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Heiko Beyer, Annette Schnabel: Theorien sozialer Bewegungen

Cover Heiko Beyer, Annette Schnabel: Theorien sozialer Bewegungen. Eine Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. 220 Seiten. ISBN 978-3-593-50715-6. D: 18,95 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 24,30 sFr.

Reihe: Campus Studium.
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Thema

Soziale Bewegungen sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wichtige gesellschaftliche und politische Akteur_innen. Sie haben zu sozialem Wandel in pro- und regressiver Hinsicht erheblich beigetragen. Weniger klar ist, wie und warum sie entstehen. Hier liegen inzwischen eine Reihe unterschiedlicher Erklärungsansätze oder Theorien vor. Einige davon sind Gegenstand des vorliegenden Bandes.

Autor und Autorin

Heiko Beyer ist Akademischer Oberrat an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und hat v.a zu Antiamerikanismus und Antisemitismus gearbeitet.

Annette Schnabel ist Professorin für Soziologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit den Schwerpunkten Entstehung und Folgen nationaler und religiöser Identitäten, Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat in Europa, Soziale Bewegungen und Feminismus.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Band beginnt mit der Beschreibung eines Marsches Schwarzer Bürgerrechtler_innen zu der zum Meilenstein des Civil-Rights-Movement gewordenen Kundgebung in Washington im August 1963. Heiko Beyer und Annette Schnabel setzen dies als Beispiel der Artikulation Sozialer Bewegungen bzw. deren Funktion als Elemente zivilgesellschaftlicher Mitbestimmungsansprüche. Zugleich machen sie in der Einleitung auf einen Wandel der Bewegungslandschaft aufmerksam: „Konnten die Sozialwissenschaften durch die Civil-Rights-, Studenten-, Friedens-, Umwelt-, Frauen- und Gay-Rights-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre das Phänomen der Sozialen Bewegungen gar nicht mehr übersehen, so sind es heute Pegida, Brexit und alt-right, aber auch ISIS, El Kaida und Salafismus, die das Thema wieder in den unmittelbaren Fokus der Forschung rücken.“ (S. 12) Damit ist auch eine zunehmende normative Entkoppelung von Bewegungsbestrebungen und Forschung verbunden. Beide Veränderungen sind Ausgangspunkt des Bandes: die Betrachtung des vorhandenen theoretischen Repertoires soll die Analyse Sozialer Bewegungen unabhängig von ihrer politischen Verortung ermöglichen.

Neben der „Brisanz Sozialer Bewegungen“ geht es im Einleitungskapitel auch um eine Definition Sozialer Bewegungen. Hier beziehen sich die Autor_innen ganz überwiegend auf Überlegungen aus dem us-amerikanischen Raum – und vernachlässigen damit die unterschiedlichen Kontexte und Rahmenbedingungen, in und vor denen Soziale Bewegungen entstehen. Anders gesagt, es fehlen z.B. Definitionen aus dem deutschsprachigen Raum bzw. der hier lokalisierten Bewegungsforschung, die im Übrigen in diesem Band so gut wie keine Beachtung findet.

Im 2. Kapitel des Bandes werden marxistisch inspirierte Theorien als Folie vorgestellt, vor der sich die weitere Bewegungsforschung entfaltet. Neben Marx Theorie(n) sozialen Wandels werden Ansätze von Lenin, Lukacs und Gramsci dargelegt.

Theorien Sozialer Bewegungen im engeren Sinn werden im 3. Kapitel unter dem Titel „Die Rebellion der Unzufriedenen“ präsentiert. Erstaunlicherweise werden am Anfang der Bewegungskonstitution zwar Frauen- und Arbeiterbewegung, nicht aber die gleichermaßen wichtige Jugendbewegung erwähnt. Das theoretische Portfolio dieses Kapitels beinhaltet zum einen Massenpsychologie, Collective Behaviour, Social Strain und Deprivation. Die Autor_innen diskutieren diese Theorien kritisch und zeigen dabei die Gemeinsamkeiten und Unterschiede prägnant auf.

Im 4. Kapitel „Wie mobilisiert man rationale Akteur*innen“ werden diese Grundlagen um den Ressourcenmobilisierungs- und den Rational-Choice-Ansatz ergänzt. Insbesondere letzter erfährt dabei eine im Vergleich sehr ausführliche Diskussion. Als Beispiel „rationaler Handlungswahl“ stellen Beyer und Schnabel dann eine entsprechende Einordnung der Leipziger Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 vor. Auch hier fallen wiederum „Fehlstellen“ auf, so taucht die Bedeutung der West-Medien als „Ersatz-Öffentlichkeit“ in diesem Zusammenhang überhaupt nicht auf – auch wenn der diesbezügliche Einfluss vielleicht nicht zum Rational Choice-Ansatz gehört, hätte dies ggf. auch auf dessen Begrenzungen aufmerksam machen können.

Den „Einflüsse[n] politischer Strukturen und Prozesse auf Soziale Bewegungen“ ist das 5. Kapitel des Bandes gewidmet. Als zentrale Ansätze identifizieren die Autor_innen hier Political Opportunity Structures, Political Process, Dynamics of Contention. Im Weiteren werden Ergebnisse empirischer Untersuchungen zur Antiatomkraftbewegung (political opportunities), erneut die us-amerikanische Bürgerrechtsbewegung (political process) sowie als Beispiel für den dynamics-of-contention-Ansatz die Wahlkampagne „Yes we can“ des späteren us-amerikanischen Präsidenten Barack Obama vorgestellt – was letztere mit Sozialen Bewegungen zu tun hat, bleibt hier offen.

Die Veränderungen in der Bewegungsforschung durch den „cultural turn“ ist Gegenstand des 6. Kapitels. Referierte Ansätze sind hierbei: Collective Identity und Framing. Nach deren Darstellung werden wiederum empirische Studien sowie Bewegungsbeispiele angeführt. Abschließend erfolgt – wie auch bereits im vorangegangen Kapitel eine Kritik der Ansätze.

In einem „Ausblick“ stellen Heiko Beyer und Annette Schnabel „Jüngere theoretische Entwicklungen in der Bewegungsforschung“ vor (Kapitel 7). Themen sind dabei: Soziale Bewegungen in einer neoliberalen und global vernetzten Welt und die Digitalisierung der Social Networks. Zudem schlagen die Autor_innen vor, als „Alternative im bisherigen Theoriekanon“ (S. 203) Judith Butlers Anerkennungstheorie einzubringen und weisen auf weitere Potenziale durch die Berücksichtigung der Kategorien „Körper, Emotionen, Atmosphären“ (S. 207 ff) hin.

Der Band enthält ein Abbildungs- und Literaturverzeichnis.

Fazit

Selbstverständlich wäre es vermessen, in einem Band mit 226 Seiten die Berücksichtigung aller Theorien zu Sozialen Bewegungen zu erwarten. Auffällig ist aber das seltsame Fehlen der deutschsprachigen Bewegungsforschung und ihrer maßgeblichen Vertreter. Dies wird überdies nicht erklärt. So bleibt es den Leser_innen überlassen, hier Ignoranz, Unkenntnis, ein Zeichen der „internationalen“ = englischsprachigen Fixierung der deutschen Sozialwissenschaften oder die fehlende Theoriefähigkeit der hier entwickelten Theorien zu vermuten. Insgesamt ist das jedoch nicht allein schade, sondern ausgesprochen ärgerlich! Der Band ist ansonsten gut recherchiert und kann durch die Kombination von Darstellungen und Diskussionen der vorgestellten Theorien mit Beispielen einen guten Überblick über die – wie gesagt nicht klare – Auswahl bieten.


Rezensentin
Prof. Dr. Leonie Wagner
Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der HAWK Holzminden
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Zitiervorschlag
Leonie Wagner. Rezension vom 05.10.2018 zu: Heiko Beyer, Annette Schnabel: Theorien sozialer Bewegungen. Eine Einführung. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-593-50715-6. Reihe: Campus Studium. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24271.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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