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Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer (Hrsg.): Neue Anstöße in der Sozialen Arbeit

Cover Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer (Hrsg.): Neue Anstöße in der Sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-658-17416-3. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.

Reihe: Edition Centaurus - Perspektiven Sozialer Arbeit in Theorie und Praxis.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der 2017 erschienene Band «Neue Anstöße in der Sozialen Arbeit» ist der vierte Titel in einer neuen Schriftenreihe in der «Edition Centaurus» zu den «Perspektiven Sozialer Arbeit in Theorie und Praxis», die im wesentlichen von einem Team der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen herausgegeben wird.

Ziel der Reihe ist es, so die Herausgeber*innen für die heterogenen Gegenstandbereiche der sozialen Arbeit „theoriegestützte Angebote“ zu machen, die zu deren Lehr- und Praxiserfahrungen in Bezug stehen. Es werden Monographien und Sammelbände veröffentlicht, die sowohl zur disziplinären wie professionellen Entwicklung sozialer Arbeit beitragen.

HerausgeberInnen

Der vorliegende Sammelband wurde von Süleyman Gögercin und Karin Sauer betreut, die beide als Professorinnen an der Dualen Hochschule arbeiten und spannt er ein weites Feld an gegenstandsbezogenen Diskursen und Forschungen auf.

Aufbau und Einführung

  1. In einem ersten Teil finden sich vier Beiträge, die sich um das Thema Menschenbilder und Menschenrechte in der sozialen Arbeit gruppieren. Es geht im Einzelnen um Menschenrechte und internationale soziale Arbeit, um die Konstruktion von Transsexualität, um Nachhaltigkeit und soziale Arbeit und um einen Vergleich der Diskussionen um Sterbehilfe und Schwangerschaftsabbruch.
  2. Der zweite Teil versammelt unter der Überschrift „Subjektive Orientierungen und institutionelle Dynamiken“ sechs Beiträge, die sich beschäftigen mit dem subjektiven Krankheitsverständnis von onkologisch erkrankten Kindern, mit einem Modell zur Behandlung vom Menschen mit einer schizophrenen Erkrankung, mit der Bewältigung von Alkoholismus am Arbeitsplatz, mit Moral in der Heimerziehung und dem Beteiligungs- und Beschwerdemanagement für Jugendliche in stationären Wohnformen und den Möglichkeiten inklusiver Arbeit.

In ihrer Einführung verdeutlichen die Herausgeberinnen als Anliegen und verbindende konzeptionelle Idee der Beiträge, sich den sich wandelnden ethischen Anforderungen an die soziale Arbeit zu stellen: „die Notwendigkeit einer transparenten und nachvollziehbaren ethischen beruflichen Orientierung in Dilemma-Situationen, die dem eigenen fachlichen Anspruch gerecht werden“(9). Durchgängiges Motiv der Beiträge ist die Bearbeitung dieser komplexen und heterogenen Situationen in verschiedenen Praxisfeldern.

Zum ersten Teil

Simon Goebel rekonstruiert im einleitenden Beitrag die Bedeutung der Menschenreche für die internationale soziale Arbeit und Konflikte, die aus universalistischen Normen und partikularen Lebensweisen entstehen können. Er fordert, Differenzen „produktiv auszuhandeln“ und sieht darin auch eine Aufgabe für die (internationale) soziale Arbeit, Lebenslagen differenziert wahrzunehmen und gleichzeitig nicht durch den Bezug darauf, vorgefundene Differenzen zu verstetigen.

Transsexualität und die Konstruktion von Geschlecht sind das Thema des Beitrags von Viktoria Stenzel und Anton Hochenbleicher-Schwartz. Sie präsentieren die Ergebnisse einer Forschung (vier Interviews) zur narrativen Identität transsexueller Menschen.

Den Autorinnen geht es darum, in der sozialen Arbeit Geschlechtszuschreibungen zu reflektieren, in ihrer Normativität zu hinterfragen und Praktiken des „undoing gender“ zu entwickeln.

Marcel Dreyer und Sebastian Klus untersuchen das Konzept von Nachhaltigkeit und mögliche Anschlüsse an soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession.

Es werden die wichtigsten konzeptionellen Grundlegungen von Nachhaltigkeit und von sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession vorgestellt. Die Autoren plädieren für die Verbindung beider Zugänge in den Grundhaltungen und im professionellen Habitus sozialer Arbeit. Menschenrechtsprofession bedeutet für die Autoren auch „eine gerechtere Verteilung von Ressourcen einzufordern“ und die eigenen Anteile an Menschrechtsverletzungen zu reflektieren.

Im letzten Beitrags des ersten Teils beschäftigen sich Elena Janina Hoert & Martina Wanner mit einem Vergleich der Diskussion um Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe. Sie zielen darauf, die Herausbildung ethischer Standpunkte und „normativer Leitoptionen“ für die soziale Arbeit als notwendig anzusehen, die in sehr kontroversen Debatten, wie in denjenigen, die die Autorinnen fokussieren, Orientierung bieten können.

Zum zweiten Teil

Katharina Pfefferle leitet den zweiten Teil mit einer Untersuchung des subjektiven Krankheitsverständnisses onkologisch erkrankter Kinder ein. Die Relevanz des subjektiven Erlebens der Kinder für deren sozialpädagogische Begleitung herauszuarbeiten, ist das Anliegen der Autorin. Forschungen zeigen, dass onkologisch erkrankte Kinder sehr offen und konkret über ihr subjektives Erleben der Krankheit sprechen, wenn die Bedingungen dazu anregen und dies zulassen.

Ramona Riemann stellt ein in Finnland entwickeltes Modell (Need Adapted Treatment) zur Behandlung schizophrener Erkrankungen vor und fragt nach den spezifischen Bedingungen der Implementierung in Deutschland. Grundlegend für das Modell sind eine Netzwerk- und Prozessperspektive. Die Interaktionssysteme der betroffenen Menschen bilden den Fokus und nicht die alleinige Bearbeitung von Symptomen. In der Konsequenz geht es um eine ambulante, gemeindepsychiatrische Versorgung, die sich auf die Ressourcen der sozialen Netzwerke stützt. Dass es dazu sowohl struktureller und politischer wie der Veränderungen im professionellen Selbstverständnis und der Kooperation von Diensten bedarf, daran lässt die Autorin keinen Zweifel.

Die Erfahrungen ehemaliger Betroffener stehen im Beitrag Bewältigung von Alkoholismus von Nicole Rothenbacher im Mittelpunkt, ebenso wie die Einsichten, die daraus für die betriebliche Suchtarbeit erwachsen. Sie zeigt, dass die immer noch feststellbare Stigmatisierung ein offenes Sprechen über die Abhängigkeit und die Suche nach und Akzeptanz von Hilfe erschwert. Alkoholismus wird tabuisiert und die Betroffenen nicht konfrontiert und frühzeitig aktiviert.

Thomas Böhm untersucht in seinem Beitrag „(Un-)Ordentliches Benehmen“, Moral in der Heimerziehung. In einer praxistheoretischen Perspektive fragt er danach, wie „Mikro-Ethiken“ im Kontext institutioneller Grenzen und Machtverhältnisse hervorgebracht werden. Ausgehend von der These, dass erzieherisches Handeln auch alltägliches Verhandeln und Streiten über „die moralische Qualifikation sozialer Beziehungen“ bedeutet, nimmt Böhm „moralische Geschichten“ zum Ausgangsmaterial, um zu zeigen, wie in Interaktionsdynamiken Fragen von Moral bearbeitet werden.

Juliane Rist und Karin Sauer beschäftigen mit inklusiven Konzepten für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedarfen, und zeigen wie Beteiligungs- und Beschwerdemanagement ein notwendiger Teil davon sind. Sie rekonstruieren auf mehreren Ebenen einen partizipativen Alltag und Anforderungen an diesen.

Der letzte Text von Thomas Spissinger beschäftigt sich allgemein mit dem Thema Inklusion und soziale Arbeit und den hieraus erwachsenden Herausforderungen. Der Autor fordert eine kritische Positionierung gegenüber einer fürsorglich „ausgrenzenden“ Behindertenhilfe. Im „Aufbau inklusiver Gemeinwesen mit gemeinsamen Regelinstitutionen für alle Menschen“ (250) sieht er die wirksamste Strategie zur Erreichen von Inklusion.

Diskussion und Fazit

Die Beiträge zeigen die komplexen und manchmal paradoxalen (im Verständnis von Fritz Schütze) Herausforderungen, die mit einer normativen, Arbeitsfeld und Gegenstandsbereich übergreifenden, professionellen Haltung sozialer Arbeit verbunden sind. Gleichzeitig wird deutlich, wie notwendig und unersetzbar eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen ist, die nur um den Preis von Vereinseitigungen und einer unreflektierten Reproduktion von Ungleichheiten und Diskriminierungen zu vernachlässigen ist.

Die Stärke des Bandes, sich differenziert an spezifischen Sachverhalten und Detailfragen abzuarbeiten, stellt dabei gleichzeitig auch eine Schwierigkeit dar, der sich auch interessierte Lesende gegenübersehen. Nicht alle Themen sind für die Lesenden gleichem Interesse. Gleichwohl repräsentiert das Buch eine lohnenswerte Initiative der Hochschule Debatten anzustoßen und soziale Arbeit, ihre Leistungen und Aufträge in verschiedenen Arbeitsfeldern deutlich zu machen.

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Rezensentin
Prof. Dr. Ulla Peters
Soziologin, Prof. Universität Luxembourg
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Zitiervorschlag
Ulla Peters. Rezension vom 25.07.2019 zu: Süleyman Gögercin, Karin E. Sauer (Hrsg.): Neue Anstöße in der Sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17416-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24333.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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