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Annette Just: Systemische Schulsozialarbeit

Cover Annette Just: Systemische Schulsozialarbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 213 Seiten. ISBN 978-3-8497-0175-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Systemische soziale Arbeit.
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Thema

Die hohen Erwartungen gesellschaftlicher Akteure an die Schulsozialarbeit verbinden sich mit den sehr heterogenen Arbeitsformen, Settings und KlientInnen zu einer komplexen Anforderungsstruktur für die in der Schulsozialarbeit Tätigen. Eine Antwort auf die mannigfache Aufgabenstruktur wird hier in einer Gesamtkonzeption für das Arbeiten zwischen Jugendhilfe und Schule gesehen – und zwar im „systemischen Ansatz“.

Autorin

Dr. Annette Just, Studium der Sozialpädagogik und der Erziehungswissenschaften. Zahlreiche Weiterbildungen, u.a. als systemische Familienberaterin. Gründerin und Leiterin des Instituts für Schulsozialpädagogik in Münster, zahlreiche Publikationen zur Schulsozialarbeit.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin hat ihr Buch in vier große Teile und neun Kapitel strukturiert.

  1. Teil 1 liefert die Grundlagen des systemischen Denkens für die Schulsozialarbeit;
  2. Teil II führt systemisches Handeln in der Schulsozialarbeit vor und
  3. Teil III wartet auf mit Beispielen aus der Praxis.
  4. Teil IV wiederum befasst sich mit Wirksamkeit und Fortschritt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die Ausgangslage und Leitgedanken in Kapitel 1 behandeln die Systeme Schule, Soziale Arbeit und Schulsozialarbeit in analytischer Manier, aber durchaus praxisorientiert und plastisch. Es gelingt der Autorin sehr gut, die Komplexität der jeweiligen Binnenlogik der beiden Bezugssysteme als auch diejenige des Hybrids Schulsozialarbeit zu veranschaulichen, z.B. in der Abb. 1 auf Seite 29.

Die zentrale Begründung für die Vorteile eines genuin systemtheoretischen Ansatzes formuliert Annette Just wie folgt: „Sie ermöglicht es, komplexe Zusammenhänge menschlichen Lebens zu beschreiben und angemessen (komplexitätsgerecht) zu charakterisieren.“ (S. 31). Ferner wird systemisches Denken nicht als beliebig handhabbarer Werkzeugkasten, sondern als Haltung der sozialen Umwelt gegenüber charakterisiert. Professionspolitisch „bringt's“ diese Perspektive insofern, als sie den AkteurInnen der Schulsozialarbeit eine flexible, aber gleichzeitig stabile Plattform zur selbstbewussten Selbstpositionierung bietet (S. 35).

Ein anderer Blick als der bildungswissenschaftliche oder auch schulpädagogische auf das sich ständig in Weiterentwicklung befindliche System Schule ist ein weiterer wichtiger Beitrag des systemischen Denkens.

Kapitel 2 ist dann den Ursprüngen und Ausdifferenzierungen des systemtheoretischen Denkens gewidmet. Völlig zu Recht weist die Autorin zu Beginn auf den interdisziplinären Charakter dieses Theoriegebäudes hin und operiert fernerhin mit der Metapher „Systemtheoretisches Haus“ (S. 50)

Als eine wichtige gemeinsame Einsicht wird herauspräpariert, dass Systemtheorien die unhintergehbaren idiosynkratischen Anteile an der Wirklichkeitskonstruktion von psychischen und sozialen Systemen hervorheben (S. 51). In fünf Unterkapiteln werden sodann weitere Essentials behandelt. Anschaulich und nachvollziehbar legt die Autorin das Systemverständnis in biologischer und sozialer Hinsicht dar; umschreibt unprätentiös aber einleuchtend und anhand gut ausgewählter Beispiele das zentrale Konstrukt der Autopoiese; ebenso die Relevanz der Differenzierung von System und Umwelt; Komplexität und Komplexitätsdifferenzierung; Sinn, Kommunikation und Beobachtungen unterschiedlichster Ordnung. Kompakt zusammengefasst wir die Rolle des Schulsozialarbeiters und der Schulsozialarbeiterin in diesem theoretischen Rahmen als „ … Anregungsexperte in einem kooperativen Zusammenspiel“. (S. 69).

Kapitel 3 ist der strategische Hebelpunkt der Publikation, denn die Autorin versucht hier, eine selbstsichere, standfeste Position der Schulsozialarbeit inmitten der vielfältigen und verwirrenden Systembezüge zu fundieren. Neben dem notwendigen theoretisch-methodischen Rüstzeug aus der allgemeinen Sozialarbeit und der systemischen Methode braucht es für die sichere Plattform des Agierens in der Schule vor allem, so Just, einer gefestigten systemischen Haltung (S. 75). Elementare Zutaten sind hierzu Transparenz des eigenen Vorgehens und permanentes Spielen mit der Metaperspektive auch auf das eigene Tun.

Konkret in die Beratungsarbeit taucht der Leser dann in Kapitel 4, „Einstieg in die systemische Beratung“, ein. Angesprochen werden dort konkrete Anlässe, Techniken und Verfahren. Der Einstieg in einen Beratungsprozess besteht aus einer nicht wenig herausfordernden Auftragsklärung. Was kann und darf in einer bestimmten situativen Konstellation überhaupt getan werden?

An einem Fallbeispiel wird überzeugend und nachvollziehbar vorgeführt, wie wichtig dabei die reine, aber eben multiperspektivisch vorzunehmende Beschreibung der situativen Konstellation ist. Daraufhin muss eine gestaffelte Form des systemischen Fragens abgearbeitet werden: Konkret benannt sind dies Fragen nach Wirklichkeitskonstruktionen, Möglichkeitskonstruktionen und Lösungskonstruktionen. Durchzuführen sind diese Themensondierungen mittels des „Passepartouts“ systemischen Arbeitens, dem zirkulären Fragen (S. 119). Dessen Vorteil besteht darin, eine Reflexionsebene einzuziehen, die es den Beteiligten erlaubt, indirekte, nicht verletzende und skalierbare Antworten zu geben (S. 122). „Anders, als jemanden direkt nach seinen Empfindungen zu fragen, kann man fragen, was oder wie andere darüber denken, sodass die betreffende Person über sich selbst eine Aussage von Dritten hört.“ (S. 122).

Über die Beratung hinausgehend ist Konzeptarbeit und Intervention gefragt („Systemische Konzepte und Interventionen“, Kapitel 5). Wiederum orchestriert durch Praxisbeispiele gibt Annette Just einen Einblick in den Werkzeugkoffer des systemischen Intervenierens. Entfaltet werden u.a. das dynamische Modell (Ressourcen), das humanistische Modell (Kommunikation), das strukturelle Modell (Grenzen).

Die Alltagstauglichkeit des ausgepackten, prallen Werkzeugkoffers soll Kapitel 6 plausibilisieren. Hervorgehoben wird zu Beginn, dass der Alltag des Schulsozialarbeiters nicht unwesentlich durch die jeweiligen Rahmenvorgaben z.B. föderaler Art mitgeprägt wird (S. 167). Plastische Einblicke geben dann Berichte von SchulsozialarbeiterInnen aus NRW

Bei all der vorgeführten Komplexität der Theorien, Methoden, Zugänge und konkreten Handlungsanforderungen im Alltag erscheint es höchst angebracht, diese Vielfalt auch für sich als Professionsvertreter und für andere „stakeholder“ zu reflektieren und das auch intersubjektiv nachvollziehbar zu dokumentieren. Unter der Kapitelrubrik „Systemische Evaluation“ (Kapitel 7) gibt Annette Just einen empiriegestützten Einblick in die Teilprozesse einer solchen Evaluation. Letztere bezieht sich schwerpunktmäßig auf den Beratungsprozess innerhalb der Schulsozialarbeit und umfasst die Erhebung der Basisdaten der „KlientInnen“; die Anzahl der durchgeführten Beratungsgespräche, die eingesetzten Methoden, „Wirkungen“ und die eigentliche Evaluation im Sinne einer Interpretation und Nutzbarmachung der Ergebnisse (S. 195). Das Procedere erfolgte mittels eines speziellen PC-Programms, das beispielsweise auch die Visualisierung von Beratungsverläufen ermöglicht (S. 197).

Die Autorin beschließt ihre Darstellung mit einem Resümee und Hinweisen auf Ausbildungsmöglichkeiten. Dabei unterstreicht Annette Just nochmals die Multiperspektivität und Interdisziplinarität als die entscheidenden Pfunde des systemorientiertes Arbeitens in der Schulsozialarbeit – gerade auch als Komplement zum „linearen kausalen Denken der Schule“.

Diskussion

Zusammenfassend gesehen hat die Autorin eine kenntnisreiche und mit Praxisbeispielen gespickte, zum großen Teil sehr gut lesbare Einführung in die benannte Thematik vorgelegt. Mit gewissen Vorkenntnissen ausgestattet, kann man dieses Buch sicherlich sehr souverän und für die jeweiligen Zwecke angepasst nutzen.

Für AnfängerInnen im Fachgebiet allerdings könnte die eigenwillige, durchaus originelle und gewissen Imperativen der Lehrbuchmarktgängigkeit folgende Gliederung und Darstellungsweise als Überforderung wirken. Gerade das Kernkapitel 2 (Nun das Ganze auf Systemisch) suggeriert eine spielerische Leichtigkeit, die der Systemtheorie aus verschiedensten Gründen eben nicht eigen ist. Zudem kann der mehrfache Rekurs auf eine „systemische Haltung“ als Fundament des Arbeitens nicht ganz überzeugen, weil Haltungen zu normativ und zu diffus sind, um gerade wenig erfahrene Sozialarbeiterinnen und Lehrer in das Arbeitsfeld zu begleiten. Auch werden für eine Einführung zu wenige Brücken zu anderen Diskursen und Disziplinen, die die Schulsozialarbeit fundieren, geschlagen.

Fazit

Trotz der Einwände liegt mit dem Lehrbuch eine lesenswerte Einführung in das umschriebene Themenfeld vor, das aufgrund seiner Praxisnähe und engagierten didaktischen Gestaltung, hier nicht zuletzt durch eine Anzahl gut ausgewählter Schaubilder und Tabellen, eine sehr gute Einblick in die Möglichkeiten des systemischen Arbeitens in der Schulsozialarbeit liefert.


Rezensent
Prof. Dr. Andreas Lange
Soziologe, Hochschule Ravensburg-Weingarten, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Andreas Lange. Rezension vom 06.11.2018 zu: Annette Just: Systemische Schulsozialarbeit. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8497-0175-8. Reihe: Systemische soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24300.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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