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Zygmunt Bauman: Retrotopia

Cover Zygmunt Bauman: Retrotopia. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 220 Seiten. ISBN 978-3-518-07331-5. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 20,90 sFr.

Reihe: edition suhrkamp. Sonderdruck.
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Thema

In „Retrotopia“ wird die zeitdiagnostische These aufgestellt, dass die Menschen (v.a. mit Fokus auf den „Westen“) die Hoffnung und die Suche nach einem besseren Leben in der Zukunft zunehmend aufgeben, bzw. aufgegeben haben und sich stattdessen verstärkt – in nostalgischer Verklärtheit – einer angeblich besseren Vergangenheit zuwenden. Dabei blickt Zygmunt Bauman auf die Situation einer globalisierten Welt, in welcher die Nationalstaaten das Versprechen von Wohlstand und Sicherheit nicht mehr einhalten können.

Autor

Zygmunt Bauman war ein polnisch-britischer Soziologe. Seine Interessensgebiete umfassen u.a. Fragen der Arbeiterklasse, der Kultur, der Ethik sowie der gesellschaftlichen Transformationsprozesse (Moderne/Postmoderne/Flüchtige Moderne). Über die Soziologie hinaus bekannt wurde Bauman spätestens mit seinem mit dem Amalfi-Preis ausgezeichnetem Werk „Moderne und der Holocaust“ (1989). Das Buch „Retrotopia“ ist posthum erschienen und Baumans letztes Buch vor seinem Tod im Januar 2017.

Aufbau

Das Buch ist neben Einführung und Epilog in vier Kapitel eingeteilt:

  1. Einführung: Das Zeitalter der Nostalgie
  2. Zurück zu Hobbes?
  3. Zurück ans Stammesfeuer
  4. Zurück zur sozialen Ungleichheit
  5. Zurück in den Mutterleib
  6. Epilog: Zur Abwechslung ein Blick nach vorn

Inhalt

Die „Einführung: Das Zeitalter der Nostalgie“ beginnt mit einer Umkehrung von Walter Benjamins Deutung des „Engels der Geschichte“, welchen dieser in einer Zeichnung von Paul Klee erkannte. Zwar befindet sich auch bei Bauman der „Engel der Geschichte“ weiterhin in ungebremsten Flug, er hat jedoch die Richtung geändert: nicht mehr – wie bei Benjamin – unaufhörlich Richtung Zukunft, sondern Richtung Vergangenheit wird er von einem Sturm getragen, dabei entsetzt der Zukunft entgegenschauend.

Damit ist Baumans Grundthese in knapper Form dargestellt: die Abwendung von der Zukunft zugunsten eines (fälschlicherweise) hoffnungsvollen Blicks Richtung Vergangenheit. Dies sei Folge einer doppelten Negation des „Utopia“ bei Thomas Morus. Die dort klassisch vorhandene Verknüpfung von konkretem Ort, souveränem Staat und wohlwollendem Herrscher wurde zunächst abgelöst vom Ideal des Fortschritts durch Individualisierung und Privatisierung. Ersteres erhalte heute (durch eine erneute Negation) eine Wiederbelebung – bei gleichzeitiger Billigung von Elementen der ersten Negation – wobei vor allem die Fixiertheit auf eine territoriale Souveränität wiederkehre. Damit ist jedoch keineswegs eine einfache (da, unmögliche) Rückkehr zu früheren Lebensweisen gemeint, sondern vielmehr eine Iteration (Derrida) der Vergangenheit. Aus diesem erscheinen heute – Bauman folgend – diverse „Retrotopien“, d.h. „Visionen, die […] aus der verlorenen/geraubten/verwaisten, jedenfalls untoten Vergangenheit entspringen“ (S. 13).

Das erste Kapitel trägt den Titel „Zurück zu Hobbes?“. Während mit Hobbes' Staat, dem Leviathan, noch geglaubt wurde, eine angeborene Grausamkeit im Menschen zu unterdrücken, traue man dem Staat heute kaum noch zu, diese Aufgabe zu erledigen (bzw. erledigen zu können). Zwar sei im Zivilisationsprozess diese Prädisposition des Menschen aus dem Blickfeld entfernt und an „unreine“ Menschen (Sklaven, Knechte, Dienstpersonal) „outgesourct“ worden, jedoch dadurch nicht gebändigt. Dies führe zu einem scheinbar unabschließbaren Kampf zwischen „guter“ und „böser“ Gewalt („Recht und Ordnung“ vs. die Ordnung bedrohende Gewalt). Die Grenzziehungen zwischen legitimer und illegitimer Gewalt stehen daher im Weiteren im Zentrum der Betrachtung, wobei Bauman zu dem Schluss kommt, dass der ursprüngliche Leviathan heute immer weniger in der Lage sei, eine solche Grenze zuverlässig zu ziehen und somit auch sein Sicherheitsversprechen nicht einhalten kann.

Hauptgrund sei dabei die immer stärkere Auflösung der Verbindung von Macht und Territorium im Zuge von ungleichen Globalisierungsprozessen: während sich die Macht globalisiert, bleibe die Politik lokal gebunden. Durch die unwiderrufliche Globalisierung der Lebensbedingungen verliert der Nationalstaat die Fähigkeit der Steuerung. Gleichzeitig werden regulatorische Aufgaben demokratischer Staatsorgane an „die Launen des Markts“ abgegeben, was das Individuum dazu zwinge „die Probleme des Lebens mit Hilfe seiner eigenen (zumeist krass inadäquaten) Ressourcen zu bewältigen“ (S. 56). Hinzu komme die Abnahme persönlicher Bindungen sowie weitreichende Prozesse der Deregulierung. Die heutige Welt sei somit erneut zu einer Welt Hobbes' Krieg aller gegen alle geworden, einer Welt der Atomisierung in welcher die Individuen dauerhaft und permanent konkurrieren. Diese Beobachtungen führt Bauman im Folgenden an verschiedenen Beispielen aus und widmet sich dabei vor allem gegenwärtigen Phänomenen der Gewalt (bspw. allgemein verfügbare und leicht zugängliche Waffen; Selbstmordattentate oder die Nachahmung von Gewalttaten).

Im zweiten Kapitel „Zurück ans Stammesfeuer“ beschäftigt sich Bauman – in Anlehnung an Bruce Rozenblit – mit der Renaissance des Tribalismus sowie der damit verbundenen Zentralität von wir-sie Unterscheidungen. Diese erzeugten unüberbrückbare Antagonismen zwischen Menschengruppen, mit dem Ziel den unaufhörlichen Wunsch nach Überlegenheit zu stillen. Dabei zeige sich im „Fremden“ die Instabilität und das Unkontrollierbare der heutigen Welt. Da das „moderne“ Projekt eines „gesäuberten“ Staates heute jedoch ebenfalls nicht mehr aufrecht zu erhalten sei, verlagere sich Politik in eine Sphäre der Erinnerung, welche Erleichterung schaffen soll: einer Hinwendung zu einem Gestern, welches (angeblich) tatsächlich noch „uns“ gehörte. Im Folgenden verweist Bauman auf die enge Verknüpfung von Nationalismus und der Idee des territorial-souveränen Staates: das Ziel des modernen Nationalismus bleibe auch heute „der Besitz eines politisch unabhängigen souveränen Territorialstaats“ (S. 81). Letzteres existiere heute jedoch nur noch als Illusion.

Bezüglich der weltweiten nationalpopulistischen Bewegungen konstatiert Bauman, dass deren Erfolgskonzept darin liege, die Wut ständig am Schwelen zu halten. Das Denkraster der tribalen Gemeinschaft, welche eine (ebenfalls illusionäre) Sicherheit verspreche, habe – so Bauman – weiterhin die Macht über unser Denken, vor allem da die menschliche Erfahrung fundamental von einer von Grenzen überzogenen Welt geprägt sei. Dagegen wendet Bauman – mit Bezug auf Frederik Barth – ein, dass soziale Grenzen bedeutsamer seien als kulturelle Differenzen: letztere entstehen erst aus der sozialen Praxis der Abgrenzung. Dass das Prinzip der Territorialität und Souveränität somit keinesfalls „alternativlos“ ist zeigt Bauman am Beispiel des Personalitätsprinzips, bei dem sich eine Nation nicht als Gebietskörperschaft sondern als reiner Personenverband konstituiert.

Laut Bauman sind heute alle drei Säulen der Souveränität (Militär, Wirtschaft, Kultur), auf der die politische Souveränität des territorialen Nationalstaats aufbaut, durch die „Globalisierung von Finanzwelt, Handel und Kommunikation unterspült“ (S. 97). In der Folge wird der populistisch-nationalistischen Politik in gewisser Hinsicht „politische Klugheit“ zugeschrieben, denn sie stille den Wunsch nach der „Einheit der Elemente“ und hält diesen Wunsch durch Abgrenzung gegen „Andere“ als Illusion aufrecht. In Hinblick auf die weltweiten Migrationsbewegungen stellt Bauman zunächst fest, dass diese geschichtlich nichts Neues darstellten, neu sei jedoch, dass die Menschen nun bei „uns“ in großen Zahlen ankommen. Die tribalistische Abwehrhaltung sei zunächst nicht verwunderlich, da die wir-sie Grenzziehungen eine Komplexitätsreduktion ermögliche, die es in der Menschheitsgeschichte immer schon gab und es – solange „Menschheit“ ein imaginärer Begriff bleibt – auch geben wird (S. 102).

Das dritte Kapitel „Zurück zur sozialen Ungleichheit“ widmet sich den unüberbrückbaren Abgründen zwischen Arm und Reich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde davon ausgegangen, dass dieser Unterscheid bald der Vergangenheit angehören würde, da Kapital und Arbeit als wechselseitig abhängig angesehen wurden. Vollbeschäftigung und das Ausmerzen von Armut galt in der Folge als realistisches Ziel, in allen politischen Lagern. Die wechselseitige Abhängigkeit von Kapital und Arbeit habe jedoch im Zuge der Globalisierung – sowie damit verbundenen Prozessen der Privatisierung und Deregulierung – ihre Bedeutung verloren: das Kapital wurde entfesselt von politischen Normen. Auch hier gebe es also einen Rückschritt, jedoch einer der von niemandem gewollt wurde und auf das „Von-der-Leine-Lassens vieler unterschiedlicher Kräfte“ zurückgehe (S. 116).

Im Folgenden betrachtet Bauman die Leiden, die für die Menschen dadurch entstehen und widmet sich vor allem dem Thema der relativen Deprivation. Das Empfinden des Depraviertseins entstehe, wenn das Anheben des sozialen Status zunächst möglich war, dann jedoch behindert wird und gleichzeitig die Erwartungen weiterwachsen. Die entstehende Kluft zwischen Erwartung und Realität führe zur Rebellion gegen ein Gesellschaftssystem, welches seine Versprechen nicht erfüllen kann sowie zunehmend zu einer empfundenen „universellen Deprivation“, dem Gefühl einer totalen Unabänderlichkeit (S. 112, 125). In der Folge habe es eine absolute Zweiteilung von Arm und Reich gegeben. Als möglichen Lösungsweg führt Bauman – sich auf Claus Offe beziehend – das Bedingungslose Grundeinkommen an. Das Problem dabei sieht Bauman jedoch darin, dass das Bedingungslose Grundeinkommen „nur entweder universell oder gar nicht eingeführt werden kann“, wobei jedoch schon auf europäischer Ebene die nötigen politischen Institutionen fehlten (S. 145).

Das vierte Kapitel „Zurück in den Mutterleib“ widmet sich vor allem den Folgen der Individualisierung. Es habe eine massive Verschiebung von Verantwortung für Fehlschläge im Leben gegeben und diese läge heute allein beim Individuum. Mit Blick auf den Erfolg von Lebensratgebern und „Expertenliteratur“ konstatiert Bauman, dass die Suche nach Lebenssinn „outgescourct“ wurde, während die Verantwortung nur noch das Individuum selbst betreffe. Hinzu komme der Verlust von Verantwortungsgefühlen gegenüber dem Anderen. Aus diesen Prozessen entstehe Einsamkeit und Isolation, welches – mit Blick auf die Essayistin Melissa Broder – zu dem Wunsch eines „Nirwanas im Mutterleib“ führe, dem Traum des Ausbrechens aus einer „ermüdend anstrengende Überflussgesellschaft“, eine Rückkehr zur Sicherheit, die Vision eines problemfreien Ortes (S. 178). Das Internet betrachtend, sei das Verweilen in sogenannten Filterblasen daher nicht verwunderlich: die eigene Anschauung wird bestätigt und somit ein von Problemen gereinigter Ort erschaffen.

Im „Epilog: Zur Abwechslung ein Blick nach vorn“ appelliert Bauman – in Anlehnung an Ulrich Beck – die heutige kosmopolitische Situation der Welt um ein kosmopolitisches Bewusstsein zu ergänzen. Dies gehe mit der Herausforderung einher „zum allerersten Mal in der Geschichte der Menschheit Integration ohne vorausgehende Separation zu ermöglichen“ (S. 196). Bauman fordert – Papst Franziskus zustimmend – eine „Kultur des Dialogs“ ein und schließt mit der Feststellung: „Entweder wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber“ (S. 203).

Fazit

„Retrotopia“ bietet eine kraftvolle, makrosoziologische Sicht auf die Situation der heutigen Welt. In essayistischer Form werden dabei vor allem die vielfältigen Folgen von unumkehrbaren Globalisierungsprozessen nachgezeichnet. Hierbei stehen maßgeblich Prozesse der Individualisierung, der Privatisierung sowie der Deregulierung im Mittelpunkt, welche das menschliche Individuum zunehmend als bindungsloses und entsolidarisiertes Wesen hervorbringen. Bauman zeigt auf, wie in dieser Situation der Wunsch nach Sicherheit die Menschheit von einem illusorischen „zurück“ in eine vermeintlich bessere Vergangenheit träumen lässt, da diese (angeblich) noch in der Lage war Ordnung zu garantieren. Nationalpopulistische Politik ist in dieser Situation in der Lage Profit aus der Ungewissheit zu schlagen, wobei der Traum eines Wiedererlangens eines souveränen territorialen Nationalstaats längst unwiderruflich verloren ist: die Mächte haben sich globalisiert und es bedarf der Entwicklung eines kosmopolitischen Bewusstseins sowie des (mühseligen) Dialogs um der globalen Interdependenz begegnen zu können.

In Baumans letztem Buch tauchen verschiedene Themen aus Baumans Arbeiten der letzten Jahrzehnte wieder auf, beispielsweise die Beschäftigung mit Prozessen des Ein- und Ausschlusses, der Globalisierung sowie die „Flüchtigkeit“ der spätmodernen Welt. Nichtsdestotrotz wirken die Argumentationslinien in „Retrotopia“ teilweise sprunghaft und ungeordnet. Andererseits könnte jedoch konstatiert werden, dass gerade dieser Stil in der Lage ist, die „Flüchtigkeit“ und die gegenseitigen globalen Abhängigkeiten unterschiedlichster Phänomene der Welt abzubilden. Bauman verdeutlicht die Notwendigkeit eines utopischen, in die Zukunft gerichteten Denkens gegen die Tendenzen des „Zurücks“. Als zeitdiagnostische Beschreibung ist das Buch absolut lesenswert, als allgemeiner Einstieg in das Denken Baumans bieten sich andere Werke eventuell besser an (bspw. „Moderne und Ambivalenz“ oder „Flüchtige Moderne“).


Rezensent
Marian Pradella
Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 12.07.2018 zu: Zygmunt Bauman: Retrotopia. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-07331-5. Reihe: edition suhrkamp. Sonderdruck. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24308.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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