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Stefania Calabrese: Herausfordernde Verhaltensweisen - herausfordernde Situationen

Cover Stefania Calabrese: Herausfordernde Verhaltensweisen - herausfordernde Situationen. Ein Perspektivenwechsel. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 216 Seiten. ISBN 978-3-7815-2143-8. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

Eine qualitativ-videoanalytische Studie über die Gestaltung von Arbeitssituationen von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen. Reihe: Inklusion, Behinderung, Gesellschaft. Klinkhardt Forschung.
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Autorin

Dr. Stefania Calabrese, Jahrgang 1985, sozialpädagogisch in verschiedenen Bereichen tätig, war am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW beschäftigt. Sie schrieb am Lehrstuhl Sonderpädagogik des Institutes für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich ihre Dissertation. Heute arbeitet sie als Dozentin und Projektleiterin an der Hochschule Luzern im Bereich Soziale Arbeit.

Thema

Das Thema des Buches ist in dem Geleitwort deutlich konturiert: Es geht um herausfordernde Verhaltensweisen von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und um das Verständnis für herausfordernde Situationen. Also geht es der Autorin insbesondere um die Analyse von Arbeitssituationen, die sozusagen herausfordernde Verhaltensweisen bei Menschen mit schweren Beeinträchtigungen evozieren. Eine qualitative Studie bildet die Basis für Überlegungen einerseits zur personenbezogenen Betrachtung von herausfordernden Verhaltensweisen, zur gestörten Interaktion und Kommunikation zwischen dieser Klientel und dem Personal und zur Betrachtung und Beachtung der Arbeit als solcher, die als umweltspezifische Komponente betrachtet wird.

Die Autorin greift damit ein Thema auf, das bislang nicht so zentral im Erkenntnisinteresse der Pädagogik stand; gerade bei Menschen mit schweren Beeinträchtigungen war ein Forschungsdesiderat zu konstatieren.

Das Buch bietet eine sehr gute und perspektivisch neue und kreative Ergänzung zu dem Buch von Domenig & Schäfer (Hrsg.), bei dem es um eine ähnliche Thematik geht; der Titel des Buches dort lautet: „Auffallend herausfordernd! Begleitung zwischen Selbstbestimmung und Überforderung“ (2018).

Entstehungshintergrund

Diese Arbeit wurde als Dissertation unter dem Titel „Vom Verstehen von 'herausfordernden Verhaltensweisen' zum Verständnis für 'herausfordernde Situationen': Die Gestaltung von Arbeitssituationen von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen – Eine Qualitativ-videoanalytische Studie“ von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich im Jahre 2016 angenommen. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Förderpreis der Stiftung Leben pur 2016 ausgezeichnet.

Der andere Entstehungshintergrund ist ein persönliches Erlebnis, als sie Zeugin wurde, wie ein junger Mann mit schwerer Beeinträchtigung vom Personal der Institution einer Behinderteneinrichtung in ein Isolationszimmer gebracht wurde. D.h. Menschen mit schweren Beeinträchtigungen sind häufig repressiven und restriktiven Maßnahmen ausgesetzt und Angebote, bei und mit denen entsprechende Menschen „Wohlbefinden entfalten können“ (S. 154), fehlen häufig.

Aufbau

Die Autorin gliedert das Buch in sieben römische Hauptteile, wobei die Teile VI und VII die Quellen und den Anhang beinhalten.

Nach der Ausgangslage (Teil I), in der sehr detailliert und fein differenziert neben dem Erkenntnisinteresse auch die Begrifflichkeiten diskutiert werden, folgt der theoretische und empirische Bezug (Teil II) mit Aspekten der Sonderpädagogik (Kap. 3 und 4), der Teilhabe oder Arbeits(päd)agogik sowie dem Forschungsstand zu den Dimensionen, an denen die Autorin interessiert ist: Wirkung von Enthospitalisierung, herausfordernde Verhaltensweisen, Lebensqualität der interessierenden Klientel, dann aber auch die Perspektive der Mitarbeiter (des Personals) sowie die Bewertung von Arbeitsangeboten in Einrichtungen der Behindertenhilfe resp. in Förderstätten.

Teil III und IV könnte man zusammenfassen als empirischen Teil (Empirische Untersuchung sowie Ergebnisse und Diskussion), dem sich die „Konklusion“ (Teil V) anschließt, in dem intensiv ein Modell zur optimierten Situationsgestaltung vorgestellt und diskutiert wird.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Herausfordernde Verhaltensweisen betreffen vorwiegend Fremd-, Selbstverletzung und Sachbeschädigung. Die Erkenntnis, dass diese Verhaltensweisen zunehmen, insbesondere auch bei Menschen mit schweren Beeinträchtigungen, dass die Mitarbeiter damit überfordert sind, dass aber diese Verhaltensweisen situationsbedingt zunehmen, zeigt, dass auch diese Verhaltensweisen einer Wechselwirkung (statistisch gesehen würde man von einer Interaktion sprechen) zwischen Person und Umwelt entsprechen. Die Umwelt bzw. die Beschäftigungsangebote (die Arbeitssituationen) können also auch Auslöser für auftretende herausfordernde Verhaltensweisen sein. Insofern können adäquat arrangierte Arbeitsangebote „Bildungs- und Lernmöglichkeiten bergen, welche die (Weiter-)Entwicklung von Handlungskompetenzen … begünstigen, herausfordernde Verhaltensweisen reduzieren“ (S. 15). Die Fragestellung lautet: „Wie sind Arbeitssituationen gestaltet, in denen Menschen mit schweren Beeinträchtigungen herausfordernde Verhaltensweisen zeigen?“ [im Original kursiv](S. 16).

Zu dieser übergeordneten Ausgangsfrage fügt die Autorin noch drei weitere Fragen hinzu, die spezifischer formuliert sind. Das macht deutlich, dass einerseits der Stand erhoben werden soll und aus diesem Wissen dann ein Modell zu besseren Gestaltung von – allgemein gesprochen – Situationen entwickelt werden kann.

Zu Teil I gehörig diskutiert die Autorin die in der Literatur vorfindbaren und in ihrem Buch reflektiert verwendeten Begrifflichkeiten: diese betreffen die Begriffspaare

  • Beeinträchtigung vs. Behinderung;
  • schwere Beeinträchtigung vs. kognitive Beeinträchtigung;
  • herausfordernde Verhaltensweisen vs. Verhalten; (professionelle)
  • Begleitung vs. Betreuung/Assistenz und Bedürfnis vs. Bedarf.

Diese Begriffspaare werden sehr differenziert dargestellt, sehr klar definiert. Die Autorin begründet und betont, warum sie die wissenschaftlichen Begriffe so definiert und nicht anders resp. herkömmlich übernimmt. Die Betonung liegt darauf, dass Verhaltensweisen als Wechselwirkung zwischen Person und Situation anzusehen sind (der Mensch als bio-psycho-soziales Wesen).

Teil II widmet sich der Sonder- und Arbeits(päd)agogik, die die Autorin hinsichtlich ihres Engagements und Erkenntnisinteresses bei Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und herausforderndem Verhalten, bei schweren Beeinträchtigungen fokussiert; bezogen auf Teilhabe, wird die Arbeitsagogik kritisch betrachtet: der Arbeitsbegriff muss weiter gefasst werden als nur als Lohn- und Erwerbsarbeit, nämlich eher als sinnstiftende Aktivität. Der aktuelle Forschungsstand zeigt den Mangel an quantitativen Untersuchungen zur Lebenslage der Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und herausforderndem Verhalten.

Da Erklärungsansätze für herausforderndes Verhalten meist einseitig personenorientiert waren, entwickelt sie einen Ansatz, der die soziale Umwelt mit einbezieht, die systemökologische Perspektive: „Eine systemökologische Perspektive impliziert, dass nicht länger nach (mono-)kausalen Erklärungsansätzen gesucht wird, sondern dass multifaktorielle und nicht ausschließlich personenbezogene Zusammenhänge eruiert werden, die herausforderndes Verhalten begünstigen“ (S. 47). Dieser Perspektivenwechsel wird ausführlich diskutiert und begründet, eine verstehende Sicht wird verlangt (S. 35); denn „Sinn von Verhalten wird erst im Kontext deutlich“ (S. 35). Verschiedene Hypothesen zu diesem Verhalten werden kommentiert. Institutionelle Umgangsweisen (im Kontext der Sonderpädagogik) zeigen z.T. deutliche Mängel auf im Bereich Prävention bei der Klientel, den Mitarbeitern und der Institution bzw. dem Kontext. Interventionsmaßnahmen werden in diesem Zusammenhang ebenfalls differenziert diskutiert. Herausgearbeitete Mängel wirken sich auf die drei Bereiche Klientel, Mitarbeiter, Institution aus. Eine professionelle und reflektierte Begleitarbeit scheint notwendig, die das Ziel verfolgt, herausfordernde Verhaltensweisen zu reduzieren – z.B. durch eine positive Beziehungsgestaltung zur Klientel und durch das Ermöglichen der Weiterentwicklung durch angemessene Lernarrangements.

Menschen mit schweren Beeinträchtigungen sollten im Fokus der Sonderpädagogik stehen; aber diese Gruppe von Menschen gehörte „lange Zeit nicht zum Gegenstand der Sonderpädagogik“ (S. 61). Auch als sich die Zielrichtung der Förderung hin zur Teilhabe änderte, war die Gruppe der Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und hohem Unterstützungsbedarf nicht automatisch mit gemeint. Sie wurde eher ausgesondert bzw. nicht wahr- oder nicht ernstgenommen. Die Autorin führt einige Aspekte hierzu auf (S. 50). Als Hintergrund werden mangelnde Kommunikationsfähigkeiten der Klientel angegeben, die sich auch mangels Interaktionsmöglichkeiten nicht entwickeln können; Bedürfnisse der Klientel sind somit – auf Seiten der Mitarbeiter – nur schwer herauszufinden. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis entwickelt die Autorin konkrete Ansprüche an professionelle Begleitung: Dialog und Kooperation sowie entwicklungsanregende Bildungsangebote.

Zur Teilhabe am Arbeitsleben (Kap. 5) wird Arbeit als Teilaspekt von Lebensqualität definiert, das Recht auf Arbeit, „auf sinnstiftende Tätigkeit und Beschäftigung“ (S. 65) spezifiziert. Die attribuierte Arbeitsunfähigkeit der spezifischen Klientel wird kritisch reflektiert: „Menschen, die herausfordernde Verhaltensweisen zeigen, haben Anspruch auf adäquate Arbeitsangebote, in denen sie sinnstiftenden Tätigkeiten nachgehen können“ (S. 69). Diese „neue Arbeit“ (ebd.) dient der Entfaltung der Persönlichkeit und soll aktivitätsfördernd (vgl. auch Ließem, 2017) sein. Sonderpädagogik im Arbeitskontext muss „gezielte Bildungsprozesse initiieren“ (S. 72). Insofern müssen sich auch Förderstätten umorientieren.

Der empirische Forschungsstand (Kap. 6) macht deutlich, dass die in Frage stehende Klientel „selten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung“ (S. 73) war. Die Autorin zeigt, „dass arbeits- und tätigkeitsbezogene Angebote für die Klientel in Förderstätten unzureichend vorhanden sind“ (S. 81), dass die Klientel auch als belastend empfunden und deshalb auch sogar von Förderstätten ausgeschlossen wird.

Den Fokus legt deshalb die Autorin auf eben diesen Mangel: die Wechselwirkung zwischen Arbeitskontext (hierzu gehören auch die Mitarbeiter und die Institution), herausfordernden Verhaltensweisen bei Menschen mit schwerer Beeinträchtigung und entsprechenden Arbeitsangeboten, die das Wohlbefinden der Klientel betreffen.

Diesbezüglich wird in Teil III die Methodik und das Forschungsdesign vorgestellt (Kap. 7 und 8). Das methodische Vorgehen muss so gestaltet werden, dass man das Phänomen, „herausfordernde Situationen im Arbeitskontext von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen“ (S. 84) untersuchen und verstehen kann. Die methodische Anleihe wird über die Ethnografie geregelt; hier wird es die Videografie sein, die als „fokussierte Ethnografie“ tituliert wird (Überschrift von Kap. 7.1.1). Letztere ist weniger zeitintensiv, dafür aber datenintensiv. „Das besondere Merkmal der Videografie besteht in der Verknüpfung von fokussierter Feldforschung mit anschließenden extensiven und minutiösen Videoanalysen“ (S. 86); Videografie erlaubt einen Blick in den aktuellen, unverstellten Alltag, Verhaltensabläufe in Raum und Zeit werden beobachtbar, Situationsbedingungen analysierbar. Videodaten sind beliebig vor- und rückspulbar, d.h. immer wieder zu analysieren; insofern sind sie sehr valide, valider als Daten bei teilnehmenden Beobachtungen. Zusätzlich zu den Videoanalysen wird die Autorin qualitative Interviews durchführen (das Problem der geringen Kommunikationsfähigkeit wird berücksichtigt), um die Sichtweisen der Involvierten … einzubringen und „ihre Relevanzstrukturen zu verdeutlichen“ (S. 90). Die Videointeraktionsanalyse entspricht dem verstehenden Ansatz, weil sie eben gerade auch die ganze Beschaffenheit der Situation mit zu erfassen in der Lage ist. Die methodischen Feinheiten des Vorgehens beim Auswerten werden diskutiert und begründet.

Zur Auswertung der qualitativen Interviews wird die grounded theory herangezogen und in ihrem Vorgehen und Nutzen beschrieben: gerade weil noch so wenig Wissen über die im Fokus stehende Klientel und Gründe und Auswirkung ihrer Verhaltensweisen besteht, ist die Entwicklung einer Erklärung (Theorie) auf der Basis von kodierten Interviewdaten fruchtbar.

Das aufwendige Forschungsdesign wird auch bildhaft (Abbildung 3, S. 97) präsentiert: Kontextwissen (= institutionelle Rahmenbedingungen und Klienten-Akten) als Basis, die Videoaufnahmen und die Interviews und schließlich die jeweiligen Analysen, um dann daraus die „Analyse von herausfordernden Situationen im Arbeitskontext von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen“ zu generieren.

Zum Design gehört auch das Rekrutierungsverfahren, der Informierung und Auswahl von Institutionen. Es wurden „13 Fälle aus elf Institutionen rekrutiert“ (S. 99). Hieraus wurde die Fallgruppe erstellt: 10 Klienten, die schwere Beeinträchtigungen aufwiesen und als besonders herausfordernd wahrgenommen wurden; diese Personen sind mit ihren Beeinträchtigungen, herausfordernden Verhaltensweisen und der Arbeitstätigkeiten in Förderstätten tabellarisch vorgestellt (S. 100/101). Das Erhebungsverfahren wie auch das Aufbereitungsverfahren mit den Transkriptionsregeln wird für diese Klienten übersichtlich dargestellt. Die Auswertungsverfahren werden nochmals kurz resümiert: die Videointeraktionsanalyse zur Auswertung der Videos, die Auswertung und Analyse der Interviews gemäß der Grounded Theory. Zum Abschluss von Teil III wird das methodische Vorgehen kritisch, aber auch konstruktiv reflektiert.

Teil IV „Ergebnisse und Diskussion“ analysiert zunächst drei Fälle, die dann fallübergreifend in den Fachdiskurs eingebettet werden. Die drei Fälle werden in ihren Verhaltensweisen analysiert nach Kontext, mittels Video- und Interviewauswertung, Fallanalyse. Die ausführlich beschriebenen Interaktionsszenen und Interviewsequenzen werden jeweils pro Klient zusammengefasst als Fallanalysen, die als Abbildungen komprimiert sind mit den Aspekten Arbeitsangebot, Mitarbeitende und Klient. Diese drei einzelnen Fallanalysen werden dann miteinander verglichen und hierbei drei übergeordnete Themen extrahiert: Gestörte Interaktion und Kommunikation zwischen Klientel und Mitarbeitenden; personenbezogene Betrachtung von herausfordernden Verhaltensweisen; die Nichtbeachtung der Arbeit als umweltspezifische Komponente. Dieses Muster wird in Abb. 7 (S. 136) grafisch so dargestellt, dass deutlich wird, herausfordernde Verhaltensweisen können an verschiedenen Stellen auftreten.

Der Einbezug aller zehn Fallanalysen, zeigt, dass die systemökologische Perspektive bestätigt wird. „Die Vernetzung der drei Kernelemente – Klientel, Mitarbeitende und (Arbeits-)Angebot – sowie die positiv gestalteten Wechselbeziehungen bewirken, dass ein Lern- und Entwicklungsfeld geschaffen wird, das für die Weiterentwicklung und Bildung der Klientel maßgeblich ist, was inhärenter Anspruch der Förderstätte sein muss“ (S. 138). Herausfordernde Verhaltensweisen scheinen durch die ungünstige Wechselbeziehung der drei Kernelemente zu entstehen, aber sie bewirken auch herausfordernde Situationen, sodass man Ursache und Wirkung nicht unterscheiden kann. Die kritisch herausgearbeiteten Aspekte bieten die Chance, Förderstätten und ihre Mitarbeitenden weiter zu entwickeln. Im Folgenden diskutiert die Autorin die analysierten Aspekte: Störungen in der Kommunikation und Interaktion; den schwach ausgeprägten Innovationscharakter der Förderstätten, der sich auch auf die Arbeitsangebote durch die Mitarbeitenden auswirkt; die fehlende Passung zwischen Bedürfnissen und Arbeitsangebot; die Gefährdung des aktivitätsbezogenen und emotionalen Wohlbefindens (z.B. durch erhöhtes Ausschlussrisiko); die einstellungs- und belastungsbedingten Umgangsweisen der Mitarbeitenden (z.B. durch ein defizitorientiertes Menschenbild, durch Resignation und restriktive Interventionen wegen der eigenen Handlungsunsicherheit); und eine begrenzte Anpassungsfähigkeit des Angebots (z.B. auch wegen der Raumverhältnisse, der ungenügenden Zeit- und Personalressourcen).

Die Autorin fasst die Gesamtergebnisse in sechs Thesen zusammen und beantwortet die eingangs gestellte Forschungsfrage.

In der Konklusion (Teil V) entwickelt die Autorin das theoretische Modell weiter, worin zusätzlich das Fachwissen und die Reflexionsfähigkeit als Kennzeichen sonderpädagogischer Professionalität ausgewiesen werden, weil Fachwissen wiederum Innovationscharakter impliziert, wie es auch die Reflexionsfähigkeit beinhaltet. Fachwissen, Innovation und Reflexion bilden den äußeren Rahmen.

Um die Förderstätten für Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen als Lern- und Entwicklungsfeld zu etablieren oder zu entwickeln, ist eine professionelle Begleitung notwendig, die Kommunikation und Interaktion ermöglicht und die Klientel mit der Haltung des Empowerment-Ansatzes annimmt und sinnhafte Aktivitäten anbietet, die ihrer ganzheitlichen Entwicklung dienen. Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass es „den Paradigmenwechsel 'weg von einer defizitorientierten Sichtweise hin zu einer bedürfnisfokussierten und subjektzentrierten Perspektive … um die Variable 'kontextorientierte Perspektive zu erweitern“ (S. 184) gilt.

Die Dimensionen des theoretischen Modells müssten zur empirischen Überprüfung in der Praxis operationalisiert werden.

Im Ausblick gibt die Autorin zu überlegen, ob nicht die Methode der partizipativen Forschung auch bei Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen angewandt und umgesetzt werden könnte. Einen vielversprechenden Ansatz hat die Autorin mit ihrem Vorgehen ja gemacht.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet nicht nur einen prägnanten Einblick in die Problematik herausfordernder Verhaltensweisen, in die Notwendigkeit seiner multiperspektivischen Analyse aus unterschiedlichen methodischen Sicht- und Herangehensweisen (vgl. auch Domenig & Schäfer, 2018), sondern auch die Eingebundenheit dieser die Mitarbeitenden verunsichernden Verhaltensweisen in den Arbeitskontext. Zusätzlich weist die Autorin die Bedeutung der Einstellung und Haltung der Mitarbeiter wie auch deren Fachwissen resp. Professionalität nach. All diese Dimensionen und Aspekte werden ausführlich diskutiert und in Zusammenhang gebracht, Forschungen gebündelt vorgestellt.

Die einzelnen Kapitel im theoretischen Teil werden jeweils durch ein Fazit zusammengefasst. Bereits das Inhaltsverzeichnis gibt die Stringenz der Argumentation wieder. Der Leser kann die Begründung für das Thema und die empirische Untersuchung sehr gut nachvollziehen, ebenso die Begründung für die Auswahl der Methodik, die auch bildhaft dargestellt wird. Die Analysen der Daten werden in ihrer Entwicklung zu theoretischen Überlegungen vorbereitet und dann in Abbildungen ausgeführt. Die Komplexität ist dadurch so reduziert, dass der Leser die Konklusionen gut nachvollziehen kann.

Fazit

Die klare Linie des Buches, die Thematik, die so noch kaum erfasst wurde, die theoretisch wie methodisch vielfältige Herangehensweise machen das Buch lesenswert, zumal auch zur Professionalität der Sonder-, aber auch der Sozialpädagogen gehörende Hinweise zu erkennen sind. Insofern ist das Buch sehr empfehlenswert – nicht nur für Sonderpädagogen oder agogisch Tätige, sondern auch für die Institutionen.

Dadurch dass das Buch Begrifflichkeiten klar definiert, nicht nur theoretisch analysiert und diagnostiziert, sondern auch aktuelle pädagogische Interventionen und strukturelle Gegebenheiten kritisch reflektiert mit den gewonnenen Daten aus der Praxis, ist es eine Fundgrube für alle praktisch tätigen (Sonder- und Sozial-)Pädagogen, die zusammen mit ihren Institutionen an ihrer gemeinsamen Professionalität arbeiten wollen – zum Wohle ihrer Klientel.

Das Buch bietet neben dem nötigen Wissen auch praktische Hinweise zum Können, d.h. zum Umgang mit herausfordernden Verhaltensweisen und macht ebenfalls deutlich, dass die Einstellung und Haltung wichtig ist gegenüber Menschen mit schweren Beeinträchtigungen, aber auch dazu, wie Situationen zu verändern sind, damit sie herausfordernde Verhaltensweisen nicht evozieren.

Das Buch bietet insofern viele wissenschaftliche, methodische und Professionalitäts-Aha-Erlebnisse.

Zuweilen verwundert es, dass der situative Kontext, der von jeher als zentral in der Sozialpsychologie beachtet wurde, in der Sonderpädagogik scheinbar zu kurz kam. Aber es ist das Verdienst der Autorin, deutlich gemacht zu haben, dass herausfordernde Verhaltensweisen bei Menschen mit schweren Beeinträchtigungen fälschlicherweise personenzentriert attribuiert werden und somit der Kontext für Interventionsmaßnahmen übersehen wird.

Literatur

  • Ließem, H. (2017): Soziale Wege zur Genesung. Gruppenprogramm zur sozialen Rehabilitation psychisch Erkrankter. Hamburg, tredition GmbH
  • Domenig, D. & Schäfer, U. (Hrsg.) (2018): Auffallend herausfordernd! Begleitung zwischen Selbstbestimmung und Überforderung. Zürich, Seismo Verlag

Rezensent
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
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Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 30.01.2019 zu: Stefania Calabrese: Herausfordernde Verhaltensweisen - herausfordernde Situationen. Ein Perspektivenwechsel. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2143-8. Eine qualitativ-videoanalytische Studie über die Gestaltung von Arbeitssituationen von Menschen mit schweren Beeinträchtigungen und herausfordernden Verhaltensweisen. Reihe: Inklusion, Behinderung, Gesellschaft. Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24352.php, Datum des Zugriffs 17.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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