verhelfen, muss in den einzelnen Forderungen der verschiedenen Gruppierungen stets zugleich das allen Gemeinsame, das Grundlegende der Gruppeninteressen, als das Klasseninteresse hervorgehoben werden.“ Somit kreist man um ein älteres Problem und man entfernt sich nicht von Marx und es scheint auch nicht notwendig, seine Analyse durch beigesellte Begriffe zu sättigen, weil es auf das „Grundlegende“ankommt. Die ‚Klassenfrage‘, wie sie derzeit von recht verschiedenen linken Positionen her kontrovers diskutiert wird (z.B. Haman, Standing, Mezzadra/Neumann), wird im Begriff der „Zielgruppe“ bei van der Linden berührt und van der Pijl relativiert vorschnelle Hoffnungen auf mögliche Entwicklungen von ‚Klassenbewusstsein‘ mit seinem Hinweis auf die „schutzlose menschliche Masse“, was, wie bei Schmalz, von der Warnung vor einem „vorschnellen Abgesang auf das kapitalistische System“ gestützt wird. Was später bei Butollo und Sevigniani betont wird, dass an den „Grundfesten des Lohnarbeitsverhältnisses“ zu rütteln ist, kommt auch bei Haubner im „stufenweis ‚nach unten‘“ weitergegebenen Ausbeutungsdruck zum Ausdruck, was, so Lindner, in die „Gemengelage von Ungleichheitsverhältnissen“ gehört, deren Empirie strengere klassentheoretische Verortungen und damit die Bestimmung von Bewusstseinsformen erschwert – das ist (empirisch) ersichtlich richtig und gehört ‚politisch‘ diskutiert.

Mit ihrem ökonomiekritischen Beiträgen u.a. bezüglich der „Rechtfertigung der ‚Erscheinungsebene‘ des kapitalistischen Produktionsverhältnisses“ (Sparsam) und der Frage nach den Prämissen, um „den ökonomischen Imperialismus zu kritisieren“ (Streckeisen), wird im Grunde schon zu Fragen um „Ideologie und ideologische Apparate“ übergeleitet, wobei Soiland implizit auch um neoliberale Subjektivierung kreist, wenn auch mit anderem Schwerpunkt, worin deutlich wird, wie jeweils auch historisch aktuell der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ dann ebenso aktuell und ideologisch gestützt das „gesellschaftliche Bewußtsein“ (Marx) prägt. Eine Aufnahme und marxistische Kritik von Foucault und Deleuze böte sich als Anschlussdiskussion an.Selbstredend sind „Nischen“ nicht zu übersehen, in denen nach Martin die „Produktions- und Rezeptionsvoraussetzungen der Kulturindustrie“ unterlaufen werden können oder könnten, was aber anhält, weiter die ‚Vermarktungsfallen‘ und im Anschluss an Marx auch da den Begriff der Ware im Auge zu behalten und gegenstandsbezogen zu diskutieren, womit man sicher auf Adorno und seine ‚ästhetischen Schriften‘ und seinen Begriff der „falschen Unmittelbarkeit“ käme – und sich inne bleiben muss: Der Kunstmarkt schläft nicht. Rehmanns Hinweis auf „Christliche Befreiungstheologen“ im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der „Marx'schen Religionsanalyse“ dürfte ein vorschnelles ideologisches Abwinken in Nachdenken über Bündnispolitik für den Zweck der Erreichung einer befreiten möglichst Weltgesellschaft lenken – auch eine Herausforderung, die bei Strafe des möglichen Untergangs durch den „Gegenwartskapitalismus“ gestellt ist.

Dahin gehört ganz wesentlich die Überwindung „nicht-nachhaltiger gesellschaftlicher Naturverhältnisse“, die nur, so Barth, durch eine „breite gesellschaftliche Bewegung“ zu bewerkstelligen sein wird, womit einmal mehr die immer wieder im Band meist implizit aufgeworfene Frage nach politischen Strategien, nach Initiationsmomenten, nach Subjekten, die ihre Geschichte – anders – machen wollen, aufgeworfen wird. Ein Beitrag, der das Recht behandelt, mit dem zu zeigen wäre, wie eine „Umformung der rechtsstaatlichen Grundsätze in Rechtsnormen als Bestandteil einer insgesamt kapitalistischen Rechtsordnung zur Aufrechterhaltung von Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen bei(trägt)“ (Klenner), wogegen Opponenten prallen, fehlt wohl auch darum, weil Marx sich in seinen Schriften dazu nicht ausführlicher geäußert hat. Aber auch ohne diesen nicht unwesentlichen Aspekt kann mittels der Beiträge deutlich werden, was die häufiger zitierte Rosa Luxemburg zu ihrer Zeit recht drastisch formulierte, was aber nicht nur cum grano salis auch heute noch gilt, insbesondere beim Blick über den Tellerrand der nördlichen Welthalbkugel. Sie entschleierte „die bürgerliche Gesellschaft so wie sie ist: geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend; nicht wenn sie, geleckt und sittsam, Kultur, Philosophie und Ethik, Ordnung, Frieden und Rechtsstaat mimt.“ Auch darum, weil die Aufmerksamkeit gegenüber solchen Zuständen eben auch durch Wissenschaft wachzuhalten ist, weil darüber hinaus bei jedem einzelnen Problem zu vermitteln ist, dass kapitalistische Ökonomie und Eigentum an Produktionsmitteln ursächlich sind, ist dem Band möglichst weit über das Marx-Jahr hinaus eine breite Leserschaft nicht nur unter Soziologie-StudentInnen zu wünschen.


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Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 14.06.2018 zu: Tine Haubner, Tilman Reitz (Hrsg.): Marxismus und Soziologie. Klassenherrschaft, Ideologie und kapitalistische Krisendynamik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3054-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24243.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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