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Jörgen Schulze-Krüdener: Wissen, was in der sozialen Arbeit wirkt!

Cover Jörgen Schulze-Krüdener: Wissen, was in der sozialen Arbeit wirkt! Zur Reichweite empirischer Zugänge. Apollon University Press (Bremen) 2017. 143 Seiten. ISBN 978-3-943001-31-0. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Methodenbuch.
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Thema

Es ist erfreulich, dass mit diesem Werk ein Buch auf den Markt gekommen ist, welches das Themengebiet Wirkung in der Sozialen Arbeit so zentral in den Mittelpunkt stellt. Schließlich sollte jede professionell tätige Fachkraft im sozialberuflichen Handeln das Interesse haben, möglichst wirksam zu arbeiten (S. 66). Obwohl das Thema für die Soziale Arbeit aktuell und wichtig ist, befinden sich nämlich auf dem deutschsprachigen Markt relativ wenig Publikationen, die dieses Themengebiet nicht nur als Nebeneffekt behandeln, sondern prominent ins Zentrum stellen.

Autor

Der Autor, Jörgen Schulze-Krüdener, der bisher nicht als Autor im Bereich Wirkungsstudien in Erscheinung getreten ist, hat Sozialpädagogik, Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie an der Universität Hildesheim studiert und an der Universität Trier promoviert. Vor seiner Promotion leitete er ein Jugendhaus und ist seit seiner Promotion als Hochschullehrer an der Universität Trier, der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes und an der APOLLON Hochschule der Gesundheitswissenschaft tätig. Zu seinen Lehr- und Forschungsschwerpunkten zählen neben anderen: Theorien, Handlungsfelder und Methoden der Sozialen Arbeit, Professionsforschung, Kinder- und Jugend(hilfe)forschung.

Aufbau und Lernziele

Das vorliegende Buch mit dem Titel „Wissen, was in der Sozialen Arbeit wirkt!“ verspricht nach Aussagen des Autors einen Rundflug über das Themengebiet. Diesen absolviert die Leserschaft in vier Abschnitten; pro Kapitel sind Übungen und am Ende Musterlösungen der Übungen zur Selbstüberprüfung enthalten. Diese können individuell gelöst oder im Rahmen von Workshops und Seminarveranstaltungen verwendet werden. Das nur 143 Seiten umfassende Buch ist leicht verständlich verfasst und didaktisch ansprechend aufbereitet (Abbildungen, Praxisbeispiele, Merksätze). Trotz der Kürze des Buches sind am Ende ein Glossar und Sachwortverzeichnis enthalten.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Schulze-Krüdener nennt zu Beginn vier Lernziele, die die Leserschaft nach der Lektüre dieses Buches erreicht haben soll (S. 9). Die Leserin und der Leser sollen

  1. Hintergründe einer Ausrichtung der Sozialen Arbeit am Konzept evidenzbasierter Praxis kennen,
  2. den Zusammenhang zwischen Qualitätsentwicklung, Evaluation und Wirkungsorientierung verstehen,
  3. die (methodischen) Grundlagen einer Wirkungsforschung kennen sowie ihre Aussagekraft einschätzen können sowie
  4. praxisrelevante Ergebnisse aus ausgewählten Wirkungsstudien kennen und über deren Effektivität und Effizienz Bescheid wissen.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Wissen, was wirkt: Soziale Arbeit auf der Suche nach Evidenz“ wird die Notwendigkeit, sich mit Fragen nach Wirkungen zu beschäftigen hauptsächlich aus professionstheoretischen Überlegungen abgeleitet. Denn Professionalität lässt sich an der zu erwartenden Verfügbarkeit von spezifischem Wissen und von Kompetenzen festmachen (S. 15). Schulze-Krüdener verweist auf die Rolle der Hochschulen als Produkte wie auch Produzentinnen einer wissensbasierten Gesellschaft (S. 15). In diesem Kapitel diskutiert der Autor ebenso den Qualitätsbegriff, indem nach Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität unterschieden wird. Zudem verweist der Autor auf implizit enthaltene Wirkungsannahmen wie Empowerment und Identitätsarbeit im Konzept der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit (S. 21) und stellt zur Wirkungsmessung verwendbare Forschungsmethoden nach Evidenzstufen geordnet – von der systematischen Literaturreview an der Spitze bis zur qualitativen Studie am Ende der Pyramide – kurz vor (S. 31-33).

Im daran anschließenden Kapitel 2 „Messen, zählen, schätzen: Ist Soziale Arbeit messbar? Von der Forschung zum wirkungsbasierten Handeln“ werden die mit der Wirkungsmessung verbundene Zielbestimmung thematisiert sowie exemplarisch ausgewählte Wirkungsstudien vorgestellt. Der Autor beschreibt die unterschiedlichen Auffassungen darüber, welche Forschungsmethoden zu validen Ergebnissen führen und Aussagen über Wirkungsorientierung überhaupt ermöglichen. Neben klassischen Experimenten, bei der es um das experimentelle Testen der Effektivität von klar umschriebenen Interventionen geht, werden andere Verfahren aufgezählt (z.B. qualitative Methoden, Quasi-Experimentalstudien), mit denen die Identifikation von Wirkmechanismen und Wirkfaktoren ermöglicht werden soll. Zudem werden Parallelen zu einer summativen oder auch wirkungsorientierten Evaluation hergestellt, bei der es auch darum geht die Effektivität, Effizienz und Nachhaltigkeit von Programmen und Projekten nachzuweisen (S. 44-45).

Der Autor argumentiert weiterhin, dass die Kompetenz der Zielfindung für die Professionalität der Sozialen Arbeit zentral ist. Einerseits ist hierfür eine „differenzierte, dialogische und aushandlungsorientierte Zielklärung sowohl mit den Adressaten als auch mit den Organisationen oder den Institutionen Sozialer Arbeit, die den Adressaten helfen könnten und sollten, unverzichtbar“ (S. 47). Andererseits kommt neben den unterschiedlichen inhaltlichen Vorstellungen verschiedener Akteurinnen und Akteure, was Ziele sind, hinzu, dass sich Ziele in unterschiedliche Abstraktionsgrade – kurz-, mittel- und langfristig – unterteilen lassen. Der Autor geht auf Aspekte ein, die die Zielbestimmung maßgeblich beeinflussen können, wie z.B. unterschiedliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse der an der Zielformulierung beteiligten Akteure wie auch der Aspekt, dass Soziale Arbeit in ihrem fachlichen Selbstverständnis personenbezogen variabel und situativ flexibel zu reagieren hat und daher von einer Standardisierung entfernt ist (S. 49). Er fasst zusammen, dass es divergente kontext- und beobachterabhängige Perspektiven von Wirkungszielen gibt.

Vor dem Hintergrund konzeptioneller und methodischer Mängel bisheriger Wirkungsstudien bezieht sich Schulze-Krüdener auf die Leitlinien bzw. Empfehlungen zur Wirkungsmessung von Macsenaere (S. 54-55). Schließlich werden ausgewählte Studien knapp vorgestellt. Die portraitierten Studien sind in der Kinder- und Jugendhilfe angesiedelt, einem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, indem bisher am intensivsten über Wirkungen geforscht wurde (z.B. Effekte erzieherischer Hilfen und ihre Hintergründe: Jugendhilfe-Effekte-Studie (JES), S. 56-61). Das Kapitel schließt mit der Forderung, „dass Soziale Arbeit ihre Wirkungen noch deutlicher darstellen muss“, (S. 62) dabei auf ein methodisch angemessenes Vorgehen geachtet wird und die Perspektiven der jeweils spezifischen Akteur- und Zielgruppen unbedingt einbezogen werden.

In Kapitel 3„Das wirkliche Wissen zur Sozialen Arbeit – eine Zusammenschau von Wirkungen und Wirkungsfaktoren“ skizziert der Autor Wirkungen und Wirkungsfaktoren Sozialer Arbeit wiederum am Beispiel ausgewählter Studien im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sowie Kinder- und Jugendarbeit. Weiterhin führt der Autor in wirkungsorientiertes Controlling ein, ein Verfahren, das den Anspruch hat, die Wirkung Sozialer Arbeit in monetären Werten abzubilden. Konkrete Beispiele für Wirkungsfaktoren gibt der Autor anhand von Metaanalysen und systematischen Reviews von Hilfen zur Erziehung und spezifischen Wirkungsfaktoren für einzelne Hilfearten, die Struktur- und Prozessmerkmalen zugeordnet werden. Schließlich wird das Konzept Sozialer Wirkungskredit (Social Impact Bound) vorgestellt; hier wird Geld im Sozialbereich mit der Absicht investiert neben einer ökonomischen Rendite eine soziale Wirkung zu erzielen, das Kapitel streift ebenso artverwandte SROI-Analysen (Social Return on Investment).

Im abschließenden Kapitel 4 „Soziale Arbeit in der Wirkungsfalle? Analysen und Perspektiven“ skizziert Schulze-Krüdener ein alternatives Wirkungsverständnis. Zunächst beschäftigt er sich mit der Frage, ob eine Wirkungsmessung tatsächlich den Kern trifft, um den es in der Sozialen Arbeit gehen soll und bezieht sich dabei auf eine angemessene Berufs- und Forschungsethik. Weiterhin wird diskutiert, ob sich das aus der Medizin stammende Konzept der Evidenzbasierung für die Soziale Arbeit bewährt. Schließlich wird das Konzept einer realistischen Wirkungsmessung von Pawson und Tilley vorgestellt welches beabsichtigt, „auf der Basis einer Analyse von Kontext-Mechanismus-Ergebnis-Konfigurationen die professionelle Entscheidung wirkungsorientiert fundieren zu können“ (S. 107). Dabei ist die Frage zentral, was wirkt für wen unter welchen Bedingungen.

Diskussion

Schulze-Krüdener möchte mit seinem Buch einen Rundlfug über das Themengebiet bieten. Der Autor argumentiert sensibel, geht auf fachpraktische Einwände und professionstheoretische Kritik einer Wirkungsorientierung ein und zeigt grundlegende Konfliktlinien evidenzbasierter Sozialer Arbeit im Vergleich zu einem anderen Professionsverständnis auf. Die Helikopterperspektive des Buches verunmöglicht allerdings eine genauere Betrachtung von zentralen Punkten in diesem Themengebiet, die an manchen Stellen notwendig gewesen wäre.

So bleibt in Kapitel 1 die Verhältnisbestimmung von Qualität und Wirkung offen, eine an den Adressatinnen und Adressaten orientierte Wirkungsforschung kommt zu kurz sowie das Grundmodell einer Wirkungsevaluation (Abb. 1.3, S. 30) zeigt ein methodisch angreifbares experimentelles Setting beispielhaft, ohne dass der Autor die methodologischen Schwachstellen kommentieren würde.

In Kapitel 2 werden die aus der quantitativen Sozialforschung stammenden Gütekriterien Objektivität, Reliabilität, Validität als Qualitätskriterien genannt, ohne die Schwierigkeit zu thematisieren, diese auf qualitative Studien oder Mixed-Methods-Designs (diese wurden gar nicht thematisiert) anzuwenden. Ebenso erhalten Leistungsziele einen zu prominenten Platz eingeräumt; es wird zwar kurz erwähnt, dass Leistungs- und Wirkungsziele voneinander zu trennen sind, wie das zu machen ist und warum erfährt die Leserschaft nicht. Auch ist der Einblick in die ausgewählten Studien – wie es der Autor selbst schon anmerkt – „knapp und wird diesen in ihrer Fülle und Differenziertheit nicht gerecht“ (S. 56).

In Kapitel 3 wird die (ethische) Angemessenheit eines wirkungsorientierten Controllings und von SROI zu wenig kritisch diskutiert. Zwar lassen sich mittels dieser Ansätze monetäre Wirkungen von Programmen Sozialer Arbeit nachweisen, trotz dieser erfolgreichen Programme ist über die Wirkungen bei den Adressatinnen und Adressaten damit nichts gesagt (S. 96).

In Kapitel 4 wird auf ein vielversprechendes Rahmenwerk eines alternativen Wirkverständnisses referiert, das für die Soziale Arbeit zielführend sein könnte. Einerseits sind die Ausführungen hierzu zu kurz, andererseits bleiben relevante Arbeiten, die die realistische Wirkungsmessung bereits anwenden und Herausforderungen des Konzeptes diskutieren, leider unberücksichtigt.

Fazit

Wer wissen möchte, was in der Sozialen Arbeit wirkt – oder besser formuliert – was in der Sozialen Arbeit in Anlehnung an Pawson & Tilley für wen und unter welchen spezifischen Bedingungen wirkt, wird im vorliegenden Werk keine konkrete Antwort finden. Im Buch wird zwar auf wichtige grundlegende Überlegungen und unerlässliche Meilensteine referiert – wie zum Beispiel Studien im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe oder das Rahmenwerk der Realistic Evaluation – dennoch ist das Buch eher als Ultraleichtflugzeug konzipiert.

In Anlehnung an das vom Autor formulierte Ziel, dass das Buch einen Rundflug über das Themengebiet liefern soll, kann zusammenfassend festgehalten werden, dass es durch die Lektüre dieses Buches keinesfalls zu einer Bruchlandung kommen wird, aber auch nicht zu einem Höhenflug. Auch nach der Lektüre dieses Buches steht „Eine eindeutige Antwort auf die Frage aller Fragen, wie man Wirkungen beobachten, nachweisen und analysieren kann, (…) noch aus“ (S. 114). Es reicht nicht aus zu resümieren „um Wirkungen erfassen zu können, müssen vorab die anvisierten Ziele formuliert werden“ (S. 113).

Gerade deshalb ist es wünschenswert an der Thematik dran zu bleiben und wissenschaftlich abgestützte und in der Praxis anwendbare Methoden zu entwickeln. Um Wirkungsstudien in der Sozialen Arbeit nutzbar zu machen, müsste sozusagen, um in der Fliegersprache des Autors zu bleiben, zuerst ein Flugschreiber entwickelt werden, der für die jeweiligen Programme oder Interventionen die relevanten Wirkungen und Wirkfaktoren dokumentiert.

Der unmittelbare Nutzen des Buches für Praktikerinnen und Praktiker, die eine Wirkungsevaluation planen oder für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die eine Wirkungsstudie konzipieren, ist als gering einzuschätzen. Das Buch kann eher Studienanfängerinnen und -anfängern oder Personen empfohlen werden, die sich bisher nicht mit diesem Themenbereich beschäftigt haben und die sich v.a. Wissen im Themenbereich Wirkung in der Kinder- und Jugendhilfe abholen wollen.


Rezensentin
Dr. Sigrid Haunberger
Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Departement Soziale Arbeit, Institut für Sozialmanagement (Schweiz) mit Schwerpunkten Evaluationen und Wirkungsanalysen, Umfragemethodologie, Soziale Arbeit im Justizvollzug
Homepage www.zhaw.ch/de/ueber-uns/person/haug/
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Zitiervorschlag
Sigrid Haunberger. Rezension vom 03.09.2018 zu: Jörgen Schulze-Krüdener: Wissen, was in der sozialen Arbeit wirkt! Zur Reichweite empirischer Zugänge. Apollon University Press (Bremen) 2017. ISBN 978-3-943001-31-0. Reihe: Methodenbuch. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24339.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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