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Wilfried Nippel: Karl Marx

Cover Wilfried Nippel: Karl Marx. Verlag C.H. Beck (München) 2018. 127 Seiten. ISBN 978-3-406-71418-4. 8,95 EUR.

Reihe: C.H. Beck Wissen - 2834.
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Die Reihe „Wissen“ des Beck-Verlags

Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Wissen“ des Beck-Verlags erschienen. Diese Reihe wird von manchen ihrer Kritiker(innen) als „bourgoise Leserliste zu ‚Was man weiß, was man wissen sollte‘“ angesehen. Ja, die Reihe hat sehr unterschiedliche Titel. Da finden sich „Die WTO“, „Klimapolitik“ und „Auschwitz“ neben „Wein“, „Die Ottonen“ und „Claude Monet“. Diese Bücher mögen ja nicht für jede Zielgruppe jeweils eine „Perle“ sein; jedes einzelne aber ist es für entsprechende Liebhaber(innen) sehr wohl eine solche. Auch der deutschsprachigen Sozialen Arbeit gefällt immer wieder ein Titel: Jürgen Kockas „Geschichte des Kapitalismus“ (2013, 3. Aufl. 2017; socialnet-Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/23160.php) etwa oder Philipp Lepenies' „Armut. Ursachen, Formen, Auswege“ (2017; socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/22149.php). Das vorliegende Buch passt in diese Auswahl.

Autor

Geschrieben wurde es von Wolfgang Nippel, Jg. 1950, 1992-2015 Professor für Alte Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin und dort seit 2015 Seniorprofessor; die entsprechende Habilitation wurde 1983 an der LMU München verliehen. Althistoriker behandeln gemeinhin die Antike: das klassische griechisch-römische Altertum und seine Ausläufer bis etwa 600 n.Chr.. Wolfgang Nippel hat aber schon vor einem Jahrzehnt einen Ausflug in die neuere Geschichte unternommen mit seiner ebenfalls bei Beck erschienenen und in Fachkreisen gelobten (vgl. etwa Jähne, 2009) Biographie „Johann Gustav Droysen. Ein Leben zwischen Wissenschaft und Politik“ (2008). Der „politische Historiker“ Johann Gustav Droysen lebte von 1808 bis 1884, Karl Marx von 1818 bis 1883.

Aufbau und Inhalt

Die beiden hätten sich persönlich begegnen können, saß doch Johann Gustav Droysen in den Revolutionsjahren 1848/1849 in der Frankfurter Nationalversammlung, deren Entmachtung und Zerschlagung Karl Marx nicht tatenlos zusehen wollte:

„Beide [Friedrich Engels und Karl Marx] sind [wohl anfangs der 4. Maiwoche 1849] zunächst nach Frankfurt gefahren, wollten dort einige linke Abgeordnete dafür gewinnen, die badische Revolutionsarmee zum Schutz der Nationalversammlung nach Frankfurt zu rufen. Danach appellierten sie an Einheiten der Aufständischen in Mannheim und Ludwigshafen, auf eigene Faust loszumarschieren, versuchten in Karlsruhe vergeblich, den Landesausschuss der badischen Volksvereine (die De-facto-Regierung nach der Flucht von Großherzog und Regierung) dafür zu gewinnen. Danach suchten sie in der Pfalz (die ihre Unabhängigkeit von Bayern erklärt hatte) Kontakt zur dortigen Provisorischen Regierung, bei der [als Armenarzt in die Geschichte eingegangene Carl] d'Ester als Berater mitwirkte. Nach Gesprächen mit d'Ester in Kaiserslautern (25./26. Mai) wollten sie nach Bingen, wurden von hessischen Truppen verhaftet, nach Darmstadt, dann nach Frankfurt verbracht. Nach der Freilassung in Frankfurt ging es nach Bingen; nach etwa fünf Tagen fuhr Marx am 2. oder 3. Juni nach Paris, Engels ging in die Pfalz, stritt sich mit der Provisorischen Regierung und schloss sich Mitte Juni einem von August Willich [dem bedeutendsten republikanischen Militär des badisch-pfälzischen Aufstands] geführten Freikorps an, das sich nach der Niederschlagung des Aufstands durch preußische Truppen einen Monat später über die Schweizer Grenze rettete.

Marx hat sich von d'Ester namens des nur noch auf dem Papier bestehenden Zentralausschusses der Demokraten ein Mandat geben lassen, in Paris ‚bei den französischen Sozial-Demokraten die deutsche revolutionäre Partei zu vertreten‘.“ (S. 57-58)

Die referierte Passage findet sich ungefähr in der Mitte der vorliegenden Biographie und markiert einen Wendepunkt im Marxschen Leben: ab Herbst 1849 lebt Karl Marx dauerhaft in London, wo er in der Bibliothek des British Museum das reiche Material für seine nunmehr verstärkt betriebenen Ökonomiestudien (damals und dort entstand „Das Kapital“) und 1883 auf dem Highgate Cemetery seine letzte Ruhestätte fand. Der obige Textauszug vermittelt einen Eindruck davon, wie detailliert und akribisch Wilfried Nippel in seiner Marx-Biographie Sachverhalte beschreibt. Aber er wäre nicht Historiker, würde er nicht zu begründeten Bewertungen kommen. Davon Zeugnis ablegen mögen die zwei Abschnitte, die der oben wiedergegebenen Textpassage unmittelbar nachfolgen und sich auf die deutschen Revolutionsjahre 1848/49 beziehen:

„Kritiker, ob von rechts oder von links, konnten es so sehen: Marx hat auf nationaler Ebene Politik immer nur mit seiner Zeitung gemacht, ohne Verständnis für die Entscheidungszwänge potentieller Verbündeter. Er hatte persönliches Risiko und eine Gefährdung seines Unternehmens (was die NRZ [Neue Rheinische Zeitung] im doppelten Sinne war) zu vermeiden gesucht. Er ließ sich in alle möglichen Gremien wählen, aber er tat nichts. Er rief zum bewaffneten Widerstand auf, aber bitte nicht in Köln [seinem Wohn- und Arbeitsort]. Er zog sich zurück, als andere seit Mai 1949 ihr Leben riskierten.

Des Reputationsproblems im (potentiell) eigenen Lager war sich Marx bewusst. Er hat sich im Juli/August 1849 mit Engels brieflich darauf verständigt, dass dieser seine Erinnerungen über den pfälzisch-badischen ‚Ulk‘ niederschreibe. Nach Engels war es wichtig, dass ‚einer von der NRZ dabei war, weil alles demokratische Lumpenpack in Baden und der Pfalz war und nun mit nicht getanen Heldentaten renommiert. Es würde wieder geheißen haben: die Herren der NRZ seien zu feig sich zu schlagen‘ (an Jenny Marx, 25.7.1849).

In der im Frühjahr 1850 erschienenen Darstellung erklärte Engels, er habe ‚die einzige Stellung (angenommen), die die in dieser Bewegung einnehmen konnte: Die des Soldaten‘. Die ‚Partei des Proletariats‘ habe sich besonders stark in den Kämpfen engagiert, mit dem in der Schlacht [an der Murg/Baden 1849] gefallenen [badischen Uhrmacher] Joseph Moll ‚einen ihrer unermüdlichsten, unerschrockensten und zuverlässigsten Vorkämpfer‘ verloren. Damit hat Engels eigentlich Marx desavouiert, dies entweder nicht bemerkt oder im Sinne einer Flucht nach vorn hingenommen. Es wurde eine Einheit zwischen NRZ und ‚Partei des Proletariats‘ suggeriert, die es während des Revolutionsjahres nicht gegeben hatte.“ (S. 58-59)

Das mit einer Auflistung von Textsammlungen und Gesamtausgaben des Marxschen Schrifttums endende Buch hat zehn Kapitel, von denen das erste kurz die Quellenlage schildert und das letzte die Schaffung des „Urmarxismus“ (Ferdinand Tönnies, 1858-1936) durch Friedrich Engels zwischen Karl Marx' Tod und dem seinen. In den acht Kapiteln dazwischen, von „Der junge Marx“ bis „Ein unvollendetes Hauptwerk“ („Das Kapital“) wird Leben und Werk von Karl Marx in chronologischer Reihenfolge, geordnet nach Orten (Paris, Brüssel, London) oder epochalen Ereignissen (die Revolutionsjahre 1848/49) dargestellt. Diese Kapitel hier gedrängt darstellen zu wollen, halte ich für eine sehr schlechte Idee; im einschlägigen Wikipedia-Eintrag liegt eine gute Kurzübersicht über Karl Marx' Leben und Werk bereits vor. Wie Wilfried Nippel seine Biographie gestaltet hat, davon legen die obigen Auszüge exemplarisch Zeugnis ab.

Diskussion

Die vorliegende Marx-Biographie von Wilfried Nippel ist allenfalls ein Drittel so lang wie seine o.g. Arbeit über Johann Gustav Droysen. Beide zeugen davon, wie gut sich der Autor auf die Handhabung der Werkzeuge des Historikers versteht. Die Kürze der Marx-Biographie bringt eine gewisse Dichte der Darstellung mit sich. Die könnte leicht von der Lektüre abschrecken, würde sie nicht von einem unterhaltsam wirkenden Stil kompensiert. Wir haben hier ein Buch vor uns, das Dreierlei leistet:

  • Es ist weder eine Propaganda- noch eine Schmähschrift. Von welch wohltuender Ausgewogenheit es ist, wird exemplarisch deutlich, wenn man die obige Darstellung der Jahre 1848/49 vergleicht mit Gerhard Feldbauers „Die Paulskirche in Frankfurt/Main. Hier wurde das Schicksal der deutschen Revolution von 1848/49 entschieden“ (2012), das stramm auf Parteilinie liegt.
  • Die Verflechtung von Karl Marx' Lebensweg und Lebenswerk wird bis in die Winkel ausgeleuchtet.
  • Der große Unterschied zwischen dem öffentlichen sichtbaren Karl Marx von heute und zu seinen Lebzeiten wird klar. Den Politiker, Journalisten und Wissenschaftler, ja auch den Privatmann Karl Marx, den wir heute dank weitaus besserer Quellenlage kennen (können), war seinen Zeitgenossen in vielen Punkten unbekannt. Noch Lenin konnte Karl Marx nur ungefähr kennen – und dann vor allem einen von Friedrich Engels gestylten.

Aber lohnt es sich denn überhaupt die Biographie eines Mannes zu lesen, dessen Ideen doch den meisten Deutschen (spätestens seit 1989) mega-out scheinen? „Dagegen ließe sich wiederum einwenden, dass die von Marx nur angedeuteten Vorstellungen von einer menschenwürdigen Existenz eigentlich nicht besonders extravagant sind, sondern von recht einfachen und an sich kaum bestreitbaren Kriterien ausgehen, wie zum Beispiel: dass die Menschen irgendwann aufhören müssen, auf Kosten anderer Menschen zu leben, wenn sie ihre Gesellschaften vor der Selbstzerstörung und zugleich ihre eigene Würde bewahren wollen; dass eine befriedigende Arbeit oder nützliche Tätigkeit für die meisten Menschen noch immer das Wichtigste ist, worin sie ihre Fähigkeiten erproben und wodurch sie etwas aus sich machen können; und dass soziale Anerkennung, Stolz auf die eigene Leistung und das Erwecken von ‚Gegenliebe‘ mehr wiegen als bloße materielle Gratifikation, luxurierende Accessoires oder ein sich selbst genügendes Amüsement – die es ja ruhig geben kann, aber wohl nur als Beigaben und nicht als Ersatzstoffe des Lebens selbst.“ (Koenen, 2017, S. 294)

Wer weniger am „frühen“ („humanistischen“, „Pariser“) Karl Marx interessiert ist als am „späten“ („ökonomischen“, „Londoner“), möge anhand folgender Sätze prüfen, ob die Fortschreibung von Karl Marx' politökonomischen Analysen denn wirklich überflüssig ist: „Er (der Finanzmarkt- oder Investorenkapitalismus; d. Verf.) hat die Kapitalbeschaffungs- und Investitionsfunktionen weiter separiert, nach der Logik der Kapitalmärkte arbeitenden Funktionsträgern zugeordnet und das Gewicht der Kapitalistenfunktion erheblich verstärkt. Grundsätzliche Investitionsentscheidungen sind aus den Zusammenhängen, in die sie einstmals eingebettet waren, radikaler herausgelöst als je zuvor. Die Logik der Märkte hat sich aus der Rücksicht auf nicht-ökonomische Interessen und Orientierungen weiter emanzipiert. Die Entscheidungsstruktur hat die Räume der einzelnen Unternehmen entschieden überschritten, deren Außengrenzen sind fließender geworden. Die Internationale Finanzkrise von 2008, die im Übrigen mehrere Gründe hatte, zeigte unübersehbar, welch selbstzerstörerische und allgemeingefährliche Potenziale in der Dynamik des neuen Investorenkapitalismus stecken, wenn er sich selbst, das heißt, den Bankern, Investoren, Maklern, Analysten und sonstigen ‚Geldmanagern‘ überlassen bleibt.“ (Kocka, 2013, S. 98-99)

Fazit

Im Jahr 2018 jährt sich Karl Marx' Geburtstag zum 200. Mal. Das könnte Anlass sein, sich selbst und/oder anderen diese kurz gefasste, wohlfeile und exzellente Marx-Biographie als Geburtstagsgeschenk zukommen zu lassen.

Literatur

  • Feldbauer, G. (2012). Die Paulskirche in Frankfurt/Main. Hier wurde das Schicksal der deutschen Revolution von 1848/49 entschieden. Online verfügbar unter www.schattenblick.de/; letzter Zugriff am 15.4.2018.
  • Jähne, A. (2009). Johann Gustav Droysen – was bleibt? Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, 101, 208-211.
  • Kocka, J. (2013). Geschichte des Kapitalismus. München: Beck. (socialnet-Rezension der 3. Aufl.: www.socialnet.de/rezensionen/23160.php; letzter Zugriff am 16.4.2018).
  • Koenen, G. (2017). Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus. München: Beck. (socialnet Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/23136.php; letzter Zugriff am 15.4.2018).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 25.04.2018 zu: Wilfried Nippel: Karl Marx. Verlag C.H. Beck (München) 2018. ISBN 978-3-406-71418-4. Reihe: C.H. Beck Wissen - 2834. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24258.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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