socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Silke Seiffert: Geschwister chronisch kranker Kinder stärken

Cover Silke Seiffert: Geschwister chronisch kranker Kinder stärken. Das Programm „Stark und Fit mit Piet“. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2017. 42 Seiten. ISBN 978-3-8382-1058-2. D: 22,00 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 24,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Chronische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter betreffen stets den gesamten Familienkreis. Die Geschwister chronisch kranker Kinder und Jugendlicher stellen in der Forschung wie auch Versorgung noch immer eine stark vernachlässigte Gruppe dar. Und dies obwohl Studien darauf hinweisen, dass auch die Geschwisterkinder unter den Anforderungen, die eine chronische Erkrankung mit sich bringt, leiden – zum Teil auch im stärkeren Maße als die von der Erkrankung Betroffenen. Dabei ist es besonders relevant, die Geschwisterkinder selbst mit ihren Erfahrungen und Bedürfnissen zu Wort kommen zu lassen. In diesem Buch wird das praktische Vorgehen einer Schulungseinheit innerhalb eines strukturierten Schulungsprogramms für Geschwisterkinder chronisch kranker Kinder und Jugendlicher beschrieben.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin des Buches ist Kinderkrankenschwester und Lehrerin für Pflegeberufe und Pflegepädagogin. Sie weist eine langjährige Erfahrung in der Schulung von Familien und Kindern mit einer chronischen Erkrankung auf. Das Buch und die darin vorgestellte Lerneinheit „Und ich?“ aus dem Schulungsprogramm „Stark und Fit mit Piet“ ist im Rahmen des KomPaS-Programms für Geschwisterkinder (im Grundschulalter) chronisch kranker Kinder und Jugendlicher entstanden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich insgesamt in zehn Kapitel. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In der Einleitung wird kurz der Hintergrund des Schulungsprogramms bzw. der Lerneinheit beschrieben. Dabei wird darauf verwiesen, dass die dargestellte Lerneinheit „Und ich?“ Teil des modularen Schulungsprogramms für Geschwister chronisch kranker Kinder ist und ein kurzer Überblick zu den Inhalten des Buches gegeben.

Im zweiten Kapitel, betitelt als Forschungsdesign, wird einerseits auf eine durchgeführte Literaturrecherche verwiesen, und andererseits, dass in der Entwicklung des Programms auf etablierte Programme und Expertenworkshops zurückgegriffen wurde.

Im dritten Kapitel werden zentrale Begriffe wie chronische Erkrankung, Geschwister und Schulung auf insgesamt 2,5 Seiten erläutert.

Im vierten Kapitel geht die Autorin auf neun Seiten auf den theoretischen Hintergrund der Thematik ein:

  • Was wissen wir über die psychosoziale Situation von Geschwistern chronisch kranker Kinder und Jugendlicher?
  • Welche nationalen, aber auch internationalen Programme gibt es?

Hier erfährt der Leser allerdings wenig über die konkreten Inhalte dieser Programme sowie die dadurch erzielten Effekte, sondern die Programme werden nur kurz benannt und zuletzt wird nochmals auf KomPaS verwiesen, den Rahmen des vorliegenden Programms bzw. der vorzustellenden Schulungseinheit.

Darauf folgend werden Konzepte der Gesundheitsförderung im Kindesalter dargestellt – angefangen mit der Erläuterung der Entwicklungsaufgaben im Kindesalter sowie dem Ansatz der Salutogenese, dem Lebenskompetenzansatz der WHO und abschließend dem Konzept der Health Literacy. Abschließend werden daraus Implikationen für die Geschwisterschulung gezogen.

Im sechsten und siebten Kapitel werden zuerst die Rahmenbedingungen der Geschwisterschulung (Ziele, Struktur, Inhalte und Methodik/Didaktik) und konkret die Lerneinheit „Und ich?“ vorgestellt. Diese Lerneinheit ist konzipiert als Reiseetappe einer Inselrundreise, auf der die Kinder verschiedene Inseln besuchen und kennenlernen. Konkret sind dies

  • die Sonnen-Insel (zur Beschreibung des Ist-Zustandes),
  • die Wolkeninsel (hier werden die mit der Situation als Geschwisterkind eines chronisch kranken Kindes aufzuwachsen verbundenen Anforderungen thematisiert),
  • die Asthma-Insel (je nach Indikation ein anderer Name; hier lernen die Teilnehmer die Krankheit des Geschwisterkindes näher kennen) und die
  • Regenbogeninsel (hier werden Wünsche (z.B. an die Eltern) und Bedürfnisse, aber auch Lösungsmöglichkeiten thematisiert).

In der darauffolgenden Diskussion als achtes Kapitel wird die Auswahl der theoretischen Konzepte, der Inhalte, der Methodik und Didaktik sowie des Forschungsdesigns diskutiert. Im Ausblick wird zuletzt auf die noch ausstehende Evaluation hingewiesen. Literaturverweise finden sich im zehnten Kapitel.

Diesen Kapiteln folgt ein relativ ausführlicher Anhang. Hier wird dann die Lerneinheit „Und ich?“ im Detail vorgestellt, mit Hinweisen zum konkreten Vorgehen und beispielhaften Dialogen, es finden sich eine detaillierte Stundenverlaufsplanung sowie die Inselplakate und Arbeitsblätter der Lerneinheit als Kopiervorlage.

Diskussion

Der Titel des Buches „Geschwister chronisch kranker Kinder stärken. Das Programm ‚Stark und Fit mit Piet‘“ hat mich sehr angesprochen, da ich einen hohen Bedarf an solchen Schulungsprogrammen erlebe und es sehr begrüße, wenn theoretisch-fundierte und evidenzbasierte Programme für den Einsatz im Alltag vorliegen. Dieser Titel hat allerdings Erwartungen auf meiner Seite geweckt, die leider nicht erfüllt wurden. So war ich doch etwas überrascht, um nicht zu sagen enttäuscht, dass nur eine Einheit eines komplexen Programms vorgestellt wurde. Auch fehlte mir hier eine gute Verortung in das Gesamtvorgehen während der Schulung. Auf die Evaluation wird nicht eingegangen, sondern nur darauf verwiesen, dass diese durchgeführt wird.

Mir ist es als Leser schwergefallen, den wissenschaftlichen und/oder praktischen Nutzen der Darstellung einer einzelnen Lerneinheit zu sehen. Die Lehreinheit wird zwar im Anhang sehr detailliert und anschaulich dargestellt, die gesamte Schulungsmaßnahme der Kinder und Jugendlichen lässt sich jedoch nicht auf nur diese spezielle Schulungsstunde reduzieren. Verfolgt Frau Seiffert den Anspruch, anhand dieser Einheit exemplarisch die theoretische Fundierung dieser Maßnahme zu verdeutlichen, dann ist in meinen Augen der theoretische Hintergrund zu überblicksartig und zu wenig integrativ dargestellt.

Auch gewinnt man als Leser den Eindruck, dass die theoretische und empirische Fundierung der Schulungseinheit „unter Wert verkauft“ wird, da viele Informationen nur angerissen, nicht aber vertieft werden. So wird zwar darauf verwiesen, dass die Autorin Interviews mit den Familien durchgeführt hat, die die Inhalte des Programms in ihrer Relevanz nochmals unterstreichen, diese werden aber nicht weiter ausgeführt. Die theoretische Herleitung ist insgesamt sehr knapp, sodass daraus keine neuen Erkenntnisse gezogen werden können. Hilfreich wäre es gewesen, wenn der Leser/die Leserin etwas über die Inhalte und Effekte der bereits vorliegenden nationalen wie internationalen Programme erfahren hätte. Ist diese Schulungseinheit einzigartig oder finden sich bereits vergleichbare Herangehensweisen in der Literatur?

Didaktisch ist die Idee mit den Kindern gemeinsam eine Reise anzutreten sicherlich sehr ansprechend, wenn auch nicht neu. Piet, der Delphin, eignet sich für Kinder im Grundschulalter als Reisebegleiter sehr gut. Die ausgewählten Materialien, die sich im Anhang finden, sind ansprechend gestaltet, und man gewinnt einen ersten Eindruck, wie das Programm insgesamt aussehen könnte.

Die Autorin hat den Versuch unternommen – vielleicht primär adressiert an PraktikerInnen – gleichzeitig den theoretischen Rahmen einer Geschwisterschulung aufzuspannen, aber auch sehr detailliert das methodisch-didaktische Vorgehen in der praktischen Umsetzung zu beschreiben. Leider ist diese Kombination nicht wirklich gelungen. Dem theoretischen Hintergrund fehlt die reflektierte Durchdringung der vorliegenden wissenschaftlichen Literatur zur Thematik, und die Darstellung des Herangehens „krankt daran“, dass eben nur ein kleiner Teil des Gesamtkonzepts dargestellt wird und die Leserschaft etwas ratlos dahingehend zurücklässt, was man mit diesen Informationen in der Praxis genau anfangen kann.

Fazit

Das Werk stellt eine Schulungseinheit für Kinder und Jugendliche vor, deren Geschwisterkind eine chronische Erkrankung hat. Dabei wurde primär das praktische Vorgehen innerhalb dieser Einheit detailliert beschrieben zugunsten einer fundierten Einordnung in den wissenschaftlichen Forschungskontext zur psychosozialen Situation der Geschwisterkinder.


Rezensentin
Prof. Dr. Petra Warschburger
Universität Potsdam, Leiterin der Abteilung Beratungspsychologie und der Beratungsstelle für chronisch kranke Kinder und deren Eltern (PTZ)
Homepage www.psych.uni-potsdam.de/counseling/index-d.html
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Petra Warschburger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Warschburger. Rezension vom 19.07.2018 zu: Silke Seiffert: Geschwister chronisch kranker Kinder stärken. Das Programm „Stark und Fit mit Piet“. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-8382-1058-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24326.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung