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Björn Maier, Kai Tybussek (Hrsg.): Management und Controlling in der Pflege

Cover Björn Maier, Kai Tybussek (Hrsg.): Management und Controlling in der Pflege. Handlungsoptionen infolge der neuen Pflegestärkungsgesetze. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 165 Seiten. ISBN 978-3-17-023935-7. D: 34,00 EUR, A: 40,10 EUR.

Reihe: Pflegemanagement.
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Thema

In der Bundesrepublik Deutschland werden viele soziale Risiken versicherungsrechtlich geordnet. Hierunter fallen zum Beispiel die Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung. Im Jahre 1995 wurde das Risiko der Pflegebedürftigkeit erkannt und die soziale Pflegeversicherung eingeführt. Die Pflegeversicherung ist als „Teilkaskoversicherung“ konzipiert. Das bedeutet, dass die Pflegebedürftigen oder auch deren Angehörige Teile der Pflegeleistungen selbst zahlen müssen.

Von Anfang an war es politischer Wille, dass die Versorgungsverträge der Pflegeversicherungen vorrangig mit Anbietern (ambulante oder stationäre Pflegeeinrichtungen) geschlossen werden sollen, die sich in einer privaten oder freigemeinnützigen Trägerschaft befinden. Dieser Vorrang der privaten oder freigemeinnützigen Eigentümerschaft führte zwangsförmlich auch zu einer Perspektive, die ausdrücklich eine finanzielle Gewinnorientierung zulässt. Eine weitere Besonderheit besteht für Bundesrepublik Deutschland darin, dass eine von den Finanzierern der Pflegeleistungen (Pflegekassen) bestellte Prüfinstanz (MDK), den Grad der Pflegebedürftigkeit eines Menschen begutachtet und bestätigt oder eben auch nicht.

In den ersten Jahren nach der Gründung der sozialen Pflegeversicherung kam es zu einem wahren Gründungsboom von ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen. Es war in der Startphase möglich, dass sich eine Krankenschwester allein selbstständig machen konnte, ohne weiteres Pflegepersonal beschäftigen zu müssen. Grundlagenwissen der Unternehmensführung, der Finanzbuchhaltung oder des Controllings lagen selten vor. Mit dem Wachsen der Unternehmen stieg auch der Bedarf an Fachpersonal für die klassischen Teilbereiche der Betriebs- bzw. der Personalwirtschaft. Parallel stieg der Anspruch an die Dokumentationspflichten. Diese ergaben sich nicht nur aus einer rechtlichen Perspektive der Leistungstransparenz im Sinne von Leistungsnachweisen gegenüber den Versicherten und den Kostenträgern, sondern auch aus dem Bedarf operative und strategische Entscheidungen für das Unternehmen treffen zu können. Die Notwendigkeit sich als Anbieter einer Pflegeeinrichtung mit dem Controlling zu befassen war somit unumgänglich. Inzwischen ist der Pflegesektor ein wachsender Markt. Die Leistungsausgaben der Pflegeversicherung lagen im Jahre 1996 bei ca. 10 Mrd. €. 2017 betrugen die Ausgaben schon über 34 Mrd. €. Die Leistungen für „zusätzliche ambulante Betreuungs- und Entlastungsleistungen“, die erst 2003 eingeführt wurden, stiegen von 1 Mio. € (!) in 2003 auf 1,23 Mrd. € im Jahre 2017 (Bundesgesundheitsministerium, 2017). Das es das vorliegende Buch geben musste liegt auf Grund des Vorgenannten auf der Hand. Die Komplexität des Pflegesektors steigt und die volkswirtschaftliche Relevanz der Pflegebedürftigkeit wird gesellschaftlich immer spürbarer. Fast jeder Mensch hat inzwischen im eigenen Familienkreis mit dem Phänomen der Pflegebedürftigkeit zu tun. Somit ist die Pflegeversicherung, als eine Säule der Sozialversicherung, inzwischen ein fester Bestandteil um das soziale Risiko der Pflegebedürftigkeit mindestens finanziell zu minimieren.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Die Autoren stellen vor dem Hintergrund einer demografischen Entwicklung die Ziele der gesetzlichen Pflegereform vor (S. 14 ff). Es wird korrekt und verständlich die „neue“ Definition der Pflegegrade vorgestellt. Das Unterkapitel über die „Vergütungsregelungen und Pflegesatzverfahren“ verdeutlicht, wie komplex die Thematik ist und mit gesundem Verstand kaum noch nachvollziehbar ist (S. 25ff).

Interessant ist der Abschnitt über die „Personalausstattung“. In 22 Zeilen wird erläutert, dass die Vertragsparteien bis 2022 Zeit haben ein „wissenschaftlich fundiertes Verfahren“ zur Personalbedarfsermittlung zu entwickeln und zu erproben (S. 35).

Im Kapitel 3 stellt Grabow die rechtlichen Gründe für die Reform der Pflegeversicherung nachvollziehbar vor. Wesentlich erscheint, dass durch die Reform „Anreize geschaffen werden, zusätzliche Versorgungsalternativen“ etablieren zu wollen. Gemeint ist hier der politische Wunsch eine Entwicklung zu „kleinräumigen, quartiersorientierten Versorgungsstrukturen“ anzustoßen (S. 47).

Im Kapitel 4 fasst Dorn die aktuell 16 (!!!) Bauverordnungen sehr gut zusammen.

Über das Kapitel zur Investitionskostenrefinanzierung folgt ein Beitrag von Liedmann über neue „Geschäftsmodelle“ in der Altenpflege (S. 75 ff). Auch hier wird der demografisch begründete Anstieg von pflegebedürftigen Menschen zum Gegenstand einer Marktdiskussion genutzt. Interessant ist der Typisierungsversuch unterschiedlicher Geschäftsmodelle. So unterscheidet er zum Beispiel zwischen Einrichtungen die ausschließlich ambulante oder stationäre Pflegeleistungen anbieten (der „Klassiker“) und den Spezialisten, die sich auf die Versorgung vom Menschen in sogenannten Nischen fokussieren (S. 79f). Wesentlich erscheint die Empfehlung, dass die Altenhilfeträger sich zu Komplexträgern entwickeln sollten. Die Nutzer des Pflegesystems möchten möglichst lebensphasenorientierte und individuelle Leistungspakete in Anspruch nehmen können, die zu den jeweiligen Lebens- und Bedarfssituationen passen (S. 82f). Diese Diversifikation wird zum Teil nur über Kooperationen zwischen unterschiedlichen Anbietern, die bisher vielleicht als Spezialisten am Markt tätig waren, möglich sein. Begründet erscheint die Perspektive, dass die Umstellung von Pflegestufen auf Pflegegrade zu finanziellen Einbußen in den Pflegeheimen führen wird. Wenn das so passiert, wäre dem Grundsatz ambulant vor stationär Rechnung getragen (S. 89). Auch die stationären Strukturen sollten sich baulich ambulanten Versorgungsformen öffnen.

In weiteren Ausführungen wird ganz richtig erläutert, dass die Pflegedokumentation auf eine veränderte Pflegeprozessdefinition und die neuen Begutachtungsrichtlinien des MDK hin angepasst werden muss. Bevor die Ergebnisse des Controllings als Steuerungsinstrument (operativ und strategisch) angewendet werden können, muss eben eine entsprechende Dokumentation der Leistungen vorliegen (S. 136f). Die Dokumentation ist die Grundlage des Controllings. Diese Grundlagen werden für die stationäre Altenhilfe verständlich und nachvollziehbar vermittelt.

Wie das bisher beschriebene in den Pflegealltag integriert werden könnte bzw. sollte, wird im Kapitel 11 mit der Überschrift „Change-Management“ vorgestellt (S. 139ff). Hier wird sichtbar wie weit der Altenpflege- bzw. Altenhilfesektor noch in den organisationstheoretischen Kinderschuhen steckt.

Fazit

Viele Altenhilfeträger befinden sich seit der Gründung in einer mittelständischen Firmenstruktur. Die GründerInnen rekrutierten sich häufig aus der Berufspraxis der Pflege. Die Gemeindeschwester wurde zur Inhaberin eines Ambulanten Pflegedienstes oder zur Betreiberin eines Pflege- bzw. Altenheimes.

Der Inhalt des Werkes „Management und Controlling in der Pflege“ richtet sich an PflegepraktikerInnen und Entscheidungsträger im Altenpflegesektor. Insofern muss die Lektüre keinem wissenschaftlichen Anspruch genügen. Das vorliegende Buch trägt für Berufspraktiker der Pflege einen trockenen Titel, der zunächst wenig Lust auf die Lektüre macht. Der erste Blick auf die Gliederung lässt die Kapitelführung und Themensetzung etwas zusammenhanglos wirken. Aber gerade die Zusammenstellung der Aufsätze und der während des Lesens erkennbare logische Zusammenhang der Inhalte machen das Werk zu einer sehr guten Einführung in die Thematik. Der inhaltliche Bogen wird breit geschlagen. Von betriebswirtschaftlichen Aspekten, über die Auslegung themenspezifischer Gesetze, die Anpassungsnotwendigkeiten in der Dokumentation, sowie die Vorstellung des neuen Pflegebedürftigkeitsbergriffs.

Uneingeschränkt kann dieses Buch für StudentInnen der Betriebswirtschaft und des Pflegemanagements empfohlen werden.

Die Texte sind durchgängig gut zu lesen. Die Inhalte sind, auch wenn bar der Materie nicht immer spannend, gut und verständlich vermittelt. Das vorliegende Buch sollte fester Bestandteil einer Fachbibliothek in den Einrichtungen der Altenhilfe und -pflege sein.


Rezensent
Prof. Dr. Olaf Scupin
Stationspfleger, Pflegedienstleiter, Dipl. Pflegewirt (FH), Humanontogenetiker, Professor für Pflegemanagement an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena (EAH) Fachbereich Gesundheit und Pflege, Direktor am Institut für Coaching und Organisationsberatung der EAH Jena (ICO-Jena). Direktor für Pflegeentwicklung in den Waldkliniken Eisenberg
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Zitiervorschlag
Olaf Scupin. Rezension vom 12.08.2019 zu: Björn Maier, Kai Tybussek (Hrsg.): Management und Controlling in der Pflege. Handlungsoptionen infolge der neuen Pflegestärkungsgesetze. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-023935-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24332.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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