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Axel Horn: Bildung in Bewegung

Cover Axel Horn: Bildung in Bewegung. Ein Plädoyer für ein ganzheitliches Bildungsverständnis unter besonderer Berücksichtigung der physischen Dimension von Bildung im Anschluss an das Projekt "Vorschüler in Bewegung". Logos Verlag (Berlin) 2017. 204 Seiten. ISBN 978-3-8325-4455-3. D: 24,90 EUR, A: 25,00 EUR.

Reihe: Bewegung, Spiel, Sport - Band 11.
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Thema

Ausgehend von den Erfahrungen eines Praxisforschungsprojektes „Vorschüler in Bewegung“ setzt sich der Autor fundiert mit dem Thema Bildung auseinander. Vor dem Hintergrund der Frage: „Hat sich Bildung mit dem gegenwärtigen ökonomisierten Bildungsverständnis erübrigt?“ entwickelt er seine Vorstellung von Bildung, welche basiert auf der Idee des Humanen in einer demokratischen Gesellschaft und plädiert dafür, die kognitive Verengung der Bildungsvorstellung aufzugeben und mit anderen Bildungsdimensionen, der ästhetischen, emotionalen, ethischen, sozialen, v.a. aber der physischen zu ergänzen.

Autoren

Nach seinem Studium in Theologie, Philosophie, Sport, Germanistik und Geographie promovierte Axel Horn 1980 mit der Arbeit „Verantwortung heute: Eine philosophisch-theologische Auseinandersetzung mit dem Denken Martin Heideggers, Jean-Paul Sartres und Paul Tillichs zur Frage nach Verantwortung und Verantwortlichkeit des Menschen“.

Nach einigen Jahren im Schuldienst folgte eine 2. Promotion mit dem Thema „Spielen lernen: spielen als ek-sistenziales Grundphänomen und Möglichkeiten einer Spiel-Erziehung im Sportunterricht“ und schließlich die Habilitation mit der Arbeit „Leibes- und Bewegungs-Erziehung“.

2001 folgte er einem Ruf an die Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd, an der er die Professur für Sportpädagogik und Sportdidaktik besetzt. Er ist an der Hochschule Institutsdirektor der Gesundheitswissenschaften sowie Abteilungsleiter für Sport und Bewegung.

(IN DEN BIBL. ANGABEN WIRD AUCH EIN ZWEITER AUTOR Peter Basic ANGEGEBEN))

Entstehungshintergrund

Auslöser für die Entstehung dieses Buches war ein dreijähriges wissenschaftliches Forschungsprojekt „Vorschüler in Bewegung“. In zehn Kindergärten in Schwäbisch Gmünd und den Nachbargemeinden wurde – im Rahmen des Orientierungsplanes für die Kindergärten in Baden-Württemberg – ein intensives Bewegungsangebot implementiert um zu überprüfen, inwieweit dadurch die Persönlichkeit der Kinder gestärkt wird und ob positive Effekte für die weitere schulische und der motorischen Entwicklung zu messen waren.

Aufbau

Der Autor holt weit aus bis im 5. Kapitel das Projekt „Vorschüler in Bewegung“ vorgestellt wird. Er setzt sich davor intensiv mit den Begriffen und den Theorien zur motorischen Entwicklung im Vorschulalter auseinander, stellt die veränderte kindliche Lebenswelt dar und diskutiert deren Bedeutung für die Entwicklung des Kindes um daran anknüpfend seine Sicht einer ganzheitlichen Bildung zu entwickeln.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das https://d-nb.info/1129796051/04 vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Nach der Einführung in die Thematik des Buches beschäftigt sich das 2. Kapitel mit der motorischen Entwicklung im Vorschulalter. Die Begriffe Motorik und Entwicklung werden erarbeitet um sie zur „motorischen Entwicklung“ und schließlich zu den Besonderheiten der motorischen Entwicklung im Vorschulalter zusammen zu führen. Geht es zunächst um die motorische Entwicklung an sich, so wird im Anschluss daran die Bedeutung der Bewegung für die Persönlichkeitsentwicklung, hier insbesondere für das Selbstkonzept und das soziale Lernen dargestellt. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einem Plädoyer für die Bewegungserziehung aus anthropologischer, entwicklungspsychologischer, lernpsychologischer, neurophysiologischer und gesundheitspädagogischer Sicht.

Die Not-wenigkeit wird verdeutlicht im 3. Kapitel, das sich der kindlichen Lebenswelt widmet. Mit einem umfangreichen Datenmaterial stellt der Autor die Lebenssituation der Kinder in der heutigen Lebenswelt dar, wobei er den Mangel an Bewegungsaktivitäten der Kinder in den Vordergrund stellt. Verantwortlich dafür zeichnet er in erster Linie die zunehmende Nutzung von elektronischen Medien von frühester Kindheit an. Ergebnis ist eine immer größer werdende Zahl an übergewichtigen und adipösen Kindern und die damit verbunden Risiken der Zivilisationskrankheiten (Diabetes u.a.) und ernsthaften psychischen Störungen.

Noch weiter im 3. Kapitel widmet sich der Autor der Bedeutung der Wahrnehmung für die Entwicklung des Kindes, auch hier wieder vor der Veränderung der kindlichen Lebenswelt. Er geht dabei auf die einzelnen Sinnessysteme ein und stellt dar, welche Bedeutung diese für die Bewegungsentwicklung haben. Er kommt zum Schluss, „dass eine frühkindliche Bewegungserziehung sich um ein qualifiziertes Bewegungsangebot – kompensatorisch – kümmern muss, um ein vielfaches und vielseitiges Wahrnehmen de Umwelt als Bildungs-Fundament mit allen Sinnen zu ermöglichen“ (S. 82).

Das vierte, sehr ausführliche Kapitel widmet sich dem Thema „Ganzheitliche Bildung“. Über den „klassischen“ zum gegenwärtigen Bildungsbegriff kommt der Autor zu seiner Analyse des aktuellen Ist-Zustandes, die Bildung betreffend. Er kritisiert die „Beschleunigung“ (G8, Bologna-Prozess) der Ausbildung in Schulen und Hochschulen, die Reduzierung auf die Nützlichkeit der Studieninhalte mit dem Ziel der möglichst schnellen Verwertung im Berufsleben – im Verbund damit die „Kompetenzorientierung“, welche die formale zu Lasten der materialen Bildung in den Vordergrund rückt und damit kulturrelevantes Wissen verloren gibt.

Dem setzt er Autor den Entwurf eines Soll-Zustandes einer ganzheitlichen Bildung entgegen. Begründet auf einem humanistischen Menschenbild entwickelt er seine Vorstellung einer ganzheitlichen Bildung, welche die kognitive, ethische, emotionale, ästhetische und physische Dimension umfasst. Schwerpunkt in der Darstellung dabei ist die physische Dimension, deren Bedeutung für die kindliche Entwicklung durch den neuen Ansatz des Embodiment untermauert wird.

Im 5. Kapitel wird das Projekt „Vorschüler in Bewegung“ dargestellt. Dabei werden die empirisch erhobenen Daten der messbaren Auswirkungen auf den Bildungsprozess bei den beteiligten Kindern aufgezeigt und kritisch diskutiert.

Ziel des Projektes „Vorschüler in Bewegung“ (VIB) war es, das Fundament für Bildung und Ausbildung zu stärken. Erhöhtes motorisches Können soll die Heranwachsenden zu mehr und zu regelmäßiger körperlicher Freizeit-Aktivität – auch – in die Vereine führen und sie an sie binden. Es ging in dem Projekt auch um eine Steigerung der sozialen Kompetenzen der Kinder. Teamfähigkeit im Lösen gemeinsam zu bewältigender Aufgaben, Kommunikationsfähigkeit, das Absprechen von Taktiken und das Finden von Regeln sind ureigene Bereiche des gemeinsamen Sich-Bewegens und der Sport-Erziehung. Grundlagen hierfür waren ausgearbeitete Module, die teilweise als Pflichtbestandteile (koordinative, konditionelle, tänzerisch-rhythmische Schwerpunkte) und teilweise als fakultative Bausteine in Kooperation mit den Erzieherinnen angeboten werden.

Nach der Vorstellung der empirischen Methoden zeigt sich ein eher ernüchterndes Ergebnis: „im Großen und Ganzen heben sich die VIB-Kinder jedoch nach übereinstimmenden Aussagen der Lehrer/innen nicht deutlich von den anderen Schüler/innen ab“ (S. 180) – was der Autor in erster Linie auf „unglückliche Umstände“ und die unzulängliche Datenerhebung v.a. im psychosozialen Bereich zurückführt.

Diskussion und Fazit

Die 200 sehr klein gedruckten Seiten zeigen, dass der Autor nicht nur Sportwissenschaftler ist, sondern einen weiten beruflichen Weg gegangen ist, der ihm ermöglicht, die Bearbeitung des Themas „Bildung in Bewegung“ sehr breit anzulegen und fundiert zu bearbeiten. Es geht ihm um eine „Neuausrichtung von Bildung“ gegen den Strom. Gegen die Beschleunigung von Bildung in den letzten Jahren positioniert er ein ganzheitliches Bildungskonzept, in dem vor allem die physische Dimension eine zentrale Rolle spielen soll – unterstützt „durch die neuere interdisziplinäre Forschungsrichtung des ‚Embodiment‘, die Denken, Fühlen und Handeln als wechselseitiges Verhältnis zum und mit dem Körper erforscht“ (S. 13).

Das Buch ist eine Fundgrube, will man sich Wissen aneignen über die Bedeutung der Bewegung für die kindliche Entwicklung. Es setzt sich ausführlich auseinander mit den Begriffen Motorik, Bewegung und Entwicklung. Es bietet eine fundierte Analyse an zu Lebenssituation der Kinder heute. Der Autor wirft einen kritischen Blick auf das Thema Bildung im Lauf der Geschichte bis heute und entwickelt eigene Vorstellungen darüber wie Bildung in Kindergarten, Schule und Hochschule verstanden werden könnte. Bei seiner Analyse geht er sehr ausführlich auf die Veränderungen in Schule und Hochschule ein, was mich als Leser etwas irritierte, da der Titel des Buches die „Vorschüler in Bewegung“ ankündigt. Dazu wäre eine Auseinandersetzung mit dem Spiel interessant, da die „dominierende Tätigkeit“ der Vorschüler doch vor allem das Spiel, das Bewegungs-Spiel ist. Oder trifft das auf das Projekt nicht zu? Darüber gibt das Buch keine Auskunft, da die Inhalte der Bewegungsangebote nicht dargestellt werden.

Es bleiben also einige Fragen offen, dennoch ist die Lektüre des Buches eine Bereicherung, da es zu den Themen Bildung, Entwicklung in Bewegung und Lebenssituation der Kinder heute eine Fülle an Informationen anbietet.


Rezensent
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 22.06.2018 zu: Axel Horn: Bildung in Bewegung. Ein Plädoyer für ein ganzheitliches Bildungsverständnis unter besonderer Berücksichtigung der physischen Dimension von Bildung im Anschluss an das Projekt "Vorschüler in Bewegung". Logos Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-8325-4455-3. Reihe: Bewegung, Spiel, Sport - Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24343.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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