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Michael Glüer, Manfred Holodynski u.a. (Hrsg.): Bindungs- und Beziehungsqualität im Kindergarten

Cover Michael Glüer, Manfred Holodynski, Dorothee Gutknecht, Hermann Schöler (Hrsg.): Bindungs- und Beziehungsqualität im Kindergarten. Grundlagen und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 218 Seiten. ISBN 978-3-17-026016-0. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

Reihe: Entwicklung und Bildung in der Frühen Kindheit.
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Thema

Das Lehrbuch von Dr. Michael Glüer „Bindungs- und Beziehungsqualität in der Kita“ gibt einen Überblick über die aktuelle Forschung zur Bindungsentwicklung und beleuchtet Beziehungen zwischen Erzieherinnen und Kindern. Die wissenschaftliche Betrachtung der Bindungsentwicklung und der Transition in Krippe und KiTa, die Diagnostik von Bindungsverhalten und die praktische Gestaltung werden aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.

Herausgeber und Herausgeberin

Das Fachbuch wird im Rahmen der Lehrbuchreihe „Entwicklung und Bildung in der frühen Kindheit“ von Manfred Holodynski, Dorothee Gutknecht und Hermann Schöler im Kohlhammer Verlag herausgegeben.

Autor

Dr. Michael Glüer ist der Autor des vorliegenden Buches. Er lehrt und forscht als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Universität Bielefeld zum Themenfeld der Bindungstheorie und deren praktische Anwendung in Krippe und KiTa.

Entstehungshintergrund

Das Team der Herausgeber veröffentlicht eine Reihe von Lehrbüchern mit dem Ziel, einen Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis anzubieten.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrwerk ist in drei Teile gegliedert:

  1. Theorien und Konzepte der Bindungsqualität
  2. Bindungs- und Beziehungsqualität im Vorschulsetting
  3. Bindungsqualität in der KiTa – Praxis

Im ersten Teil werden die Bindungstheorie nach Bowlby und das Beziehungsmodell nach Pianta behandelt, die theoretischen Grundlagen erläutert, zusammengefasst und Begriffe, wie zum Beispiel Bindung und Beziehung, geklärt. Von einer Bindung spricht man, wenn eine Beziehung von einem Kind zu einer Bezugsperson beschrieben werden soll und wenn das kindliche Handeln einem Bindungstyp im Zusammenhang mit der Bindungstheorie zugeordnet werden kann. Von Beziehung wird immer dann gesprochen, wenn nicht ausdrücklich ein Zusammenhang zur Bindungstheorie hergestellt wird und der Kontakt nicht vom Kind, sondern von der Erziehungsperson ausgeht.

Im zweiten Teil werden die Bindungen zu sekundären Bezugspersonen mit einem besonderen Blick auf die Bindungen und Beziehungen zwischen Erzieherinnen und Kindern behandelt. Der Autor beschreibt, wie sich die familiäre Bindungsentwicklung auf die nachfolgenden Bindungen zwischen Erzieherin und Kind auswirken. Es wird unter anderem über erste Trennungen berichtet, indem die Transition in die Fremdbetreuung auf der psychologischen Ebene, der Verhaltensebene und der Bedeutsamkeit der Eingewöhnungsgestaltung betrachtet wird. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Bedeutung von Übergangsobjekten eingegangen.

Teil Drei setzt sich mit der Gestaltung des Übergangs in eine Einrichtung auseinander. Eine Transition ohne bewusste Gestaltung setzt Kindern extremem Stress aus. Dr. Michael Glüer hat in seinem Werk verschiedene Möglichkeiten der Eingewöhnungsgestaltung zusammengetragen und vorgestellt. Die Eingewöhnung in einen Kinderkrippe kann zum Beispiel mit Hilfe des infans-Modells gestaltet werden. Drei Phasen, die der Autor ausführlich erläutert, führen durch den Prozess:

  • Informationsphase
  • Eingewöhnungsphase mit Grundphase (1-3 Tag), dem Entscheidungstag (4. Tag) und der Stabilitätsphase (5. Tag bis zu 2 Wochen)
  • Schlussphase (3. Bis 4. Woche)

Hierbei kommt der Informationsphase, in der Eltern und Erzieherinnen miteinander das Modell besprechen, eine große Bedeutung zu. Das Verständnis für die Bedeutung der Abläufe ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen des Prozesses.

Die Art der Feinfühligkeit, die Haltung, jedes Kind als eigenständig denkendes Wesen zu betrachten (Mind- Mindedness) und die Stärke der emotionalen Verfügbarkeit der Erzieherinnen, haben bedeutsamen Einfluss auf die Bindungsentwicklung in der KiTa Praxis.

Gleichzeitig wirken sich die Haltungen von Einrichtungsträgern, die pädagogischen Konzepte, die konkreten Arbeitsbedingungen und persönliche Bindungserfahrungen von Erzieherinnen und Leiterinnen auf die Möglichkeiten des Bindungs- und Beziehungsaufbaues aus.

Beobachtungsverfahren zum Erkennen von Bindungs- und Explorationssicherheit runden die Ausführungen ab und geben konkrete Hilfen für die Anwendung in der Praxis, auch zum Beobachtung des eigenen pädagogischen Verhaltens. Die Reflexion der Fachkraft über ihr Verhalten und ihre eigenen Bindungserfahrungen kann durch die Kenntnis der theoretischen Hintergründe und das Anwenden von Verfahren zur Selbsteinschätzung unterstützt werden. Einige Möglichkeiten werden im vorliegenden Fachbuch dargestellt.

Literaturempfehlungen sind sowohl Themenbezogen als auch am Ende des Buches zu finden.

Diskussion

Michael Glüer ist es im vorliegenden Fachbuch gelungen eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Praxis herzustellen.Der aktuelle theoretische Wissenstand wird verständlich als Grundlagenwissen erläutert. Zugleich wird deutlich, welche Bedeutung dieses Wissen für den praktischen Alltag in Krippe und KiTa hat. Es werden hilfreiche und umsetzbare Einblicke in die Möglichkeiten der Diagnostik der Bindungs- und Beziehungsqualität gegeben. Das Lehrbuch hilft mit kurzen Zusammenfassungen, sich die Kernpunkte der jeweiligen Thematik zu merken.

Sehr hilfreich ist hierbei der Aufbau der Merk-Kästchen. Ein Kernsatz wird jeweils mit einem aussagekräftigen Beispiel begleitet. Der Aufbau des Buches ist so gestaltet, dass der Leser von der Theorie zur Praxis durch die Thematik geführt wird. Schaubilder und Tabellen führen die Ausführungen immer wieder zusammen und veranschaulichen die Aussagen. Der Autor zeigt auf, wo noch Forschungsbefunde fehlen um die Entwicklung der Erzieherinnen – Kind Bindungen umfassend beschreiben und erklären zu können. Es ist gelungen die Bindung eines Kindes zu seinen Eltern von der Bindung zur Erzieherin abzugrenzen. Die geforderte und erforderliche professionelle Feinfühligkeit in der pädagogischen Arbeit steht im Zusammenhang mit der jeweiligen persönlichen und beruflichen Situation der Pädagogen.

Fazit

Das Buch ist hilfreich für Wissenschaftler, Lehrende und Lernende die sich einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zum Thema machen möchten. Durch den gelungen Transfer in die Praxis ist das Fachbuch für den Einsatz im pädagogischen Alltag gut geeignet. Gerade der hohe theoretische Anspruch macht das Lehrwerk so wertvoll, denn Erzieherinnen benötigen dringend fundierte Argumente, um ihre berufliche Situation zu verbessern und gegenüber Trägern von pädagogischen Einrichtungen sinnvolle Forderungen zu stellen. Die Gestaltung der Bindungs- und Beziehungsqualität im pädagogischen Alltag darf nicht dem Zufall überlassen werden.

Das Fachbuch von Dr. Michael Glüer ermöglicht durch übersichtliche, zusammenfassende Tabellen, beispielhafte Erläuterungen und Interventionsmöglichkeiten einen Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis.


Rezensentin
Ulrike Ziemer
Dipl. Heilpädagogin (FH)
Homepage ziemer-celle.de/rikeswunderkiste
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Zitiervorschlag
Ulrike Ziemer. Rezension vom 19.06.2018 zu: Michael Glüer, Manfred Holodynski, Dorothee Gutknecht, Hermann Schöler (Hrsg.): Bindungs- und Beziehungsqualität im Kindergarten. Grundlagen und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-026016-0. Reihe: Entwicklung und Bildung in der Frühen Kindheit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24289.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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