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Anja Seifert, Thomas Wiedenhorn: Grundschulpädagogik

Cover Anja Seifert, Thomas Wiedenhorn: Grundschulpädagogik. UTB (Stuttgart) 2018. 279 Seiten. ISBN 978-3-8252-4854-3. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.

UTB, Bd. 4854.
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Autorin und Autor

Die Erstautorin Dr. Anja Seifert ist Diplom-Pädagogin und Lehrerin. Sie arbeitet als Akademische Oberrätin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg am Institut für Erziehungswissenschaft.

Der Zweitautor Dr. Thomas Wiedenhorn ist ebenfalls Diplom-Pädagoge und Lehrer. Er arbeitet als Akademischer Rat an der Pädagogischen Hochschule Weingarten im Fach Erziehungswissenschaft und ist stellvertretender Direktor des Zentrums für Regionalität und Schulgeschichte.

Thema

Die Publikation versteht sich als eine klassische Einführung in die Grundschulpädagogik als Studienfach und Wissenschaftsdisziplin. Sie adressiert in erster Linie Studierende am Studienanfang der Studiengänge des Primarstufenlehramts, der Erziehungswissenschaft und der Kindheitspädagogik.

Aufbau

Das Buch „Grundschulpädagogik“ konzentriert sich auf Themenbereiche, welche Studierende in theoriegeleiteter Vorbereitung für das Berufsfeld der Grundschule benötigen, ohne dass die Autoren den Anspruch an eine vollständige Einführung erheben.

Die Themenbereiche sind:

  1. Geschichte und Wandel der Grundschule,
  2. Kindheit und Kindsein in der Grundschule,
  3. Der Übergang vom Elementar- zum Primarbereich,
  4. Der Übergang vom Primar- zum Sekundarbereich,
  5. Didaktische Arrangements: Unterricht und Unterrichtsformen,
  6. Zeit und Raum in der Ganztagsgrundschule und
  7. Heterogenität und Differenz in der Grundschule.

Jeder Themenbereich ist derartig strukturiert, dass er in den jeweiligen Hintergrund und die notwendige Begrifflichkeit einführt und anschließend bedeutsame Themenstränge vertiefend theoriegeleitet darstellt. Ein Themenbereich wird durch eine Zusammenfassung, wesentliche Literaturbezüge und durch Studienfragen abgeschlossen.

Inhalt

Anja Seifert und Thomas Wiedenhorn leiten das Buch „Grundschulpädagogik“ mit dem geschichtlichen Wandel der Grundschule ein und schließen es mit der (nach wie vor) sehr aktuellen und bedeutsamen Thematik „Heterogenität und Differenz in der Grundschule“ ab.

1. Geschichte und Wandel der Grundschule. Die Abhandlungen zur geschichtlichen Entwicklung der Grundschule beginnen im 16. Jahrhundert, in welchem Ansätze „einer elementaren Schule mit Schulpflicht für alle Kinder“ (S. 14) zu finden sind. Als zentral wird die Grundschule in der Weimarer Republik herausgearbeitet: „Wenngleich es bereits im 19. Jahrhundert in Deutschland eine Schulpflicht gibt, wird sie erst 1919 zur Schulbesuchspflicht hin erweitert. Die Verfassung von 1919 begründet das öffentliche Schulwesen rechtlich und formuliert die Bedeutung der Grundschule als gemeinsame Schule für alle Kinder des Volkes“ (S. 21). Als Themenfelder der postmodernen Grundschule werden der Umgang mit Heterogenität, Differenzierung, jahrgangsübergreifende Lerngruppen, Transition, Inklusion und die Realisierung von Ganztagsschulen aufgeführt.

2. Kindheit und Kindsein in der Grundschule. Es werden Kindheitsbilder und Kindheitstheorien („Kindheit im Kontext des Lebenslaufes und Kindheit in der Generationenbeziehung“, S. 42) erörtert. Die Perspektiven der Anthropologie, der Entwicklungspsychologie und der Sozialwissenschaft werden dabei auf das Verständnis von Kindheit gerichtet.

3. Der Übergang vom Elementar- zum Primarbereich. In der Besprechung des Übergangs vom Kindergarten in die Grundschule werden die historische Thematisierung des Übergangs, zentrale Begriffe, Übergangstheorien und Forschungszugänge dargeboten. Der Blick wird dabei sowohl auf Deutschland als auch auf den europäischen und internationalen Kontext gerichtet. „Die Herausforderung bzw. Schwierigkeit bereits des ersten formalen Übergangs vom Elementar- zum Primarbereich wurzelt in Deutschland vor allem in den unterschiedlichen Strukturen sowie der unterschiedlichen Genese und dem historisch unterschiedlichen Bildungsverständnis. (…) Ein direkter Anschluss der beiden Institutionen Kindergarten und Grundschule war bereits bei ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert (…) nicht vorgesehen“ (S. 72/73). Es wird herausgearbeitet: „Auch wenn es in den letzten Jahren eine vermehrte bildungspolitische Aktivität zur Reform des Übergangs vom Elementarbereich gab, zu der die Flexibilisierung des Schulanfanges und der Schuleingangsstufe gehört, können die strukturell bedingten Probleme nur partiell gelöst werden “ (S. 77/78).

4. Der Übergang vom Primar- zum Sekundarbereich. Seifert und Wiedenhorn beschreiben in diesem Teil die theoretische und empirische Perspektive auf den zweiten Übergang und erörtern Unterschiede der bundeslandspezifischen Schulübergänge nach schul- und elternbezogener Entscheidungsträgerschaft (S. 117). Sie zitieren schlussfolgernd: „Die Übergangsentscheidung am Ende der Grundschulzeit gilt immer noch als wichtigste Hürde bei der Verteilung von Bildungs- und Lebenschancen. Die hier getroffene Entscheidung für die eine oder andere Sekundarschulform legt die Schulbiografie im Wesentlichen fest und ist bis heute nur begrenzt revidierbar“ (S. 131).

5. Didaktische Arrangements: Unterricht und Unterrichtsformen. Bereits vor 2000 Jahren entstand Unterricht als Kunstform des Lehrens und Lernens. In der Ausdifferenzierung dieses Kapitels werden lehrerzentrierte und schülerorientierte Unterrichtsformen beschrieben. Entsprechend der Interpendenz von Lerninhalt und Schüler(in) werden die fünf schülerorientierten Formen „individualisierter, differenzierter, Offener, kooperativer und adaptiver Unterricht“ vorgestellt (nach Bohl, S. 139-142; 152).

6. Zeit und Raum in der Ganztagsgrundschule. Im Fokus dieses Kapitels stehen reformpädagogische Konzeptionen und Aspekte der Ganztagsschule. Als kritische Perspektive wird konstatiert: „Aus einer kultur- und gesellschaftskritischen Perspektive kann festgestellt werden, dass gerade durch die Entwicklung der Halbtagesschule zur Ganztagsschule eine zunehmende Reglementierung und Institutionalisierung der Kindheit stattfindet und es in der Gegenwartsgesellschaft immer weniger Räume (ohne Erwachsene, ohne Pädagogisierung ihrer Umwelt) für Kinder gibt“ (S. 169/170).

7. Heterogenität und Differenz in der Grundschule. Eine der größten gegenwärtigen Herausforderungen – der (pädagogische) Umgang mit Heterogenität – wird in dem letzten Kapitel theoretisch und empirisch reflektiert. Es wird herausgearbeitet, dass nach einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit den Heterogenitätsdimensionen soziale Herkunft (insbesondere 1920er) und Geschlecht (insbesondere 1960/1970er, S. 178) seit ein paar Jahren Behinderung (S. 180) und Migration (S. 192 ff.) als Heterogenitätsdimensionen verstärkt thematisiert werden. Mit Verweis auf die empirisch-quantitative Bildungsforschung betonen Seifert und Wiedenhorn, dass der Umgang mit der Heterogenitätsdimension Migration der weiteren Bearbeitung bedarf, da beide Übergänge der Grundschule im deutschen Bildungssystem insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund eine große Hürde darstellen (S. 203). Als bedeutsame Forschungsfelder benennen Seifert und Wiedenhorn die inklusive Unterrichts- und Schulforschung, „zu der einerseits die Lehrer- und Professionalisierungsforschung gehören, andererseits aber auch Ansätze einer rekonstruktiven Inklusionsforschung, die sich mit Inklusions- und Exklusionspraktiken im gemeinsamen Unterricht beschäftigen“ (S. 223).

Diskussion

Das Buch „Grundschulpädagogik“ ist bestimmt durch eine inhaltliche Reichweite – sowohl historisch als auch sehr aktuell bedeutsame Themenfelder werden erörtert. Eine besondere Stärke des Werkes ist der stringente und klar argumentierte Einbezug von relevanten theoretischen Sichtweisen einerseits und zahlreichen Befunden aus der Forschung andererseits. Die Autoren arbeiten dabei kritische Perspektiven verständlich heraus und präsentieren bedeutsame Forschungsdesiderate. Aufgrund dieser Niveaustufe ist das Buch durchaus geeignet für eine grundlegende Vorbereitung auf Modulprüfungen.

Durch die klare Struktur an inhaltlicher Präsentation (Klärung von Begrifflichkeiten, historische Bezüge, aktuelle Diskurse), den Abschluss durch eine Zusammenfassung und das Aufführen von Studienfragen wird ein/e Studienanfänger/in sehr gut in die verschiedenen Themenkomplexe eingeführt. Die Studienfragen sprechen verschiedene Niveaustufen an, es werden verschiedene methodische/mediale Zugänge gewählt und es werden kompakte Antworten im hinteren Buchteil angeboten.

Etwas kritisch ist anzumerken, dass die sprachliche Formulierung an manchen Stellen etwas komplex gewählt wurde, dadurch dass Sätze teilweise etwas lang und verschachtelt sind. Das könnte für eine/n Studienanfänger/in das Verständnis der prinzipiell sehr klar präsentierten Inhalte etwas erschweren.

Fazit

Das Buch „Grundschulpädagogik“ führt einen Leser nachvollziehbar in geschichtlich und aktuell bedeutsame Begriffe und Themenfelder der Grundschulpädagogik und Grundschulforschung ein. Dabei werden an passender Stelle die wesentlichen Theorien und Forschungszugänge präsentiert. Charakteristisch für das Buch ist eine konsequent kritische und reflektierende Perspektive.


Rezensentin
Dr. Ulrike Beate Müller
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Zitiervorschlag
Ulrike Beate Müller. Rezension vom 07.05.2018 zu: Anja Seifert, Thomas Wiedenhorn: Grundschulpädagogik. UTB (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-8252-4854-3. UTB, Bd. 4854. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24263.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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