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Heinz Kipp (Hrsg.): Schulabsentismus. Eine Steuerungsaufgabe für Schulleitungen

Cover Heinz Kipp (Hrsg.): Schulabsentismus. Eine Steuerungsaufgabe für Schulleitungen. Carl Link (Kronach) 2017. 114 Seiten. ISBN 978-3-556-07318-6. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR.
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Thema

Die vorliegende Veröffentlichung greift das aktuelle Thema der Schulverweigerung – häufig auch als Schulabsentismus bezeichnet – auf. Das regelmäßige Fernbleiben vom Schulbesuch führt häufig zum Schulabbruch mit schwerwiegenden Folgen. Jugendliche, die die Schule nur unregelmäßig besuchen, sind häufig sozial nicht (mehr) integriert. Darüber hinaus führen hohe Fehlzeiten dieser Jugendlichen häufig zum vorzeitigen Schulabbruch und sie verlassen die Schule ohne Abschluss. Dies verschlechtert ihre Chancen, eine Ausbildung zu beginnen. Ebenfalls sind ihre beruflichen Chancen langfristig sehr eingeschränkt und sie sind potentiell von Arbeitslosigkeit bedroht.

Herausgeber und Autor*innen

Der Herausgeber dieser Veröffentlichung war Leiter des Staatlichen Schulamtes Gießen sowie des Vogelbergkreises und arbeitet nun in der Personal- und Organisationsentwicklung von Schulen und Bildungsinstitutionen. Die weiteren Autor*innen sind als Lehrkräfte in verschiedenen Schulformen sowie im Bereich der Schulaufsicht und Schulberatung tätig.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung bezieht u.a. Ergebnisse des Projekts EMPOWER (Enhanced Multi-Professional Working in Areas Experiencing Educational Resistence) ein, in denen die verschiedenen Umgangsweisen und Hilfestellungen für Schüler*innen sowie Lehrkräfte im Hinblick auf Schulabsentismus in Gießen (Hessen), Lanarkshire (Schottland) und Järfälla (Schweden) vorgestellt werden.

Aufbau

Im Vorwort der Veröffentlichung werden allgemeine Informationen zum Thema „Schulabsentismus“ zusammengefasst.

Danach folgt ein Kapitel, in dem rechtliche Regelungen sowie Zuständigkeiten, Dokumentationsformen und Kommunikationsstrukturen in Bezug auf „Schulabsentismus“ erläutert werden.

Daran schließt sich ein Abschnitt an, in dem Beispiele guter Praxis aus zwei Schulen in Gießen sowie einer schottischen Schule vorgestellt werden. Zum Abschluss werden ausgewählte Ergebnisse einer Umfrage des o.a. Projekts EWPOWER vorgestellt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im Vorwort werden die aktiven und passiven Formen der Schulverweigerung differenziert. Als passive Form der Schulverweigerung wird die körperliche Anwesenheit bei gleichzeitiger geistiger Abwesenheit bezeichnet. Häufig ist diese Form der Schuldistanz ein mögliches Zeichen für eine schleichende Schulverweigerung. Bei der aktiven Schulverweigerung werden weitere Differenzierungen vorgenommen und Phänomene des sog. „Schulschwänzens“ OHNE Angstsymptomatik von denen MIT spezifischer Angstsymptomatik unterschieden. Bei Schulverweigerung mit spezifischer Angstsymptomatik kann es sich um Leistungsangst, Trennungsängste (Schulphobie) oder auch um soziale Ängste handeln. Diese sozialen Ängste gehen häufig mit sozialen Konflikten – sei es mit Lehrkräften oder Mitschüler*innen – einher. Eine weitere Form ist das bewusste Fernhalten der Kinder und Jugendlichen von der Schule durch Erziehungsberechtigte. Mögliche Ursachen sind häufig familiäre Probleme, in die Kinder und Jugendliche einbezogen werden, und die Übernahme von Familienaufgaben (z.B. bei psychischen Erkrankungen der Eltern). Ein weiterer Aspekt, der zu Beginn dargestellt wird, ist der spezifische Phasenverlauf bei Schulabsentismus von anfänglichen Fehlzeiten und der Steigerung der Abwesenheitszeiten bis hin zu Resignation und dauerhaftem Fernbleiben vom Schulbesuch.

Im zweiten Kapitel stellen die Autor*innen eine Handreichung zusammen, wie der Umgang mit schulabsenten Schüler*innen gestaltet werden kann und welche Formen der multiprofessionellen Zusammenarbeit – auch präventiv – notwendig sind. Hierzu wird der rechtliche Rahmen der Schulpflichtverletzung ausführlich erläutert und auf die Maßnahmen verwiesen, die von Seiten der Schule sowie sonstigen staatlichen Behörden ergriffen werden können bzw. müssen. Da das Schulrecht im Zuständigkeitsbereich der einzelnen Bundesländer liegt, wird auf das hessische Schulpflichtgesetz verwiesen. In den meisten Bundesländern gelten allerdings ähnliche gesetzliche Regelungen hinsichtlich der Schulpflicht. Im Weiteren werden die verschiedenen Maßnahmen und Vorgehensweisen bei Schulpflichtverletzungen beschrieben. Diese reichen von der schriftlichen Aufforderung der Schulleitung an die Eltern zum regelmäßigen Schulbesuch bis hin zu der Aufforderung eine entsprechende Entschuldigung einzureichen. Sollten diese Maßnahmen erfolglos bleiben, so wäre eine Möglichkeit, dass Schüler*innen zwangsweise in die Schule gebracht werden. Diese Maßnahme halten die Autor*innen für wenig sinnvoll, da durch diese Maßnahme kein regelmäßiger Schulbesuch sichergestellt werden kann. Für praktikabler hält man bei Schulpflichtverletzungen das Einleiten eines sog. Ordnungswidrigkeitsverfahrens gegen die Erziehungsberechtigten und den / die jeweilige(n) Schüler*in (ab dem 14. Lebensjahr möglich). Im Weiteren wird genau erläutert, welche Folgen solch ein Verfahren hat und welche Sanktionen möglich sind.

Darüber hinaus werden Beispiele bezüglich der Dokumentation der jeweiligen Fehlzeiten aufgeführt und hinsichtlich ihrer datenschutzrechtlichen Aspekte bewertet. Die interne Rollenverteilung zwischen Schulleitung, Lehrkräften und Schulsozialarbeiter*innen im Umgang mit Fehlzeiten sowie der Beratung von schulabsenten Schüler*innen wird ein weiterer Abschnitt gewidmet. Diese Ausführungen verdeutlichen, dass Schulen entsprechende Strukturen im Umgang mit dem Phänomen Schulabsentismus schaffen sollten, um bei Auftreten dieser Problematik entsprechend umgehend agieren zu können. Interne Kommunikationsstrukturen bzw.- abläufe und Entscheidungskompetenzen innerhalb der Schulen sowie die Weitergabe von Informationen an die Schulaufsicht sind der Schulgemeinde gegenüber transparent zu gestalten. Hiermit wird die Bedeutung verbindlicher Absprachen sichtbar.

Die Zusammenarbeit mit Eltern schulabsenter Kinder /Jugendlicher wird ebenfalls einbezogen. Die Einberufung von sog. runden Tischen mit Klassenleitung, Schulleitung und ggfs. weiteren sozialpädagogischen Fachkräften (z.B. Schulsozialarbeiter*innen) gehört nach Auffassung der Autor*innen zum professionellen Umgang mit Krisen ebenso wie die grundsätzliche Information der Eltern, welche Maßnahmen bei unentschuldigten Fehlzeiten von Seiten der Schule ergriffen werden. Damit gehören verabredete Beratungswege und gezielte Präventionsmaßnahmen für die Autor*innen unmittelbar zum Thema „Vorbeugung von und Umgang mit Schulverweigerung“. In einer Checkliste werden die wichtigsten Informationen prägnant zusammengestellt. Ebenso gibt es Anregungen für Gespräche mit Eltern und Schüler*innen sowie Dokumentationsvorlagen für die Gestaltung administrativer Abläufe.

Im dritten Kapitel werden vier verschiedene Praxisbeispiele von Schulen mit unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten im Hinblick auf Schulverweigerung präsentiert (z.B. Verbesserung des sozialen Klimas in der Schule sowie gezielte Zusammenarbeit zwischen Pädagog*innen, Schüler*innen und Eltern). Ebenso wird ein ‚detaillierter Fahrplan‘ einer Schule im Umgang mit Schulvermeidung vorgestellt, in dem die rechtlichen und pädagogischen Maßnahmen kompakt zusammengefasst werden.

Im letzten Kapitel werden Ergebnisse einer Befragung von Lehr- und weiteren Fachkräften an den ausgewählten Schulen aus dem Projekt EMPOWER vorgestellt. Der Umgang mit Fehlzeiten sowie die interne und externe Zusammenarbeit bei Schulverweigerung werden von den befragten Fach- und Lehrkräften als verbesserungswürdig beschrieben. Ebenso gibt es Hinweise, dass dem schulischen Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule besondere Aufmerksamkeit im Hinblick auf Schuldistanz geschenkt werden sollte, um mögliche Unsicherheiten auszuräumen und Skepsis der Eltern und Kinder gegenüber der Schule vorzubeugen. Die Beratung und Fortbildung der Lehrkräfte wird hinsichtlich des Themas „Schulverweigerung / Schulabsentismus“ von den Befragten als nicht ausreichend bewertet. Auch über Alternativen zum Regelschulbesuch sind Lehrkräfte oft nicht ausreichend informiert (z.B. Ruhen der Schulpflicht).

Diskussion

Die vorliegende Veröffentlichung zum Thema Schulabsentismus bietet nicht nur Schulleitungen wertvolle rechtliche Informationen und fachspezifische Hinweise im Umgang mit Schulverweigerung, sondern insbesondere auch Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen können dies als übersichtlichen Leitfaden für die Auseinandersetzung mit dem Phänomen nutzen. In knapper Form werden u.a. die verschiedenen Formen von Schulverweigerung erläutert und gleichzeitig an Schulen appelliert, entsprechende Präventionsmaßnahmen im Vorfeld sowie akute Krisenpläne zu erarbeiten, um dem Phänomen konsequent zu begegnen. Voraussetzung für den konstruktiven Umgang mit Schuldistanz oder Schulverweigerung ist die multiprofessionelle Zusammenarbeit aller Fachkräfte im schulischen Kontext. Die Ergebnisse der Befragung verdeutlichen exemplarisch, dass hier entsprechender Nachholbedarf gesehen wird.

Gleichzeitig stellen die Autor*innen Maßnahmen im Umgang mit Schulverweigerung vor, wie z.B. gezielte Gesprächsangebote und frühzeitige Kontaktaufnahme zu den Eltern von betroffenen Schüler*innen. Hierfür werden Leitfäden für Gesprächsangebote zusammengestellt, an denen sich die Fachkräfte orientieren können. Um Gesprächsimpulse möglichst vielfältig gestalten zu können, sollten diese möglichst als offene Fragen formuliert werden. Hiermit wird indirekt auf die Bedeutung von Beratungskompetenzen der Pädagog*innen verwiesen, die nicht nur im Zusammenhang mit Schulverweigerung erforderlich sind.

Die Praxisbeispiele sind anschaulich zusammengefasst und bieten ebenfalls entsprechende Anregungen für alle Fachkräfte an Schulen. Hervorzuheben ist, dass mit dieser Veröffentlichung verdeutlicht wird, dass in jeder Schulform mit Schulverweigerung zu rechnen ist und der Umgang mit diesem Phänomen vor Ort verabredet sowie die Prävention von Schulvermeidung thematisiert und entsprechend gestaltet werden sollte. Um soziale Desintegration von Schüler*innen möglichst zu vermeiden, betonen die Autor*innen sehr nachdrücklich, dass Schulen u.a. durch Verbesserung des Schulklimas Mobbing und soziale Ausgrenzung entgegenwirken und damit auch präventiv Schuldistanz begegnen können.

Fazit

Das Thema Schuldistanz / Schulverweigerung ist kein Randphänomen. Die Autor*innen ermutigen alle Fachkräfte in den verschiedensten Schulformen, sich dem Thema zu widmen und plädieren nachdrücklich für transparente Kommunikationsstrukturen und abgestimmte Zusammenarbeit aller Pädagog*innen mit den Eltern sowie den betroffenen Kindern /Jugendlichen. Dort liegt der Schwerpunkt des Buches. Ursachen und Verlauf von Schulabsentismus werden kurz aufgegriffen und es wird auf vertiefende Literatur verwiesen. Die Veröffentlichung zeichnet sich durch große Praxisnähe aus und bietet Fachkräften im Schulkontext wertvolle Anregungen.


Rezensentin
Dipl. Päd. Claudia Hermens
TH Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften, Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung
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Zitiervorschlag
Claudia Hermens. Rezension vom 26.09.2018 zu: Heinz Kipp (Hrsg.): Schulabsentismus. Eine Steuerungsaufgabe für Schulleitungen. Carl Link (Kronach) 2017. ISBN 978-3-556-07318-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24299.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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