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Anke Fröchling: Professionelles Schreibcoaching

Cover Anke Fröchling: Professionelles Schreibcoaching. tredition GmbH (Hamburg) 2018. 304 Seiten. ISBN 978-3-7469-2289-8. 36,90 EUR.
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Thema

Schreibprozesse bestehen aus komplexen, zusammenhängenden und daher einander wechselseitig beeinflussenden Teilschritten. Als Schreibender muss ich den relevanten Inhalt auswählen, ihn in einer für Lesende nachvollziehbaren Reihenfolge präsentieren, dabei stilistisch und textsortenspezifisch angemessen formulieren und mich an die gängigen Schreibkonventionen (Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung) halten. Dieser Prozess ist höchst störungsanfällig, da Motivation, Kognition, Emotionen und Sprachbeherrschung der Schreibenden zusammenspielen müssen. Das im vorliegenden Buch erläuterte Konzept des Schreibcoaching stellt eine schreibprozessbegleitende Unterstützung von Schreibenden mithilfe von Einzelberatungen dar.

Autorin

Diplom-Kulturpädagogin Anke Fröchling studierte Literatur, Musik, Psychologie und Soziologie an der Universität Hildesheim. Berufserfahrung sammelte sie in den Bereichen Öffentlichkeitsarbeit, Internetkoordination, Kulturjournalismus, Marketing, Teamassistenz und Sekretariat. Sie wurde am Institut für kreatives Schreiben (Berlin) zur Trainerin für berufliches und wissenschaftliches Schreiben ausgebildet sowie von der Dudenredaktion Mannheim und der Schwäbisch Hall Training GmbH zur Trainerin für die neue Rechtschreibung. Seit 1998 arbeitet sie freiberuflich als Schreibcoach und -trainerin mit Klienten und Seminargruppen in ganz Deutschland. Darüber hinaus ist sie als Korrespondenz-Beraterin, Lektorin, Texterin und Autorin tätig.

Entstehungshintergrund

Bereits 2003 stellte die Autorin das Konzept des Schreibcoachings in einem Buch vor. Das vorliegende Werk stellt somit m.E. eine Erweiterung und Aktualisierung dar.

Aufbau und Inhalt

Im folgenden Abschnitt stelle ich den Aufbau und den Inhalt des Buches vor. Im Sinne der Übersichtlichkeit und der Kürze werden dazu lediglich die Überschriften der Kapitel aufgeführt und mit wenigen Sätzen wird deren Inhalt umrissen.

Vorwort: Die Autorin stellt die Motivation hinter dem vorliegenden Werk vor.

1. Rund um den Begriff Schreibcoaching: Der Begriff des Schreibcoaching wird definiert und gegen verschiedene andere Begriffe wie Schreibberatung, Schreibtraining und Textberatung abgegrenzt. Schreibberatung sei auf fachliche Fragen bezogen und würde weder Prozesse initiieren noch begleiten, die Textberatung ziele auf einen möglichst guten Text und verliere dadurch den*die Schreibende*n aus dem Blick und ein Schreibtraining diene dem Erlernen, Einüben und Reflektieren von Schreibtechniken und -strategien. Schreibcoaching hingegen sei eine individuelle schreibprozessbegleitende Beratung, bei der die schreibende Person und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen – nicht der Text.

2. Quellen und Wurzeln des Konzepts Schreibcoaching: Fröchling stellt verschiedene psychologische Beratungsrichtungen, die Schreibforschung, das kreative Schreiben als Grundlagen des Schreibcoaching vor und gibt Einblicke in die Schreibpraxis und -lehre in den Bereichen wissenschaftliches, berufliches, literarisches Schreiben.

3. Arbeitsfelder und Zielgruppen: literarisches, wissenschaftliches und berufliches Schreiben können Arbeitsfelder des*der Schreibcoach sein und alle Personen, die in diesem Bereich schreibend tätig sind, können zur Gruppe potentieller Klient*innen gezählt werden.

4. Anlässe für Schreibcoaching: Allgemein kann der Wunsch nach Verbesserung des Schreibens, aber auch eine konkrete Schreibschwierigkeit, eine auftretende Schreibhemmung oder -blockade ein Anlass für ein Schreibcoaching bieten. Immer wenn es um die Begleitung und Bewältigung eines Schreibprozesses geht, kann Schreibcoaching sinnvoll sein.

5. Ziele und Nutzen von Schreibcoaching: Schreibcoaches fördern die Schreibkompetenz von Schreibenden, sie unterstützen bei der Entscheidungsfindung in Schreibprozessen und bieten sich als Gesprächspartner*innen mit Expertenwissen zum Schreiben und zur Bewältigung von kreativen störanfälligen Prozessen und deren psychologischen Auswirkungen an.

6. Methoden, Werkzeuge und Instrumente für Schreibcoaching: Dieses Kapitel ist das umfangreichste des ganzen Buches. Wichtige Übungen für den Methodenkoffer des*der Schreibcoach werden erklärt, wobei Klassiker wie Mindmapping, Clustering und Freewriting nicht fehlen. Darüber hinaus werden die klientenzentrierte und die lösungsfokussierte Beratung sowie die Transaktionsanalyse vorgestellt und hilfreiche Gesprächs- und Fragetechniken thematisiert.

7. Formale und organisatorische Rahmenbedingungen für Schreibcoaching: Die Autorin gibt in diesem Kapitel Hinweise zu zeitlichem Umfang der Einzelberatungen, den Intervallen, in denen ein Gespräch stattfinden kann, und zur Dauer des gesamten Coaching-Prozesses. Weiterhin werden der Ort des Gesprächs und ortsunabhängige Beratung (Telefon, E-Mail, Videogespräch) angesprochen. Wichtige Voraussetzungen sind auch die Freiwilligkeit des Settings, die Diskretion im Umgang mit Informationen und die gegenseitige Akzeptanz von Coach und ratsuchender Person.

8. Der Schreibcoaching-Prozess: Der Coaching-Prozess lässt sich in verschiedene Phasen gliedern:

  1. Vorgespräch,
  2. Situationsanalyse,
  3. Zieldefinition,
  4. Lösungen erproben,
  5. Evaluation und
  6. Abschluss.

Jede Phase geht dabei mit bestimmten Aufgaben, Herausforderungen und möglichen Gestaltungsansätzen durch den*die Coach einher. So verlangt das Vorgespräch v.a. eine erkundende, empathische Einstellung, die Situationsanalyse beruht auf Wissen um Schreibkompetenzentwicklung, die Lösungen sind wiederum in Abhängigkeit von den Zielen zu wählen und die Überprüfung des Lösungsweges sowie der Transfer auf neue Aufgaben finden in den Phasen 5 und 6 statt.

9. Qualifikationen des Schreibcoachs: Dieses Kapitel diskutiert, welche Qualifikationen und Kompetenzen für Schreibcoaches sinnvoll sind – gerade auch, wenn diese Tätigkeit freiberuflich ausgeübt wird. Gleichberechtigt werden auch die Persönlichkeit und persönliche Ressourcen thematisiert, die ein*e Coach mitbringen sollte.

10. Qualitätssicherung und Erfolgskriterien für Schreibcoaching: Mehrere Ansätze zur Erfolgs- und Qualitätskontrolle werden dargelegt und verglichen, wobei deutlich wird, dass „harte“ Kriterien für eine Erfolgsmessung fehlen und lediglich eine aus der Praxis gewonnene Einschätzung positiver Coachingfaktoren möglich ist.

11. Probleme und Lösungsansätze in der Schreibcoaching-Praxis: Dieses abschließende Kapitel thematisiert, welche Schwierigkeiten im Coachinggespräch und beim Einsatz von Schreib- und Kreativmethoden entstehen können und wie der*die Coach darauf reagieren könnte. Schlussendlich wird deutlich, dass erst Erfahrung dazu führen kann, schwierige Situationen adäquat zu meistern.

12. Biografische Stationen der Autorin: Die Autorin stellt sich und ihren Werdegang vor.

13. Das Konzept Schreibcoaching – eine Zusammenfassung: Leser*innen, die es eilig haben, sollten mit diesem Kapitel beginnen, um dann zu vertiefen, was ihnen besonders interessant erscheint.

Diskussion

SchreibCOACHING ist nicht gleich SCHREIBcoaching

Damit die folgende Diskussion richtig verstanden und eingeordnet werden kann, möchte ich verdeutlichen, aus welcher Perspektive diese Rezension entsteht. Ich bin selbst seit 2009 in der Unterstützung des wissenschaftlichen Schreibens Studierender und Promovierender tätig. Schreibdidaktisch aus- und weitergebildet habe ich mich an der Universität Göttingen und der PH Freiburg. Ich habe dieses Buch also aus der Perspektive des wissenschaftlich angestellten Schreibberaters/-coaches/-trainers gelesen, der die Entwicklung der Hochschulschreibdidaktik seit vielen Jahren begleitet, die freiberufliche „Szene“ aber eher als Zaungast betrachtet (abgesehen von gelegentlichen Ausflügen ins Freiberufliche).

Ein wesentlicher Unterschied zwischen mir und Anke Fröchling besteht in der Gewichtung von Schreiben und Coaching. Wo Anke Fröchling das Schreibcoaching als eine spezielle Art von Coaching sieht, ist meine Perspektive als Hochschulschreibdidaktiker ein wenig anders gelagert: Ob Coaching, Beratung, Training oder Workshop, hierbei handelt es sich lediglich um Lehr-Lern-Arrangements (individuell oder in der Gruppe) zur Unterstützung des Schreibprozesses, d.h. die Entwicklung von Schreibkompetenz für wissenschaftliches Schreiben steht im Vordergrund, nicht ein bestimmtes Konzept.

Meine Perspektive bedingt auch einige Schwierigkeiten mit Inhalten des Buches. Die Begriffsdiskussion in Kapitel 1 steht m.E. leider auf einer dünnen Literaturbasis und ist daher nur bedingt zutreffend. Der Behauptung, Schreibberatung sei rein fachlich ausgerichtet und erstrecke sich nur selten auf die Begleitung des Schreibprozesses, ist zu widersprechen. Der Einbezug von Literatur wie Grieshammer et al. „Zukunftsmodell Schreibberatung“ (2016) oder Ulmi et al. „Textdiagnose und Schreibberatung“ (2013) hätte Anke Fröchling sicherlich die Abgrenzung erschwert, allerdings ein vollständigeres und zutreffenderes Bild von Schreibberatung gezeichnet, wie sie an vielen Hochschulen – in Schreibezentren und ähnlich benannten Einrichtungen – angeboten wird.

Dennoch muss anerkannt werden, dass eine Debatte über die Unterschiede von Schreibberatung und Schreibcoaching, von Schreibtraining und Schreibworkshop in vielen Diskussionen abwesend ist. Hier ließe sich an Fröchling anknüpfend durchaus fragen, ob eine Begriffsdiskussion und -definition dem Feld guttun und vielen Angeboten eine ‚klare Kante‘ geben würde.

Äußerst positiv finde ich die Darstellung der Qualifikationen/Kompetenzen, über die ein*e Schreibcoach verfügen sollte. So bietet das Buch Hinweise auf sinnvolle Zusatzqualifikationen für alle, die Schreibende begleiten. Darüber hinaus können hier Anregungen für das Qualifikations- oder Kompetenzprofil studentischer Schreibberater*innen und Mitarbeiter*innen von Schreibzentren gefunden werden. Die Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung (gefsus e.V.) führt seit ihrem Bestehen die Diskussion um Qualitätsstandards von Schreibberatungsausbildungen, sodass Fröchlings Aspekte diese Diskussion bereichern könnten.

Beim Qualifikations- und Kompetenzprofil des*der Schreibcoach führt die Autorin auch Kenntnisse der Schreibforschung an. Diese sei – so steht es im zweiten Kapitel zu den Quellen und Wurzeln des Konzepts Schreibcoaching – im deutschsprachigen Raum noch nicht soweit wie in den USA, auch nennt die Autorin lediglich einige wenige Personen, die sich mit Schreibforschung beschäftigen. Insbesondere im Bereich des wissenschaftlichen Schreibens greift diese Darstellung entschieden zu kurz. Die von Fröchling aufgeführten Personen sind zwar zu den Begründer*innen der Schreibforschung, -didaktik und -beratung im deutschsprachigen Raum zu zählen, jedoch haben die Deutschdidaktik, Linguistik, pädagogische Psychologie und Translationswissenschaft (um nur einige Bereiche zu nennen) in den letzten Jahren ebenfalls ihr Augenmerk auf das Schreiben gelegt. Überblicksdarstellungen schreibdidaktischer Forschung finden sich im „Forschungshandbuch empirische Schreibdidaktik“ (Becker-Mrotzek, Grabowski, Steinhoff (Hrsg) 2017) und in „Qualitative Methoden in der Schreibforschung“ (Brinkschulte, Kreitz (Hrsg.) 2017). Eine Sammlung von Grundlagentext bietet die Anthologie „Schreiben“ (Dreyfürst, Sennewald (Hrsg.) 2014).

Die wissenschaftliche Grundlage für Schreibcoaching ist daher wesentlich breiter als das vorliegende Werk angibt – oder ich in diesem kurzen Einblick zeigen konnte.

Da Professionalität v.a. auch bedeutet, das eigene berufliche Handeln wissenschaftlich begründen zu können, sollten Schreibcoaches aktuelle Veröffentlichungen zur Kenntnis nehmen.

Fazit

Alles in Allem gibt das Buch einen guten Überblick zum Konzept Schreibcoaching. Wer allerdings den Bereich des Schreibens stärker wissenschaftlich fundiert sehen möchte, sollte das Buch um weitere Publikationen zum Thema Schreibberatung, -didaktik und -forschung ergänzen.

Neulinge im Bereich der Schreibunterstützung sollten jedenfalls mehr als ein Buch zur Kenntnis nehmen, auch ist eine Ausbildung in Schreibdidaktik/-beratung/-coaching dringend empfohlen.

Für Personen, die sich schon länger im Bereich der Schreibunterstützung bewegen, finden sich Anregungen für Zusatzqualifikationen und hilfreiches psychologisches Grundlagenwissen.

Für eine Diskussion um professionelle Grundlagen und relevante Kompetenzen für Coachende/Lehrende/Beratende in den Bereichen literarisches, berufliches und wissenschaftliches Schreiben liefert das Buch hilfreiche Anregungen.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 06.07.2018 zu: Anke Fröchling: Professionelles Schreibcoaching. tredition GmbH (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-7469-2289-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24341.php, Datum des Zugriffs 12.11.2018.


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