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Sandra Wesenberg, Karin Bock u.a. (Hrsg.): Verstehen. Eine sozialpädagogische Herausforderung

Cover Sandra Wesenberg, Karin Bock, Wolfgang Schröer (Hrsg.): Verstehen. Eine sozialpädagogische Herausforderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 290 Seiten. ISBN 978-3-7799-3844-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band stellt sich die Aufgabe, in Auseinandersetzung mit den Schriften Christian Neumeyers sozialpädagogisches Verstehen zu verstehen, es überdies weiter-, um-, neu- und anderszudenken sowie es zu ergänzen. Der Band ist „Für Christian Niemeyer“ (geb. 1952) gedacht, will aber keine Festschrift im klassischen Sinne, sondern in erster Linie ein Sammelband für die Disziplin und Profession sein.

Thema

„Sozialpädagogisches Verstehen verstehen“ – eine Formel von Christian Niemeyer von 2015 – wird als Herausforderung von den HerausgeberInnen gesehen, „eigene Gedanken im Horizont des ‚Verstehens‘ formulieren zu können“ (S. 12). Auf der Rückseite des Deckblattes heißt es: „Im Sammelband ‚Verstehen: eine sozialpädagogische Herausforderung‘ wird der Versuch unternommen, ‚sozialpädagogisches Verstehen‘ als erkenntnisleitende Theoriefolie aus philosophischer, sozialwissenschaftlicher und historischer Sicht um-, neu und weiter zu denken“. Im Zentrum stünden hierbei Fragen danach, wie sich disziplinäre Kontexte, kasuistische Fallverständnisse, historische Diskurse und interdisziplinäre Sichtweisen in die Struktur des sozialpädagogischen Verstehens einordnen und welche professionstheoretischen Konsequenzen sich hieraus ableiten ließen. Selbstbewusst konstatieren die HerausgeberInnen in ihren Vorbemerkungen zum Band, dass dies den AutorInnen des Bandes „mehr als gelungen“ (S. 12) sei. Diese Eigenbewertung des Bandes erzeugt eine neugierige Erwartung beim Rezensenten.

HerausgeberInnen

  • Sandra Wesenberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der TU Dresden. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des zu rezensierenden Bandes ist Sandra Wesenberg Gastprofessorin für Klinische Psychologie mit den Schwerpunkten Beratung und Therapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. psychosoziale Belastungen im Kindes- und Jugendalter, Jugendhilfe und Psychiatrie.
  • Karin Bock ist Professorin für Sozialpädagogik am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften an der TU Dresden. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen u.a. im Bereich der Theorien der Sozialen Arbeit, der Kindheits- und Jugendforschung sowie der qualitativen Methoden der Sozialforschung.
  • Wolfgang Schröer ist Professor für Sozialpädagogik am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Theorie und Geschichte der Sozialpädagogik und Sozialpolitik, Transnationale Soziale Unterstützung, Kinder- und Jugendhilfe sowie sozialpädagogische Übergangsforschung.

Aufbau

Der Band gliedert sich in vier Abschnitte.

  1. Eingangs geht es um sozialpädagogische und philosophische Zugänge zum Verstehen.
  2. Es folgt der Abschnitt Fallverständnisse als Zugang zum sozialpädagogischen Verstehen.
  3. Der dritte Abschnitt setzt sich mit Verstehen im Kontext von intra-, inter-, trans- und multidisziplinären Zugängen auseinander.
  4. Schließlich geht es im vierten Abschnitt um Verstehen im sozialpädagogischen Diskurs zwischen Theorie und Historie.

Zum 1. Abschnitt

Eigentlich sei Verstehen in der Sozialen Arbeit selbstverständlich. Sie ist es aber in den gesellschaftlichen und fachlichen Auseinandersetzungen der zweiten gesellschaftlichen Moderne keineswegs, so Hans Thiersch in seinem einführenden Beitrag des ersten Abschnittes (S. 16). Weil dies so ist, hält es der Autor im Anschluss an Christian Niemeyer für nötig, das Verstehen des sozialpädagogischen Verstehens zu explizieren.

Im Zentrum des Beitrages von Hans Thiersch steht das pädagogische Verstehen einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Vorab geht es aber um allgemeine Bemerkungen zum Verstehen. Sichtbar wird in diesem Zusammenhang, dass Verstehen durch eine Vielzahl von Bedingtheiten und Spannungen gerahmt ist. Prekäre Bedingtheiten von Verstehen zeigen sich z.B. dann, wenn die Eigensinnigkeit(en) der Adressat_innen übergangen oder verkannt und die Adressat_innen in paternalistischer Weise fürsorglicher Belagerung kolonialisiert werden (S. 19). Bevor Hans Thiersch sein Verständnis eines lebensweltorientierten sozialpädagogischen Verstehens entwickelt, skizziert er sein Konzept alltäglicher Lebenswelt. In ihr stellen sich Aufgaben der Bewältigung oftmals nicht zuletzt gegen einen „bornierten Alltag“. Die Gestaltung der Verstehenskultur der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit bezieht sich u.a. auf die Bewältigungsaufgaben einer z.B. durch herrschende Konkurrenzen der Leistungsgesellschaft belasteten Lebenswelt. Am Ende des Beitrags werden die Struktur- und Handlungsmaximen der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit erklärt (S. 27-31).

Leiden und Mitleiden seien gegenwärtig keine Kernkategorien der Sozialpädagogik. Es dominierten vielmehr soziologische Termini wie soziale Probleme und Ungerechtigkeit. In ihrem Beitrag plädieren Herbert E. Colla und Tim Krüger für die Neuentdeckung des Begriffs des Mitleids zur Neufassung einer sozialpädagogisch verantworteten Haltung. Unter Bezugnahme auf Augustinus, Rousseau und Nietzsche zeigen die beiden Autoren, dass gesellschaftliche Ungleichheiten das naturgegebene Mitleid erschweren, „da es zwischen das Erleben des Leids eines Anderen die Reflexion schiebt“ (S. 35). Mitleid als Naturzustand sei überlagert durch rationale Maximen folgende aufgeklärte kulturell-politische Ebenen. Den Autoren stellt sich die Frage, wie Mitleid in der modernen Gesellschaft als Grundform menschlichen Zusammenlebens erhalten bleiben kann, insbesondere auch für die Sozialpädagogik. Sie folge in der Gegenwart der Prämisse, wer mitleide, könne nicht mehr professionell handeln, wer AdressatInnen bemitleide, könne nicht mehr helfen. Mitleid zerstöre die notwendige Distanz. Colla und Krüger drehen diese vorherrschende Argumentation um und konstatieren (S. 37), nur das Mitleid helfe, überhaupt eine professionelle Haltung zu erlangen. Sie ergebe sich aus dem Verstehen der Notlage der Klientel. So stellt sich die Frage, wie sich Mitleid wiedererlernen lasse. Sich auf Martha Nussbaum beziehend, reflektieren beide Autoren abschließend, wie Mitleid als kraftvolle Maxime menschlichen Zusammenlebens zu erhalten ist.

Eric Mührels Beitrag zum Verstehen bildet mit dem vorhergehenden Beitrag von Colla und Krüger tendenziell eine duale Einheit. Durch den Rückgriff auf Fernando Pessoas Pessimismus gegenüber dem Verstehen aufgrund einer Nicht-Vermittelbarkeit der existentiellen Widerfahrnisse des Lebens ergibt sich, dass der Mensch „in seinen Widerfahrnis-Handlungs-Zusammenhängen im Ganzen nicht vermittelbar und somit unbegreiflich wie undefinierbar“ (S. 42) ist. Diese Annahme ziehe sozialpädagogisches Verstehen in seiner alltäglichen Praxis in Zweifel. Gleichzeitig, so Eric Mührel, zeige sich an der Grenze sozialpädagogischen Verstehens „der ethische Ausgangspunkt der Sozialpädagogik in einer Haltung der Achtung der Würde personaler Existenz“ (S. 45).

Die Ausführungen Eric Mührels zur personalen Existenz des Menschen in seiner Relationalität mit Blick auf die Sozialpädagogik führt Markus Hundeck in seinem Beitrag über „Verstehen und Weisheit“ fort, indem er sich wie Mührel mit Fragen zur Wahrheit und Wirklichkeit des Verstehens grundsätzlich und im sozialpädagogischen Kontext auseinandersetzt. Nicht den Menschen aus der je persönlichen und eigenwillig sozialisierten Sicht des Subjekts zu sehen, sondern „vom Standpunkt der Ewigkeit bzw. Vollkommenheit aus“ (S. 56) ermögliche „eine Einsicht in die unendliche Würde und Hoheit des je einzelnen Subjektes“ (S. 56) und wirke einem Schubladendenken entgegen, wie sie in der Erklärung der Menschenrechte, und dies heißt der Gleichheit und Vollkommenheit aller Menschen, sichtbar wird. Sie würde ein Verstehen in Sozialer Arbeit ermöglichen, das Weisheit gleichkäme.

Zum 2. Abschnitt

Der zweite Abschnitt thematisiert Fallverständnisse.

Vor diesem Hintergrund begibt sich der Beitrag von Kathrin Schramm, Mischa Engelbracht und Karin Bock auf die Suche nach Kasuistischem, Allgemeinem und Konkretem im Horizont des Alltäglichen, indem die AutorInnen von einem Bestimmungsversuch des Theorie-Praxis-Verhältnisses ausgehen. Was unter einem forschenden Praktiker zu verstehen ist, wird anhand kasuistischen Fallverstehens dreier Falldarstellungen von Christian Niemeyer sichtbar gemacht. Das Interesse der AutorInnen richtet sich dabei auf die Frage, wie sich sozialpädagogische Kasuistik nicht nur als Forschungs- und Handlungsmethode verstehen lässt, „sondern als ein Kernstück sozialpädagogischer und sozialarbeiterischer Disziplin- und Professionsdiskurse gelten kann“ (S. 73).

Dem hochaktuellen Thema der Relation von Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie und dem schwierigen Weg zu einem gemeinsamen interdisziplinären Fallverständnis wendet sich der Beitrag von Sandra Wesenberg zu. In ihm werden die mehrschichtigen Hemmnisse eines gemeinsamen Fallverstehens benannt: Sie reichen von fehlender Partizipation der betroffenen Kinder und Jugendlichen bis hin zu finanziellen und rechtlich organisatorischen Hürden.

Mit einem ganz anderen Themenfeld befasst sich der Beitrag von Marek Naumann und Michael Rautenberg: nämlich der sozialpädagogischen Fanarbeit im Zeichen der Ökonomisierung des Fußballsports. Die beiden Autoren zeigen, wie sich sozialpädagogisches Verstehen und sozialpädagogisches Handeln in konkreten Fanprojekten, z.B. in der Konfliktverarbeitung, im Verlauf der zurückliegenden Jahrzehnte entwickelt haben. Aufgrund vielfältiger Ökonomisierungstendenzen (nicht zuletzt durch den Anstieg der Eintrittspreise) sehen Naumann und Rautenberg Ansätze sozialpädagogischen Verstehens zunehmend bedroht. Abschließend wird im Beitrag die Frage nach einer sozialpädagogischen Fanarbeit gestellt (S. 100). So könnte die Einrichtung von Lernzentren in Fußballvereinen Chancen für eine entsprechende Fanarbeit bieten, Stadien könnten als Lernorte, ja sogar als Bildungslandschaften verstanden werden.

Im Kontext einer multigenerationellen Betrachtung von Kindheit in Familien nimmt Rita Braches-Chyrek die besonderen Beziehungen zwischen Großeltern und ihren Enkelkindern in den Blick, indem sie Verbundenheit und wechselseitige Unterstützung skizziert (S. 106). Die Autorin arbeitet vor diesem Hintergrund des Wandels der Generationsbeziehungen die Aufgaben von Großeltern (z.B. als Repräsentanten der Familiengeschichte, aber auch als Quelle zeitlicher und finanzieller Zuwendung) heraus. Gleichzeitig verdeutlicht die Autorin auch die Brüchigkeit der Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern (z.B. im Falle einer Trennung der Eltern).

Sven Werner illustriert in seinem Fallbeispiel anhand von Bart Simpson, einem der Hauptcharaktere der Simpsonserie, die „Sichtweise auf Kinder als eigenmächtige und selbstbewusste Akteure“ (S. 116). Bart ist eine Herausforderung für seine Eltern, für seine Schwester Lisa, grundsätzlich ist er es auch für PädagogInnen und seine Mitmenschen. Der Autor zeigt eingangs, wie in pädagogischen Kontexten mit kindlicher und jugendlicher Widerständigkeit verfahren wird und worden ist und lenkt anschließend den bildungs- und kompetenzzentrierten Blick auf kindliche Eigensinnigkeit(en) und im Besonderen dann auf die Darstellungen der „Störfälle“ Robert und Markus, mit denen sich Christian Niemeyer auseinandergesetzt hat. Sven Werner reflektiert, wer wen und warum Bart stört. Aus der Perspektive Erwachsener begeht Bart Normabweichungen, weil er Informationen Erwachsener auf seine Situation fehlinterpretiert. Grundlegend wird am Ende des Beitrags festgestellt, dass Kinder oftmals Optimierungsstrategien ausgesetzt sind. Denen setzen Kinder ihr Bemühen entgegen, ihrerseits unbetreute Plätze zu finden, um z.B. Mutproben ablegen zu können, anderen Kausalitäten zu folgen, kurz: noch nicht erwachsen sein zu wollen und auf ihre kindliche Eigensinnigkeit bestehen (S. 128).

Zum 3. Abschnitt

Der dritte Abschnitt wendet sich allgemein dem Verstehen im Kontext intra-, inter-, trans- und multidisziplinärer Zugänge zu.

Gerd Stecklina beginnt mit einem Beitrag zur Verhältnisbestimmung von Sozialpädagogik und Individualpsychologie, indem er aktuelle Diskussionsstränge sozialpädagogischen Verstehens und anschließend Verstehensthematiken der Individualpsychologie vorstellt. In einem zweiten Teil geht es um Überkreuzungen Sozialer Arbeit mit einer individualpsychologisch inspirierten Pädagogik.

Um sozialpädagogisches Verstehen im Konflikt von Störern und Gestörten geht es Georg Cleppien. In seinem Beitrag bezieht er sich auf eine Diskussion in der Klinischen Sozialen Arbeit, die sich tendenziell auf das Verstehen in der Sozialen Arbeit insgesamt ausweitet (S. 149). Vor diesem vom Autor entworfenen Hintergrund setzt sich Cleppien mit dem biopsychosozialen Modell auseinander, das in der Sicht des Autors reduktionistisch ist, da es sich an einem „Verstehen des anderen“ ohne Betrachtung des „Verstehens des Verstehens“ orientiert. Anhand von Texten und Forschungen insbesondere aus den 70ger Jahren arbeitet Cleppien reduktionistische Tendenzen des biopsychosozialen Modells durch das Festhalten am biomedizinischen Modell heraus. Sichtbar macht dies der Autor anhand des Klassifizierens, der klinischen Urteilsbildung und der Diagnostik. In seinen abschließenden Überlegungen konstatiert der Autor, das der Klinischen Psychologie nahestehende biopsychosoziale Modell deute Verstehen im Sinne des Verstehens des anderen als Person/Umwelt-Interaktion und nicht als Person/Person-Interaktion. Letztlich sei das biopsychosoziale Modell nicht zuletzt deshalb „für eine ernsthafte Beschäftigung mit den Verstehensbedingungen in der Sozialpädagogik nicht förderlich“ (S. 160).

In den letzten drei Beiträgen des dritten Abschnittes geht es im weiten Sinne um Lehren und Lernen:

  • Maria Eleonora Karsten thematisiert Verstehen lehren und lernen und hierbei insbesondere das Arbeitsprogramm „Sozialdidaktik für Verstehen Lehren und Lernen in der Sozialpädagogik“,
  • Cornelia Wustmann geht es in ihrem Beitrag um die Entwicklung der Überlegung, sozialpädagogisches Verstehen sozialdidaktisch zu denken,
  • Rainer Brödel um lebenslanges Lernen als pädagogische Entwicklungstendenz.

Zum 4. Abschnitt

Der vierte Abschnitt behandelt Verstehen im sozialpädagogischen Diskurs zwischen Theorie und Historie und beginnt mit einem verheißungsvollen Titel, an Friedrich Nietzsche erinnernd, von Michael Winkler: „Für eine fröhliche Theorie des Verstehens“. Was nur kann fröhlich sein an einer Theorie des Verstehens? fragt sich der Rezensent vor der Lektüre des Beitrages. Gegliedert ist dieser in „erstens bis fünftens“. Anhand eines Beitrages des Soziologen Theodore Abel von 1948 zeigt Michael Winkler eingangs die von Abel aufgewiesenen wissenschaftlichen Grenzen und Möglichkeiten von Verstehen auf und stellt fest, Abel verweigere sich der Vielfalt des Verstehens, z.B. dass es auf Krisen antworten könne und immer dann wichtig werde, wenn es nicht gelinge, eindeutige Kausalitäten von Handeln zu entdecken. Abels Kritik, dass Verstehen keine Operation darstelle, beantwortet Michael Winkler (S. 194), indem er feststellt, Verstehen gehe es auch nicht um Operation, auch nicht um objektives Wissen. Vielmehr erlaube es Selbstwahrnehmung und dem Subjekt, seine Souveränität zu bewahren (S. 196) und verändere auch nicht das Objekt, Vielmehr ist dem Verstehen „ein starker Zug zur Anerkennung von Vielfalt, von Pluralität, Fragmenten“ (S. 197) eigen und steht so dem Drang der Moderne nach Eindeutigkeit entgegen, ohne dass es der Beliebigkeit anheimfalle. Dies expliziert der Autor differenziert unter viertens sowohl in methodischer Hinsicht wie auch forschungsbezogener Haltung. Ohne Christian Niemeyer namentlich zu erwähnen, ist dieser doch in der Bezugnahme auf Friedrich Nietzsche unmittelbar präsent (S. 205). Sich auf dessen „Fröhliche Wissenschaft“ beziehend, empfiehlt Michael Winkler in seiner fröhlichen Theorie des Verstehens der Sozialpädagogik zu guter Letzt, sie solle sich mehr um offenes Verstehen bemühen.

Der nachfolgende Beitrag von Micha Brumlik weist einen inneren Zusammenhang zum Beitrag von Markus Hundeck auf. Es geht Brumlik um Menschenwürde und kosmopolitische Bildung und hierbei insbesondere um die Beantwortung der Frage, ob es der Pädagogik der Aufklärung gelungen sei, nicht zuletzt Kant, den Begriff der Bildung mit den Ideen der Demokratie und kosmopolitischen Rechten zu verbinden (S. 212). Vor diesem Hintergrund geht der Verfasser zunächst auf das menschheitspolitische Urproblem von Flucht und Vertreibung ein, leitet dann zu Kants Überlegungen eines Weltbürgertums über, fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit weltbürgerrechtlicher Bildung, reflektiert in einem Exkurs Bildungsentwürfe der Französischen Revolution (Condorcet), um abschließend zu verdeutlichen, „dass Kant über eine schwache Theorie kosmopolitischen Wissens und Fühlens aller Menschen verfügte“ (S. 212).

In seinem Beitrag zu Kontextualisierungen zur Geschichte der Kinder- und Jugendhilfe wendet sich Wolfgang Schröer nach einführenden Überlegungen zur Sozialpädagogik im Lichte von Kultur- und Sozialprotestantismus zwei KlassikerInnen zu, die wenig im Zentrum der Klassikerdebatte stehen: Wilhelm Rein und Gertrud Bäumer, um abschließend in seinem Ausblick sich dafür auszusprechen, sozialpädagogisches Verstehen historisch zu verstehen, wobei Wolfgang Schröer die sozialprotestantische Grundorientierung für die Sozialpädagogik herausarbeitet.

In einem weiteren Beitrag dieses vierten Abschnittes schreibt Diana Franke-Meyer über Nietzsche, Malwida von Meysenbug und den Kindergarten und, wie die Autorin selbst anmerkt, einen ungewöhnlichen Beitrag zur Kindergartengeschichte. Stephan Sting formuliert historische Zugänge zur Sozialpädagogik in Österreich, vor allem im Hinblick auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und Hans Gängler „Notizen zu den Anfängen der offenen Jugendarbeit“ bis hin zur Entwicklung der offenen Jugendarbeit in der Weimarer Republik.

Den Band beschließen jeweils Beiträge von Lothar Böhnisch und Franz-Michael Konrad. Im Blick auf Carl Mennicke thematisiert Böhnisch dessen Sicht auf die sozialpädagogische Verlegenheit der modernen Industriegesellschaft. Mennicke berichtete über das Leiden der Menschen an der vom Kapitalismus vorgegebenen „Lebensgestalt“ und die Suche nach einer neuen Form und die mit ihr verknüpften Bewältigungsaufgaben. Ist Dewey ein Klassiker der Sozialpädagogik? fragt Franz-Michael Konrad. Seine Antwort bleibt eigentümlich ungewiss.

Diskussion und Fazit

  • Für Christian Niemeyer? Sicherlich! Das einheitsstiftende Band der Beiträge liegt darin, dass alle Bezug nehmen auf Arbeiten von Christian Niemeyer.
  • EineFestschrift im klassischen Sinne für Christian Niemeyer? Wie die HerausgeberInnen in ihren Vorbemerkungen ankündigten: eher nicht.
  • Eine thematische Fokussierung der Beiträge auf Verstehen als eine sozialpädagogische Herausforderung? In der Tendenz sicherlich ja.

Die Überschriften der vier Abschnitte sind überzeugend. Sie zielen jeweils auf Verstehen. Dieser Anspruch wird in unterschiedlicher Weise und Dichte eingelöst. Klug von den HerausgeberInnen platziert sind die in das Thema des Verstehens einstimmenden vier Beiträge des ersten Abschnitts. Viele LeserInnen werden vertraut sein mit den sozialpädagogischen Ausführungen von Hans Thiersch zum lebensweltorientierten Verstehen. Umso spannender, weil mit evtl. neuen Überlegungen, lesen sich die nachfolgenden drei Beiträge. So ergänzt der Beitrag „Das Leid des Anderen verstehen“ von Herbert E. Colla und Tim Krüger beispielbezogen Thierschs allgemeine Überlegungen zum lebensweltorientierten Verstehen. Einen tendenziell aus dem Blickwinkel von Menschenwürde und Menschenrechten formulierten Ansatz entwickeln Eric Mührel und Markus Hundeck. Allen vier Beiträgen gemeinsam ist trotz unterschiedlicher Aspektierungen: wieder über Herzensbildung als zentrales Element sozialpädagogischen Handelns nachzudenken.

Einen neuen Anlauf nehmen die Beiträge des zweiten Abschnitts. In allen fünf geht es um Falldarstellungen und -verständnisse in gänzlich unterschiedlichen Feldern. Gemeinsam ist den Beiträgen die Bezugnahme auf Christian Niemeyers Arbeiten zu Falldarstellungen. Besonders gefällt mir der Beitrag von Sven Werner durch das Wechselspiel beispielbezogener Konkretion auf Bart Simpson und theoriebezogener Verallgemeinerung auf Kindheit. Die Bezugnahme auf Verstehen in den Einzelbeiträgen erfolgt in unterschiedlicher Weise dicht.

Eine eindrucksvolle Strahlkraft entfaltet der erste Beitrag im dritten Abschnitt von Gerd Stecklina. Der Rezensent hat sich hingegen beim Lesen des Beitrages von Georg Cleppien gefragt, wie wohl Cleppien die von Stecklina entfaltete Individualpsychologie nach Adler im Blick auf den kritisierten Ansatz des biopsychosozialen Modells sieht. Bedauerlich ist, dass Cleppien seine Kritik fast ausschließlich mit Arbeiten aus den 70ger Jahren begründet und so salutogenetische Begründungen der Klinischen Sozialarbeit nicht einbezieht. Sie verknüpfen diese mit den Gesundheitswissenschaften und nicht primär der Biomedizin. Die Beiträge von Maria Eleonora Karsten und Cornelia Wustmann verdichten Verstehen in Bezug auf hochschulische Lehre und Didaktik. Schwergefallen ist mir, den Beitrag von Rainer Brödel dem Thema des dritten Abschnittes zuzuordnen und auch grundsätzlich dem Verstehen als eine sozialpädagogische Herausforderung.

Einen den Rezensenten fröhlich stimmenden Beitrag hat Michael Winkler geschrieben – Kurzweiliges und Spannendes konnte ich lesen. Die nachfolgenden Beiträge von Micha Brumlik und Wolfgang Schröer fügen sich gelungen ein in den allgemein formulierten vierten Abschnitt. Es gelingt dem Rezensenten dagegen nicht, eine Verknüpfung zum Verstehen im sozialpädagogischen Diskurs im Beitrag von Diana Franke-Meyer zu sehen. Bezogen auf die einstimmenden Artikel des vierten Teils, insbesondere den Beitrag von Michael Winkler, wirken die abschließenden Arbeiten eher wie eine mehr oder weniger passende Girlande. Dies ist bedauerlich, wenn ich auf die einstimmenden Beiträge des ersten Abschnittes schaue. Möglicherweise hätte dies dadurch aufgefangen werden können, dass die HerausgeberInnen einen resümierenden Beitrag ans Ende des Bandes gestellt hätten. „Sozialpädagogisches Verstehen verstehen“ wäre so noch sichtbarer zu Tage getreten.

Gleichwohl: Aufgrund einzelner herausragender Beiträge lohnt sich das Studium dieses Bandes. Er liefert vielfältige Anregungen jenseits des disziplinären und professionellen Mainstreams.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 28.05.2018 zu: Sandra Wesenberg, Karin Bock, Wolfgang Schröer (Hrsg.): Verstehen. Eine sozialpädagogische Herausforderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3844-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24261.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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