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Ulrich Clement, Ann-Marlene Henning (Hrsg.): Wenn es um das Eine geht

Cover Ulrich Clement, Ann-Marlene Henning (Hrsg.): Wenn es um das Eine geht. Das Thema Sexualität in der Therapie. Ulrich Clement und Ann-Marlene Henning im Gespräch mit Uwe Britten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 150 Seiten. ISBN 978-3-525-45195-3. 17,00 EUR.
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Thema

Das Thema Sexualität erscheint allgegenwärtig: in Medien, im Netz, in Beziehungen, bei Paaren und in vielen Formen der Begegnung. Es begleitet und wandelt sich im Laufe einer Biografie. Unumstritten ist es ein Grundbedürfnis, welches jede Person für sich in Anspruch nimmt. Anders jedoch als bei einer Weinprobe, bei welcher es unschwer gelingt, Abstufungen und Differenzierungen ohne Ende zu finden von trocken, samtig bis wohlschmeckend. Man spricht von frisch, rassig oder gar sauer oder fruchtig, rund und süss etc. Beim Thema Sexualität jedoch scheinen die Worte zu fehlen. Es heisst guter Sex oder schlechter Sex. Doch was erleben Menschen in ihrer Sexualität? Was sind Vorlieben und Abneigungen? Welche Wünsche und Befürchtungen sind dahinter verborgen? Und was bedeutet Sexualität in einer Biografie? Wie viel Platz darf sie einnehmen? Mit wem kann man sich über Sexualität austauschen?

Der Dialog ermutigt Therapeutinnen und Therapeuten, Sexualität mehr zum Thema zu machen, Fragen zu stellen, welche sich der Klient oder die Klientin möglicherweise nicht zu stellen getraut und sich nicht mit der Ängstlichkeit oder Scham des Klienten oder der Klientin zu verbünden unter dem Anschein, sie oder er hätte es ja selbst ansprechen können. Schon im Titel heisst es «…das Thema Sexualität in der Therapie». Man könnte sagen, das ist Programm im Buch. Klar ist Sexualität nicht in jeder Therapie ein Thema, aber die Schwelle, das Themengebiet Sexualität anzusprechen, könnte niedriger werden.

Der Buchtitel spannt den Bogen zwischen Sprachlosigkeit «Wenn es um das Eine geht», bis hin zur Kommunikation über Sexualität «das Thema Sexualität in der Therapie». In den Worten von Ulrich Clement: «Sex ist nicht per se besser als kein Sex». Wer will schon Antworten geben auf die subjektiven Ausgestaltungsmöglichkeiten von Sexualität? Im Themengebiet Sexualität unterliegt man jedoch einer bestätigen Einladung, subjektive Sichten mit einfliessen zu lassen, gut gemeint, aber nicht unbedingt passend. Therapeutisch könnte man von Gegenübertragung sprechen – aber was nützt das schon. Kaum ein Thema verbindet emotionale, körperliche und persönliche Sicht so nahe wie das Thema Sexualität. Das Buch beleuchtet das Thema im Kontext von Therapie. Eines sei vorweggenommen: Es liest sich ausgesprochen leicht und macht den Lesenden glauben, es sei ganz einfach. Das ist schön, weil es Mut macht, aber es wäre noch zu bedenken, hier sprechen zwei Profis über ein Thema, in welchem sie zu Hause sind. Es ist etwa so, als wenn man einem Wellenreiter beim Surfen zu schaut,: Es sieht ganz einfach aus. Wer es selbst versucht, wird schnell merken, dass nur schon auf dem Brett stehen zu bleiben, nicht so einfach ist. Also, wer sich dem Thema Sexualität in der Therapie zuwendet, darf keine Angst haben, nass zu werden. Das ist ohnehin eine gute therapeutische Grundhaltung.

Wer dieses Buch aufschlägt, lernt einerseits viel über das Sprechen über Sexualität – das kommt hier sehr leichtfüssig daher – und andererseits sehr viel über therapeutische Grundhaltungen und therapeutische Methoden. Ein Buch für Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten also? Nicht nur, es ist für alle, welche an dem Thema Kommunikation über Sexualität interessiert sind, spannend zu lesen, für helfende Berufe, Sozialarbeitende und Lehrpersonen. Ohne es zu benennen, macht es Mut das Thema Sexualität als das anzuschauen, was es ist, nämlich ein Grundbedürfnis. Und bei aller medialen Präsenz ist es ja das Paradoxe, dass gerade die Sprache zur Sexualität so wenig entwickelt und geübt erscheint.

Man wünscht diesem Buch eine weite Verbreitung, weil die Lesenden ganz Unterschiedliches für sich aus diesem Buch lernen können. 150 Seiten erscheinen wenig, je nach Text könnten sie lange werden, aber hier kommen sie wie ein gutes Gespräch daher und es fällt leicht, hier zu zuhören.

Autor, Autorin und Entstehungshintergrund

Prof. Dr. Ulrich Clement publizierte 2004 das Buch «Systemische Sexualtherapie». In dieser Konzeption steht das individuelle Erleben und die persönliche Verarbeitungsebene mehr im Vordergrund als beispielsweise die sexuellen Funktionen, deren Störungen oder Behandlungen; Sexualität als ein Thema des menschlichen Seins und die Ausgestaltung dieser Sexualität. Mit einer Haltung, die offen, phänomenologisch, nicht bewertend und wertschätzend ist. Er arbeitet an den Universitäten Hamburg, Freiburg im Breisgau und Basel und als Supervisor und Lehrtherapeut bei der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie (IGST).

Ann-Marlene Henning ist einigen vielleicht durch die ZDF-Sendung «Make Love – Liebe machen, kann man lernen» bekannt. Sie publizierte das Buch «Make Love». Dieses richtete sich an Jugendliche und war als Aufklärungswerk gedacht. Sie studierte Neuropsychologie, und vertiefte sich in Sexual- und Paartherapie. Es gelingt ihr auf eine unkomplizierte und sehr zugängliche Weise, das Thema Sexualität zu erschliessen und die Kommunikation über Sexualität zu normalisieren. Ihre sprachliche Leichtigkeit findet man sehr schnell in dem vorliegenden Buch wieder.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe Psychotherapeutische Dialoge. Es stellt die Kommunikation über Sexualität in den Kontext der Therapie.

Zielgruppen

Das Buch ist für alle lesenswert, welche am Thema interessiert sind, beispielsweise Fachpersonen der psychosozialen Praxis, Therapie und Beratung, aus den Feldern Gesundheit oder Schule.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in quasi fünf Kapitel, die unabhängig voneinander als Gespräch gelesen werden können. Es werden Bereiche der Körperlichkeit, Beziehungen und der sexuellen Wünsche besprochen.

Spannend sind die Ausführungen im Umgang mit dem Aussprechen von schambesetzten Themen. Hier lernt man einerseits etwas über den Umgang mit dem Thema, andererseits lassen sich die Aussagen auf natürliche Weise sehr gut in andere Themengebiete von Therapie transferieren. Scham und Psychotherapie liegen oft nicht weit auseinander. Was tun, wenn Klientinnen oder Klienten zu viel wollen?

Clement und Henning zeigen, wie man Klarheit in der therapeutischen Rolle behalten und gleichzeitig emphatisch bleiben kann. Weitere Themen sind Humor in der Therapie, Medien, Kultur und der Kontext zur Sexualität. So kommt man in diesem Gespräch an vielen Bereichen vorbei.

Diskussion

Auch wenn sich nicht alles in jeden Kontext transportieren lässt, kann man das Buch auch als ein sehr gutes Beispiel von Kommunikation über Sexualität lesen. In der Form erscheint die Publikation als niedergeschriebenes Gespräch. Die Aussagen sind prägnant und sehr gut verständlich und, wo nötig, so detailreich, dass man als Lesender eine konkrete Antwort erhält. Die Autorin und der Autor erzählen über ihr Erfahrungen und subjektiven Sichten im Umgang mit dem Thema Sexualität in der Therapie.

Kritisch könnte man anmerken, dass das eine oder andere nicht in aller Komplexität dargestellt wird. Doch dafür kommt das Gespräch Sexualität in der Therapie ganz unverstellt und als gutes Beispiel von Kommunikation über Sexualität daher.

Wer an wissenschaftlichen Aussagen, Untersuchungen und Statistiken interessiert ist, wird diese hier nicht finden. Der Dialog nimmt eine Form offenen Denkens über Sexualität ein und diese Form ist gut lesbar, sehr gut nachvollziehbar und zwischendurch witzig.

Fazit

Den meisten wird beim Lesen auffallen, wie gut lesbar das Buch ist. An der einen oder anderen Stelle lernt man über das Thema des Buches hinaus. Von besonderem Wert ist die Authentizität der Autorin und des Autors, die durch die geschriebenen Worte spürbar wird. Es wird nicht ein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben und so greift das Buch auf, was in der reichhaltigen Erfahrung von Henning und Clement zu finden ist. Der Dialog ist offen, lässt Persönliches einfliessen und so vermittelt das Buch ein subjektives Leseerlebnis, bei dem man viel Input quasi beiläufig erhält.


Rezensent
Prof. Dr. Günther Wüsten

Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, Diplom Sozialpädagoge FH

Prof. am Institut für Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Tätigkeitsfelder: Methoden und Konzepte der Psychosozialen Beratung, ressourcenorientierte Beratung in psychosozialen Arbeitsfeldern, ressourcenorientierte und soziokulturelle Verfahren in der Psychosozialen Praxis, Selbstmanagement


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Zitiervorschlag
Günther Wüsten. Rezension vom 11.09.2018 zu: Ulrich Clement, Ann-Marlene Henning (Hrsg.): Wenn es um das Eine geht. Das Thema Sexualität in der Therapie. Ulrich Clement und Ann-Marlene Henning im Gespräch mit Uwe Britten. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45195-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24274.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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