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Richard Sigel, Elke Inckemann (Hrsg.): Diagnose und Förderung von Kindern mit Zuwanderungs­hintergrund im Sprach- und Schriftspracherwerb

Cover Richard Sigel, Elke Inckemann (Hrsg.): Diagnose und Förderung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund im Sprach- und Schriftspracherwerb. Theorien, Konzeptionen und Methoden in den Jahrgangstufen 1 und 2 der Grundschule. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 231 Seiten. ISBN 978-3-7815-2154-4. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegende Tagungsband umfasst Beiträge der gleichnamigen Veranstaltung vom Februar 2017 an der LTU München. Es handelt sich dabei um Ansichten der Referentinnen und Referenten, die zentrale Erkenntnisse im Bereich der Diagnose und Förderung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund im Bereich der Grundschule und dort in den ersten beiden Jahrgangsstufen thematisieren. Die Notwendigkeit der Vermittlung solider Kenntnisse im Umgang mit sprachlicher und kultureller Diversität in Schulen wird als wesentlich erachtet, konkrete Studieninhalte in der Ausbildung angehender Lehrerinnen und Lehrer spielen dennoch eine untergeordnete Rolle. Dadurch wird nicht nur die Realität vieler Schülerinnen und Schüler ausgeblendet, es mangelt auch an Lehrerwissen und entsprechenden Lehrerhaltungen, Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund in ihrer Heterogenität adäquat zu unterstützen. Der Tagungsband möchte hierzu insbesondere aufmerksam machen.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Richard Sigel ist Akademischer Direktor am Institut für Schul- und Unterrichtsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Spracherwerbsforschung und Sprachdidaktik, Lernersprachen- und Interaktionsanalyse sowie die empirische Unterrichtsforschung. Elke Inckemann lehrt und forscht ebenfalls als Professorin am Department für Pädagogik und Rehabilitation an der Ludwig-Maximilians-Universität München, u.a. zu den Schwerpunkten Schriftspracherwerbsdidaktik, Ganztagsschule, Inklusion und (schrift-)sprachliche Förderung von Kindern mit Migrations- und Fluchthintergrund.

Autorinnen und Autoren

Die Beiträge stammen von insgesamt 23 Autorinnen und Autoren, die als Hochschullehrende, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Lehrerinnen und Lehrer oder in anderen Funktionen mit ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit überwiegend im Bereich der Grundschulpädagogik und -didaktik in unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen tätig sind.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Nach einer kurzen Hinführung zum Thema durch die beiden Herausgeber beschreibt zunächst Anja Wildemann den Zusammenhang zwischen Diagnostizieren, Unterrichten und Fördern im sprachlichen Anfangsunterricht vor dem Hintergrund des vielzitierten Begriffs der Heterogenität. Sie betont die Wichtigkeit, individuelle Lernvoraussetzungen systematisch zu erfassen und Sprachfähigkeiten auszubauen ebenso wie die Notwendigkeit, Fördermaßnahmen zu evaluieren und reflektieren. Entlang dreier Leitfragen für das Diagnostizieren wird ein Planungs- und Handlungsgerüst für Lehrende vorgestellt.

Die anschließenden vier Beiträge erörtern aus unterschiedlichen Perspektiven die Grundsätze der Förderung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund.

  • So beleuchten zunächst Jörg Roche und Elisabetta Terrassi-Haufe die Grundlagen einer handlungsorientierten Sprachdidaktik. Neben zentralen Prinzipien des Spracherwerbs und Möglichkeiten der Szenariendidaktik zeigen sie auf, wie handlungsorientierte Unterrichtsansätze Kinder mit Zuwanderungshintergrund bestmöglich unterstützen können.
  • Evelyn Beck und Magdalena Michalak besprechen in ihrem Beitrag die lerngruppenspezifischen Ziele der sprachlichen Arbeit in den ersten beiden Jahrgangsstufen. Nach der Vorstellung des didaktischen Ansatzes der Lernszenarien resümieren sie schließlich deren Chancen und Grenzen als unterrichtliche Möglichkeit der Arbeit in sprachlich heterogenen Gruppen.
  • Im Beitrag von Franziska Egert liegt der Fokus auf der Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen. Nach Darstellung zentraler Erkenntnisse aus Studien zur Wirksamkeit vorschulischer Sprachförderung geht sie auf mögliche Stolpersteine ein, um schließlich Implikationen für die Praxis zu entwickeln.
  • Mohcine Ait Ramdan diskutiert die Rolle der mündlichen Kompetenz als elementare Voraussetzung im Prozess des Schriftspracherwerbs. Dabei geht sie auf die Silbenstruktur der gesprochenen Sprache ein und schlägt einen silbenbasierten Ansatz als Alternativmethode zu herkömmlichen Methoden vor, um Kinder mit Zweitsprache Deutsch bestmöglich im Erwerb der Schriftsprache zu fördern.

Aufbauend auf den Grundätzen beschreiben die anschließenden Beiträge Möglichkeiten der Förderung in ausgewählten Lernbereichen und unter verschiedenen Rahmenbedingungen.

  • In dem Beitrag von Kathrin Gietl wird der Fokus auf den sprachsensiblen Unterricht in der Regelklasse gelegt. Dabei wird deutlich, dass eine inklusive Haltung im Kombination mit Sprachfördermaßnahmen zur gelingenden Integration und Förderung beitragen können.
  • Katja Feigenspann und Magdalena Michalak gehen alsdann auf den naturwissenschaftlichen Sachunterricht und seine Möglichkeiten ein, Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung einer entsprechenden Fachsprache bestmöglich zu unterstützen. Dabei geht es um weit mehr als um die die Vermittlung von Fachbegriffen. Am Beispiel biologischer Beobachtungen erörtern sie Prinzipien des sprachbewussten Sachunterrichts.
  • Danach legt Andreas Mayer dar, dass Kinder mit früher diagnostizierter Spracherwerbsstörung nicht nur langfristig in ihrer schulischen Entwicklung gefährdet sind, sondern einer besonderen Unterstützung bedürfen. Das gilt für alle Kinder gleichermaßen. Am Beispiel akzentuierter Lehrersprache und Textoptimierung zeigt er auf, wie diese zur Sprachförderung genutzt werden können.
  • In ihrem Beitrag behandeln Claudia Glotz und Jessica Lindner sodann das Thema ‚Erzählende Texte schreiben im Kontext des Deutschen als Zweitsprache‘. Dabei handelt es sich um ein Projekt, das in Münchner Grundschulklassen durchgeführt wurde. Ausgehend von der Darstellung diverser Unterstützungsleistungen beim Erwerb von Schreibkompetenz in der Zweitsprache stellen sie ein Praxisbeispiel vor und skizzieren ihre Schlussfolgerungen.
  • Der Beitrag von Barbara Geist und Christopher Hesselbarth gibt Einblicke in die Rechtschreibfähigkeit sowie Kleingruppeninteraktionen ein- und mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler. Aufgezeigt wird die Möglichkeit von Rechtschreibgesprächen und eine diesbezügliche Studie vorgestellt, die u.a. Konsequenzen für die Förderung von Kompetenzen im Miteinandersprechen und Einanderzuhören zutage bringen soll.
  • Die beiden Autorinnen Marion Gretzer und Waltraud Klein sowie der Autor Martin Klein widmen sich schließlich dem Konzept der handlungsorientierten Sprachförderung am Beispiel der Montessoripädagogik. Sie zeigen auf, wie Elemente und Methoden u.a. zur Wortschatzarbeit genutzt werden können, um Kindern mit Deutsch als Zweitsprache Motivation zu bieten, die fremde Sprache zu erlernen.

In den folgenden Beiträgen liegt der Fokus auf spezifischen Projekten.

  • So berichten Kai Nitsche und Kathrin Gietl aus einem Projekt zur Unterstützung bildungsbenachteiligter Kinder im Schriftspracherwerb. Es handelt sich um ein Projekt zur Förderung von Schülerinnen und Schülern insbesondere mit Deutsch als Zweitsprache an Ganztagsgrundschulen unter besonderer Beteiligung von Studierenden, die ihre Kenntnisse in den Bereichen Diagnose und Förderung erweitern können.
  • Petra Hiebl und Maria Kirsch schildern in einem weiteren Projekt Erfahrungen von Lehrerinnen und Lehrern über den (Schrift-)Spracherwerb bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache. Es handelt sich dabei um eine Fragebogenerhebung, Ergebnisse werden vorgestellt und Implikationen für die Praxis der Lehrerbildung resümiert.
  • Im Beitrag von Elke Inckemann, Anna Lautenschlager und Anne Frey liegt der Fokus ebenfalls auf der (schrift-)sprachlichen Förderung von Kindern mit Fluchthintergrund. Erste Ergebnisse aus dem Projekt LUK! werden dem Leser, der Leserin nähergebracht. Es handelt sich dabei um das Konzept ‚Lernpaten unterstützen Klassen mit Flüchtlingskindern‘, das Lehrerinnen und Lehrer bei der Integration von geflüchteten jungen Menschen in das Schulsystem unterstützen soll.
  • Den Abschluss des Tagungsbandes bilden schließlich zwei Beiträge von Richard Sigel. Darin werden zum einen ausgewählte Ansätze zur Diagnose und Förderung von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund beschrieben und zum anderen ein Leitfaden zur ‚Lernausgangs- und Lernprozessdiagnostik für Kinder mit Flucht- und Migrationserfahrung‘ vorgestellt. Institutionelle Beheimatungen und Arbeitsschwerpunkte der Autorinnen und Autoren sind am Ende des Bandes aufgelistet.

Diskussion

Der Tagungsband ist zweifelsohne von besonderer Relevanz für (Hoch-)Schulen und die Lehrerbildung. Er liefert wertvolle und fundierte Einblicke in aktuelle Erkenntnisse zur Thematik der Diagnose und (schrift-)sprachlichen Förderung von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund. Die unterschiedlichen Perspektiven der Autorinnen und Autoren sind, wie auch in anderen Tagungsbänden, durchaus von Vorteil. Die Beiträge sind vielfältig und spannen einen weiten Bogen, sodass die Komplexität der Thematik gut abgebildet werden kann. Der Transfer des Wissenstandes in die Praxis ist in vielen Beiträgen gut gelungen und unterstreicht die Notwendigkeit konkreter und erprobter Unterstützungsmaßnahmen. Nützlich sind zudem die am Ende der Kapitel angeführten weiterführenden Literaturempfehlungen, die eine Vertiefung in ein Themenspektrum erleichtern.

Als möglicher Impulsgeber für eine vertiefende Auseinandersetzung beschriebener Aspekte bzw. auch als Nachschlagewerk wird der Tagungsband durch seinen differenzierten Zugang vielen Leserinnen und Lesern einen guten Anhaltspunkt liefern können. Der Tagungsband ist allerdings nicht als Lehrbuch konzipiert; es ist der Überblick über den aktuellen Stand von Wissenschaft und Praxis, der den besonderen Reiz dieses Buches ausmacht. Insofern wird auch verzichtet, dezidiert Zielgruppen von Leserinnen und Lesern zu nennen.

Fazit

Mit diesem Tagungsband wird ein weites Spektrum wissenschaftlicher Erkenntnisse, Themenschwerpunkte und unterschiedlicher (schrift-)sprachlicher Fördermaßnahmen für die Praxis im Umgang mit Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund abgebildet. Hierin liegt auch der größte Nutzen für Leserinnen und Leser. Obwohl der Fokus auf den ersten beiden Jahrgangsstufen der Grundschule liegt, können Anregungen darüber hinaus gewonnen werden.


Rezensentin
Dr. Doris Lindner
Homepage www.kphvie.ac.at
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Zitiervorschlag
Doris Lindner. Rezension vom 27.12.2018 zu: Richard Sigel, Elke Inckemann (Hrsg.): Diagnose und Förderung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund im Sprach- und Schriftspracherwerb. Theorien, Konzeptionen und Methoden in den Jahrgangstufen 1 und 2 der Grundschule. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2154-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24347.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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