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Philipp Ther: Die Außenseiter

Cover Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 2. Auflage. 446 Seiten. ISBN 978-3-518-42776-7. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 36,50 sFr.
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Thema

Die Geschichtsschreibung befasste sich gerne mit den großen Feldherren und Herrschern, den Schlachten und Eroberungen. Dabei kamen die Menschen, die dabei in die Flucht geschlagen wurden oder sich genötigt sahen, ihre Heimat zu verlassen, selten zu Wort. Schon deshalb ist es an der Zeit, eine Geschichte der Flucht, der Flüchtenden und Geflüchteten zu verfassen. Womöglich aber kann die historische Sicht aber auch dazu betragen, die aktuelle Lage zu verstehen und konstruktive Vorschläge zu machen: Wie kann Integration gelingen?

Autor

Dr. Philipp Ther ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien.

Aufbau

Die Studie beginnt mit Überlegungen zu Flucht und Flüchtlingen „in historischer Perspektive“.

Die drei historischen Hauptkapitel lauten:

  • „Religiöse Konflikte und Glaubensflüchtlinge“
  • „Flucht vor Nationalismus und nationale Solidaritäten“
  • „Im Zeitalter der Ideologien – politische Flüchtlinge“

Dazu gehört ein kurzer Exkurs über den syrischen Bürgerkrieg.

Das vierte Kapitel widmet sich der „Angst vor den Außenseitern“ und „historischen Integrationsverläufen“.

Es folgen noch die „Anmerkungen“ (etwas über 45 Seiten), 12 Seiten „Auswahlbibliografie“ und 6 Seiten Namens- und Sachregister.

Im Text eingelassen sind (jeweils 2–3 seitig) 14 Porträts von Personen mit ganz spezifischen Fluchterfahrungen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Religion, Nation, Ideologie – Damit sind historische, nicht immer diachron abgrenzbare oder abgesetzte Kontexte hergestellt. Fluchtursachen überschneiden sich, halten an, kehren wieder.

Zu Beginn der Neuzeit, also Ende des 15. Jahrhunderts flüchteten Menschen in Europa vor religiöser Intoleranz. Die katholischen Könige Spaniens zwangen, nachdem die Osmanische Herrschaft über die iberische Halbinsel überwunden war, Juden wie Muslime dazu, das Land zu verlassen, selbst Konversionen und Zwangstaufen halfen den sog. Marranen bzw. Morisken nicht wirklich. Die Migration der französischen Hugenotten nach Preußen wird gemeinhin überschätzt, nur etwa 20.000 Personen fanden sich dort ein und wurden als Kollektiv mit eigenen Rechten „inkorporiert“ – mindestens ebenso viele Protestanten aus dem Bistum Salzburg fanden dort Aufnahme.

Religion ist durchaus auch mit nationalistischen Motiven durchsetzt, wie sich in den antijüdischen Pogromen im Russischen Reich (Odessa, Chisinau) in den 1880er Jahren zeigte. Zuflucht fanden die Juden nur in den jüdischen Gemeinden im Osmanischen Reich (Istanbul, Saloniki). Vor dem Weltkrieg verließen mehr als 2 Mio. osteuropäische Juden ihre Heimat in Richtung USA.

Der Nationalismus als Fluchtursache wirkte vor allem im „langen“ 19. Jahrhundert. Der 1. Weltkrieg kostete an die 10 Mio. Menschen das Leben, 13 Mio. ergriffen die Flucht, vor allem im Russischen Bürgerkrieg. Die Friedensverträge liefen darauf hinaus, „Minderheiten auszutauschen“, d.h. ethnische Homogenität herstellen zu wollen, weshalb Griechen Bulgarien und die Türkei, Türken und Bulgaren Griechenland verlassen mussten. Fluchtbewegungen gehörten auch zur Zwischenkriegszeit, u.a. im Gefolge des Spanischen Bürgerkriegs oder des Münchner Abkommens (190.000 Tschechen verließen das Sudetenland).

Aus den millionenfachen Fluchtbewegungen nach dem 2. Weltkrieg seien exemplarisch die mehr als 1,5 Mio. Polen genannt, die die von der SU annektierten Gebiete verließen. Flucht bedeutete allerdings nicht immer Sicherheit und Rettung. Das „größte Flüchtlingsdrama“ spielte sich in der Mitte Europas ab, wo sieben bis acht Millionen „displaced persons“ zu repatriieren waren: Überlebende der KZ, Soldaten, ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Die Westalliierten gaben dabei dem Drängen Stalins nach, Sowjetbürger an die SU auszuliefern, was Hunderttausenden von angeblichen „Kollaborateuren“ und „Verrätern“ das Leben kostete.

Die UN hatte mit dem Teilungsplan 1947 und nach der Staatsgründung Israels die Verantwortung für die Palästinenser übernommen und dafür eine eigene Agentur (UNRRA) begründet, die bis heute tätig ist, zumal schon die 3. und 4. Generation in den Flüchtlingslagern lebt.

Moderne Nationalstaaten haben, so das Fazit Thers, zwar Minderheitenprobleme oft erst generiert, aber nationale Solidarität half auch dabei, Flüchtlingskrisen zu entschärfen, etwa bei der Repatriierung der Franzosen nach 1956 aus Algerien.

Die „junge Bundesrepublik“ war ein „Land der Flüchtlinge“, acht Mio. Vertriebene suchten hier eine Bleibe. Das war auch nach 1949 noch aktuell: bis 1953 war mehr als eine Million Deutsche aus der SBZ/DDR nach Westdeutschland gezogen, Tausende auch geflogen, per Luftbrücke! Allerdings zog es auch eine halbe Mio. von West nach Ost (darunter die Familie von Merkel oder Biermann).

Politische Entwicklungen weltweit führten zur Flucht, sei es die Teilung Vietnams, die Niederschlagung des Ungarnaufstandes, das Ende des Prager Frühlings, die Pinochet-Diktatur in Chile, das Kriegsrecht in Polen, schließlich der Zerfall Jugoslawiens.

Ther unterscheidet vier Typen von Fluchtvorgängen (die auch an einigen Porträts festzumachen sind):

  1. Die „existentielle Flucht“: Sie ist die einzige Chance, Misshandlungen und Tod zu entkommen. Flucht ist Rettung und Befreiung.
  2. Die „prädeterminierte Flucht“: Autoritäten setzen mit (der Androhung von) Gewalt durch, dass eine bestimmte Bevölkerungsgruppe das Land verlässt.
  3. Die „proaktive Flucht“: Menschen bringen sich vor drohenden Gefahren in Sicherheit
  4. die „optionale Flucht“: Individuen entscheiden sich dafür, misslichen Umständen (autoritäres Regime, wirtschaftliche Misere etc.) zu entkommen.

Menschen, die flüchten und ankommen, treffen auf die angestammte Bevölkerung, deren Ängste und Abwehr. Sie müssen sich, wie z.B. im Nachkriegsdeutschland geschehen, als unzivilisierte „Habenichtse“, „Sudetengauner“ oder „Polacken“ beschimpfen lassen. Man wehrte sich dagegen, „Fremde“ aus dem Osten in sein Haus, seine Wohnung aufnehmen zu müssen. Flüchtlingskinder wurden gehänselt oder ignoriert (da sie dem Lehrer keine Naturalien mitbrachten). Die Besatzungsmächte bestanden voll auf Assimilation: Die Neuankömmlinge wurden willkürlich einem Bundesland und dort einer Kommune zugeteilt. Es war ihnen bis 1949 jede landsmannschaftliche und parteipolitische Sammlung untersagt.

Nach einem ausführlichen Exkurs über die Benachteiligungen, aber teilweise auch Erfolgsgeschichten der „Gastarbeiter“, speziell der Einwanderer aus der Türkei, diskutiert Ther die Bedingungen von Integration. Was aktuell Flüchtlinge aus dem Nahen Osten in Deutschland angehe, so fehlen hier die religiösen, nationalen und politischen Gemeinsamkeiten. Der „allgemeine Humanitarismus“ reiche nicht aus; Offenheit und Hilfsbereitschaft, die legendäre Willkommenskultur seien nicht so stark wie auf Dauer nötig. Immerhin habe sich laut Umfragen 2016 die „überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge“ willkommen gefühlt.

Aus historischer Sicht seien die materiellen Bedingungen, unter denen Menschen mit Fluchterfahrung in Deutschland leben, beachtlich gut, allerdings bestehe die Gefahr, dass das Selbstwertgefühl der Empfänger staatlicher Leistungen über Monate und Jahre hinweg Dauer Schaden nähme. Sprachkompetenz, Bildung und Ausbildung, aber auch Statussicherheit seien in jedem Fall der Schlüssel zum Integrationserfolg.

Diskussion

Diese umfassende Darstellung, die sich ja nur auf Europa bezieht, macht darauf aufmerksam, in welchem Ausmaß Fluchtbewegungen stattfanden und noch stattfinden. Ther liefert dabei horrende Zahlen und eröffnet Blicke auf viele vergessene oder nicht wahrgenommene Tragödien, ohne auf Vollständigkeit zu bestehen. Dabei sind vielfach Fluchtbewegungen nur ein (relativ glücklicher) Teil des grausamen Geschehens, Völkermord oder Todeslager der andere; auf die Shoa geht der Autor nur knapp ein.

Bei der Fülle des Stoffes ist es verständlich, dass Ther weitgehend Sekundärliteratur auswertet. Leider sind so die Fundstellen für die Primärquellen nicht angegeben. Bei den vielen Zahlenangaben wären die Berechnungsgrundlagen schon von Interesse. Gerne würde man auch, ohne Heidemeyer oder Kossert zu nahe treten zu wollen, die Dokumente finden, die das harsche Urteil von Adenauers Kabinett 1949 belegen, wonach es sich bei den SBZ-Flüchtlinge doch vorwiegend um Kriminelle oder Kommunisten handele. Heute kommt einem das nur anekdotisch vor: Das Bundesnotaufnahmegesetz von 1950 verlangte, dass die Übersiedlung beantragt und (mit politischer Verfolgung) begründet werde. Bei Ablehnung des Antrags oder ohne Antrag war die Einreise genauso möglich, freilich unter Verzicht auf Eingliederungshilfen.

Deutschland, das „Land der Flüchtlinge“ hat es geschafft, dass die Flüchtlinge und Vertriebenen, auch die Aussiedler integriert sind. Dabei war weniger die Nation, mehr das „Wirtschaftswunder“ wirksam, zu dem die „Einwanderer“ selbst erheblich beitrugen. Erstaunlich ist nur, dass die Erinnerung daran nicht anhält: Millionen Deutsche haben, jemanden mit solchem Migrationshintergrund über drei oder vier Generationen hinweg in der Familie, Sie müssten doch jede Menge Empathie für die Flüchtlinge von heute haben.

Fazit

Ther liefert eine umfassende, reichhaltige Studie, die nachdrücklich zeigt, dass Flucht zur Geschichte der Neuzeit gehört. Religion, Nation, Ideologien sind die Ursache, durchaus auch mal hilfreich. Entscheidend ist doch: Für Flüchtlinge, Geflüchtete, Menschen mit Fluchterfahrung gelten die Menschenrechte. Aus humanistischer Sicht ist dies eine Aufforderung zur Solidarität, der sich eigentlich niemand entziehen können sollte.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 14.05.2018 zu: Philipp Ther: Die Außenseiter. Flucht, Flüchtlinge und Integration im modernen Europa. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2018. 2. Auflage. ISBN 978-3-518-42776-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24265.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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