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Demenz Support (Hrsg.): Beteiligtsein von Menschen mit Demenz

Cover Demenz Support (Hrsg.): Beteiligtsein von Menschen mit Demenz. Praxisbeispiele und Impulse. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2017. 154 Seiten. ISBN 978-3-86321-332-9. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit den leichteren Formen der Demenz und plädiert für ein achtungsvolles, gleichberechtigtes und offenes Miteinander mit den erkrankten Menschen. Eine solche Vorgehensweise kann prinzipiell auch bei den schweren Formen der Erkrankung beibehalten werden. Allerdings müssen sich Partner, Freunde und Familie sowie Angehörige und die professionellen Begleiter von jeder Form eines bevormundenden Verhaltens verabschieden und sich viel stärker, als es bisher der Fall ist, den individuellen Bedürfnissen, Denkweisen, Emotionen und Interessen und anderen Lebensäußerungen des an Demenz Erkrankten zuwenden. Das gilt auch für die lokalen und kommunalen Netzwerke, die in ihrer Ausgestaltung, in ihren Einrichtungen und Vereinen etc. dieser Gruppe offensiv entgegenkommen sollten. Diese Forderungen sind alle nicht ganz neu, doch bleiben sie aktuell: Recht und Würde im Alter sind hohe Güter. Es werden mutmachende und vorbildliche Beispiele eines gelungenen Miteinanders aller Beteiligten vorgestellt. Nachahmung erwünscht!

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das übrigens überaus gute Informationen über die Demenz- Erkrankung ins Netz stellt, liefert aktuell folgende Daten und Meldungen:

  • Das Risiko, an Demenz zu erkranken, nimmt mit dem Alter zu. Und weil in unserer Gesellschaft der Anteil älterer Mitbürger steigt, wächst gleichzeitig auch die Zahl Demenzkranker. Im Jahr 2050 werden schätzungsweise 3 Millionen Menschen betroffen sein. 
  • Insbesondere ältere Menschen erkranken an einer Demenz. Etwa einer von zehn der über 65-Jährigen, etwa zwei von zehn der über 80-Jährigen und fast jeder Dritte der über 90-Jährigen leiden an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz. 
  • Demenz ist nicht gleich Demenz: Alzheimer macht den weitaus größten Teil der Demenzen im Alter aus. Die zweithäufigste Ursache für Demenzen sind Durchblutungsstörungen. Experten verzeichnen insgesamt mehr als 50 Erkrankungen, die von Demenz-Symptomen begleitet sind. 
  • Wissenschaftler der Columbia-University in New York haben herausgefunden: Wer sich körperlich fit hält und gesund ernährt, kann das Risiko, im Alter an Alzheimer zu erkranken, um bis zu 60 Prozent senken. 
  • Vor über hundert Jahren erkrankte Auguste Deter an einer unheilbaren Krankheit: Sie wurde im Verlauf mehrerer Jahre immer vergesslicher und wusste bald ihren eigenen Nachnamen nicht mehr. Nach ihrem Tod, im Frühjahr 1906, untersuchte Dr. Alois Alzheimer ihr Gehirn und stellte fest, dass es geschrumpft war und mit Ablagerungen versehen. Seither trägt die Krankheit den Namen ihres Entdeckers.
  • In Deutschland arbeiten mehr als zwei Millionen Menschen in helfenden Berufen und im Kontakt mit Demenzkranken. In Zukunft wird der Bedarf an Ärzten, Pflegekräften, Therapeuten und Beratern sogar noch steigen, da Familien immer weniger in der Lage sind, demenzerkrankte Angehörige zu Hause zu pflegen. 

Herausgeber

Bei dem Herausgeber – dem Demenz Support Stuttgart- handelt es sich um eine Einrichtung der Erich und Liselotte Gradmann-Stiftung. Diese Stiftung sichert die Arbeit ihrer im Jahr 2002 gegründeten Tochterorganisation Demenz Support Stuttgart gGmbH durch eine Grundfinanzierung. Besondere Aktivitäten sowie umfangreichere Forschungs- und Entwicklungsprojekte werden über eingeworbene Drittmittel finanziert. Besonders erwähnenswert: Demenz Support Stuttgart hat im eigenen Hause einen Beraterkreis aus Personen berufen, die mit Alzheimer oder einer anderen Demenz leben. Der zentralen Thematik der Demenz wird in folgenden Bereichen nachgegangen:

  • Forschung
  • Evaluations- und Begleitungsprozesse
  • Formen der Wissensvermittlung
  • Stand der Forschung/Diskussion praxisrelevanter Themen
  • Älterwerden und Pflege/Demenz

Peter Wißmann ist für die Geschäftsführung und wissenschaftliche Leitung verantwortlich. Neben seiner Tätigkeit als Leiter der Demenz Support Stuttgart setzt Peter Wißmann sich auch auf weiteren Ebenen, beispielsweise als stellvertretender Vorsitzender der Aktion Demenz e.V., für die Aktivierung zivilgesellschaftlichen Engagements und eine neue Kultur in der Begleitung von Menschen mit Demenz ein.

In der vorliegenden Publikation ist Peter Wißmann mit mehreren Beiträgen vertreten.

Aufbau und Inhalt

Teil 1: Hinführung. Sich nicht entmündigen lassen!

  • Als Demenzbetroffener seine Selbstständigkeit bewahren (Georg Jungkamp-Streese). Der Autor beschreibt seine Form der leichten, kaum feststellbaren Demenz, seine Einschränkungen und Wünsche und den Verlust seines Arbeitsplatzes.
  • Beteiligt werden, beteiligt sein, beteiligt bleiben- ein Problemaufriss (Peter Wißmann). Der Autor will u.a. den Ausdruck Demenz aus guten Gründen abschaffen und dafür den Begriff der kognitiven Veränderung oder Beeinträchtigung einführen. Er setzt sich für einen grundlegenden Rollenwechsel der kognitiv Veränderten in ihrem Lebenskontext ein.

Teil 2: Praxisbeispiele und Projekte. Es finden sich Praxisbeispiele und Projekte für ein gleichberechtigtes Miteinander in folgenden Feldern:

  • eine Beschreibung der Selbsthilfegruppe Dementi- Gründung und Arbeitsformen
  • eine Beschreibung eines vom BMFSFJ geförderten Projektes: Lokale Allianz für Menschen mit Demenz in Berlin-Mitte. Ein typischer Ablauf eines im Trialog geführten Seminars „Mit einer dementiellen Erkrankung leben“ wird vorgestellt.
  • das von einigen Künstlern und Kulturschaffenden entwickelte Vorhaben „Kunst, Kultur und Kreativität“ will Künstler und Kulturschaffende aus allen Sparten in Kontakt mit Menschen mit Demenz bringen. Zwei moderierte Kreativworkshops werden veranstaltet.
  • die Produktion zweier Buchprojekte mit betroffenen Menschen wird in ihren Abläufen bis hin zur Fertigstellung präsentiert. Auch Idee und Realisierung, kognitiv Beeinträchtigten die Möglichkeit zu geben, ihre Themen und Geschichte auf einer Musik-CD mit dem Titel „Reminitenz“ zu veröffentlichen, werden geschildert. Der YouTube-Kanal Kukuk-TV gehört auch zu den vorgestellten Projekten.
  • eine Teilhabeassistentin berichtet über ihre Lernerfahrungen mit dem CD-Projekt.
  • Im Rahmen eines geförderten Forschungsprojektes, das die Kunstvermittlung für Museumsbesucher mit Demenz untersuchte, wird über die Erfahrungen mit drei verschiedenen Museumsprojekten erzählt.
  • Seine Erfahrungen bei der Produktion der CD „Reminitenz“ überdenkt der produzierend verantwortliche Altenpfleger und Musiker.

Teil 3: Handlungsanregungen. In diesem Teil werden konkrete Handlungsanweisungen zur Gesprächsführung im Rahmen der Assistenz und zu den Fragen gegeben, wie man Veranstaltungen plant und organisiert, wie man Vereine als Partner gewinnt und wie man sich an kommunalen Planungsprozessen beteiligen kann.

Teil 4: Abschluss. Wie lässt sich die Beteiligung und Selbstbestimmung bei schweren Formen der Erkrankung aufrechterhalten? Der Unterstützer kann zum Beispiel mit der Hilfe einer visuellen Kommunikation durchaus zum verlängerten Arm des schwer Erkrankten werden.

Teil: 5 Anhang. Es werden einige Materialien zu den einzelnen Projekten vorgestellt. Hilfreiche Links, Informationen und Medien und die Vorstellung aller Autoren setzen der Publikation einen Schlusspunkt.

Diskussion

Recht und Würde im Alter sind besonders überall dort gefährdet, wo der ältere und alte Mensch auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen ist. Es ist der richtige Weg, der in dieser Veröffentlichung eingeschlagen wird, wenn die verschiedenen professionellen Helfer, die Angehörigen und die Freunde sowie das gesamte Um- und Kontaktfeld auf die Selbstbestimmung der alten und eingeschränkten Menschen verpflichtet und eingeschworen werden. Dieses Recht auf Selbstbestimmung darf kein einfaches Lippenbekenntnis sein, sondern von diesem Anspruch muss die gesamte Hilfe-und Unterstützungshaltung bis hin in die Denk-und Handlungsweisen der Helfer und Freunde durchdrungen sein. Dann werden auch überraschend Perspektiven der Hilfe für die ganz schwer an dementieller Erkrankung leidenden Menschen eröffnet.

Kann die Leitlinie der Selbstbestimmung ein heute noch zu wenig beachtetes methodisches Prinzip der sozialen Arbeit sein? Wichtig sind auch alle Hinweise auf die Ressourcen der Selbstbestimmung, die nicht in den kollektiven Sicherungssystemen liegen, sondern in den sozialen Netzwerken und den kommunalen Angeboten. Hier liegen viele Quellen der Hilfe brach! Der musische Bereich, die bildende Kunst und das Museum sind für entsprechende Initiativen und Projekte- so scheint es jedenfalls aufgrund der Lektüre- besonders geeignet. Für mich wären auch die Potenziale des Sportes ein keineswegs bereits in ausreichender Weise erschlossenes Hilfeangebot für die Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen.

Fazit

Menschen mit leichteren Formen der Demenz können auf vielfältige Weise in vielen Lebens-und Gesellschaftsbereichen eine selbstbestimmte Tätigkeit und Aktivität finden. Dazu bedarf es der Hilfe und Unterstützung vieler kompetenter, auf Selbstbestimmung zentrierter Helfer und Unterstützer. Was alles möglich ist, wenn Wille und Phantasie obenan stehen, demonstriert dieses Buch. Die weitgehende Berichtsform hat den großen Vorteil der Anschaulichkeit und Verständlichkeit. Anfänger werden ermutigt, die Routinierten ein wenig verunsichert, und die fürs Neue aufgeschlossenen Profis lassen sich gerne überraschen. Kein Theoriegebäude behindert die empfohlene Lektüre.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 05.06.2018 zu: Demenz Support (Hrsg.): Beteiligtsein von Menschen mit Demenz. Praxisbeispiele und Impulse. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2017. ISBN 978-3-86321-332-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24322.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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