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Andreas Keil, Charlotte Röhner u.a.: Transformation von Kindheit im ländlichen Raum

Cover Andreas Keil, Charlotte Röhner, Ina Jeske: Transformation von Kindheit im ländlichen Raum. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 225 Seiten. ISBN 978-3-8474-2060-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

Reihe: Kindheiten. Gesellschaften - Band 3.
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Thema

Der ländliche Raum wird häufig unter dem Vorzeichen des demografischen Wandels thematisiert. Das impliziert regelmäßig Fragen von Unterjüngung und Überalterung, von hohen Abwanderungsraten und geringen Fertilitätsraten. Was es heute bedeutet, als Kind auf dem Land aufzuwachsen, wie sich dort die Rahmenbedingungen seitens der drei für Kinder zentralen Sozialisationsinstanzen und Referenzsysteme Familie, Kita/Schule und Gleichaltrigengruppe verändert haben und wie Kinder ihren Alltag bewerten und organisieren, steht im Mittelpunkt dieser Studie.

Entstehungshintergrund

Die vorgelegte Studie ist Teil der vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderten Langzeitstudie „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel“, die seit den 1950er Jahren die Alltagswelt und die Entwicklung in 14 Dörfern und deren Umland untersucht. Die ausgewählten Dörfer sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt und bilden ein breites Spektrum an naturräumlichen und strukturellen Rahmenbedingungen ab.

Aufbau

Nachdem die Ziele und Aufgabenstellung der Studie dargelegt werden, wird der Stand der Forschung zu Raum und Kindheit rekapituliert und der theoretische Begründungszusammenhang für das zugrunde liegende Erkenntnisinteresse hergestellt.

Dem Forschungsdesign und dem Methodeneinsatz wird ein eigenes Kapitel gewidmet.

Die Ergebnisdarstellung erfolgt in zwei Abschnitten: Zunächst wird die aktuelle Situation der Kinder, wie sie sich in den Fallstudien darstellt, umfassend beschrieben und erläutert, und anschließend der Wandel von Kindheit in den letzten Jahrzehnten nachgezeichnet.

Neben einer Zusammenfassung der Ergebnisse werden zum Ende des Buches hin auch die methodischen Limitierungen des Forschungsdesigns sowie einige Schlussfolgerungen für die Praxis und Anschlussperspektiven für die Forschung aufgezeigt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Ziel der Studie ist es, „Bedingungen des Aufwachsens in ländlichen Räumen, insbesondere die Spiel- und Aneignungsräume von Kindern im Tagesverlauf, der Grad der Institutionalisierung von Kindheit, die Gestaltung der Gleichaltrigenkontakte und die Organisation dieser im lokal-dörflichen und regionalen Raum, die eigenständige Mobilität von Kindern, ihr Medienverhalten sowie ihr Wohlbefinden im Sinne des Well-Being-Theorems der neueren Kindheitsforschung [zu untersuchen].“ (S. 20) Entsprechend spannt das Forschungsteam ihre Untersuchung an sechs zentralen Forschungsfragen auf:

  1. Wie hat sich die Kindheit im dörflichen Raum gewandelt?
  2. Wann suchen Kinder welche Orte auf?
  3. Wir nehmen Kinder ihre Aktionsräume wahr?
  4. Welche Muster des Aufwachsens zeigen sich im dörflichen Raum?
  5. Wie beurteilen die Kinder ihre aktuelle Lebenssituation?
  6. Wie beurteilen Eltern die Lebenssituation ihrer Kinder?

Zur Beantwortung der Fragen verwenden die drei Autorinnen und zwei Autoren ein multimethodisches und multiperspektivisches Forschungsdesign (S. 12 f.), wobei das „Mischungsverhältnis“ der eingesetzten Methoden durchaus dorfspezifischen Variationen unterliegt:

  • Mithilfe von Dorfbegehungen/-rundgängen mit Kindern werden deren Aktions-, Spiel- und Streifräume identifiziert und für eine Analyse zugänglich gemacht.
  • Unterstützt wird dies durch die Verwendung von GPS-Empfängern, die das Raum- und Mobilitätsverhalten der Kinder aufzeichnen.
  • In Gruppendiskussionen mit Kindern und Jugendlichen wird das kollektive Meinungsbild zu ihrer Wohn- und Lebenssituation erfasst.
  • Wie Kinder in ländlichen Räumen interaktive Medien im Alltag nutzen, wird in qualitativen Interviews mit den Kindern erfragt.
  • Auch für die Analyse, ob und wenn ja, wie sich in ländlichen Räumen ein Wandel von Kindheit vollzogen hat, werden Kinder interviewt. Zusätzlich werden Dreigenerationeninterviews geführt, um Informationen über mögliche Veränderungen hinsichtlich Spiel- und Freizeitverhalten, Peerkontakten, Mobilitätsverhalten, Mediennutzung und Partizipation in der Familie zu erhalten. Dabei kommen die Nadelmethode und die Methode des biographischen Interviews zum Einsatz.
  • Ergänzend werden Experteninterviews mit den BürgermeisterInnen und OrtsheimatpflegerInnen der Untersuchungsdörfer sowie mit ErzieherInnen, LehrerInnen und Schulleitungen ansässiger Bildungsinstitutionen geführt und als Hintergrundwissen bei der Auswertung der anderen Daten herangezogen.

Diskussion

Ein großer Verdienst der Studie ist es, dass sie Kinder als eigenständige Untersuchungsgruppe im ländlichen Raum einbezogen hat (S. 203). Auch dass über eine Momentaufnahme hinaus und generationenübergreifend die Wandlungsprozesse nachgezeichnet werden, ist als verdienstvoll anzusehen. Was ebenfalls positiv auffällt, ist der hohe Visualisierungsgrad, der das gesamte Buch durchzieht. Auch die Arbeit mit Zwischenüberschriften und abgesetzten Blöcken, die jeweils den vorherigen Abschnitt zusammenfassen, sowie eine stringente Gliederung verhindern, dass das 225 Seiten umfassende Werk nicht zu einer Bleiwüste wird. Es lässt zudem den Willen der AutorInnen erkennen, nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse zu generieren, sondern auch praxisverwertbare Transferarbeit zu leisten.

Weiterhin erweist sich die Konzeption der Langzeitstudie als Fallstudie auch in dieser Untersuchung erneut als sehr ertragreich: Dorf ist nicht gleich Dorf, das wird hier deutlich und es werden gute Anknüpfungspunkte entwickelt für weitere notwendige Forschungsarbeiten über die unterschiedlichen Aufwachsensbedingungen und Entwicklungsverläufe von Kindern in ländlichen Räumen und deren Chancen und Risiken für Individuum und Gesellschaft. Konsequenterweise hätten die AutorInnen allerdings auch im Titel besser den Plural „in ländlichen Räumen“ statt den Singular „im ländlichen Raum“ benutzt.

Die AutorInnen bemühen sich redlich, den angehäuften Datenberg abzutragen, der trotz einer Reduzierung der Untersuchungseinheiten auf „nur“ fünf Dörfer (S. 206) eine gewaltige Größe hat. Dabei fällt die Ergebnisdarstellung (S. 41 ff.) – obwohl sich das AutorInnenteam bewusst und gut begründet für ein qualitativ geprägtes Forschungsdesign entschieden hat (S. 26) – eher quantifizierend aus. Auch wenn eine solche Datenmenge anders sicherlich nur schwer zu bewältigen ist, würde man für weitere Auswertungen dem jeweiligen Forschungsteam trotzdem mehr Mut und den nötigen zeitlichen und personellen Rückenwind wünschen, den bei der Datenerhebung eingeschlagenen qualitativen Weg auch bei der Auswertung fortzusetzen. Die Verwertungsperspektive könnte dabei ebenfalls noch offensiver als hier geschehen eingenommen werden. So unterfüttern die AutorInnen mit ihrer Studie beispielsweise die bestehenden Forderungen, Schulstrukturentwicklung in peripheren, bevölkerungsarmen Räumen voranzutreiben und dafür tragfähige Konzepte zu erarbeiten und zu erproben, um den drohenden Verlust von Bildungs- und Teilhabechancen und eine neue territoriale Ungleichheit abzuwenden (S. 204 ff.).

Was die wissenschaftliche Anschlussperspektive angeht, fordern die AutorInnen zu Recht, analoge Fallstudien in städtischen Räumen durchzuführen, um dadurch weitere Kontrastierungen und Differenzierungen von Kindheitsmustern vornehmen zu können (S. 207).

Fazit

Dem Forschungsteam, das an der Schnittstelle von Geographie, Sozialwissenschaften und Frühpädagogik agiert, gelingt es, ein umfassendes Bild von Kindheit in ländlichen Räumen zu zeichnen. Dabei können sie die von verschiedenen Seiten angemahnten Entwicklungen hin zu einer verinselten, institutionalisierten, individualisierten, verhäuslichten und mediatisierten Kindheit nicht bestätigten (S. 213). Stattdessen stellen sie als Kernergebnis ihrer Studie fest, dass „die aktuelle Kindheit eine Diversifikation unterschiedlicher Kindheitsmuster auf[weist], die dorfspezifisch variieren und durch eine Vielfalt kindlichen Alltagslebens und der Gestaltungsformen von Kindheit gekennzeichnet sind.“ (S. 199) Die ForscherInnen liefern damit den Befund, dass bei der Untersuchung von Räumen eine Unterteilung in oder Gegenüberstellung von Stadt und Land nicht (mehr) ausreicht, sondern vielfältige Einflussfaktoren sozialstruktureller, -kultureller, -räumlicher und -ökonomischer Art berücksichtigt werden müssen.


Rezensent
Henning van den Brink
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Handel und Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Henning van den Brink. Rezension vom 28.11.2018 zu: Andreas Keil, Charlotte Röhner, Ina Jeske: Transformation von Kindheit im ländlichen Raum. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2060-6. Reihe: Kindheiten. Gesellschaften - Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24272.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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