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Nicola J. Maier-Michalitsch, Gerhard Grunick (Hrsg.): Leben pur - herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Komplexer Behinderung

Cover Nicola J. Maier-Michalitsch, Gerhard Grunick (Hrsg.): Leben pur - herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Komplexer Behinderung. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2017. 169 Seiten. ISBN 978-3-945771-08-2. 17,40 EUR.
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Thema

Im Tagungsband stehen das Verstehen von und der Umgang mit herausfordernden Situationen bei Menschen mit Komplexer Behinderung im Zentrum (vgl. S. 5-6).

Herausgeberin und Herausgeber

Gerhard Grunick und Nicola Maier-Michalitsch sind die Herausgeber des Bandes. Letztere ist Vorstandsmitglied der Stiftung Leben pur – eine Stiftung, bei der schwere und mehrfache Behinderung u.a. bei thematisch wechselnden Tagungen im Mittelpunkt steht.

Aufbau

Der Band beinhaltet ein Vorwort der HerausgeberInnen und die folgenden 14 Beiträge, welche den sechs Themen zugeordnet werden:

I. Grundlagen

  • Prof. Dr. Georg Theunissen: Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Komplexer Behinderung
  • Dr. Sebastian Kirsch; Ulrich Engelfried: Rechtliche Grundlagen bei Herausforderndem Verhalten

II. Aspekte aus der Psychologie,

  • Dr. med. Svetlana Panfilova: „Einfache“ Verhaltensauffälligkeiten oder Symptome einer Krankheit?
  • Thomas Sager: Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie bei Menschen mit Komplexer Behinderung

III. Aspekte aus Therapie und Pädagogik

  • Ursula Büker: Wie kann ich dir begegnen?
  • Ulrike Luxen: „Ich brauche dich doch.“ Herausforderndes Verhalten und Beziehungsbedürfnis
  • Prof. Dr. Eva Rass: Der Beziehungsalltag von und mit Menschen mit Behinderung: Die wechselseitige Herausforderung bei der Bewältigung des Stresserlebens

IV. Wohnen und Arbeiten,

  • Martina Seuser: Personelle und strukturelle Voraussetzungen in der Wohnumgebung
  • Wibke Juterczenka: Arbeiten außerhalb von Tages(förder)stätten: Wenn Menschen mit Herausforderndem Verhalten „auf Achse“ gehen
  • Stefania Calabrese: Vom Verstehen von „herausfordernden Verhaltensweisen“ zum Verständnis für „herausfordernde Situationen“: Die Gestaltung von Arbeitssituationen von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen

V. Hilfe für den Alltag,

  • Bettina Specht; Andreas Walter: „Wilde Rosen“ Emotionale Begleitung bei Selbst- und Fremdverletzendem Verhalten – ein Lösungsorientierter praxisbezogener Ansatz aus der humanistischen Psychologie
  • Dr. Christian Schanze; Petra Rauch: Deeskalationstraining und Krisenmanagement bei Menschen mit Intelligenzminderung – Herausforderungen im pädagogischen Alltag

VI. Eltern

  • Katrin Adler: Herausforderndes Verhalten … und was es mit mir macht!

Am Ende findet sich ein Glossar mit knappen Erläuterungen zentraler Begriffe.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Nachfolgend werden zwei Beiträge des Sammelbandes exemplarisch vorgestellt.

Prof. Dr. Georg Theunissen stellt in seinem Grundlagen-Beitrag eine Definition von herausforderndem Verhalten dar, welche den subjektiven Sinn hinter dem Verhalten in den Fokus rückt. Die Individuen versuchen durch ihr Verhalten eine für sie unangenehme Situation zu bewältigen oder zu verhindern (vgl. S. 7). „Hierzu greift die Person auf für sie bedeutsame Verhaltens- und Erlebensweisen zurück, die von ihren Mitmenschen als auffällig, erwartungswidrig, problematisch und letztlich als herausfordernd eingeschätzt werden. Das gilt zum Beispiel für ein langanhaltendes Schreien, Jammern oder Weinen, für das Zerstören oder Wegwerfen von Dingen, für eine Verweigerungshaltung im Rahmen der Aktivitäten des täglichen Lebens, für das Schlagen anderer Personen, für selbstverletzendes Verhalten oder für ein selbststimulierendes, stereotypes, repetitives Verhalten“ (S. 7). Aber auch unscheinbarere Verhaltensweisen wie beispielsweise sehr passives oder desinteressiertes Verhalten können herausfordernd sein. Er betont, dass eine Sichtweise, die alleinig das Individuum selbst für das herausfordernde Verhalten verantwortlich macht, einseitig und daher nicht ausreichend ist (vgl. S. 7-8). Ursachen für herausforderndes Verhalten können vielschichtig und komplex sein und sowohl spontan aus einer Situation heraus als auch aufgrund länger zurückliegender oder überdauernder Erfahrungen wie z.B. wiederkehrender Bindungsabbrüche bestehen (vgl. S. 8). Theunissen stellt das von ihm vertretene Konzept der Positiven Verhaltensunterstützung (PVU) als einen ganzheitlichen Weg für den Umgang mit herausforderndem Verhalten vor. Ausgehend von einer umfassenden Analyse anhand des S-A-B-C-Schemas werden u.a. konkrete Situationen, Stärken und Ressourcen, Herausforderungen, Ziele und Wünsche der Personen eruiert und so ein Unterstützungsprogramm erarbeitet, welches an Kontext, Verhaltensmöglichkeiten, Konsequenzsetzungen und Krisenbewältigungsmanagement ansetzt (vgl. S. 11-14). Das Vorgehen wird mit einem Fallbeispiel verdeutlicht.

Stefania Calabrese forschte zur Arbeitssituation von Menschen mit komplexer Beeinträchtigung. Sie kombiniert die Analyse von videographierten Arbeitssituationen mit Aktenanalysen und Interviewerhebungen mit Leitungs- und Bezugspersonen (vgl. S. 102). Theoretisch geht sie von einer systemökologischen Sicht aus, die Person und Umfeld in einer konkreten Situation betrachtet. Nicht das herausfordernde Verhalten der Person steht im Vordergrund, sondern die gesamte herausfordernde Situation mit all ihren Kontextbedingungen (vgl. S. 101; 107). Somit wird die jeweilige Arbeitssituation als herausfordernde Situation betrachtet, die entsprechend veränder- und anpassbar ist, indem beispielsweise passende Aktivitäten gefunden werden (vgl. S. 102). „Die charakteristischen Elemente und Bedingungen von herausfordernden Arbeitssituationen sind somit sowohl für die Entstehung von herausfordernden Verhaltensweisen als auch für die Eruierung der Funktionalität von herausfordernden Verhaltensweisen relevant. Gleichzeitig können sie auch als situative Auswirkungen erachtet werden, die aus dem Auftreten von herausfordernden Verhaltensweisen resultieren.“ (S. 106 f.)

Diskussion

Die Beiträge sind knapp und übersichtlich gehalten und werden an passenden Stellen von Abbildungen aufgelockert.

Im Band kommen verschiedene Perspektiven vor. Die Betroffenenperspektive wird indirekt über den Beitrag eines Elternteils mit eingebracht. Hierbei wäre wünschenswert, dass die Betroffenenperspektive noch stärker, auch durch eigene Beiträge verschiedener Art, vertreten wird.

Die Lektüre des Sammelbandes führt zu einem umfassenderen Verständnis bezüglich Bedingungen, Entstehensweisen, Therapiemöglichkeiten und praktischen Tipps zum Thema herausforderndes Verhalten bei Menschen mit komplexer Behinderung. Hierbei findet eine Einbeziehung verschiedener Ebenen statt: Das Individuum selbst, es betreffende Systeme, das jeweilige Umfeld, die Wohn- und Beschäftigungsverhältnisse. Durch das Aufzeigen von Ressourcen und Veränderungsmöglichkeiten werden verschiedene Anregungen gegeben, wie herausforderndem Verhalten präventiv und reaktiv begegnet werden kann.

Somit wird der Band seinem eingangs formulierten Anspruch gerecht, „nicht nur theoretisches Wissen vermitteln, sondern auch aus der Praxis berichten und Hilfen für den Alltag bieten“ zu können (Maier-Michalitsch/Grunick 2017, S. 6).

Fazit

Jedes Verhalten – und so auch herausforderndes Verhalten – hat einen subjektiven Sinn (vgl. S. 8). Sei es beispielsweise der Ausdruck eines Bedürfnisses, das Äußern von Gefühlen oder Schmerzen (vgl. S. 5-6). Dabei sind immer mindestens zwei Seiten zu berücksichtigen: Die jeweilige Person mit ihrem Ausdruck und das Umfeld, welches diesen deutet oder nicht versteht (vgl. S. 5-6).

Es besteht viel Entwicklungs- und Forschungspotenzial im Kontext von herausforderndem Verhalten. Der Tagungsband leistet einen Beitrag, indem er das Thema Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Komplexer Behinderung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.


Rezensentin
Rita Bretschneider
M.Ed. Master of Education für das Lehramt an Förderschulen
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig am Institut für Förderpädagogik im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung
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Zitiervorschlag
Rita Bretschneider. Rezension vom 05.09.2018 zu: Nicola J. Maier-Michalitsch, Gerhard Grunick (Hrsg.): Leben pur - herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Komplexer Behinderung. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2017. ISBN 978-3-945771-08-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24283.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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