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Simon Egbert, Henning Schmidt-Semisch u.a.: Drogentests in Deutschland

Cover Simon Egbert, Henning Schmidt-Semisch, Katja Thane, Monika Urban: Drogentests in Deutschland. Eine qualitative Studie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 276 Seiten. ISBN 978-3-658-15806-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

Das Autorenteam untersuchte in den Jahren 2013-2016, von der DFG finanziert, mit Hilfe qualitativer Methoden – Interviews mit allen Beteiligten, Auswertung von Internetforen und Dokumenten-Analyse – die Verbreitung, Praxis und Begründungen der Anwendung von Drogentests in Deutschland. Diese bisher bei uns kaum erforschte Technik konnte sich – nach dem üblichen US-amerikanischen Vorlauf – bei uns seit den 90er Jahren nach anfänglichem Widerstand nahezu ungebremst in diversen gesellschaftlichen Feldern ausbreiten, zumal sie sich allzu gut in die gegenwärtige vierpolige Drogenpolitik – Prävention, Therapie, Substitution, Repression – einfügen lässt: „Der Einsatz von Drogentests scheint mit moralischen Intentionen einer drogenfreien Gesellschaft ebenso zu korrespondieren, wie mit ökonomischen Zielvorstellungen von Produktivität und Sicherheit.“ (15). Dabei folge ihr Einsatz – entsprechend den davon betroffenen gesellschaftlichen Feldern – unterschiedlichen ‚Anwendungsrationalitäten‘, also „spezifischen Denk- und Bearbeitungsweisen, die auf bestimmten Wissensbeständen basieren und entsprechende Probleme definieren.“ (230).

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einführung zum Forschungsstand und in die vom Team verwendete qualitative Methodik folgt ein ausführlicher Überblick über die ‚detektionsanalytischen Grundlagen von Drogentests‘, die üblicherweise als Urin-Tests mit ggf. nachfolgender Blut-Untersuchung durchgeführt werden.

Ein erster Überblick über den derzeitigen Anwendungs-Bereich zeigt, dass sie heute über die traditionellen Felder der eigentlichen Drogen-Arbeit – Justiz, Therapie, Substitution – hinaus „in ganz unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen Alltags vorgedrungen sind. Es gibt kaum einen Bereich des gesellschaftlichen Lebens (mehr), über den mit Sicherheit gesagt werden kann, dass dort keine Drogentests zur Anwendung kommen.“ (66f). Von diesen werden in den Folgekapiteln die soziale Arbeit, die Schule und die Arbeitswelt näher dargestellt. Wobei die Soziale Arbeit durch die medial bekannten und skandalisierten Beispiele aus Bremen (Kevin), Hamburg (Chantal) sowie Sachsen (Crystal-Probleme in der Geburtshilfe) vertreten ist, die jeweils zu umfangreichen Neuregelungen führten. Drogentests werden hier als ‚risiko-manageriales Instrument‘ (117) verstanden, die sowohl der „Objektivierung einer prognostischen Gefahreneinschätzung“, wie der zusätzlichen Legitimation und Absicherung des professionellen Handelns dienen (101).

Auf der schulischen Ebene sind weniger die öffentlichen Schulen, denn die Internate betroffen, die heute durchweg zufällig verteilte Drogentests einsetzen, wobei „Drogentests heute ganz überwiegend als normaler Bestandteil des Internatslebens gewertet und kaum grundsätzlich in Frage gestellt“ und von den SchülerInnen selber akzeptiert werden. (128, 144): „Drogentests an Internaten können letztlich auch begriffen werden als Teil einer Überwachungs- und Kontrollkultur […], die insbesondere in den USA mit dem Wert der ‚Sicherheit‘ assoziiert ist, während in deutschen Internaten damit eher Fragen des Images und der Gemeinschaft verbunden sind.“ (154).

In der Arbeitswelt werden solche Tests vor allem in sicherheitsrelevanten Feldern der größeren Betriebe der (Schwer)-Industrie und der Personenbeförderung eingesetzt; und zwar vorwiegend im Rahmen der Einstellungs-Verfahren. Dabei dominieren an sich berechtigte Drogen- und Alkohol-bezogene Sicherheitsvorstellungen. Wobei allerdings der Drogen-Konsum – im Gegensatz zum gelegentlichen Alkohol-Konsum – bereits als solcher „grundsätzlich als ein risikoträchtiges Verhalten zu verstehen sei, welches die kognitive und körperliche Leistungsfähigkeit der Konsument*innen systematisch beeinträchtige.“ (166), wofür etwa das (sehr seltene) Phänomen des ‚flash-back‘ bzw. die unauffällig wirkende ‚kompensierte Abhängigkeit‘ sprächen (168f). Bei einem vorhandenen ‚blue-collar-bias‘ gäbe es jedoch keine moralische Abwertung, Bestrafungsinteressen oder Kriminalisierungsbestrebungen (183), zumal man bei Lehrlingen unter 16 Jahren häufig verständnisvoll reagiere und die betriebliche Suchtprävention zunehmend ausgebaut werde, was sich „nicht zuletzt daran zeigt, dass es eine eigenständige Facharztausbildung für Arbeitsmedizin gibt.“ (200): „Trotz des Primats der Wirtschaftlichkeit weisen unsere Daten aber durchaus darauf hin, dass Sicherheit und Gesundheit keineswegs als rein ökonomisch motivierte, sondern in der Regel als eigenständige Zielkategorien zu verstehen sind.“ (227).

Gleichwohl weisen die Autorinnen insgesamt kritisch auf zwei Punkte hin. Nämlich zunächst auf die Dominanz einer ‚pathogenetisch moralisierenden Sicht‘, die selbst den ‚leichten‘ Drogen-Konsum vom schlimmen Ende her verstehe. Und sodann auf die nur bedingte, da aktuell auf die Test-Situation bezogene Prognose-Kraft solcher Testungen: „Sicherheit in einem absoluten Sinne kann also auch durch Drogentests grundsätzlich nicht erreicht werden.“ (238), weswegen es sich im Bereich der Internate und der sozialer Arbeit „vor allem um symbolische Politik“ handele (236); mit dem Risiko, den Verdacht ‚vorzuverlagern‘, der damit den entsprechenden ‚täuschenden‘ Widerstand (243) wecke.

Fazit

Die Arbeit bietet auf dem noch relativ neuen, bisher arg vernachlässigten Feld der Drogentestung ein schönes Beispiel für die Ergiebigkeit qualitativer Forschung, die – keineswegs ohne theoretischen Hintergrund – vor allem Praxis-nah und ausgewogen deren Anwendung, wie die dahinter stehenden Motive und Konsequenzen derart aufzeigen kann, dass auch diese Praxis selber das Buch mit Gewinn aufnehmen sollte.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 22.05.2018 zu: Simon Egbert, Henning Schmidt-Semisch, Katja Thane, Monika Urban: Drogentests in Deutschland. Eine qualitative Studie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-15806-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24257.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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