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Ursula Wirtz: Stirb und werde (traumatische Erfahrungen)

Cover Ursula Wirtz: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. Patmos Verlag (Ostfildern) 2018. 380 Seiten. ISBN 978-3-8436-1011-7. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Thema

Traumatische Erfahrungen sind Grenzerfahrungen, die die Macht haben, Menschen zu zerstören und seelisch zu verkrüppeln. Traumata ermöglichen aber auch, über sich selbst hinauszuwachsen. Denn die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen kann die Tür zur spirituellen Dimension öffnen und uns reifer und weiser werden lassen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die bekannte Jung'sche Analytikerin und Referentin Ursula Wirtz, Autorin von „Seelenmord“, zeigt eine breite Palette von Ansätzen in der Traumatherapie. Anhand von eindrücklichen Fallbeispielen gibt sie Einblick in ihre langjährige psychotherapeutische Praxis mit schwer traumatisierten Menschen.

Weitere Beispiele aus Mythologie, Lyrik und Literatur zeigen: Wege aus der Verstörung nach den traumatisierenden Ereignissen sind möglich. Ein Buch, das Hoffnungshorizonte eröffnen soll für Betroffene und Menschen, die sie begleiten.

Aufbau

Die gut 300 Seiten Text lesen sich leicht und abwechslungsreich, man kommt kaum in Versuchung, zu überblättern.

  1. Im ersten Teil wird in das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven eingeführt.
  2. Im zweiten Teil folgen anhand von konkreten Beispielen unterschiedlichste Zugänge und Möglichkeiten zur Heilung.

Neben der Arbeit mit verschiedenen Persönlichkeitsanteilen, dem „Heimholen von entfremdeten Seelenteilen“ oder emotionalen, kognitiven, verhaltenssteuernden und spirituellen Zugängen geht es in der Traumatherapie auch direkt fühlbar und erlebbar darum, den Körper wieder „bewohnen“ zu können. Interessant für Laien und ein Leckerbissen für Kenner dürfte das besondere Spotlight auf das Rote Buch von C.G.Jung sein, in dem dieser seine eigene Krise schildert.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Zu Beginn des ersten Teils gibt die Autorin Einblicke in ihre persönliche Erfahrungswelt als Kriegskind aus dem Ruhrgebiet: „Krieg und Frieden“ waren Themen, welche die Autorin motivierten, sich für Gerechtigkeit, Versöhnung und Vergebung sowie für das Empowerment von „Menschen mit Unrechtserfahrungen“ zu engagieren. Als Therapeutin supervidierte sie psychotherapeutische Arbeit mit massenvergewaltigten Frauen und Kriegsopfern direkt in Jugoslawien und beim Roten Kreuz in Bern. In ihrer Praxis har sie oft mit jüdischen Opfern gearbeitet. Diese Erfahrungen und ihre enorme Belesenheit als Germanistin ziehen sich in vielen therapeutischen Beispielen und Verweisen aus der Weltliteratur und Mythologie durch das Buch: Carl Jaspers, Paul Celan, Donald Kahlsched, Eugen Drewermann, Nelly Sachs, Etty Hillesum, Hannah Arendt, Jean Améry, Immanuel Kant und auch aktive Therapeuten wie Chhim Sorheara, ein Arzt und Psychiater aus Kambodscha oder David Becker aus Chile kommen zu Wort. Und dann immer wieder C.G. Jung selber, der mit seinem erst im Jahr 2009 veröffentlichten Roten Buch offensichtlich ebenfalls eine enorme Fundgrube an Material zu schwierigsten Zuständen der Seele und die spirituellen Dimensionen bietet. Nachdem in vielen Bildern und mit vielen Zeugnissen das Zerbrechen, das Leiden, die Verzweiflung, die Hadesfahrten, der Mord an der Seele und viele „Gesichter des Traumas“ aber auch die „transformierende Kraft des Leidens“ skizziert und mit Bildern und Plastiken von Betroffenen illustriert worden sind, beginnt der zweite, klinische Teil.

Ausgehend u.a. von einer fundierten Analyse des Roten Buches von Jung werden wesentliche Grundätze wie die Komplementarität im therapeutischen Prozess ausgeleuchtet: „Der Beziehungsmodus ist eine gemeinsam gestaltetes Geschehen.“ Aspekte der „Passung“ und der wechselseitigen „dynamischen Interaktion“ spielen eine Rolle. Relevant werden diese Prozesse, wenn es um „Macht und Dominanz“, um „Nähe und Distanz“, „Todesangst und Lebensangst“ oder „Sexualität und Verführung“ geht. Ursula Wirtz hat „viele sexuell ausgebeutete Frauen in Nachfolgetherapien gesehen“, bei denen die „Passung“ in der Therapie destruktiv war: „Patientinnen haben sich geschworen, nie wieder abhängig und ausgeliefert zu sein zu wollen, aber gleichzeitig ist das Bedürfnis nach Nähe, Vertrautheit und Anerkennung grenzenlos.“ Als Therapeutin hat Ursula Wirtz erfahren, wie nach einer Sitzung Hass und Selbstentwertung wieder überhandnehmen, und auch der therapeutische Prozess in Frage gestellt wird. Gefragt sind dann „Geduld und Empathie, mit Irritationen umzugehen“. An Beispielen und mit diversen therapeutischen Ansätzen hinterlegt, zeigt Ursula Wirtz transformierende Heilungsprozesse aus der Sinnkrise heraus: Es gibt Chancen für ein „psychospirituelles Wachstum nach traumatischen Erfahrungen“, was einen „Paradigmawechswel in der Traumaforschung“ darstelle.

Das letzte Kapitel im zweiten Teil widmet sich dem Einbezug des Körpers in der Traumtherapie: Der Körper wird als „Tor zur Lebensquelle“ gesehen, was durch die neuere Hirnforschung und alte Erfahrungen bestätigt wird. Indem wir uns zum Beispiel über den Atem wieder zentrieren und ankern können, werden Psyche und Soma verbunden und gestärkt. Jung habe den Körper zwar als „zweifelhaften Freund“ bezeichnet, er bringe Dinge zum Vorschein, über die wir „nicht sprechen“ können oder die wir „gar nicht schätzen“. Gerade hier aber zeigen sich die Chancen: Für Nathan Schwartz-Salant verkörpere der feinstoffliche Körper „das somatische Unbewusste“, jenen Ort, an dem die Heilung der Körper-Geist-Spaltung geschehe. Ursula Wirtz gibt auch Warnhinweise: Holotropes Atmen wird für traumatisierte Menschen nicht empfohlen, auch beim Yoga müssten „mögliche Trigger mancher Bewegungsabläufe oder Yoga-Haltungen sorgfältig berücksichtigt werden, um Retraumatisierungen zu vermeiden“.

Diskussion

„Stirb und werde“ versteht sich offensichtlich als ein programmatischer Titel: Es geht um das Wunder, mit welcher enormen Lebenskraft auch schwerst traumatisierte Menschen Wege finden, nach all den erlebten Abgründen mit Gewalt und lebensbedrohlichen Erfahrungen und trotz den Folgen wie Scham, Lähmung, Dissoziation, wiederkehrende Triggersituationen, Selbstentwertung, Verstümmelung und wiederkehrenden grossen Opfern doch im Leben zu bleiben, Schutzmechanismen abzustreifen und wieder vermehrt Vertrauen, Kraft, Sinn, Freude, Körpergefühl und ein ganzheitliches Fühlen und Erleben zu finden. Ursula Wirtz wirkt als Philosophin, Germanistin und Psychotherapeutin in diesen äusserst sensitiven Fragen sehr überzeugend und findet eine Sprache, in der sie auch Schwierigstes ausdrücken und damit vermitteln kann.

Fazit

Das Besondere am Buch ist die Kombination der reichen therapeutischen Erfahrung mit eindrücklichen Beispielen von traumatisierten Menschen, die vielschichtige Bezugnahme auf Forschung, therapeutische Methoden, Geschichte und Mythologie sowie die immer wieder reflektierten auch sehr persönlichen Erfahrungen in der Therapie und aus dem eigenen spirituellen Weg. Das Buch bietet somit eine intellektuell anregende und integrierende Übersicht zu einem komplexen und vielschichtigen Thema und geht in der Art der Aufbereitung und mit seiner sorgfältigen Sprache für schwer beschreibbares Leiden gleichzeitig auch unter die Haut.


Rezensent
Jürg Brühlmann
lic phil, Sonderpädagoge, Bildungswissenschafter und Organisationsberater
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Zitiervorschlag
Jürg Brühlmann. Rezension vom 02.05.2018 zu: Ursula Wirtz: Stirb und werde. Die Wandlungskraft traumatischer Erfahrungen. Patmos Verlag (Ostfildern) 2018. ISBN 978-3-8436-1011-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24305.php, Datum des Zugriffs 23.05.2018.


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