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Klaus Wicher (Hrsg.): Altersarmut. Schicksal ohne Ausweg?

Cover Klaus Wicher (Hrsg.): Altersarmut. Schicksal ohne Ausweg? Was auf uns zukommt, wenn nichts geändert wird. VSA-Verlag (Hamburg) 2017. 196 Seiten. ISBN 978-3-89965-759-3. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
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Thema

Die steigende Anzahl an armutsbetroffenen älteren Menschen in Deutschland ist besorgniserregend. Die Rentenreformen einerseits, aber auch die Deregulierung des deutschen Arbeitsmarktes im Zuge der Hartz-IV-Reformen haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Rentenansprüche älterer Menschen nicht mehr ausreichen für ein Leben ohne Armut im Alter. Das Buch widmet sich in einer Vielzahl an Beiträgen dem Phänomen Altersarmut in Deutschland, analysiert die Hintergründe und Ursachen und bietet Lösungsvorschläge, um das Problem künftig zu vermeiden.

Herausgeber

Der Herausgeber Klaus Wicher ist erster Landesvorsitzender des Sozialverband Deutschland e.V. (SoVD)-Landesverbandes Hamburg und Mitglied im Bundesvorstand SoVD. Er ist Diplom-Betriebswirt und Diplom-Handelslehrer.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte:

  1. Der erste Teil ist der Analyse und Ursachenerkundung des Phänomens Altersarmut gewidmet,
  2. der zweite Teil beschäftigt sich mit den Risikogruppen und
  3. der dritte Teil zeigt Lösungsvorschläge für die Politik auf.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu I Die Zeit drängt

In seinem Beitrag unterscheidet Christoph Butterwegge drei Ebenen des Phänomens Altersarmut: eine institutionelle, eine diskursive und eine strukturelle oder materielle Ebene. Die erste Ebene betrifft die institutionelle Ausgestaltung der Rentenversicherung in Deutschland. Hier identifiziert er einen Paradigmenwechsel, der bereits in den 1990er Jahren einsetzte und im Zuge dessen eine „marktgesteuerte Alterssicherung“ die vormals kollektiv organisierte Alterssicherung ablöste (S. 13). Im Kern der Rentenreformen stand die Senkung der Arbeitgeberbeiträge, sowie die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen, womit einer neoliberalen Standortlogik der Vorzug gegenüber dem Prinzip der Lebensstandardsicherung im Alter eingeräumt wurde. Die zweite Ebene zielt auf den gesellschaftlichen Diskurs; hier erfolgten unter dem Deckmantel des Demografie-Diskurses Verschiebungen in den Gerechtigkeitsvorstellungen – weg von Bedarf, Ausgleich und Solidarität als Leitprinzipien und hin zu Leistung, Tausch und Generationengerechtigkeit. Der Luxusrentner wurde zum Feindbild der Vorkämpfer für Generationengerechtigkeit hochstilisiert. Auf der dritten, der strukturell-materiellen Ebene stehen die Folgen der Armut für betroffene ältere Menschen. Hier ortet Butterwegge generell eine abnehmende Wertschätzung älterer Personen, da einerseits die Armut im Alter im Steigen begriffen ist, dem aber politisch Nichts entgegengesetzt wird. Im aktivierenden Sozialstaat erscheinen ältere Menschen als überflüssig, da sie nicht einmal mehr aktivierbar sind (S. 26-7). Das ist angesichts der Folgen von Altersarmut allerdings beschämend. Für den Autor sind diese nämlich gerade für ältere Menschen besonders entwürdigend und könnten daher auch „als Form struktureller Gewalt“ gelten im Hinblick auf das verfassungsmäßig verankerte Recht auf Menschenwürde (S. 27). Daher ist es Aufgabe der Politik Altersarmut zu senken und ihre beschämenden Folgen zu unterbinden. Notwendig ist dafür die Weiterentwicklung der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) zu einer solidarischen Bürger- und Erwerbstätigenversicherung inklusive „bedarfsgerechte[r], armutsfeste[r] und repressionsfreie[r] Grundsicherung“. (S. 27).

In eine ähnliche Kerbe schlägt Joachim Rock mit seinem Beitrag zum Armutsrisiko Alter, wobei er jedoch die prinzipielle Leistungsfähigkeit der GRV festhält. Obwohl die Reformen der letzten Jahrzehnte auf die Etablierung einer zweiten, betrieblichen Säule und einer dritten privaten Säule der Rentenversicherung abzielten, beziehen die Hälfte aller männlichen und mehr als zwei Drittel aller weiblichen Rentnerinnen nur Leistungen aus der GRV (S. 35). Damit ist klar, dass Letztere der Ansatzpunkt für eine Verbesserung der Situation armer und armutsgefährdeter RentnerInnen sein muss, wenngleich die GRV alleine die Altersarmut nicht bekämpfen kann. Hier ist bereits frühzeitig anzusetzen, indem gute Arbeit gefördert, auf ein hohes Lohnniveau fokussiert und faire Ersatzzeiten für Ausbildung und Familienbetreuung anerkannt werden (S. 42-3).

Das Kapitel beinhaltet des Weiteren eine Analyse des Rentenkonzeptes der Bundessozialministerin Andrea Nahles, sowie die politischen Forderungen zur Beseitigung und Vermeidung von Altersarmut von zwei Abgeordneten der Hamburgischen Bürgerschaft aus der Partei DIE LINKE.

Zu II Wer besonders gefährdet ist

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Risikogruppen, die besonders von Altersarmut betroffen sind oder künftig sein werden. Der Beitrag von Katja Karger erläutert, warum Frauen besonders von Altersarmut bedroht sind. Die Gründe liegen in ihrer verstärkten Betroffenheit von Fragmentierung, Wechsel, Erwerbspausen und Niedriglohnbeschäftigung (vgl. S. 71). Ernüchternd ist der Befund, dass die erhöhte Bildungsbeteiligung von Frauen sich nicht auf die beruflichen Karrieren und damit die Gehalts- und Rentenhöhen niederschlagen. Ursache dafür ist die verbreitete Normvorstellung weiblicher Erwerbsarbeit als Zuverdienst zum Haushaltseinkommen, das im Wesentlichen vom Mann als Ernährer gespeist wird. Für die Rentenhöhe wirkt sich das weibliche Zuverdienerin-Modell nachteilig aus. Der Gender Pension Gap liegt derzeit bei 43 % in Westdeutschland und nur 12 % in Ostdeutschland, wo das Gefälle durch höhere und längere weibliche Erwerbsbeteiligung und gleichere Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern weit niedriger ausfällt als im Westen (S. 77).

Neben den Frauen stellen Niedrigverdienende eine weitere Risikogruppe für Altersarmut. Der Beitrag von Ursula Engelen-Kefer widmet sich der Armutsfalle Minijobs. Die Hartz-IV Reformen, die sich durch eine weitreichende Deregulierung des Arbeitsmarktes auszeichneten, führten zu einem Anstieg an prekären Beschäftigungsformen. Wer bereits im Arbeitsleben kaum genügend verdient, um über die Runden zu kommen, verfügt selten über ausreichend Bares, um privat vorzusorgen und zahlt darüber hinaus wenig oder keine Beiträge zur GRV. Die „Ausbreitung der Minijob-Unkultur“ (S. 81) im Zuge der deutschen Hartz-IV Reformen wurde auch von der Europäischen Kommission kritisiert, die gerade die negativen Folgen von nicht sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung für das Rentenalter hervorhebt. Die gute Vereinbarkeit von Minijobs mit dem weiblichen Zuverdienerin-Modell in Deutschland hat vor allem für Frauen fatale Folgen für die individuell erworbenen Rentenansprüche (S. 82).

Zur dritten größeren Risikogruppe zählen ErwerbsminderungsrentnerInnen, die insgesamt ein Fünftel aller RentnerInnen ausmachen. Ihnen widmet sich der Beitrag von Christoph Ehlscheid und Dirk Neumann. Geminderte Erwerbsfähigkeit ist in der Regel die Folge gesundheitlicher Einschränkungen, bei denen psychische Erkrankungen als Ursache immer mehr im Steigen begriffen sind (2000 noch weniger als 25 %, 2015 bereits 45 %, S. 91). Fast alle ErwerbsminderungsrentnerInnen (2015: 96,5 %) müssen Abschläge bei Rentenantritt in Kauf nehmen, die im Durchschnitt ca. 10 % betragen. Auch vor Rentenantritt haben sie meist schon Zeiten längerer Krankenstände und Arbeitslosigkeit hinter sich, die sich ebenfalls negativ auf die spätere Höhe der Rentenbezüge auswirken. Politische Reformen haben darüber hinaus die ohnehin niedrigen durchschnittlichen Renten dieser Gruppe deutlich von monatlich 875 Euro im Jahr 2000 auf 702 Euro im Jahr 2015 verringert (S. 97).

Empirische Befunde aus dem Lebensalltag armutsbetroffener RentnerInnen in Hamburg werden in einem Beitrag von Ingrid Breckner und Simon Güntner präsentiert und runden den zweiten Teil des Buches ab. Dabei wird herausgearbeitet, wie der Mangel den Alltag der RentnerInnen strukturiert, sie aufgrund der verschiedenen armuts- und/oder gesundheitsbedingten Einschränkungen und Belastungen aber auch kreative Wege des Umgangs mit der Situation entwickeln, um weiterhin soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten und kulturellen, wie auch politischen Aktivitäten nachzugehen.

Zu III Ein Schicksal ohne Ausweg? Mitnichten

Der letzte Teil widmet sich Maßnahmen, die Altersarmut bekämpfen und sie idealiter gar nicht erst entstehen lassen. Dazu zählen zum einen Reformen bei der GRV und zum anderen Arbeitsmarktreformen. Letztere müssen darauf abzielen Erwerbsarbeit möglichst umfassend sozialversicherungspflichtig zu machen und niedrige Löhne dahingehend zu erhöhen, dass diese bereits während des Erwerbslebens ein gutes Auskommen ermöglichen. Erstere müssen zum einen das Rentenniveau (wieder) auf einen Wert von mindestens 50 % erhöhen, um dem Prinzip der Lebensstandardsicherung wieder Genüge tun zu können. Zusätzlich sind verstärkt Ausgleichselemente vorzusehen, die besonders bei Risikogruppen und in riskanten Lebenslagen greifen, in denen keine oder nur geringe Beiträge zur Rentenversicherung geleistet werden. Als letzte, umfassendste Maßnahme zur Schaffung eines nachhaltigen, solidarischen und damit auch armutsfesten Rentensystems wird die Zusammenführung der unterschiedlichen Rentenversicherungssysteme (Beamte, Politiker, Selbstständige, etc.) in ein gemeinsames Vorsorgesystem vorgeschlagen, um die künftigen Renten auf eine breite, sichere Basis zu stellen und den Rückhalt möglichst aller für die Schaffung und den Erhalt lebensstandardsichernder Renten zu gewährleisten.

Diskussion und Fazit

Der vorliegende Herausgeberband behandelt ein Thema, das glücklicherweise in den vergangenen Jahren Eingang in die politische Debatte gefunden hat. Die steigende Altersarmut macht sich bereits jetzt bemerkbar, wird sich aber so richtig erst in den kommenden Jahrzehnten auswirken. Denn „[d]ie Rente ist der Spiegel des Erwerbslebens.“ (S. 137) Hier haben die Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahrzehnte zum Anstieg prekärer Arbeitsverhältnisse, darunter vor allem niedrigentlohnter Jobs, nicht sozialversicherungspflichtiger Minijobs, Teilzeitarbeit und befristeter Stellen geführt, deren Folge mit hoher Wahrscheinlichkeit die Altersarmut sein wird.

Antonio Brettschneider und Ute Klammer haben in ihrem 2016 erschienen Buch „(Lebens-)Wege in die Altersarmut“ eindrücklich aufgezeigt, dass Altersarmut kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem darstellt (vgl. die Rezension). Diese Erkenntnis liegt auch diesem Buch zugrunde, das allerdings noch weiter geht und Vorschläge für die Bekämpfung von Altersarmut macht. Nicht zuletzt sind einige der VerfasserInnen entweder selbst in der Politik, der Großteil jedenfalls in der sozialpolitischen Grundlagenarbeit tätig.

Die Beiträge zeichnen ein ernüchterndes Bild der Folgen der Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte. Sie zeigen auf, wie rasch es ging ein funktionierendes System der Alterssicherung für eine breite Masse zu durchlöchern und das Vertrauen in sein Funktionieren damit sukzessive zu untergraben. Zugleich machen die ersten Verbesserungen, die 2014 im System der GRV für die künftigen Beziehenden vorgenommen wurden auch neuen Mut dahingehend, dass sich ein vehementer Einsatz gegen Altersarmut letztlich auszahlt.

Auch dieser Herausgeberband ist als Beitrag zu der zusehends an Fahrt gewinnenden Debatte rund um Altersarmut zu sehen und stellt einen guten Ausgangspunkt für interessierte LeserInnen dar, die sich abseits ideologischer Grabenkämpfe mit diesem Thema auseinandersetzen wollen. Gleichzeitig liegt in der mangelnden inhaltlichen Kontroverse ein – wenngleich kleiner – Schwachpunkt des Buches. Gerade in den Medien sind oftmals konträre Positionen zu lesen, wenn es um die Nachhaltigkeit des Rentensystems geht. Sich verstärkt mit diesen Positionen auseinanderzusetzen, hätte den Band hinsichtlich der abgebildeten Breite gesellschaftlicher Diskussionen zu dem Themenfeld abgerundet.


Rezensentin
Laura Sturzeis
Sozioökonomin und Programmkoordinatorin des Masterstudiums Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 24.09.2018 zu: Klaus Wicher (Hrsg.): Altersarmut. Schicksal ohne Ausweg? Was auf uns zukommt, wenn nichts geändert wird. VSA-Verlag (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-89965-759-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24321.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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