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Stephanie Welser: Fraktale Vielfalt zwischen Pädagogik und Politik (Mädchenarbeit)

Cover Stephanie Welser: Fraktale Vielfalt zwischen Pädagogik und Politik. Eine rekonstruktive Studie zu handlungsleitenden Orientierungen in der Mädchenarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 490 Seiten. ISBN 978-3-658-15641-1. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Thema des Bandes sind Fragen der Orientierungen im pädagogischen Handeln von Fachfrauen, die in der Jugendhilfe mit Mädchen arbeiten. An was orientieren sich Akteurinnen der Mädchenarbeit in ihrer alltäglichen pädagogischen Arbeit mit Mädchen? Welches implizierte Erfahrungswissen strukturiert und orientiert die Interaktion mit Mädchen? Wie nehmen sie Mädchen wahr und welcher Blick wird auf diese erkennbar? Welche Perspektiven werfen sie auf ihre eigene Handlungspraxis und auf das eigene Selbst? Lassen sich trotz der Vielfalt an Mädchenarbeitspraxen typische Formen der handlungsleitendenden Orientierungen systematisieren?

Stephanie Welser interviewte hierzu 20 Personen. Bei der Veröffentlichung handelt es sich um ihre Dissertation (465 Seiten plus Literatur und Anhang) im Bereich Erziehungswissenschaften, die sie an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg eingereichte.

Autorin

Dr. Stephanie Welser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung ist in fünf Kapitel gegliedert. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Das 60 Seiten umfassende erste Kapitel „Einführung“ führt in das Handlungsfeld Mädchenarbeit, geschichtliche Linien, Grundverständnisse, Diskurse und Forschungsstand ein. Daraus werden Lücken sowie Forschungsdesiderate abgeleitet und das eigene Erkenntnisinteresse präzisiert. Das Anliegen ist, empirisch erfasste atheoretische Wissensbestände zur Handlungspraxis in der Mädchenarbeit mit Hilfe einer Typenbildung zu verdichten. Die Typenbildung soll als analytisches Konstrukt die Möglichkeit bieten, Anreicherungspotenziale für eine Theoriebildung des pädagogisch-professionellen Handelns im Kontext von Mädchenarbeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher Theorieangebote auszuloten (vgl. S. 56). Das Kapitel endet damit, dass der methodische Zugang und die Struktur der Studie kurz vorgestellt werden.

Das zweite Kapitel „Methodologische Fundierung und methodischer Zugang“ beschreibt auf 45 Seiten ausführlich den methodologischen Hintergrund und das methodische Vorgehen. Das Sample der qualitativ angelegten Studie umfasste insgesamt 20 Interviews, die im Zeitraum von 2007 (Vorstudie) bis 2011 in verschiedenen Handlungsfeldern der Jugendhilfe (insbesondere der offenen Jugendarbeit) und in unterschiedlichen Bundesländern geführt wurden. In der Auswertung wurde ein Schwerpunkt auf die dokumentarische Methode gelegt. Gefragt wurde nach der Berufsbiografie, nach konkreten pädagogischen Situationen, nach dem eigenen Wissen und Können, nach einem typischen Tag und nach den weiteren beruflichen Perspektiven.

Das dritte, empirische, Kapitel „Ergebnisse der Studie“ umfasst 300 Seiten. Darin werden das Material und die Ergebnisse der Studie derart dargestellt, dass in vier Unterkapitel die jeweilige Typenbildung entwickelt und begründet wird. Dabei wird jeweils analog vorgegangen: zunächst werden die zu dem Typus gehörigen Fälle als Fallportraits komprimiert dargestellt, dann auf je circa 20 Seiten der Referenzfall beschrieben, es folgt eine Verdichtung und ein Fallvergleich und schließt mit einer Zusammenfassung und Relationierung ab. Als Typen herausgearbeitet wurden:

  1. Dialogorientierte Pragmatik
  2. Veränderungsorientierte Utopieverwirklichung
  3. Gefühlsorientierte Fürsorge
  4. Selbstentwicklungsorientierte Problembearbeitung.

In einem fünften Unterkapitel werden die empirischen Befunde zusammenfassend dargestellt bzw. Gegenpole herausgearbeitet und daran anknüpfend weiterführende Überlegungen im Sinne herausgearbeiteter Grundfragen angestellt.

Im vierten Kapitel „Theoretische Kontextualisierung und Diskussion“ werden zunächst Anschlussstellen der ausgewerteten Empirie an bestehende Forschungsbestände skizziert und dann eine in dieser Arbeit zentrale Folie, die doppelte Asymmetrie eingeführt (Kap. 4.1). Die gefundenen Orientierungstypen, so die zu prüfende These, können als unterschiedliche Umgangsformen mit doppelter Asymmetrie gelesen werden und die Theoriebildung zum pädagogischen Handeln in der Mädchenarbeit, so die Autorin, könne insbesondere um das Konzept der Ambivalenz angereichert werden. Stephanie Welser sieht im pädagogischen Handeln in der Mädchenarbeit einen doppelten Anforderungsrahmen (die von ihr so benannte „Feministische Differenz“ und die pädagogische Differenz, S. 414/415), der darin besteht, dass ein Umgang mit Geschlechterasymmetrie in einem personalen asymmetrischen Verhältnis der Mädchen-Pädagogin-Rollenverteilung gefunden werden muss. Sie spricht in Folge von einer „doppelten Asymmetrie“, die sie begrifflich aus der systemischen Beobachtungstheorie entlehnt. Im Folgenden versucht sie aufzuzeigen, dass in den beiden Typen Dialogorientierte Pragmatik und Veränderungsorientierte Utopieverwirklichung, die sie als maximal kontrastiv versteht, die doppelte Asymmetrie durch strategische Symmetrie zum einen und durch Hierarchisierung zum anderen bearbeitet wird (S. 416). Interessant ist für sie dabei, dass beide Differenzverhältnisse mit demselben Modus angegangen werden, obwohl sich der Bedeutungsrahmen unterscheidet (S. 416). Zusammenfassend hebt Stephanie Welser die Vielfalt der Orientierungen hervor und führt in diesem Zusammenhang den Begriff der „fraktalen Vielfalt“ ein (S. 418). Hierbei bezieht sie sich auf den Mathematiker Benoit Mandelbrot. Fraktale sind demnach komplexe, natürliche oder künstliche Gebilde oder geometrische Muster, die bei allen Vergrößerungen oder Verkleinerungen in sich selbst übergehen. Im Kap. 4.2 werden die aus der Typenbildung heraus formulierten bzw. herausgearbeiteten Grundfragen an die pädagogische Mädchenarbeitspraxis nochmals mit theoretischen Wissensbeständen in Verbindung gesetzt und diskutiert:

  • Wie wird kommuniziert?
  • Wie wird das Verhältnis zur Anderen gestaltet?
  • Wie das Verhältnis zur Gesellschaft?
  • Zum professionellen Selbst?

Das abschließende Kapitel „Ausblick“ versucht einen Ausblick, in dem Ableitungen für weiteren Forschungsbedarf aufgezeigt und im Bereich der Fort- und Weiterbildung sogenannte „Reflexionsangebote“ formuliert werden.

Diskussion

Mit der Veröffentlichung wird nach längerer Zeit wieder eine empirische Arbeit zur – pädagogischen Praxis bzw. Praxen in der – Mädchenarbeit vorgelegt und dabei ein erziehungswissenschaftlicher Fokus gewählt. Dies ist für die Weiterentwicklung dieses Handlungsfeldes – das schon immer eine in monoedukativen und koedukativen Settings umgesetzte Praxis beinhaltet – wichtig und von Interesse. Das umfangreiche Interviewmaterial bietet vielerlei Einblicke in Bezugnahmen und Orientierungsmuster von Pädagoginnen, ist allerdings auch in der Fülle der Darstellung etwas überbordend. Fokussiert wird auf den Umgang mit der Herausforderung, in einem ambitionierten pädagogischen Verhältnis damit zu arbeiten, dass auf die Kategorie Gender reüssiert und diese gleichzeitig – sowohl in Praxis als auch im theoretischen Diskurs – als konstruiert analysiert, in Veränderung gesehen sowie generell in Frage gestellt wird. Auch wenn interessant ist, dass und wie versucht wird, das empirische Material auch mit Theorien aus verschiedenen Richtungen und Disziplinen zu lesen und zu verstehen, hat sich mir nicht erschlossen, dass die Begrifflichkeiten von „feministischer Differenz“ und im Weiteren von „doppelter Asymmetrie“ passend und weiterführend sind. Es bestehen hierzu entsprechend Zweifel meinerseits. Es könnte spannend sein, das Material in theoretisch heterogen zusammengesetzten Gruppen mit entsprechend divergierenden Lesarten zu diskutieren. Dabei kann nicht zuletzt auch der knappe Hinweis auf die mögliche Verknüpfung zum Konzept des geschlechtshierarchischen Verdeckungszusammenhangs genauer durchdacht werden.

Fazit

Mit dem Band legt Stephanie Welser eine sehr umfangreiche, materialreiche Dissertation zur Handlungspraxis und diese leitenden Orientierungen in der sozialpädagogischen Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen vor. Es handelt sich dabei um eine sehr grundsätzliche Fragestellung, nämlich die, aus was sich pädagogisches Handeln motiviert und an was es sich orientiert, exemplarisch erhoben und analysiert in einem Aufgabenbereich. Durch den Umfang, aber auch durch die theoretischen Einbindungen und den Charakter einer Qualifikationsarbeit wird die Rezeption einem engeren, akademischen Publikum vorbehalten sein. In der Mädchenarbeitspraxis sowie in der Lehre wäre es hilfreich, im Artikelformat zentrale Erkenntnisse nutzen und diskutieren zu können. Des Weiteren kann das erste Kapitel bzw. Teile daraus gut als Textmaterial für die Lehre im Bereich Mädchenarbeit und gendersensible Pädagogik genutzt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 18.01.2019 zu: Stephanie Welser: Fraktale Vielfalt zwischen Pädagogik und Politik. Eine rekonstruktive Studie zu handlungsleitenden Orientierungen in der Mädchenarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-15641-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24325.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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