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Christiane Panka: Pflegedokumentation entbürokratisiert

Cover Christiane Panka: Pflegedokumentation entbürokratisiert. Reorganisation der Altenpflege mit dem Strukturmodell. Entbürokratisierte Pflegedokumentation. Hogrefe (Bern) 2018. 272 Seiten. ISBN 978-3-456-85740-4. 34,95 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Thema

Vom Strukturmodell zur Entbürokratisierung verspricht man sich eine schlankere Dokumentation und damit mehr Zeit für direkte Pflege. Dieses Buch zeigt Umsetzungshilfen, Praxisbeispiele, Chancen und Risiken auf.

Autorin

Christiane Panka ist Pflegewirtin und Qualitätsmanagerin.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung entstand aus den Erfahrungen aus Schulungen mit mehr als 700 MitarbeiterInnen von Pflegeeinrichtungen im Raum Berlin.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich nach eigenen Angaben an Pflegepraktiker und Führungskräfte in der Pflege.

Aufbau

Das Buch umfasst 305 Seiten.

  1. Teil 1 stellt das Strukturmodell mit den Hintergründen und Umsetzungshilfen vor,
  2. Teil 2 stellt die Beispieleinrichtungen vor und
  3. Teil 3 blickt in die Zukunft und prüft Risikobereiche.

Inhalt

Personenbezogene Dienstleistungsarbeit wie im Pflegeberuf erfordern von den Mitarbeitern Fachkompetenz und Erfahrung, pflegerische Leistungen an die individuelle Situation der zu pflegenden Person anzupassen. Die Annahme, nur Leistungen, die dokumentiert werden, wurden auch erbracht – und damit die Dokumentationsqualität der Pflegequalität gleichzusetzen – wandelt sich mit dem Strukturmodell zur Entbürokratisierung die Haltung zur Transparenz der Leistungserbringung bei gleichzeitiger Fokussierung professioneller Fachlichkeit.

Das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation ist 2012 entstanden. Grundprinzipien waren ein Weg ohne klassische Musterdokumentation, aber einer Grundstruktur für mehr Verfahrenssicherheit, Stärkung der Organisationsverantwortung der Träger für die freiwillige Umsetzung, die Stärkung der Fachlichkeit der Pflegenden bei Qualitätsprüfungen, eine höhere Identifikation mit der Dokumentation und die Abbildung der Sichtweise der zu pflegenden Person. Panka skizziert in diesem Buch die Hintergründe und erläutert das Strukturmodell anhand des sechsschrittigen Pflegeprozesses. Die strukturierte Informationssammlung (SIS) ergibt pflegerelevente Informationen. Sechs Themenfelder sind in der Erhebung von Problemen und Ressourcen leitend:

  1. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
  2. Mobilität und Bewegung
  3. Krankheitsbedingte Anforderungen und Belastungen
  4. Selbstversorgung
  5. Leben in sozialen Beziehungen
  6. Haushaltsführung/Wohnen

Eine Risikomatrix lenkt den Blick auf potentielle Gefahren und ob weitere Einschätzung nötig sei. Danach werden Ziele sowie Maßnahmen festgelegt. Die Dokumentation der durchgeführten Maßnahmen und wie die Evaluation fokussieren auf Abweichungen und tagesaktuelle Ereignisse.

Die Praxisbeispiele stammen aus verschiedenen Einrichtungen in und um Berlin. Jede der Einrichtungen stellt zunächst die eigenen Arbeitsfelder und -struktur vor. Die Ausgangslage im Bereich der Dokumentationen zeigt die Startbedingungen auf. Zudem werden Strategien zur Umstellung auf das Strukturmodell sowie Auszüge aus der alten und neuen Dokumentation vergleichend gezeigt. Verfahrensanleitungen legen die Anpassung von Qualitätsmanagement-Dokumenten fest. Besonders für die ambulanten Pflegedienste ist Dokumentation im Bereich des Sozialgesetzbuchs V erforderlich. In ihrem Fazit empfiehlt eine Einrichtung die Umstellung, weist aber auch auf den Paradigmenwechsel hin, der damit einhergeht. Sie stellen eine Reduktion des Dokumentationsaufwandes (nach anfänglichem Mehraufwand in der Umstellungsphase) und mehr Beachtung der pflegerischen Fachlichkeit fest. Dies wird als ein großer Beitrag zur Professionalisierung des Berufs gesehen.

Der dritte Abschnitt betrachtet sechs Risikobereiche. Das neue Begutachtungsinstrument erfordert ein systematisches Pflegegradmanagement, ggf. angepasste sinnvolle Tools und Dokumentationsformen und die Frage der Formulierung des Hilfebedarfs für die Begutachtung des MDK. Die Expertenstandards, die Personalbemessung und der Fachkräftemangel werden kurz angesprochen. Durch die Indikatorenbildung in der derzeitigen Qualitätsprüfungsrichtlinie besteht aus Sicht der Autorin die Gefahr einer vermehrten Dokumentation. Zum Thema Prävention und Gesundheitsförderung sollte die Dokumentation im Idealfall in die SIS und Maßnahmenplanung integriert werden, um Doppeldokumentationen zu vermeiden.

Panka konstatiert die Ansiedlung auf Bundesebene, die Organisation des Informationswesens, das Schneeballprinzip des Lernens und die Offenheit des Systems als Vorteile des Strukturmodells. Sie stellt die monetären und zeitlichen Einsparpotenziale heraus und betont die hohe Wertschätzung der Fachlichkeit.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Panka enthält viele Praxistipps, dennoch bleibt das Strukturmodell ein komplexes Thema und auf den ersten Blick auf die theoretische Grundlage wird Pflegedokumentation nicht einfacher. Sechs Schritte im Pflegeprozess sind aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß, die Definition des Pflegeprozesses sollte sich an der Sichtweise der WHO orientieren.

Von hoher Relevanz und sehr informativ für eigene Umsetzungsbestrebungen sind hingegen die Praxisbeispiele. Unterschiedliche Einrichtungen – stationär, ambulant, Träger mehrerer Einrichtungen – stellen ihren Projektlauf auf dem Weg zur Umsetzung vor und bieten dabei wichtige Informationen wie Projektpläne, die Öffentlichkeitsarbeit, Schulungskonzepte im Kontext der jeweiligen Besonderheiten an und ziehen durchweg eine positive Bilanz. Mit Screenshots aus elektronischer Dokumentation und Bildern der Projektarbeit wird der praktische Bezug deutlich.

Die Akteure betonen die Stärkung der pflegerischen Fachlichkeit. Aus berufspolitischer und professionstheoretischer Sicht begrüße ich diesen Aspekt, möchte aber auf die aktuellen Entwicklungen zum Pflegeberufereformgesetz hinweisen, die die Ausbildung der Altenpflege in den Kompetenzen degradiert. Diese gegenläufigen Strömungen lassen Konflikte im Feld erwarten.

Fazit: Die Umstellung auf das Strukturmodell zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation ist kein Selbstläufer. Dieses Buch zeigt die theoretische, mehr aber noch die praktische Seite der Umsetzung und geht auf Chancen und Barrieren ein.


Rezensentin
Dr. sc.hum. Nina Fleischmann
M.A. Public Health und Pflegewissenschaft
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Zitiervorschlag
Nina Fleischmann. Rezension vom 30.07.2018 zu: Christiane Panka: Pflegedokumentation entbürokratisiert. Reorganisation der Altenpflege mit dem Strukturmodell. Entbürokratisierte Pflegedokumentation. Hogrefe (Bern) 2018. ISBN 978-3-456-85740-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24250.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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