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Verena Kuglstatter: Der Gebrauch der Jugendgewalt­prävention

Cover Verena Kuglstatter: Der Gebrauch der Jugendgewaltprävention. Subjektivierungsformen eines Problemdiskurses. transcript (Bielefeld) 2017. 244 Seiten. ISBN 978-3-8376-3898-1. D: 44,99 EUR, A: 46,30 EUR, CH: 54,90 sFr.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 43.
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Autorin

Die Autorin arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hamburger Fern-Hochschule im Fachbereich Gesundheit und Pflege. Sie forscht zu Formen sozialen Engagements Jugendlicher, peerspezifischen Sozialisationsprozessen und zur Jugendgewaltprävention.

Entstehungshintergrund

Das Werk wurde 2016 als Dissertation von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich angenommen.

Aufbau und Inhalt

Die Verfasserin will sich in ihrem Buch mit Jugendgewaltprävention als diskursiven Gegenstand beschäftigen. Sie folgt der These, dass Jugendgewalt im „Sprechen über Jugendgewaltprävention als Deutungsmuster diskursiv rekonstruiert“ werde und „dabei als diskursives Moment zentral für gesellschaftliche Ordnungsbildung“ (22) sei.

Das Buch ist 244 Seiten stark und umfasst sieben Abschnitte:

  1. Einleitung
  2. Theoretische Reflexion des Forschungsgegenstands
  3. Methodische Herangehensweise
  4. Datenauswertung
  5. Theoretische Diskussion der Ergebnisse
  6. Theoretische Anschlussdiskussion
  7. Zum Gebrauch von Prävention.

Der Abschnitt, welcher sich mit der Datenauswertung beschäftigt, ist mit Abstand der seitenstärkste.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im ersten Abschnitt (Einleitung) verortet die Autorin den Gegenstand ihrer Studie in der aktuellen Auseinandersetzung um das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Politik. Sie fragt, in welcher Weise „sich Fachpersonen im Kontext von Jugendgewaltprävention an kriminalpolitischer Programmatik“ (10) ausrichten und wie sich dieser Umstand auf die Soziale Arbeit und junge Menschen auswirkt.

Der zweite Abschnitt leistet eine theoretische Reflexion des Forschungsgegenstandes. Der Foucault'sche Ansatz der „Gouvernementalität“ sowie dessen Diskurs- und Machtanalyse bilden hierfür die Grundlage. Dem Poststrukturalismus Foucaults folgend geht die Verfasserin davon aus, dass Diskurse die Gegenstände, von denen sie handeln, selbst evozieren würden. Der Diskurs über Jugendgewaltprävention wird als „Regierungsmaschine“ identifiziert (vgl. 33), ihr Gebrauch verfestige Jugendgewalt als problematischen Gegenstand (vgl. 14).

Prävention begreift sie als bedeutende Machttechnologie in modernen Staaten zur Regulierung sozialer Gruppierungen, die „über die Konstruktion ‚omnipräsenter‘ Risiken“ (19) unter Generalverdacht gestellt werden. Mit Goffman (1963) folgert sie, dass Strategien der Jugendgewaltprävention junge Menschen in einen Zustand des „Diskreditierbar-Seins“ (18) versetzen würden, welcher stigmatisierende Effekte erzeuge und die Identität junger Menschen bedrohe.

Die Autorin will nicht nur die Praxis des Sprechens über junge Menschen untersuchen, sondern gleichzeitig „Begrenzungen des Sprechens mit (Hervorhebung G.K.) Jugendlichen im Kontext der Logik von Prävention“ (29) verdeutlichen.

Im dritten Abschnitt beschäftigt sich die Verfasserin mit der methodischen Arbeitsweise ihrer empirischen Analyse. Ihr Vorgehen bezieht sich auf zwei unterschiedliche Teilstudien, auf leitfadengestützte Interviews mit Fachleuten und auf eine Analyse des „Schweizer Nationalen Präventionsprogramms Jugend und Gewalt“.

Mit ihrer empirischen Arbeit will sie der Frage nachgehen, wie Fachpersonen über Gewaltanwendungen und Jugendgewaltprävention sprechen, welche Relevanz sie der Jugendgewalt zuschreiben, wie sie diese begründen und welche Problematisierungsweisen damit in Zusammenhang stehen. Dabei soll auch der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich die interviewten Berufsrollenträger in der Beschreibung ihres beruflichen Alltagshandelns an dem Schweizer Präventionsprogramm ausrichten.

Im vierten Abschnitt geht es um die Auswertung der erhobenen Daten. Die Interviewtranskripte werden (z.T. mundartlich wiedergegeben; zum Glück nicht in Romanisch!) auf die Forschungsfragen hinführend interpretiert.

Für die Analyse des Präventionsprogramms wertet die Autorin zu der theoriegeleiteten „Storyline“ ihrer „Interpretationserzählung“ passende, in der Zahl überschaubare Zitatsplitter aus verschiedenen Dokumenten aus. Eigenständig nachvollziehen kann die Leserschaft dieses nicht, da es keine differenzierten Analysekriterien gibt noch sind diese Dokumente dem Buch beigefügt.

Dessen Verhältnis zu jungen Menschen interpretiert die Autorin als „Dekonstruktion des Subjekts“ (184): Jugend und bestimmte jugendliche Gruppierungen würden als Risikopopulation und damit „als Zielgruppe präventiver Maßnahmen konstruiert und kontextualisiert“. (184)

Die Verfasserin identifiziert hinsichtlich der in den Interviews geäußerten Problematisierungsweisen, Präventionsverständnisse und -konzepte sowie Begründungen eine hoch ambivalente Positionierung der befragten Personen zwischen Innen- und Außenorientierung. Einerseits würden sich diese von der kriminalpolitischen Programmatik distanzierten, sich andererseits aber an eben diesen Vorgaben orientieren.

Zudem bemerkt sie bei den befragten Personen eine „defizitorientierte Perspektive“ auf junge Menschen, „vor deren Hintergrund sie Jugendgewalt im Sinne individuellen Gewalthandelns normalisieren.“ (181)

Und so lautet das Credo ihrer Studie sinngemäß: Durch eine Orientierung an ordnungspolitischen Diskursen würde Soziale Arbeit ihre Autonomie verlieren, zur Kriminalisierung junger Menschen beitragen und darüber hinaus den Glauben an sich selbst verlieren.

Der fünfte Abschnitt befasst sich mit der theoretischen Diskussion der erzielten Ergebnisse. Die Autorin stellt u.a. fest, dass Sozialpolitik und Soziale Arbeit kriminalpolitisch überformt werden. Das „Wissen über Ursachen und Risiken“ (198) von Jugendgewalt werde individualisiert. Dabei ginge der „Einbezug situativer, kontextueller, sozialstruktureller und insgesamt lebenslagen- und lebensformspezifischer Aspekte der Individuen weitgehend verloren“ (198). Eine eigenständige, kritische Auseinandersetzung der Sozialen Arbeit mit Gesellschaft sei so kaum vorstellbar.

Die dieses Kapitel abschließenden Thesen betonen u.a., dass „Jugendgewalt als diskursives Deutungsmuster im hohen Maße normalisiert“ (207) werde, Jugendgewaltprävention die Sicherung des Bestandes Sozialer Arbeit, der generationalen Ordnung und des etablierten Präventionsapparates verfolge. Insofern sei Jugendgewaltprävention „eine reaktionäre Kampfvokabel, die Unsicherheiten erzeugt, sich deren Bearbeitung zur Aufgabe macht und sich damit selbst reproduziert.“ (208)

Der sechste und der siebente Abschnitt schließen die Arbeit ab und akzentuieren nochmals. Dabei wird auf jugendsoziologische und gewalttheoretische Überlegungen, auf Paradoxien im Kontext von Jugendgewaltprävention und eine Gesellschaft der Bestandssicherung eingegangen. Für die Schweiz betont die Autorin, dass nicht die „soziale Sicherung von Individuen, sondern die Sicherung etablierter ‚Professionen‘ und politischer Apparate“ (223) im Vordergrund stehen würde, „indem eine bestimmte Bevölkerungsgruppe kriminalisiert“ (223) werde.

Diskussion

Mit ihrem Buch will die Verfasserin Jugendgewalt nicht als soziales Phänomen behandeln, sondern vielmehr das tatsächliche Sprechen von Fachleuten über Gewalt und Jugendgewaltprävention einer kritischen Analyse unterziehen und überprüfen, ob sich Fachpersonen an kriminalpolitischer Programmatik ausrichten. Das ist in meinen Augen ein begrüßenswertes und auch notwendiges Unterfangen.

Leider kann das Buch meine an Praxisentwicklung ausgerichteten Erwartungen nicht wirklich erfüllen, denn es leistet keine konstruktive Kritik an den vorherrschenden sozialpädagogischen Plausibilitäten, sondern stellt diese vom Grundsatz her in Frage.

Mit ihrer Arbeit distanziert sich die Autorin kategorisch von klassischen, an Ursachen interessierten soziologischen und kriminologischen Erklärungsansätzen von Jugendgewalt sowie klassischen jugendsoziologischen und entwicklungspsychologischen Konzepten.

Diese würden sich durch eine defizitorientierte Sicht auf Jugend auszeichnen (vgl. 213) und Risikomerkmale konstruieren, die junge Menschen als gefährlich oder gefährdet zuschreibbar machen (vgl. 17 /18).

Vielmehr geht sie davon aus, dass Jugendgewalt durch soziale Prozesse in Politik, Gesellschaft und Pädagogik (mit)erzeugt werden. Prävention versteht sie als Machttechnologie zur Regulierung sozialer Gruppierungen (vgl. 18), die unter „Generalverdacht“ (19) gestellt werden.

Die empirische Interpretation ihrer erhobenen Daten lenkt die Verfasserin auf ein vermeintliches „Dilemma“ praktischer Präventionsarbeit. So würde das Bestreben sozialpädagogischer Arbeit, „Lern- und Bildungserfahrungen Jugendlicher zu rahmen und zu ermöglichen“ (191), einer am sozialpolitischen Aktivierungsdiskurs ausgerichteten, auf erfolgreiche Lebensgestaltung abzielenden Sozialen Arbeit und einem Konstrukt von Jugendgewaltprävention gegenüberstehen, welches an messbarer Nachhaltigkeit, Evidenz und Wirksamkeit ausgerichtet sei (vgl. 181).

Dieses Dilemma ist für mich nicht offensichtlich. Was meint denn nun genau die Gedankenfigur einer „Rahmung“ und warum steht diese per se in Spannung zu dem Ziel einer erfolgreichen Lebensgestaltung, zu Aktivierung und Evidenzorientierung?

Es ist ein legitimes gesellschaftliches Interesse, dass junge Menschen aktiv und selbstbestimmt Verantwortung für ihr Leben und ihre gesellschaftliche Integration übernehmen. Wer sollte es denn sonst tun! Der Weg dahin wird günstigenfalls (sozial)pädagogisch begleitet und daran sollte eine Gesellschaft ebenfalls Interesse zeigen.

Eine solche professionelle Begleitung geht nicht ohne normative Diskurse über das „gute Leben“, ohne Erwartungen, das Setzen von Grenzen, Verbindlichkeit, Auseinandersetzung und Konflikt, über welche sich zwischen jungen Menschen und Professionellen (auch Erwachsenen – aber Verzeihung, da habe ich adultistisch gedacht!) Beziehungen herstellen, die eine nachhaltige Grundlage für persönliches Wachstum bilden.

Gewaltprävention kann „natürlicher“ Teil dieses Prozesses sein. Aber auch evidenzorientierte Programme „von außen“ sind nicht von sich aus gleich suspekt. Sie „überfremden“ die Sozialpädagogik nicht automatisch. Es kommt sehr auf die Kompatibilität im Einzelfall an und darauf, wie solche Programme in den beruflichen Alltag vermittelt werden.

Der befürchtete „Verlust der Autonomie Sozialer Arbeit“ ist eine Chimäre. Soziale Arbeit ist eine Teilregierung. Auf Praxisebene ist sie eingebunden in Gesetzeskontexte und politische Aufgabenstellungen. Zudem meine ich, dass es berechtigt ist, darüber nachzudenken, ob der derzeitige Stand der Verwissenschaftlichung und Professionalisierung Sozialer Arbeit überhaupt eine solche Autonomie legitimieren kann.

Soziale Arbeit als Handlungspraxis ist zerklüftet und bedarf selbst einer Rahmung. Und das im Wesentlichen aus verantwortungsethischen Gründen. Sollte Sozialpädagogik / Soziale Arbeit so bedeutsam sein, wie ihre Protagonisten zu Recht annehmen, dann erwächst daraus eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, den Zielgruppen und einzelnen Menschen – insofern, als dass diese eine Praxis erfahren, die Gütekriterien folgt und auch wirksam ist.

Der Klappentext des Buches behauptet vollmundig, dass die Autorin für die Schweiz zeigen würde, „wie die Orientierung von Fachkräften Sozialer Arbeit an kriminalpolitischer Programmatik dazu führt, dass Jugendgewalt als ein problematischer und dauerhaft zu bearbeitender Gegenstand diskursiv hervorgebracht wird.“ (Klappentext)

Diese Behauptung wie auch andere Zuspitzungen sind überzogen und durch die empirische Analyse nicht belegt. Das allein zeigt schon ein Blick auf die Datenbasis. Die Stichprobe der Studie umfasst ganze 9 (neun) leitfadengestützte Interviews. Darüber hinaus wurden nach meiner Zählung drei Dokumente im Kontext des „Nationalen Präventionsprogramms Jugend und Gewalt“ einer interpretierenden Analyse unterzogen, welche leider in Bezug auf Methodik und Nachprüfbarkeit viele Fragen offen lässt.

Fazit

Themenstellung und Anspruch des Buches sind empirisch ausgerichtet. Jedoch wirft die von der Autorin im apodiktischen Gestus vorgetragene Positionierung für mich die Frage auf, ob einer empirischen Beforschung des Terrains überhaupt genügend Raum bleibt.

Ich muss leider den Eindruck gewinnen, dass die Studie die theoretischen Prämissen nicht anhand des empirischen Materials kritisch reflektieren will, sondern dass das Datenmaterial über den Leisten des gewählten Theorieansatzes geschlagen werden soll. Das macht Soziale Arbeit für Außenstehende nicht unbedingt glaubwürdiger.

Theorieansatz und Forschungspraxis der Verfasserin sind ebenfalls Konstruktionen. Aus Gründen der Transparenz, Offenheit und Pluralität in den Wissenschaften wäre es angemessen, dass sie ihre Idealisierungen einer distanzierenden Selbstkritik unterzieht. Leider versäumt sie diese Möglichkeit, was angesichts des grundsätzlich begrüßenswerten Ansatzes ihrer Arbeit sehr schade ist.

Dennoch bietet dieses Buch die Chance, dass die „klassisch“ ausgerichtete Leserschaft durch eine andere Brille auf das vielbeschriebene Themenfeld schauen kann und irritiert wird. Und das kann nie schaden!


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 13.08.2018 zu: Verena Kuglstatter: Der Gebrauch der Jugendgewaltprävention. Subjektivierungsformen eines Problemdiskurses. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3898-1. Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 43. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24280.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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