socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Boris Cyrulnik: Scham. Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls

Cover Boris Cyrulnik: Scham. Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls. Fischer & Gann (Munderfing) 2018. 248 Seiten. ISBN 978-3-903072-72-5. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Boris Cyrulnik diskutiert die vielen Facetten dieser universellen, wenn auch noch immer oft tabuisierten Emotion Scham auf der Basis von Erkenntnissen aus Hirnforschung und Psychologie und anhand vieler Fallgeschichten aus seiner therapeutischen Arbeit und vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen als Holocaust-Überlebender.

Autor

Boris Cyrulnik ist Neuropsychiater und überlebte als „verstecktes Kind“ den Holocaust. Er lehrt an der Universität Toulon. Er forscht zu Resilienz und ist einer der bekanntesten französischen Psychotherapeuten.

Aufbau und Inhalt

Als zentralen Ausgangspunkt seiner Auseinandersetzung beschreibt Cyrulnik: „die Scham, dieses vergiftende Gefühl, dieser Abszess in der Seele, ist nicht unheilbar. Wir können im Laufe unseres Lebens mit seinen Veränderungen von der Scham zum Stolz übergehen: das hängt nicht zuletzt davon ab, welchen Platz wir in der Gruppe unserer Zugehörigkeit übernehmen.“ (19)

Cyrulniks Buch umfasst sechs Kapitel

  1. Aus der Scham heraustreten wie aus einem Erdloch
  2. Der Tod in der Seele – Die Psychologie der Scham
  3. Die Scham ist ungerecht
  4. Die Biologie der Scham
  5. Schamesröte
  6. Ein schönes Paar: Scham und Stolz

sowie ein Nachwort und eine Einleitung.

Cyrulniks hat den Holocaust als sogenanntes verstecktes Kind überlebt. Diese Erfahrungen prägen auch seine Darstellungen und Auseinandersetzungen in diesem eher essayistisch geschrieben Buch ebenso wie seine Erfahrungen als Therapeut. Scham ist für ihn vor allem negativ konnotiert. Es gilt, diese Scham zu überwinden, aus „ihr heraus zu treten, wie aus einem Erdloch“, sie ist aus seiner Sicht „das Gift in der eigenen Seele“, über das zu sprechen schwer fällt, „weil man sich, indem man den Grund seiner Scham eingesteht, dem anderen ausliefert und ihm Macht verleiht, einen zu verurteilen.“ (26). Wobei der Autor davon ausgeht, dass mit zunehmenden Alter, die Scham etwas von ihrer Macht einbüßt, weil sich Menschen eher akzeptieren wie sie sind und zu ihrer Persönlichkeit stehen (30). Dabei ist Scham ein Gefühl, das sehr häufig empfunden wird, aber über das wenig gesprochen wird, oft auch nicht mit vertrauten Personen wie Partner*innen oder Freund*innen (38).

Cyrulnik arbeitet heraus, dass dieselben Ereignisse und Umstände, die Scham auslösen, auch zu Stolz führen können (42 ff; 195ff), je nachdem „wie die Umgebung sie betrachtet“. Dabei versteht er Scham als universales Gefühl, wenn er schreibt: „Jede menschliche Gruppe richtet es so ein, dass sie diejenigen, die nicht zu ihrer Kultur – ihrer Art der Bildung und Lebensweise – gehören, Scham einflößt. Durch einschlägige Inititationsriten können die Eingeweihten einander erkennen: Diejenigen, die wissen, wie man sich vorstellt, wissen, wie man einen Handkuss gibt; die Gespräche auf die Menschen ihrer Zugehörigkeitsgruppe ausrichten und deren Manieren und Redensarten teilen, geben sofort zu erkennen, dass sie sich von anderen absetzen. Ein herablassendes Lächeln oder übertriebene Höflichkeit demütigen den Fremden, der diese Kodes nicht beherrrscht. Nicht-Eingeweihte, die nicht zu der Gruppe gehören, fühlen sich ausgeschlossen und sind damit nicht vertraut. Sie kommen sich unbeholfen vor und werden in eine Lage versetzt, in der sie Scham empfunden.“ (66). Wieviele andere Autor*innen auch, betont auch Cyrulnik den Blick der/des Anderen als entscheidend für das Empfinden von Scham (78). Will man sie überwinden, ist aus Sicht des Autors vor allem die Unterstützung aus dem Umfeld entscheidend (106) und es ist wichtig, so Cyrulnik, dass man sich von der Scham befreit, indem man seine Psyche ändert (108), wozu gehört, dass man von einem beliebigen Punkt des Systems aus, Einfluss nimmt (113), das kann eine Zuschreibung sein oder Veränderungen des Selbstbildes etc.

Wenn auch möglicherweise für das Schamempfinden bestimmte genetische Dispositionen geben mag, können durch das Resonanzphänomen nach Auffassung des Autors Veränderungen herbeigeführt werden (123). Er führt dazu an: „Wie persönliche Vulnerabilität erworben wird, hängt von den Gefühlen der Anderen ab.“(123). Als einen entscheidenden Faktor in diesem Zusammenhang identifiziert er Bindung und führt aus, dass „Stolz einschließt, während die Scham ausschließt.“ (131).

Scham ist oft mit sehr großem Schmerz verbunden und wird in diesem Zusammenhang auch oft missbraucht, etwa im Kontext von Strafe und Bestrafung bis hin zur Folter (142). Die Folgen dieser toxischen Scham beschreibt der Autor eindrücklich: „Wenn wir keine Beziehungen mehr haben, zerstört die Scham, die durch äußere Umstände in uns eingepflanzt wurde, die wichtigsten Resilienzfaktoren. Dann brüten wir vor uns hin und füllen damit die Leere, die sich aus unserer Vermeidungsstrategie, mit der wir uns vor erbärmlichen Beziehungen schützen wollten, ergeben hat. In einer unendlichen Schleife wiederholen wir die Gründe, weshalb wir uns schlecht fühlen müssen, und schärfen so unsere Wahrnehmung dahingehend, dass sie uns körperlichen Schmerz zufügt.“ (143).

Unter anderem richtet der Autor sein Augenmerk auch auf den komplexen Zusammenhang zwischen Scham und Exilerfahrungen, hier am Beispiel der Maya in Guatemala (161ff) und betont auch hier die besondere Notwendigkeit von Bindungen, die z.B. auch über besondere Rituale gelebt werden können bzw. müssen. Im Anschluss arbeitet er heraus, was dies für Migrationszusammenhänge etwa in Frankreich bedeuten könnte.

In diesem Zusammenhang geht er auch auf die Erfahrungen der sogenannten versteckten Kinder ein: „die versteckten Kinder haben ihr Leben damit verbracht, sich zu verstecken, und die Scham tief in sich versenkt. Andere hingegen mussten die Leere, die das am Anfang ihrer Geschichte stehende Verschwinden hinterlassen hatte, auffüllen und haben sich in Kreativität geübt. Sie verwandelten die Angst vor dem Abgrund in Freude an einem Rätsel, das gelöst werden wollte. Soweit in den Erzählungen ringsum für dieses Geheimnis Interesse bestand, sah das versteckte Kind die Möglichkeit gekommen, sich auszudrücken, etwas mit seiner Verletzung anzufangen. Das leere Grab im Innern wurde zum Grundstein eines Kunstwerks (Roman, Film, Essay) und ermöglichte es dem Opfer, das Gegenstand von Misshandlungen war, zum Subjekt zu werden, das Thema eines imginären Werkes wird.“ (183).

Cyrulnik vertritt die Auffassung, „dass Scham keinen Zweck erfüllt. Deshalb redet sich der Beschämte ein, sie sei tugendhaft. Er glaubt, er sei aus Respekt vor den anderen beschämt, weil er ihrem Blick zu viel Bedeutung beimisst, was durchaus richtig ist. Indem er den anderen erhöht, erniedrigt er sich selbst. So wird die Scham zu einer Waffe, die der Beschämte denen aushändigt, die ihn anschauen.“ (197). Wobei der konkreteAuslöser für dieses Gefühl davon abhängt, „welchen Stellenwert wir den kollektiven Vorstellungen einräumen“ (207), also z.B. welcher Kontext gegeben ist in Bezug auf die Vorstellung von Ehre, Treue, Gehorsam etc. Zugleich geht der Autor davon aus, dass es eine relevante psychosoziale Dimension gibt: „Da der psychosoziale Kontext eine herausragende Rolle dabei spielt, ob ich mit einer Tatsache ein Gefühl der Scham oder des Stolzes verbinde, wäre es vorstellbar, die Kultur so zu beeinflussen, dass ich aus der Kultur heraustreten kann. Aha seltsam!’ Aus der Scham heraustreten’, so wie man aus einem Fuchsbau heraustritt, so wie man sich zeigt, nachdem man sich versteckt hatte?“ (214).

Diskussion und Fazit

Cyrulnik legt hier ein sehr spannendes – eher essayistisch anmutendes – Buch über Scham vor. Wichtig und in dieser Form besonders sind vor allem seine Ausführung aus seiner Perspektive als Holocaust-Überlebender, die er als sog. verstecktes Kind machte und hier auch gewissermaßen autobiographisch auf einer Metaebene reflektiert. Diese Ausführungen und Überlegungen sind sehr ausdrucksstark und oft berührend. Er stellt seien Überlegungen aber auch durchaus in zeitgenössische Zusammenhänge, z.B. von Flucht und Vertreibung. Sein Verständnis der Scham ist vor allem von einem toxischen Schambegriff geprägt, einer Scham, die Menschen klein- und krankmacht, vergiftet, foltert. Scham, die es zu überwinden gilt. Konzepte und Ansätze, die in Scham durchaus einen entscheidenen Faktor für individuelle und kollektive Weiterentwicklung sehen, finden hier keine Berücksichtigung. Dennoch: ein wichtiges und lesenswertes Buch!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
E-Mail Mailformular


Alle 123 Rezensionen von Elisabeth Vanderheiden anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 19.10.2018 zu: Boris Cyrulnik: Scham. Die vielen Facetten eines tabuisierten Gefühls. Fischer & Gann (Munderfing) 2018. ISBN 978-3-903072-72-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24252.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung