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Didier Eribon: Grundlagen eines kritischen Denkens

Cover Didier Eribon: Grundlagen eines kritischen Denkens. Turia + Kant (Wien) 2018. 210 Seiten. ISBN 978-3-85132-896-7. D: 26,00 EUR, A: 26,00 EUR.
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Thema

Thematisch stellt sich der Titel die Frage, wie Menschen durch gesellschaftliche Zuschreibungen/Diskriminierungen geformt und klassenspezifisch von Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten ausgeschlossen werden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Didier entwirft eine kritische historische und soziologische Theorie individueller und kollektiver Subjektivität und stellt der zwanghaften Übernahme kollektiver Vorurteile ein leidenschaftliches Plädoyer für unterschiedliche und vielfältige Lebensformen entgegen.

Autor

Eribon ist ein französischer Journalist, Autor, Soziologe und Philosoph, der an der Université de Picardie Jules Verne in Amiens lehrt und durch seinen Bestseller ‚Rückkehr nach Reims‘ auch in Deutschland bekannt geworden ist.

Entstehungshintergrund

Entstehungshintergrund ist die persönliche Erfahrung das Autors als Arbeiterkind und als Homosexueller vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt gewesen zu sein, nicht nur in seinem Herkunftsmilieu, sondern auch im akademischen Bereich durch angeblich wissenschaftlich gestützte Vorurteile; er erwähnt speziell die Psychoanalyse, die der Vielfalt sexueller Identitäten und Lebensentwürfen nicht gerecht geworden sei.

Aufbau

Einer kurzen Einleitung folgt ein Kapitel ‚Theorie des Subjekts‘, ein weiteres, das sich mit ‘Kritik und Politik‘ befasst und ein drittes mit ‚Normen und Rechte‘, speziell in Bezug auf unterschiedliche sexuelle Identitäten.

Inhalt

Einleitung - Unter welchen Voraussetzungen kann Denken kritisch sein?

Die sechs Essays  - 1. Lebensdaten. Selbsterklärungen und die Ontologie des  Gegenwärtigen, 2. Wer ist »Ich«? Über die Genese, den Einsatz und die Aufnahme von Selbstanalysen, 3. Vorgeladen werden. Zur Theorie der praktischen Vereinigungen, 4. Die abwesende Stimme. Zur Philosophie der Generalstände, 5. Kleine Politik. Für einen neuen Anti-Ödipus, 6. Heimgesuchtes Leben. Subjektivität, Sexualität, Kreativität - in diesem Band gehen auf Vorträge zurück, die er in Frankreich und im Ausland 2003 bis 2015 gehalten und zum Teil umgearbeitet und erweitert hat. Thema sind die theoretischen Grundlagen kritischen Denkens und die Erforschung der sozialen Herrschaftsmechanismen und Formen des Widerstandes mithilfe einer ‚Selbstanalyse‘ seiner persönlichen Erfahrungen als Arbeiterkind und Homosexueller. Die fundierende Kraft der historischen und sozialen Determinismen, die kollektives und individuelles Bewusstsein prägen, wird analysiert und ihre historischen und gesellschaftlichen Bedingungen entlarvt. Nach dem Grundsatz der Immanenz werden diese als historische Produkte verstanden, die kritisch befragt einem geschichtlichen Wandel unterworfen sind. Determinismus und Immanenz seien das epistemologische Fundament jeder theoretischen Aktivität der Erforschung des ‚gesellschaftlich Unbewussten‘ und einer emanzipatorischen Politik. Von Transzendentalien befreit, zielt das kritische Denken auf die Hintergründe sozialer Bewegungen und politischer Setzungen. Heterogenität und Pluralität bieten Raum für Widerstand gegen Herrschaft und für neue emanzipatorische Praktiken.

Erster Teil - Theorie des Subjekts

Essay 1: Lebensdaten. Selbsterklärungen und die Ontologie des Gegenwärtigen.

Eribon erklärt sein Vorgehen der Selbstanalyse, indem er sich selbst als Subjekt einer Klasse – Arbeiterkind und Homosexueller - begreift, das  seine historischen gesellschaftlichen Verstrickungen erkennt und die Mechanismen der Unterdrückung entlarvt. Er ist das Subjekt, das spricht und die Beleidigungen und Verletzungen, die er gesellschaftlich und politisch erlebt hat, in einem ‚Gegendiskurs‘ beschreibt, der die erdrückende Scham in Stolz verwandelt. Er geht auf die Reproduktion von bestimmten herrschenden Gesellschaftsstrukturen ein, die kulturelle und ökonomische Zugehörigkeiten je nach Milieu und Herkunft diktieren (Hinweis auf Foucault und Bourdieu) und in der Formierung des Subjekts verankern.

Die Psychoanalyse sei an der ‚Entgeschichtlichung‘ und ‚Entpolitisierung‘ durch  Individualisieren und Universalisieren (Beispiel Ödipuskomplex) beteiligt. Eribon kritisiert deren ‚familiastische, maskulinistische, heterosexistische, eurozentrische, individualistische‘ Dogmen und Begrifflichkeiten. Als Theorie sei sie performativ, indem sie eine Wahrnehmung der Realität vorschlägt, die sie im nachhinein konstruiert und produziert ohne Rücksicht auf ‚Klasse, Gender, Rasse und Ethnizität‘. Eribon möchte einen Raum ‘nicht-psychoanalytischen Denkens‘ entwickeln für LGBT-Familien (Regenbogen-Familien) und homosexuelle Elternschaft.

Wir sind von Geburt an gesellschaftlichen Urteilen ausgesetzt, die autobiographisch bewusst wahrgenommen werden mit der ‚Geburt des Ich‘. Das wird beispielhaft dargestellt an rassistischen Beleidigungen von Algeriern und ihrer intellektuellen und politischen Prägungen durch die Berichte über den Krieg in Algerien. Die Algerierin Assia Djebar schreibt in der Sprache der Kolonisatoren eine Geschichte der Kolonialisierten, wie auch Celan im Nachdenken über die Sprache die Kultur,  Werte und Herrschaftsstrukturen, die sie transportiert, reflektiert.  Lässt sich eine neue Sprache, Kultur, Literatur und Theorie, die sich auf der Seite der Entrechteten verortet, erfinden? Dazu müsssen Bedeutungen ‚zersetzt‘ und wieder neu zusammengesetzt werden. Eribon bringt als Beispiel den afroamerikanischen Schriftsteller John Edgar Wideman, der sich als Farbiger in der Differenz (Herkunft) verortet und Gleichheit fordert, was ebenfalls für Rasse und Feminismus gilt und in der ‚Rückkehr nach Reims‘ auch sein Thema gewesen ist.

Essay 2: Wer ist »Ich«? Über die Genese, den Einsatz und die Aufnahme von Selbstanalysen.

Die Rückkehr zu sich selbst ist verstörend, eine Abrechnung mit Vergangenheit und Gegenwart, die beides – literarisch – vereint und sich mit den verborgenen Schichten des ‚sozialen Unbewussten‘ befasst und die Härte und Brutalität einer Gesellschaft in Form von Unterdrückung und Ausbeutung offen legt. Klassenflüchtlinge sind Deplatzierte, unbewusst verbunden mit den Herrschaftsstrukturen. Es ist fast immer eine Minderheit der unterdrückten Gruppe, die aufbegehrt und sich nicht mehr zum Status eines Objekts machen lassen will. Viele üben aus Angst ‚Politesse‘ anstatt ‚Politik‘ und misstrauen den Engagierten. Indem man Gewalt beschreibt, übt man auch Gewalt gegen Andere aus, die sie nicht wahrnehmen wollen oder können (Hinweis auf Erfahrungen in der eigenen Familie), weil sie an ihrer ‚eigenen Geschichte‘ (Vorurteilen) festhalten und ‚Anstößiges‘ verdrängen und aus dem Gedächtnis löschen. Alles hängt davon ab, wer, zu wem, wovon und unter welchen Umständen spricht.

Die Gefahr von ‚Artefakten‘, die den ideologischen Erwartungen des Anderen entsprechen, ist immer gegeben, auch und vor allem in der Wissenschaft. Dabei können von den Betroffenen bereits Beschreibungen kollektiver Determinismen als Kritik verstanden werden. Eine selbstanalytische Enthüllung als Sozioanalyse enthüllt zusätzlich einige Protagonisten gegen ihren Willen, was Eribon in der eigenen Familie erlebt hat, z.B. mit der Frage, wie die Abkehr von der Linken zur extrem Rechten zu verstehen sei oder wie die Scham, von der Kultur des Wissens – bereits durch die Herkunft und die Schulbildung - ausgeschlossen zu sein, sich in die Scham über die eigene Herkunft entwickelt. Das ‚Ich‘ ist immer schon in einem sozialen Netz von Geografie und Milieu gefangen, Punkte, an denen man sich und anderen sozial und politisch in der Rekonstruktion wieder begegnet.

Zweiter Teil - Kritik und Politik

Essay 3: Vorgeladen werden. Zur Theorie der praktischen Vereinigungen.

Die soziale Welt mit ihren Anordnungen begegnet uns nicht nur in Ämtern sondern auch im Alltag, auf der Strasse und privat in Form von Zuweisungen von Identitäten und Kategorisierungen (Mann, Frau usw.) und beeinflussen unsere spontanen Reaktionen, unsere Wert- und Geschmacksurteile. Dazu gehören auch Beleidigungen und Entwertungen, die sich in den Körper einschreiben (am Beispiel ‚uneheliches Kind‘) und Vorladungen, die, obgleich unverstanden, Scham- und Schuldgefühle auslösen (Kafka ‚Der Prozeß‘) und sozial stigmatisieren (Violette Leduc ‚Die Bastardin‘), angesichts unhinterfragter moralischer oder religiöser Normen. Man kann sich dieser Gewalt unterwerfen, indem man die Werte der herrschenden Klasse übernimmt, oder sie innerlich zurückweisen, aber sie bleiben eine Realität (Beispiele Leduc und Genet). Die Gefahr ist, dass man sich selbst verabscheut.

Man kann aber auch eine Verbindung mit anderen Unterdrückten aufnehmen, die Erfahrung politisieren und untersuchen wann das Schweigen der Unterdrückten (Schwule, Lesben, Transgender) begonnen hat. Der Solidarisierung  stehen verinnerlichte unterschiedliche Identitäten, u.a. konservative Ordnungen, marxistische oder religiöse Widerstände, im Weg. Die Beleidigungen der Nichtanerkennung zermürben, das Hinterfragen erzeugt Konflikte und erzwingt ein Selbstanalyse, sich als Opfer zu begreifen und gleichzeitig von dieser Rolle zu befreien.

Essay 4: Die abwesende Stimme. Zur Philosophie der Generalstände.

Eribon knüpft an einen Text von Bourdieu mit dem Titel ‚Interventionen‘ an, der die ‚Gegenstände‘ Klasse, Herrschaft, Unterdrückung und Gewalt am Beispiel der Untersuchung der Generalstände (erstmals 1302 berufene Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und der städtischen Körperschaften mit dem  alleinigen Recht der Bewilligung allgemeiner Steuern, 1614 ausgeschaltet und 1789 erneut berufen). 1968 wurde die etablierte Ordnung infrage gestellt, aber ohne die Stimmen derer, die durch das Schul- und Universitätssystem ausgegrenzt (die Arbeiterkinder) worden waren, deren Abwesenheit aber die Wahrheit des Systems enthüllte. Wollen die Abwesenden überhaupt das System verändern, oder haben sie im Selbstausschluss bereits das Urteil schweigend akzeptiert? Ein verorteter Standpunkt muss nicht notwendig selbst verortet sein.

Foucault hat in der Geschichte des ‚Wahns der Homosexualität‘, dem Leser Werkzeuge an die Hand gegeben, eine Wiederaneignung des Selbst theoretisch und praktisch zu leisten, indem vor allem das Schamgefühl überwunden wird. Aufgabe der Intellektuellen ist nach Foucault, gemeinsam mit den Unterdrückten an Analysen und Forderungen zu arbeiten, Projekte im Austausch mit den Betroffenen festzulegen und die Strukturen der Herrschaftsinstitutionen zu entschlüsseln. Neue Wahrnehmungen haben auch die Wahrnehmung von ‚Klassen‘ hervorgebracht, deren Lebensbedingungen und Vorstellungen, wie sie sich und ihre soziale Welt begreifen; aber auch klassenübergreifende Intersektionalität, z.B. in feministischen und trans- und intersexueller Bewegungen, z.B. der ‚queery theory‘ (transgender theory). In Krisenzeiten neigen die verschiedenen Bewegungen dazu, sich abzugrenzen, während sie sich verbinden müssten. Aber Synchronisierung lässt sich nicht verordnen, und jede Bewegung hat ihre Grenzen.

Dritter Teil - Normen und Rechte.

Essay 5: Kleine Politik. Für einen neuen Anti-Ödipus.

Eribon erwähnt seine eingetragene Lebensgemeinschaft (Pacs), die Gleichgeschlechtlichen einige Rechte gewährt Die Zeremonie fand aber nicht im Standesamt statt, um den Unterschied zur ‚Ehe‘ zu betonen, was ein Gefühl der Exklusion hervorrief (hierzu auch Roland Barthes), das mit Melancholie und Marginalisierung verbunden war, obgleich homosexuelle Partnerschaften längst eine Realität sind. Warum immer noch diese Aus- und Abgrenzungen? Warum musste homosexuelle Elternschaft verboten werden, obgleich es längst komplexe Familienkonstellationen und alleinerziehende Väter und Mütter gab? Eribon beschreibt den psychoanalytischen Diskurs (Lacan u.a.) – mit vielen Beispielen – als beleidigend sowohl für solche Eltern als auch für die Kinder. Der Ödipusmythos werde zur Disziplinierung und Normativierung benutzt und Rezepte zur ‚Heilung‘ von Homosexuellen angeboten (es folgen einige Zitate).Trotz einer Kritik (Deleuze und Guattari) sei es in den 80er und90er Jahren zu einer konservativen Restauration gekommen.

Foucault bezeichnete 1973 den Ödipuskomplex als ein weitgehend überholtes Konstrukt, dennoch werde er in der Therapie als ‚Machtmittel‘ gegen andere Lebensweisen eingesetzt. Das Unbewusste sei strukturiert wie ein Begehren, aber das Begehren könne unterschiedlich sein, je nach geographischer, nationaler, politischer, historischer, ethnischer Realität, das zeige sich in Träumen und Alpträumen. Neue Formen der Beziehungen und der Subjektivierung eröffnen neue gesellschaftliche Möglichkeiten und Arrangements. Eribon spricht von einer ‚nicht-psychoanalytischen und anti-ödipalen Politik und Ethik‘.

Essay 6: Heimgesuchtes Leben. Subjektivität, Sexualität, Kreativität.

Das Thema sind Aids-Erkrankungen. Eribon beginnt mit dem Roman von Alan Hollinghurst ‚The Line of Beauty‘, in dem der Protagonist fragt, ob er nach seinem Tod im Andenken der Freunde weiter leben wird, und berichtet dann von eigenen Begegnungen und Freundschaften und der Trauer nicht nur um Einzelne, sondern, auch eine grosse Zahl von Menschen: ‚Flüsternde Schatten mitten unter den Überlebenden‘ (Assia Djebar). Die Überlebenden bilden eine Gemeinschaft von Unterdrückung, Angst, Scham, Melancholie, in einer Welt von Beleidigungen zu leben und aufgewachsen zu sein. Ist die Aids-Epidemie Ausdruck eines ‚Todestriebs‘? Das schwule Leben eine Selbstzerstörung? Homosexuelle haben gekämpft, nicht nur für sich, sondern auch für Prostituierte, Prekäre, Immigranten ohne Papiere. Die rechtliche Anerkennung von Homosexuellen verändert unser Verständnis von Gesellschaft und Kultur, denn es geht nicht nur um Homosexualität, sondern auch um andere Formen von gesellschaftlichen, ethnischen, rassischen Diskriminierungen und um Verweigerungen von Teilhabe, was mehr ist als Toleranz.

Eribon ist bewusst, das es queere (transgender) Räume und queere Zeitlichkeiten gibt und man in verschiedenen Räumen und Zeitlichkeiten lebt. Es geht ihm nicht um Ausschluss sondern um Offenheit und gegen jeden, auch akademischen, Radikalismus, der andere Lebensweisen ausschließt. Foucault sprach von neuen Beziehungsformen, die sich nicht außerhalb der Norm und des Rechts bewegen; viele Kämpfe wurden unter der Schirmherrschaft des Rechts um ein neues kreative  ‘Beziehungsrecht‘ (Freundschaften, Adoptionen, Reproduktionen, Beziehungen) geführt. Die Bücher von Foucault und Gide richteten sich an eine Öffentlichkeit, die noch nicht existierte, sich aber in Zukunft konstituieren könnte (was auch ein Anliegen des Autors ist. Ha.). Scham und Schmach waren für Eribon  Ausgangspunkte für eine Neubestimmung des Selbst durch eine kritische Beziehung zur Gegenwart und einer Arbeit an transformativen Praktiken und einer Politik des »Selbstbewusstseins«.

»Analyse«: Didier Eribon, Grundlagen eines kritischen Denkens. Anmerkung der Herausgeber_innen der Neuen Subjektile. (2 Seiten)

Eribon geht es wie Derrida um eine »Ethik der Großzügigkeit« und darum, Grenzen auszulöschen, die Individuen den Zugang zu dem, was sie wollen und was möglich ist, verwehren. Die Forderung nach Unbestimmtheit und Offenheit zielt nicht nur auf eine andere Politik, sondern auch auf eine andere Ausrichtung der Kultur der Rede und des Erotischen, das Begehren nicht mehr zu disziplinieren. Die leidenschaftliche Polemik gegen die Psychoanalyse ist auch ein Versuch, sich zu distanzieren von der Gewalt der ‚sozialen Welt‘ mit ihren engstirnigen Hierarchien und Grenzen. Klare Forderungen und kritisches Denken schließen  aber auch die Sorge um die Psychoanalyse ein.

Diskussion

Eribon entwickelt anhand einer Selbstanalyse eine Theorie der Formierung des Subjekts durch gesellschaftliche Zuschreibungen und Werturteile, die einen Menschen bereits von Geburt an positiv und negativ unbewusst begleiten, da sie meist, was ihren Ursprung und ihre Motive anbetrifft, nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich nicht bewusst werden. Diskriminierungen wie uneheliche Geburt, falsche Rasse, Homosexualität, Regenbogenfamilie wecken Schamgefühle und eine große Verunsicherung, wenn sie nicht kritisch reflektiert werden. Im Gegensatz zum Fokus auf die Individualentwicklung beschreibt Eribon die zahlreichen Mechanismen der Formierung des gesellschaftlich erwünschten (!) Subjekts und dessen Gegenteil durch sozialen Ausschluss, z.B. unter anderem von Bildungschancen. Das Buch mit seinen zahlreichen Belegen aus der Literatur liest sich wie eine Anklageschrift, die allerdings nicht auf Verurteilung zielt, sondern auf Wahrnehmung der Missstände und deren Aufhebung.

Denn solche Diskriminierungen hinterlassen Verletzungen des Selbstwertgefühls, was soweit geht, dass sich die Opfer mit dem Täter und dessen Vorurteilen identifizieren, ein falsches Selbst entwickeln und heftige Schamgefühle, - die eigentlich die ‚Täter‘ haben müssten. Dass solche Wunden nicht einfach heilen, auch nicht bei dem Autor, zeigt insbesondere das letzte, gegen die Vorurteile von Psychoanalytikern gerichtete Kapitel. Vehemente Kritik übt Eribon insbesondere an der Theorie des Ödipuskomplexes, die für die bürgerliche ‚Normalfamilie‘ durchaus gegolten haben kann, aber gleichzeitig auch benutzt wurde, um andere sexuelle Ausrichtungen und Familienmodelle zu diskreditieren. Wenn man die Zitate liest, wird die leidenschaftliche Empörung von Eribon verständlich, insbesondere wenn man sich, als Psychoanalytikerin und Leser, beschämt auch selbst nicht frei von Vorurteilen erlebt,  weil man sich mit seinen auch gesellschaftlich gängigen und übernommenen Massstäben einerseits im unbewussten Mainstream sicher (akzeptiert) gefühlt hat, andererseits aber  auch nicht wahrgenommen hat, wie sehr man mit seinen solchen Diskriminierungen Menschen traumatisiert hat.

Es ist nicht Eribons Thema, dass in den letzten Jahrzehnten die psychoanalytische Traumaforschung sich auch zunehmend kritisch mit den eigenen blinden Flecken beschäftigt hat. Das war und ist notwendig, und deshalb empfehle ich dieses Buch auch jedem als Anregung, über seine nicht nur individuelle sondern auch kollektive Subjektivität nachzudenken und der, sicher auch manchmal verstörenden, Konfrontation nicht auszuweichen.

Fazit

Ein verstörendes, anregendes, nicht immer leicht zu lesendes, aber sehr lesenswertes Buch, das gesellschaftliche Probleme in Wissenschaft und Politik aufgreift und benennt, die angepackt werden müssen. Es geht dabei nicht nur um die soziale Gerechtigkeit, sondern auch um eine Sensibilisierung der Gesellschaft, um zukünftige, auch unbewusst motivierte, Traumatisierungen zu verhindern.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 31.01.2020 zu: Didier Eribon: Grundlagen eines kritischen Denkens. Turia + Kant (Wien) 2018. ISBN 978-3-85132-896-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24309.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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