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Kemal Bozay, Funda Özfırat u.a.: Migrationssensibler Kinderschutz

Cover Kemal Bozay, Funda Özfırat, Eymen Nahali: Migrationssensibler Kinderschutz. Ressourcenorientiert: Junge Geflüchtete im Fokus der Jugendhilfe. SchöneworthVerlag (Hannover) 2017. 72 Seiten. ISBN 978-3-945081-19-8.

Reihe: Beiträge zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe - 19.
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Thema

Die Inobhutnahmen von Kindern und Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren verdoppelt, seit sich die Kinder- und Jugendhilfe um minderjährige unbegleitete Flüchtlinge zu sorgen hat. Aber auch die Kinder und Jugendlichen, die mit ihren Eltern nach Deutschland kommen, haben das Recht auf Erziehung, Bildung und Förderung.

Es ist dabei davon auszugehen, dass die Fachkräfte umso erfolgreicher wirken, je mehr sie sensibel mit der kulturellen Vielfalt umgehen, den Migrationshintergrund in Rechnung stellen und diversitätsbewusst handeln können.

Autorin und Autoren

  • Dr. Kemal Bozay hat eine Vertretungsprofessur für Erziehungswissenschaft an der FH Dortmund inne.
  • Funda Özfirat (B.A.) ist Lehrerin und absolviert ein Masterstudium an der Universität Köln.
  • Eymen Nahali ist Sozialarbeiter und Künstler in Dortmund.

Entstehungshintergrund

Der Evangelische Erziehungsverband mit Sitz in Hannover gibt regelmäßig „Beiträge zur Theorie und Praxis der Jugendhilfe“ heraus, so im 19. Jahrgang 2017 die vorliegende Schrift.

Aufbau

Der Band besteht aus sechs Beiträgen, jeweils zwei pro Verfasser/in:

  • Kemal Bozay befasst sich zum einen mit „migrations- und differenzsensiblem Kinderschutz“, zum anderen mit der „Partizipation von jungen Geflüchteten“.
  • In den Beiträgen von Funda Özfirat geht es darum, wie die pädagogischen Fachkräfte auf die „Traumabewältigung und Identitätsbildung“ und die „innere Zerrissenheit zwischen Nähe und Distanz“ eingehen.
  • Eymen Nahali erläutert die Anwendung von Musik, insbesondere von Rap in der sozialpädagogischen Praxis. Im zweiten Beitrag stellt er die Potenziale von Sport und Theater dar, die junge Ehrenamtliche und junge Geflüchtete zusammen einbringen.

Inhalt

Bozay geht von Untersuchungen aus, die belegen, dass der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nicht häufiger, aber auch nicht seltener ist, wenn es um Familien mit Migrationshintergrund geht. Maßgeblich sei vielmehr die prekäre Lebenslage (Armut, Arbeitslosigkeit). Daneben gibt es jedoch auch „migrations- und fluchtbedingte Stressoren“, etwa die Erfahrungen von Trennung und Verlust, die unsichere Lebensperspektive, Diskriminierungserfahrungen. Der Zusammenhalt der (oft kinderreichen) Familie ist überlebenswichtig, unterdrückt aber auch individuelle Bedürfnisse.

Die Kinder- und Jugendhilfe muss „diversitätsbewusst“ handeln, um möglichst vielen Menschen gleichberechtigte Zugänge zur gesellschaftlichen Teilhabe zu verschaffen. Sie muss vorurteilsfrei „sehr heterogenen Lebensformen und Alltagsrealitäten“ begegnen. Konkret bedeutet dies, dass die Unterstützungsangebote der Jugendhilfe auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen ausgerichtet werden; insbesondere Sicherheit, Geborgenheit und die Bewältigung traumatischer Erfahrungen sollten im Vordergrund stehen.

Es existiert eine deutliche Spannung zwischen der Jugendhilfe (die auf Integration ausgerichtet ist) und der Asylpolitik, die gerne auf „Rückführung“ pocht. Vor, während und nach der Flucht machen viele Kinder und Jugendliche Erfahrungen, die sie nicht verarbeiten können: Gewalt, Folter, Zwangsrekrutierung usf. Solche Traumata können zwanghaft wiederkommen („posttraumatische Belastungsstörungen“) und sich mit der Angst vor Abschiebung verbinden. Hier ist die professionelle Hilfe von Therapeutinnen und Therapeuten gefragt.

Interkulturelle Jugendhilfe muss für die Kulturen und Biografien der geflüchteten Jugendlichen sensibel sein, wenn sei diese bei Alltagsproblemen begleitet. Allerdings suchen unbegleitete Kinder und Jugendliche oft Vertrauenspersonen, die ihnen viel Aufmerksamkeit und Zuwendung geben, die Fachkräfte aber die Grenzen ihres Privatleben beachten müssen. Ein weiteres Problem ist die „doppelte Sprachlosigkeit“, da die Flüchtlinge mit ihrer Muttersprache nicht mehr weiterkommen, aber erst langsam mit Deutsch vertraut werden.

Wie Eymen Nahali aus seiner Praxis berichtet, ist Rap überaus populär bei Jugendlichen. Aus Rhyhm und Poetry besteht der Sprechgesang, mit dem sich auch junge Geflüchtete bewegen und ausdrücken können; dies ist identitätsbildend, fördert aber auch in Gleichaltrigengruppen das Gemeinschaftsgefühl und Selbstbewusstsein.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von interkulturellen Theaterprojekten und sportlichen Aktivitäten mit Geflüchteten, die die „gesellschaftliche Eingliederung“ fördern. Beispiele. dafür liefern die Sportjugend Hessen und das Ensemble Labsa, welches Jugendliche – mit oder ohne Fluchterfahrung – im Depot Theater Dortmund zusammenführt. Der Verein „Machbarschaft Borsig111“ betreibt ein Café, in dem sich Asylbewerber entspannen, über ihre Lebensbedingungen erregen oder Fotocollagen anfertigen können. In der Verbandsgemeinde Simmern ist die „Kulturbrücke Hunsrück“ aktiv; eine neue Band namens „Mischmasch“ besteht zum großen Teil aus Jugendlichen mit Fluchterfahrung, die ihre Lieder und Instrumente miteinander, auf Kurdisch, Farsi, Arabisch, Deutsch oder Englisch anstimmen.

Diskussion

Der vorliegende Band thematisiert die Lebenslage von Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen, insbesondere als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, und welcher Auftrag für die Kinder- und Jugendhilfe daraus erwächst. Was ihm von der Fülle der Literatur hierzu unterscheidet, ist das Versprechen, kultursensibel vorzugehen und kulturelle Vielfalt als Ressource zu formulieren. Leider kommt es kaum dazu. Es werden immer wieder Differenzen und Diversität behauptet, aber nicht belegt. Nur andeutungsweise ist von autoritären Familienverhältnissen die Rede. Es wäre gut, kulturelle Überschneidungssituationen, etwa monochrones vs. polychrones Zeitverständnis, vorzustellen, die sensibel zu bewältigen und in beide Richtungen aufzulösen wären: pünktlich ist oft zu früh. Dass die Autorin/die Autoren damit Kategorisierungen und Stereotypen („Die Flüchtlinge sind/haben…“) vermeiden wollen, ist ganz richtig. Aber diversitätsbewusstes Denken und (Aus-)Handeln ohne Anschauung zu belassen, nur als Appell vorzutragen, reicht auch nicht.

Die erfreulichen Berichte über gemeinsame Aktivitäten von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung liest man gern. Materialien hierzu gibt es ja seit langem, etwa „Der Ball ist bunt“ (von Blecking/Dembowski 2010 herausgegeben) oder „Geflüchtete und kulturelle Bildung“ (Hrsg. Ziese/Gritschke, vgl. die Rezension vom 11.10.2016). Über die langfristigen Wirkungen und die Erfolgsbedingungen wird allerdings zu wenig geforscht. Die Frage ist ja auch, wie sich Rapper mit Texten in den unterschiedlichsten Muttersprachen verständigen und teilhaben können.

Schließlich sind noch Kleinigkeiten anzumerken: Das „Editorial“ und der Werbetext auf der Buchrückseite sind etwas dahingehudelt, samt Kommafehler. Und wer ist Daschner (S. 56)?

Fazit

Das vorliegende Heft ist ein starker Aufruf, die Rechte und Bedürfnisse junger Geflüchteter ernstzunehmen. Der Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe wie auch die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft werden deutlich.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 25.06.2018 zu: Kemal Bozay, Funda Özfırat, Eymen Nahali: Migrationssensibler Kinderschutz. Ressourcenorientiert: Junge Geflüchtete im Fokus der Jugendhilfe. SchöneworthVerlag (Hannover) 2017. ISBN 978-3-945081-19-8. Reihe: Beiträge zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe - 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24284.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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