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Eva Koppenhöfer, Peter Neudeck: Genussverfahren

Cover Eva Koppenhöfer, Peter Neudeck: Genussverfahren. Techniken der Verhaltenstherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 168 Seiten. ISBN 978-3-621-28556-8.

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Thema

Anliegen der sog. Genusstherapie ist es, Patient*innen für eine positive Wahrnehmung sensibilisieren. Dieses verhaltenstherapeutische Konzept wurde von Eva Koppenhöfer entwickelt und basiert auf positivem Empfinden und Handeln als Fokus der Therapie. Dazu werden gezielte Übungen dargestellt, die alle fünf Sinne ansprechen sollen. Die Methode kann symptomunspezifisch eingesetzt werden und ist daher bei unterschiedlichen Krankheitsbildern, beispielsweise Depression, Zwangserkrankungen oder Tinnitus, einsetzbar. Aufgrund der vielseitigen Einsatzmöglichkeiten bietet das Verfahren einen breiten Reigen an kreativen und flexiblen anwendungsorientierten Übungen.

Autorin

Eva Koppenhöfer ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Wiesloch.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst zwölf Kapitel und einen ausführlichen Anhang mit Arbeitsmaterialien etc. Folgende Schwerpunkte werden gesetzt:

  1. Grundlagen
  2. Indikation und Kontraindikation
  3. Vorgehensweise
  4. Genusstherapie
  5. Riechen
  6. Tasten
  7. Schmecken
  8. Schauen
  9. Horchen
  10. Konkretisierung am Beispiel verschiedener Störungsbilder
  11. Übergeordnete Wirkfaktoren
  12. Evaluation

Die Genusstherapie ist eine Therapieform, die unmittelbar aus der praktischen therapeutischen Arbeit der Autorin entstanden ist und in diesem Kontext sowie im Austausch mit engagierten „Genusstherapeuten“ weiterentwickelt wurde (13).

Anliegen des Buches ist es, Therapeut*innen die erforderlichen Kenntnisse zu vermitteln, die zur eigenständigen Durchführung der Genusstherapie erforderlich sind. Dabei wird diese definiert als „ein störungsübergreifender Behandlungsansatz, der als unmittelbares Ziel den Aufbau von positivem und gesundem Erleben und Verhalten in den Mittelpunkt stellt.“ (16). Als verhaltenstherapeutisches Verfahren orientiert es sich an funktionalen und lerntheoretischen Grundsätzen.

In der Genusstherapie wird dazu eine problemferne, positive Reaktion aufgebaut: Als auslösende Bedingung wird dabei auf der Mikroebene des Verhaltens eine Sinneswahrnehmung auf eine zuvor ausgewählte positive Stimulanz bewirkt. Zentrales Anliegen der Genusstherapie ist es, ganz persönliche Lebenswerte zusammenzustellen, wiederzuentdecken und entsprechend zu justieren (18).

Im weiteren Verlauf des Kapitels nimmt die Autorin eine Einordnung in diverse theoretische Kontexte vor, z.B. verschiedene philosophische Konzepte, das Salutogenese-Konzept oder auch die Positive Psychologie und kommt dabei zum Schluss, dass „sich die Genusstherapie als gesundheitsförderndes Therapieverfahren überschneidet mit einer Reihe von salutogenetisch orientierten Theorien und Behandlungskonzepten“ (23).

Das zweite Kapitel befasst sich mit Fragen der Indikation bzw. Kontraindikation für die Genusstherapie sowohl im Einzel- wie auch im Gruppensetting. Da die Genusstherapie das Ziel verfolgt, gesundes Verhalten unabhängig von einer gleichzeitig bestehenden Erkrankung aufzubauen, gibt die Autorin keine krankheitsspezifischen Indikationen vor. Zugleich wird betont, dass diese Therapieform besonders für unterschiedlichste Settings geeignet ist, eine hohe Flexibilität aufweist, als Unterstützung für eine erfolgreiche Therapie genutzt werden und zur Vermittlung neuer Perspektiven beitragen kann.

Kapitel 3 bis 9. Diese Kapitel stehen im Mittelpunkt des Therapiemanuals und stellen ausführlich die Genusstherapie im einzeltherapeutischen Setting dar. Modifikationen für eine Umsetzung im gruppentherapeutischen Setting werden vorgeschlagen. Orientiert an den fünf Sinnen und sieben Genussregeln werden die einzelnen Therapieabschnitte präsentiert und Vorschläge für die Ausgestaltung des Therapieprozesses erläutert. Diese werden mit einer Auswahl von konkreten praxisorientierten Beispielen veranschaulicht, welche im Rahmen langjähriger Erfahrungen mit der Genusstherapie zusammengetragen worden sind.

Für die Genusstherapie hat sich die folgende Reihenfolge für die einzelnen Sinnesbereiche bewährt:

  1. Riechen
  2. Tasten
  3. Schmecken
  4. Schauen
  5. Hören.

Die Autorin gibt in Kapitel 3 „Vorgehensweise“ einen Überblick über den inhaltlichen Ablauf einer Therapiestunde und erläutert ihn dann im Detail. Schwerpunkte werden gesetzt auf: Übergeordnete Therapieziele, Genussregeln, Genussplakate: graphische Darstellungen, Animations- und Therapiematerialien, die Vorstellung der übergeordneten Aspekte, die geleitete Vorstellungsübung, die Nachbesprechung, die Hausaufgaben und das Therapeut*innenverhalten. Ergänzt wird diese Darstellung durch konkrete Tipps und praktische Übungen.

In Kapitel 4 „Genusstherapie“ werden Hinweise zur Gestaltung von gruppen- und einzeltherapeutischen Settings gegeben. Zudem wird eine angeleitete Einführung präsentiert.

Kapitel 5 widmet sich dem Riechen. Die Autorin vermittelt biologisches, neurobiologisches und psychologisches Grundwissen dazu und schlägt konkrete Übungen inklusive sogenannter Hausaufgaben vor. Alles Anweisungen sind detailliert formuliert. Das setzt sich in den nächsten Kapiteln für die anderen Sinnesbereiche fort.

Kapitel 6 nimmt das Tasten in den Blick und setzt neben über die allgemeinen Einführungen hinaus Schwerpunkte mit dem Ertasten von Basisqualitäten, dem Tasten bei Bewegungsimpulsen, dem Tasten im Sinne von sich Berühren lassen und dem Tasten durch Selbstberührung, fort.

Kapitel 7 fokussiert auf das Schmecken und hier vor allem auf das taktile Schmecken einerseits (hart, weich, trocken, saftig) und andererseits auf das geschmackszentrierte Schmecken (süß, bitter, sauer, salzig). Auch hier jeweils unterstützt durch Illustrationen, vielfältige Tipps und detaillierte Übungen und Aufgaben.

Kapitel 8 widmet sich dem Schauen. Über die allgemeinen Informationen hinaus bietet die Autorin Informationen und Übungen zum Wahrnehmen von Farben, Strukturen und Bewegungsabläufen.

Kapitel 9 stellt das Hören in den Mittelpunkt und bietet dazu Hintergrundinformationen und praktische Übungen für den/die Therapeut*in an.

Kapitel 10 widmet sich der Konkretisierung der Möglichkeiten der Genusstherapie am Beispiel verschiedener Störungsbilder. Die Genusstherapie als störungsunabhängiges, transdiagnostisches Therapieverfahren ist ein in sich abgeschlossenes eigenständiges Therapiemodul, das zusätzlich zum »klassisch« problemorientierten Vorgehen zum Einsatz kommt. Dazu empfiehlt die Autorin, die Genusstherapie bei bestimmten Störungsbildern in Teilen so anzupassen, dass sie die »traditionelle« Therapie im Sinne einer Reduzierung der Symptomatik unterstützen. Beispielhaft erläutert die Autorin das in Hinblick auf Depression, verschiedene Formen der Angst, pathologische Trauer, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Zwangsstörungen, Essstörungen, körperdysmorphe Störung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Schmerzstörungen, Schizophrenie und Suchterkrankungen.

Kapitel 11 benennt einige Wirkfaktoren, die den Effekt der Genusstherapie begründen, noch einmal zusammenfassend und unterlegt sie mit Beispielen aus der therapeutischen Arbeit. Als wesentliche Wirkfaktoren dürfen gelten:

  • Beschäftigung mit neutralen bis positiven gedanklichen Inhalten
  • Abrunden der eigenen Geschichte
  • Veränderung der Selbstwahrnehmung
  • Vervollständigung der aktuellen Situation
  • Sensibilisierung für die Wahrnehmung positiver Aspekte
  • Differenzieren lernen
  • Wissen, was guttut
  • Hilfe bei der Therapiezielfindung
  • Konzentration und Achtsamkeit
  • Auffinden individueller Bewältigungsstrategien
  • Einfluß auf die Stimmung nehmen
  • Stellenwert von sinnlich-positivem Erleben erhöhen
  • Voneinander lernen
  • Selbstdarstellung in der Gruppe
  • Therapeutische Kontaktgestaltung
  • Modelllernen innerfamiliär und über Generationen hinweg
  • Modelllernen über Kulturen und Völker hinweg.

Das zwölfte, abschließende Kapitel befasst sich schließlich mit den bisher vorliegenden Wirksamkeitsstudien. Die Autorin stellt verschiedene Evaluationen vor, die insgesamt deutlich gemacht haben, dass die Genusstherapie „nicht nur zu einer Reduktion der Symptomatik führt, sondern darüber hinaus übergeordnete Fähigkeiten vermittelt, psychische Belastungen konstruktiv zu bewältigen und damit psychische Gesundheit fördert.“ (137).

Abschliessend weist sie darauf hin, dass die Genusstherapie in den vergangenen 20 Jahren in vielen klinischen Einrichtungen fester Bestandteil der ambulanten und stationären Versorgung geworden ist und zudem Eingang in die pflegetherapeutische Ausbildung gefunden hat.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch stellt ein interessantes, ganzheitliches und vielseitiges Therapiekonzept vor. Es erfolgt eine solide theoretische Verortung und eine solide Einführung. Die Autorin bietet umfangreiche und ausführliche Vorschläge für den vielfältigen Einsatz in den unterschiedlichsten Therapiesettings und bei unterschiedlichen Krankheitsbildern. Das Buch bietet zahlreiche Tipps für den Einsatz, viele konkrete Übungen inlusive Anweisungen für den /die Therapeut*in und zusätzliche Arbeitsblätter.

Durchaus verzichtbar wären die sog. Prüfungsaufgaben, mit deren Hilfe sich das Wissen über die Genusstherapie abfragen bzw. testen läßt. Diese sind doch sehr stark auf klassische Wissensreproduktion angelegt und die starke Handlungs- und Anwendungsorientierung, die sonst so typisch für dieses Werk ist, findet hier leider keinen Niederschlag.

Sehr positiv hervorzuheben ist hingegen, dass nicht nur das Buch selbst zusätzlich und kostenfrei zum Download bereit steht, sondern auch noch weiteres Arbeitsmaterial!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 04.07.2018 zu: Eva Koppenhöfer, Peter Neudeck: Genussverfahren. Techniken der Verhaltenstherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28556-8. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24251.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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