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Dirk Schäfer, Kathrin Weygandt: Vermeidung von Exklusionsprozessen in der Pflegekinderhilfe

Cover Dirk Schäfer, Kathrin Weygandt: Vermeidung von Exklusionsprozessen in der Pflegekinderhilfe. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2017. 128 Seiten. ISBN 978-3-934963-47-4.

Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste: ZPE-Schriftenreihe - Nr. 48.
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Autor und Autorin

Dirk Schäfer ist Diplom-Pädagoge, Diplom-Sozialpädagoge. Er ist Mitglied der Forschungsgruppe Pflegekinder des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienst der Universität Siegen sowie Geschäftsführer der Perspektive gGmbH – Institut für sozialpädagogische Praxisforschung und -entwicklung.

Kathrin Weygandt ist Pädagogin (M.A.). Sie ist Mitglied der Forschungsgruppe Pflegekinder. Tätigkeit in den ambulanten Erziehungshilfen.

Thema

Die vorliegende Publikation ist der Abschlussbericht des Praxisforschungsprojekts „Vermeidung von Exklusionsprozessen in der Pflegekinderhilfe“. Zielgruppe des Projekts waren Kinder mit geistiger, körperlicher oder seelischer Behinderungen oder anderen als schwierig geltenden Verhaltensweisen, die als schwer in familiäre Betreuungsformen zu vermitteln gelten. Ziel des Projekts war es, Wege der professionellen Beratung, Begleitung und Unterstützung in der Pflegekinderhilfe zu entwickeln, durch die eine Ausgrenzung verhindert und unnötige Abbrüche von Pflegeverhältnissen vermieden werden. Dies sollte durch eine Analyse der ausschlaggebenden Faktoren erfolgen, die einen stabilisierenden bzw. destabilisierenden Einfluss auf die Statik eines Pflegeverhältnisses sowie die daran beteiligten Personen haben.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung und einer grundlegenden thematischen Rahmung wird der Projektablauf inklusive der relevanten forschungstheoretischen Entscheidungen beschrieben. Über 4 beteiligte Fachdienste wurden 19 bestehende und 5 abgebrochene Pflegeverhältnisse ausgewählt. Es handelt sich dabei um „Erziehungsstellen“ von Trägern der freien Wohlfahrtspflege.

Es wurden Interviews mit den Pflegeeltern und den Fachdiensten sowie vereinzelt mit weiteren wichtigen Akteuren (anderen Bezugspersonen, leiblichen Kinder der Pflegeeltern) geführt. Die Familien wurden über 12 Monate begleitet. Die Daten wurden nach Themenschwerpunkten mit den Beteiligten in unterschiedlichen Konstellationen in „Werkstätten“ ausgewertet, bewertet und diskutiert.

Im langen Hauptteil der Broschüre werden die Erkenntnisse aufbereitet nach zentralen Themenfeldern vorgestellt. Die Aussagen werden jeweils durch Zitate unterfüttert.

Im Abschnitt „Pflegefamilien gewinnen“ werden wünschenswerte Voraussetzungen und Eigenschaften bei Bewerbern formuliert. Wichtig für die Gewinnung sei es, bestehende Familien gut zu betreuen um weitere Familien im Umfeld anwerben zu können, die schon entsprechende realistische Vorstellungen haben.

Im Abschnitt „Abbrüche vermeiden“ werden förderliche Faktoren auf Seiten der Pflegeeltern (von persönlichen Ressourcen und Eigenschaften bis zur Beziehung zum Pflegekind), aber auch destabilisierende Einflüsse (Angst vor dem Pflegekind) offen angesprochen. Auf der Ebene der Fachkräfte und Träger gab es erstmal viel Kritik, weil individuelle Unterstützungswünsche oft nicht erfüllt werden (können). Es wird herausgearbeitet, wie die Pflegeeltern idealtypisch die Fachberater sehen bzw. sich wünschen. Die Ausführungen zum professionellen Selbstverständnis der Fachkräfte werden hinsichtlich sozialpädagogischer, struktureller und administrativer Qualitätskriterien unterschieden. Auf der Ebene der Kinder werden Ressourcen der und Belastungen für leibliche und Pflegekinder besprochen. Weitere relevante Akteure (Herkunftsfamilien, Vormund) werden berücksichtigt und die Herausforderungen im Umgang mit relevanten Institutionen (Jugendamt, medizinisches und Bildungssystem) dargestellt.

Im Abschnitt „Übergänge gestalten“ werden allgemein Belastungen, die mit Übergängen verbunden sind, thematisiert, die Vorbereitung notwendig gewordener Übergänge sowie die konkrete Umsetzung bis zum Ankommen am neuen Lebensmittelpunkt herausgearbeitet. Die Bedeutung des Endes des Pflegeverhältnisses für die Pflegefamilie (bis hin zu finanziellen Überlegungen) wurde deutlich.

Auf der Grundlage der dargestellten Ergebnisse werden Konsequenzen und Empfehlungen für die konkrete Arbeit von Fachkräften vorgeschlagen sowie fachliche / fachpolitische Forderungen zusammengefasst. Dabei werden in einem Exkurs auch die Empfehlungen (Top Ten Tipps) der englischen Autorin Hedi Argent vorgestellt.

Das Büchlein endet mit einigen grundsätzliche Gedanken zum bearbeiteten Schwerpunkt und Vorschlägen zur weiteren Gestaltung der Fachdiskussion rund um das Thema Inklusion von Prof. Klaus Wolf.

Diskussion

Das Forschungsprojekt hatte als Zielgruppe Pflegefamilien (Erziehungsstellen), die Kinder oder Jugendliche mit Behinderungen oder anderen Problemen, die eine Unterbringung in Pflegestellen erschweren oder ausschließen, aufgenommen haben.

Das Forschungsdesign (Interviews mit den relevanten Akteuren) erlaubt einen detaillierten Einblick in die Bedürfnisse der Familien, sodass sinnvolle und hoffentlich umsetzbare Empfehlungen formuliert werden konnten.

Die Untersuchung zeigt aber an manchen Stellen auch die schwierige Aufgabe der Fachberatung: einerseits wird eine fehlende Unterstützung beklagt und dass Entscheidungen ohne die Pflegefamilie getroffen werden, andererseits formuliert eine Erziehungsstellenmutter, dass die Fachberatung ihre Überinvolviertheit hätte erkennen und für sie entscheiden müssen.

Es wird deutlich, dass die Aufnahme eines Kindes mit Behinderung vielfältige und individuelle Unterstützungsformen braucht und die Pflegefamilie eine „professionelle“ Pflegefamilie sein sollte. Aber viele der erarbeiteten Prinzipien gelten auch für „normale“ Pflegefamilien. Überdies möchte ich darauf hinweisen, dass die geschilderten Probleme im Umgang mit Behörden, Krankenkassen und Schulen auch allgemein von Familien mit Kindern mit Behinderung geschildert werden.

Insgesamt finde ich, dass der Autor / die Autorin ihrem Anspruch, einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Fachdiskussion zu leisten, gerecht geworden sind.

Zielgruppen

Alle Personen, die mit Pflegefamilien (im Besonderen mit behinderten Kindern und Jugendlichen) arbeiten, Pflegefamilien und die es werden wollen.

Fazit

Der Forschungsbericht dokumentiert die Befragung von Erziehungsstellenfamilien, die Kinder und Jugendliche mit Behinderung aufgenommen haben, von Fachberatungen und anderen wichtigen Akteuren. Es werden die Belastungen und Ressourcen der Familien zu den zentralen Themenfeldern „Gewinnung von Pflegefamilien“ „Abbrüche vermeiden“ (stabilisierende und destabilisierende Faktoren) und „Übergänge begleiten“ dokumentiert und herausgearbeitet, sodass sinnvolle Empfehlung für die professionellen Beratung, Begleitung und Unterstützung in der Pflegekinderhilfe entwickelt werden konnten.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 26.06.2018 zu: Dirk Schäfer, Kathrin Weygandt: Vermeidung von Exklusionsprozessen in der Pflegekinderhilfe. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (Siegen) 2017. ISBN 978-3-934963-47-4. Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste: ZPE-Schriftenreihe - Nr. 48. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24337.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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