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Michael Hardt, Antonio Negri: Assembly. Die neue demokratische Ordnung

Cover Michael Hardt, Antonio Negri: Assembly. Die neue demokratische Ordnung. Campus Verlag (Frankfurt) 2018. 409 Seiten. ISBN 978-3-593-50873-3. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,60 sFr.
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„Wir sind das Volk“

Es sind die Rufe und Sehnsüchte nach individueller und kollektiver Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, die Menschen immer wieder dazu bringen, sich aus den eingerichteten Idyllen und Selbstverständlichkeiten zu erheben, Blicke über den eigenen Gartenzaun zu richten und zusammen zu kommen. Es sind Anlässe zum Widerstand gegen Unterdrückung, Machtmissbrauch und Ideologie. Es sind Gegenwartswünsche nach einem guten, gelingenden, demokratischen Leben; und es sind Visionen für eine menschenwürdige Zukunftsgestaltung. Die afro-amerikanische Lyrikerin June Jordan (1936 – 2002) hat zum Aufbruch und Umdenken aufgefordert („Erzähl von uns und unserer Heimat“ – Kinder haben Rechte, überall auf der Erde, in: Jos Schnurer, Für Eine Welt – in Einer Welt. Überlebensfragen bei der Weiterentwicklung von Bildungs- und Erziehungsaufgaben in der Schule, Verlag Dialogische Erziehung/​Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2003, S. 217ff):

  • He! du dort mach dich auf wo immer du bist wir müssen zusammenkommen unter diesem Baum der nicht mal gepflanzt ist.

Die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat 1995 genau zu diesem Perspektivenwechsel aufgerufen: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sic h umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, Bonn 1997, S. 18).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Wenn Menschen zusammenkommen, kann das unterschiedliche Gründe haben: Aus Freundschaft und Sympathie; aus Feindschaft, zum Angriff oder zur Verteidigung; aus Spaß; zur Identifikation und Identitätsbestimmung; zur Abgrenzung… Es sind persönliche und reale Zusammenkünfte, oder virtuelle Absprachen im Netz; und es sind politische und soziale Bewegungen, die antreten, um gesellschaftliche Missstände zu beseitigen und eine neue Weltordnung zu schaffen, wie dies Antonio Negri und Michael Hardt in ihrem Buch „Empire“ vorschlagen (2003). Es ist die „Multitude“, die sich als Vielfalt und Singularität zeigt (siehe auch: Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​23620.php). Im Widerspruch und Widerstreit stehen sich dabei die grundlegenden Positionen von Individualität und Kollektivität, von Privateigentum und Commons, von Haben und Sein, von kapitalistischem, neoliberalem und gemeingutorientiertem, sozialem Denken und Handeln gegenüber. Eine neue, menschenwürdige Ordnung also bietet die Chance, „sich das Gemeinsame anzueignen und so Freiheit, Gleichheit, Demokratie und Wohlstand eine neue Gestalt zu geben“. Es sind die Jahrzehnte langen Aufrufe und Appelle, wie sie vom Club of Rome und anderen Institutionen und Personen zum Perspektivenwechsel auffordern, und wie sie von den Vereinten Nationen mit der Agenda 2030 als „Sustainable Development Goals“ festgeschrieben werden.

Der Literaturwissenschaftler von der Duke-University in den USA, Michael Hardt, und der Politikwissenschaftler von der Universität im italienischen Padua und der Pariser Sorbonne, Antonio Negri, rufen auf: „Es ist an der Zeit, zueinanderzufinden und zusammenzukommen“, ganz im Sinne Machiavellis, die Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen.

Ein Zwischenschritt

Die Frage, wie es dazu kommen kann, dass Idealisten, Revolutionäre und Selbstdenker dann, wenn sie Macht errungen haben, zum Machtmissbrauch neigen, wird immer wieder gestellt und in historischen und aktuellen Situationen nachgewiesen. Der in Berlin lebende, 1943 in Königsberg geborene Literatur- und Sozialwissenschaftler Michael Schneider, hat über den Franziskaner, Hofprediger und Aufklärer, den einflussreichsten deutschen Jakobiner Eulogius Schneider (1756 – 1794) einen Historienroman geschrieben (Der Traum der Vernunft, Köln 2001). Er schildert die Zu- und Umstände, wie der Erzjakobiner sein Ideal der Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit so hoch über die Menschen (stellte), dass er das Recht zu haben glaubte, sie unbarmherzig verfolgen und bestrafen zu dürfen, wenn sie dem Imperativ dieses Ideals nicht gehorchen wollten“ (vgl. dazu auch: Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/…php).

Aufbau und Inhalt

Die Studie „Assembly“ wird in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es um das „Problem der Führung“; im zweiten um „Gesellschaftliche Produktion“; im dritten um „Herrschsaft der Finanzökonomie und neoliberale Governance“; und im vierten Teil wird der „neue Fürst“ aufgerufen.

Mit der Frage: „Wo sind all die Köpfe hin?“, die über die Jahrhunderte hinweg immer wieder Initiativen und Hau-Rucks hervorbrachten, dass eine menschenwürdige, friedliche, gerechte und gleichberechtigte EINE WELT möglich ist? Ist der Anspruch zu führen, ein falscher? Muss „Führung“ in einer demokratischen Gesellschaft nicht anders definiert und getan werden? Brauchen soziale Bewegungen (k)einen „Führer“? Oder sind es einfach nur die falschen, die Deutungs- und Führungsmacht beanspruchen? Es braucht neue Initiativen: Wie kann eine Organisation ohne Hierarchie aufgebaut werden und funktionieren? Wie können Institutionen ohne zentralistische Strukturen entstehen und arbeiten? Es sind Fähigkeiten gefragt, wie das Wagnis, über den eigenen Gartenzaun zu schauen, Ein-, Um- und Weitsicht einzuüben, offen zu sein für Veränderungen, und sich verändern. Nur wenn es gelingt, sich der eigenen Identität zu versichern, können Beständigkeit und Wandel im Gleichgewicht sein. Eine der gefährlichsten Einstellungen sind populistische Haltungen, die in allzu vereinfachten Ja-Nein-Antworten die Lösung von komplizierten Problemen versprechen – und doch nichts anderes bezwecken wollen, als hierarchische Macht zu erreichen.

Das Plädoyer für soziale Bewegungen freilich kann und darf nicht die Ablösung von institutioneller Souveränität und Macht bedeuten und Autonomie und Souveränität aufzugeben; „vielmehr bedeutet es, souveräne Macht- und Herrschaftsverhältnisse ebenso hinter sich zu lassen, wie das Gebot der Einheit … keine Institutionen der Herrschaft über andere, sondern Institutionen, die Kontinuität und Organisation fördern, die uns helfen, die eigene Praxis zu strukturieren, unsere Beziehungen zu gestalten und zusammen Entscheidungen zu treffen“. Es sind die ideologischen und weltanschaulichen Herausforderungen, die im Umgang und als Widerstand gegen fundamentalistische, rechts- oder linksradikale und populistische Bewegungen notwendig sind (vgl. in dem Zusammenhang auch: Slavoj Žižek, Blasphemische Gedanken, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/​18832.php). Es gilt zu unterscheiden zwischen konservativem, konservativistischem und reaktionärem Denken. Und es kommt darauf an, die Welt human zu verändern, „durch eine grundlegende Veränderung der durch Macht bestimmten Verhältnisse, was wiederum Macht selbst transformiert“ (vgl. dazu: John Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen, 2002, www.socialnet.de/rezensionen/​10535.php).

Es sind die Menschenrechts- und Gouvernance-Grundsätze, die Macht legitimieren und begrenzen. Am Beispiel des Artikels 17 der „globalen Ethik“, wie die allgemeingültige und nicht relativierbare Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 bezeichnet wird – (1) Jedermann hat das Recht, allein oder in Gemeinschaft mit anderen Eigentum zu haben, und (2) Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden – zeigt sich die Janusköpfigkeit des Eigentumsrechts. In Artikel 14 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland wird in Absatz 2 festgestellt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll dem Wohl der Allgemeinheit dienen“. Die Frage – „Darf der Mensch alles realisieren, was er kann oder zu können glaubt“ – stellt sich insbesondere in den globalen Zeiten des „Anything goes“ und des „Alles ist machbar!“. Zur Durchsetzung der Gemeinwohl-Verpflichtung werden Allmende- und Commons-Argumente ins Feld geführt; und es gilt, mit Neoliberalismus- und Kapitalismuskritik neue Lebensformen für die Menschheit zu entwickeln, bis hin zu Fragen des Verhältnisses von Mensch und Maschine und der Besinnung auf die Marxsche Forderung, dass sich der Mensch auf das „fixe Kapital“, auf sich selbst, besinnen möge. Das Finanzkapital hingegen erzeugt destruktive, individuelle und lokal- und globalkollektive, unbeherrschbare Krisensituationen, die allein mit kosmetischen, unbehelligenden, strukturellen Veränderungen nicht gelöst werden können. Es braucht subversiver, konsequenter Mittel, die gesellschaftlich und politisch angewendet werden müssen, um die kapitalistischen und neoliberalen „Selbstverständlichkeiten“ überwinden zu können; etwa mit Aufforderungen, wie sie Antonio Gramsci bereits 1919 formuliert hat: „Unterrichtet euch, denn wir werden all unsere Intelligenz brauchen. Regt euch auf, denn wir werden all unseren Enthusiasmus brauchen. Organisiert euch, denn wir werden unsere ganze Stärke brauchen“. Und wir brauchen die „positive Subversion“, die der Umwelt- und Menschenrechtsaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) mit dem ins Hochdeutsche übersetzte, in Berner Mundart von Kurt Marti geschriebene Gedicht aufzeigt:

  • Wo kämen wir hin wenn alle sagten wo kämen wir hin und niemand ginge um einmal zu schauen wohin man käme wenn man ginge (Nach uns die Zukunft. Von der positiven Subversion, 1979).

„An erster Stelle steht das Kommune“, das sich in den Forderungen nach Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde ausdrückt und im demokratischen Recht auf Versammlung wirklich wird. Es ist das Unbehagen an dem unzulänglich Bestehenden, und es ist die Hoffnung auf Veränderung und auf gesellschaftsförderliche Reformen, die freilich nicht in „Reformismus“ abgleiten sollen. Es kann nicht die Forderung nach einem „neuen Fürsten“ sein, der das Empire wieder auferstehen lässt, vielmehr wäre eine neue Form von Governance zu denken, die sich nicht nur traut, die Urfragen nach dem Eigentum zu stellen – „Warum sollten die Waren, die aus den Fabriktoren rollen, den Arbeitern gehören, die sie hergestellt haben?“ – sondern die auch das humane, gerechte und menschenwürdige Zusammenleben der Menschen neu denkt? Die „Multitude“ bietet dafür die Grundlagen, etwa dadurch, neue Gemeinschaftsformen und Institutionen zu entwickeln.

Fazit

„Die Multitude, das sind immer viele, das ist immer ein Schwarm“. Es sind die Freiheiten, sich zu versammeln, gemeinsam auf Augenhöhe Grundlagen für eine Conditio Humana zu schaffen: „Die Freiheit der Versammlung und des Zusammenkommens markiert auch eine alternative (Lebens- und, JS) Produktionsweise der Subjektivität, die das, was wir tun, genauso auszeichnet wie das, was wir sind“.

In den Zeiten von Ego-, Ethnozentrismus, Kapitalismus und Neoliberalismus, von Rassismus uns Populismus ist die Suche nach alternativen, humanen Lebens- und Produktionsformen unerlässlich und menschheitsrettend. Das Autorenteam Michael Hardt und Antonio Negri stellt mit „Kommune“ (Commens) und „Assembly“ Auswege aus den falschen, menschenunwürdigen, lokalen und globalen Entwicklungen vor!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.03.2020 zu: Michael Hardt, Antonio Negri: Assembly. Die neue demokratische Ordnung. Campus Verlag (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-593-50873-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24249.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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