Stefan Wiesch: Wie geht es den Pflegekindern in Deutschland?
Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 27.06.2018
Stefan Wiesch: Wie geht es den Pflegekindern in Deutschland? Die gesundheitsbezogene Lebensqualität von Pflegekindern unter besonderer Berücksichtigung potentieller Einflussfaktoren.
universi – Universitätsverlag Siegen
(Siegen) 2017.
278 Seiten.
ISBN 978-3-934963-45-0.
Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste: ZPE-Schriftenreihe - Nr. 46.
Autor
Dr. phil. Stefan Wiesch ist Diplom-Psychologe und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Er war Mitglied der Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen unter Leitung von Professor Dr. Klaus Wolf.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Buch ist die Dissertation von Stefan Wiesch.
Aufbau und Inhalt
Das Buch hat vier Hauptkapitel, die jeweils vielfach weiter unterteilt sind. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.
Das 1. Kapitel beginnt mit Skizzen zu den theoretischen Hintergründen zum Pflegekinderwesen, wobei es neben den rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen vor allen Dingen um die Diskussion bestehender Studien geht. Diese beziehen sich auf die Aspekte körperliche Gesundheit, Integration in die Pflegefamilie, sowie schulische Integration. Wenig überraschend zeigt sich dabei, dass es durchaus einige Studien zu den genannten Aspekten gibt, diese aber methodisch teilweise zu hinterfragen sind und in der Summe der Studien keine allgemeingültigen Aussagen möglich sind. Das 1. Kapitel setzt sich fort mit der Diskussion zu Forschungsansätzen in der deutschen Pflegeforschung. Der Autor diskutiert empirische Sozialforschung, Kindheitsforschung, Multi-Informanten-Ansatz und Online-Forschung. Letzterer Ansatz wird dann von ihm verwendet.
Der innovative Ansatz in dieser Arbeit liegt in der Verwendung des Konzeptes der Gesundheitsbezogenen Lebensqualität (GLQ), das operationalisiert über die verschiedenen Lebensbereiche und das subjektive Wohlbefinden eine Datenerhebung zulässt. Es ist ein multidimensionales Konstrukt, das körperliche; emotionale, mentale, soziale, spirituelle und verhaltensbezogene Komponenten des Wohlbefindens und der Funktionsfähigkeit (des Handlungsvermögens) aus der subjektiven Sicht der Betroffenen beinhaltet (vgl. S. 85). Bezogen auf die Fragestellung dieser Arbeit soll mithilfe des Konstrukts der GLQ untersucht werden, wie wohl sich Pflegekinder in Deutschland fühlen und wie gut sie aus ihrer Sicht in diesen Lebensbereich zurechtkommen. Der Autor führt einige Studien an, bei denen GLQ als Instrumentarium verwendet wurde, stellt aber fest, dass in Deutschland bisher keine Studie zur GLQ von Pflegekindern existiert (vgl. S. 95).
Das das Verständnis von GLQ sehr weitreichend ist und Kinder und Jugendliche keine homogene Gruppe darstellen, diskutiert der Verfasser verschiedene Einflussfaktoren, die im Rahmen der Studie differenziert zu betrachten sind: Alter und Geschlecht, familiäre Faktoren, gesundheitsbezogene Faktoren, soziale und schulische Faktoren, Belastungserfahrungen sowie personale Faktoren. Zum Ende des 1. Kapitels geht der Autor auf zwei internationale Studien zu GLQ von Pflegekindern ein und leitet die Fragestellung(en) und Hypothesen ab.
Das sehr kurze (10 Seiten) Kapitel 2 beschreibt die forschungsmethodische Vorgehensweise. Insgesamt wurden vier verschiedene Fragebögen in dieser Umfrage verwendet, wobei es neben der subjektiven Bewertung des Pflegekindes auch um eine Fremdeinschätzung durch die Pflegeeltern ging.
In Kapitel 3 werden die empirischen Befunde umfassend dargestellt. Entsprechend den Ausführungen des Autors in Kapitel 1 lassen sich diese differenziert nach verschiedenen Aspekten darstellen und Zusammenhänge bzw. Einflussfaktoren mit der GLQ herstellen (vgl. S. 156 ff.). Dieses erfolgt hier weitgehend deskriptiv.
Die inhaltliche Auswertung und Diskussion der Befunde erfolgt in Kapitel 4. Dort wird auch der Vergleich von Selbst- und Fremdurteil gezogen. Insgesamt zeigen die Ergebnisse keine großen Überraschungen, sondern bestätigen empirisch, was aus anderen Forschungszusammenhängen vielfach in Einzelaspekten bekannt ist. Auffällig ist jedoch, dass sich männliche Pflegekinder nicht so wohl fühlen im Vergleich mit den überraschend positiven Ergebnissen der weiblichen Pflegekinder. Insgesamt erweisen sich die Pflegeverhältnisse stabil und bieten den Pflegekindern relativ gute Lebensbedingungen. Deshalb, so die Schlussfolgerung des Autors, sollten Pflegeeltern mehr fachlich begleitet und qualifiziert werden. Für die Pflegekinder bedarf es einiges mehr an Ressourcen, damit sie konstruktiv an der Gesellschaft teilhaben können. Allerdings weist der Autor auch darauf hin, dass bereits der 13. Kinder- und Jugendbericht (2009) feststellte, es ist Anspruch der Jugendhilfe, die individuelle und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern sowie die Ressourcen zu stärken, die eine Bewältigung von Risikobedingungen möglich machen( vgl. S. 227). Es lässt sich leider konstatieren, dass bis zum Erscheinen dieser Dissertation (2017) seitens der Politik keine vermehrten Anstrengungen stattgefunden haben.
Diskussion und Fazit
Die Arbeit bestätigt in weiten Teilen Einzelbefunde aus anderen Studien, die hier allerdings ein umfassendes Gesamtbild zeigen, was es so bisher nicht gab. Prof. Dr. Klaus Wolf weist in seinem Vorwort zu Recht darauf hin, dass es in dieser Arbeit auf die Differenzierung ankommt, die Hinweise auf die zu gestaltende Praxis geben (vgl. S. 8 f.). So reicht eine gelungene Aufnahme in die Pflegefamilie nicht aus, sondern insbesondere im Bereich Schule und sozialer Teilhabe bedarf es weitere Unterstützungen.
Methodisch ist das Forschungskonzept eher der Psychologie zuzuordnen, die Befunde jedoch weisen hohe erziehungswissenschaftliche Relevanzen auf. Das gelingt dem Autor gut und nachvollziehbar. Es lässt sich natürlich darüber streiten, wie valide die gewonnenen Aussagen sind (sind die subjektiven Bögen und die Fremdeinschätzung wirklich voneinander unabhängig ausgefüllt worden?), aber das mag eine Diskussion unter Expert*innen sein, denn die Ergebnisse bestätigen viele Erkenntnisse aus der Praxis und differenzieren sie zugleich.
Wie häufig in Büchern, die sich mit Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen befassen, wird eine dringend notwendige politische und gesellschaftliche Diskussion zum System der Kinder- und Jugendhilfe (zu Recht) angemahnt und leider erfolgt(e) diese nicht. Hoffentlich gelangt das Buch in die Pflegekinderdienste von Jugendämtern, damit die Mitarbeitenden dort ihre subjektive Praxis differenziert betrachten und es doch gelingt, weitergehende Hilfe zu entwickeln.
Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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