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Monika Wertfein, Andreas Wildgruber u.a. (Hrsg.): Interaktionen in Kindertages­einrichtungen

Cover Monika Wertfein, Andreas Wildgruber, Claudia Wirts, Fabienne Becker-Stoll (Hrsg.): Interaktionen in Kindertageseinrichtungen. Theorie und Praxis im interdisziplinären Dialog. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 172 Seiten. ISBN 978-3-525-70225-3. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Thema

Mit dem Begriff ‚Interaktionen‘ im Plural seiner Bedeutungen und dessen Verortung in der Institution Kindertageseinrichtung verweist der Titel des Sammelbands darauf, dass es sich um eine relevanten Veröffentlichung zu aktuellen Fachdiskursen in der Pädagogik der Kindheit handelt. In den Beiträgen stehen Kinder, Fachkräfte und Familien als unmittelbar beteiligte Akteursgruppen innerhalb der Institution Kindertageseinrichtung im Mittelpunkt der Darstellung von Forschungsergebnissen zu gelingenden Interaktionen und zu Transferkonzepten für eine sich entwickelnde Praxis der Interaktionen.

Herausgeber*innen

Die Herausgeber*innen sind alle am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München tätig. Es ist ihnen gelungen, über die Gruppe der Autor*innen aus dem eigenen Hause hinaus weitere Autor*innen zu gewinnen, deren relevante Forschungsergebnisse in den Fachdiskursen der Kindheitspädagogik national und international breit rezipiert werden und über Transferkonzepte Eingang in die institutionellen Ziele zur Bildung, Erziehung und Betreuung in der Kindheit wie auch bereits in Teilen in die Praxis gefunden haben.

Entstehungshintergrund

Pädagogische Interaktionen in Kindertageseinrichtungen waren in den letzten fünfzehn Jahren vor Erscheinen dieses Sammelbandes immer wieder zentrales Diskursthema der Pädagogik der Kindheit. Meilensteine waren das Erscheinen der (Praxis-)Materialien aus der Nationalen Qualitätsinitiative (Zitation eines zusammenfassenden Beitrags), der Veröffentlichung der NUBBEK-Studie (Tietze et al. 20xy) und der OECD-Studie Starting Strong III haben sich die Forschungsergebnisse bezogen auf Interaktionen in der öffentlichen Bildung, Erziehung und Betreuung differenziert und die Veröffentlichungen dazu vervielfacht. DAS IFP München hat mit seinen Beiträgen im Rahmen der benannten nationalen Forschungs- und Transferprojekte und in zahlreichen weiteren Themenfacetten der Interaktionsqualität bundesweit intensiv zur fachlichen Entwicklung beigetragen. So ist dieser Sammelband Ergebnis zahlreicher wissenschaftlicher Projekte und deren Transfer in die Praxis. 

Aufbau

Der Sammelband ist, mit insgesamt 169 Seiten auf hohem wissenschaftlichen Niveau der Beiträge, wohltuend fokussiert und gliedert sich in drei Teile. In einen ersten Teil mit ‚unterschiedlichen Blickwinkeln auf Interaktionen in der Kindertagesbetreuung‘ werden wissenschaftliche Beiträge zu den Wirkungsradien von Erwachsenen-Kind-Interaktionen und deren Bedeutung für kindliche Entwicklung und Lernunterstützung präsentiert. Im zweiten Teil geht es um den Transfer von Wissen zu ‚Interaktionen – von der Wissenschaft zu guter Praxis‘ und im knappen dritten Teil wird ein Ausblick auf die Unterstützung von Interaktionsqualität mit konkreten Ansatzpunkten gegeben.

Inhalt

Der erste Teil des Buches ist in sechs Kapitel eingeteilt, der zweite Teil umfasst fünf Kapitel:

  • Im ersten Teil des Buches ‚Unterschiedliche Blickwinkel auf Interaktionen in der Kindertagesbetreuung‘ führt ein erster Beitrag mit der Überschrift ‚Bedeutung der elterlichen Feinfühligkeit für die kindliche Entwicklung‘ von Fabienne Becker-Stoll in die Zusammenhänge zwischen den Erfahrungen junger Kinder in die Umwelten, in denen Kinder aufwachsen, mit den daraus entstehenden Weichenstellungen für Entwicklung in verschiedenen Bereichen ein. Bedeutsam für Fachkräfte ist dieses Wissen, um ihr eigenes Interaktionsverhalten auf die individuell unterschiedlichen Bedürfnisse des Kindes auszurichten.
  • Der zweite Beitrag mit dem Titel ‚Beobachtung und Weiterentwicklung der Fachkraft-Kind-Interaktionen in der Frühpädagogik‘ von Robert P. Pianta geht auf die Zusammenhänge zwischen alltäglichen Erfahrungen in Bildungseinrichtungen und physiologischen Mechanismen für Lernen, Entwicklung und Bildung ein. Es werden ein „konzeptueller Rahmen für die Forschung zu Fachkraft-Kind-Interaktionen“, „erste Belege für die Wirksamkeit von Ansätzen zur Verbesserung von Fachkraft-Kind-Interaktionen“ und bildungspolitische Konsequenzen geliefert.
  • Dem Thema ‚wirksame Lernunterstützung in der frühkindlichen Bildung und Betreuung‘ ist der dritte Beitrag des Buches von Kathy Sylva gewidmet. „Den Schwerpunkt des Beitrags stellen die Auswirkungen des kindlichen bzw. familiären Hintergrunds und der pädagogischen Qualität auf kognitive Leistungen (Englisch und Mathematik) und ihr Sozialverhalten (Selbstkontrolle, prosoziales Verhalten, Hyperaktivität und Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen) im Alter von elf Jahren dar.“
  • ‚Interaktionsqualität und frühes Lernen im (mathematischen) Spiel‘ ist die Überschrift des vierten Beitrags von Bernhard Hauser, in dem der Frage nachgegangen wird, „[w]elche Merkmale früher Förderung […] für späteres Können wichtig [sind]“. Förderungswürdigkeit von bestimmten Kompetenzen, die angemessene Intensität der Förderung und Wirkungsweisen der Erwachsenen-Kind-Interaktionen stehen dabei im Vordergrund des Beitrags.
  • Der Beitrag ‚Unterstützung kindlicher Kompetenzentwicklung und ihre Bedingungen in Kindertageseinrichtungen‘ von Claudia Wirts, Monika Wertfein und Andreas Wildgruber referiert die Ergebnisse der BIKE-Studie (Bedingungsfaktoren für gelingende Interaktionen zwischen Erzieherinnen und Kindern) bezogen auf die Qualität von Alltagsinteraktionen zwischen Fachkräften und Kindern im Zusammenhang mit Fachwissen und Rahmenbedingungen.
  • Der Beitrag ‚Frühpädagogik im Spannungsfeld zwischen Rahmenbedingungen, Professionalisierungsanspruch und Alltagswirklichkeit‘ von Iris Nentwig-Gesemann beruht auf zwei empirischen Studien und geht der Frage nach, wie „Kita-Teams mit der Herausforderung der Umsetzung der Bildungsprogramme und den damit verbundenen Kompetenzerwartungen umgehen, wenn diese auf (Rahmen-)Bedingungen in den Kitas, die Orientierungen und Einstellungen der Fachkräfte vor Ort treffen. Der Beitrag rundet den ersten Teil des Buches mit Schlussfolgerungen für Qualitätsentwicklung und Professionalisierung im Anschluss an die Idee des ‚kompetenten Systems‘ ab.

Im zweiten Teil des Buches ‚Interaktion – Von der Wissenschaft zu guter Praxis‘ thematisiert

  • der erste Beitrag ‚Kommunikation mit Eltern‘ von Christa Kieferle die Kommunikationspraktiken in der Erwachsenen-Erwachsenen-Interaktion und nimmt schwerpunktmäßig die noch verunsichernden Indikatoren für die Qualität einer Einrichtung auf und geht systematisch auf die Herausforderungen ein und benennt die zentralen Methoden für bedeutsame Faktoren einer gelingenden Kommunikation mit den Familien. 
  • Der zweite Beitrag ‚Die Bedeutsamkeit guter Arbeitsbedingungen in Kindertageseinrichtungen‘ von Inge Schreyer und Martin Krause beruht auf der empirischen AQUA-Studie und thematisiert die Arbeitsbedingungen und -belastungen der Fachkräfte und deren Auswirkungen auf die Qualität der pädagogischen Prozesse in den Kitas und damit auch Wohlbefinden und Bildungserfolg der Kinder.
  • Der dritte Beitrag ‚Schulkindbetreuung bzw. Hort und Grundschule im Dialog‘ von Andreas Wildgruber nimmt die unterschiedlichen Logiken des Systems der Kinder und Jugendhilfe und des Schulsystems für die umfassende Unterstützung von Bildungsprozessen der Schulkinder auf und berichtet über die Erfahrungen mit Kooperationsmodellen zur gelingenden pädagogischen Qualität der Bildung, Erziehung und Betreuung für Schulkinder. 
  • Der Beitrag ‚Frühpädagogik im Spannungsfeld zwischen Rahmenbedingungen, Professionalisierungsanspruch und Alltagswirklichkeit‘ von Sigrid Lorenz und Elisabeth Minzl wendet sich den der Bedeutsamkeit von Team-Interaktionen in kulturell diversen Teams als zentralem Einflussfaktor auf Interaktionsqualität zu und benennt unabdingbare Voraussetzungen für das Gelingen einer Interaktion auf der Ebene der Erwachsenen innerhalb der organisatorischen Einheit Kindertageseinrichtung.
  • Der letzte Beitrag des zweiten Buchteils ‚Peer-Interaktionen in den ersten Lebensjahren‘ von Monika Wertfein und Eva Reichert-Garschhammer wendet sich den Interaktionen zwischen Kindern und deren Potenzial für Lernprozesse zu. Insbesondere konkrete fachliche Unterstützung der peer-Interaktionen werden präsentiert.

Der Sammelband wird im letzten Teil mit dem Beitrag ‚Ausblick: Interaktionsqualität unterstützen – Pädagogische Qualität weiterentwickeln‘ abgeschlossen, der deutlich kürzer gefasst ist als die übrigen Beiträge. Es werden konkrete Ansatzpunkte zur Qualitätsentwicklung und zentrale Qualifizierungsziele für die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte und der Einrichtungsleitungen aus den Beiträgen der beiden ersten Teile des Buches abgeleitet und endet mit dem motivierenden zusammenfassenden Befund einer guten emotionalen Unterstützung der Kinder in den meisten Einrichtungen als wichtiger Grundlage für weitere Schritte der Lernanregungen.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband präsentiert den aktuellen Stand der Forschung zur Interaktionsqualität in der Kindheitspädagogik auf hohem wissenschaftlichen Niveau und ist für Praktiker*innen sehr gut rezipier- und verwertbar. Das Interesse, das der Titel und die Einführung des Sammelbandes durch die Verknüpfung von Forschungsergebnissen mit praxisrelevanten Auswertungen von Studien hervorruft, bietet der Sammelband eine Orientierung für Wissenschaftler*innen zum aktuellen Wissensstand und für Praktiker*innen der Bildung, Erziehung und Betreuung eine sehr gute Orientierung für die Auswahl geeigneter Studien zur konzeptionellen Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Für die Auswahl von Instrumenten zur Qualitätsentwicklung ist die weitere Orientierung in der Fachliteratur zur methodischen Umsetzung von Qualitätsentwicklung erforderlich, um die präsentierten Forschungsbefunde als konzeptionell wirksame Erkenntnisse auch in eine einrichtungsspezifische Aufgabenorientierung für jede einzelne Fachkraft umzusetzen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen Malus dieses Sammelbands, vielmehr ist er unabdingbare Lektüre für die fachliche Orientierung im Rahmen von Qualitätsentwicklungsprozessen und gehört in jede Kindertageseinrichtung und Grundschule als Standardlektüre.


Rezension von
Prof. Dr. Irene Dittrich
Professorin für Theorie und Praxis der Kindheitspädagogik an der FH Potsdam und Lehrbeauftragte an der Hochschule Düsseldorf, Email-Adressen: irene.dittrich@fh-potsdam.de und irene.dittrich@hs-duesseldorf
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Zitiervorschlag
Irene Dittrich. Rezension vom 18.06.2020 zu: Monika Wertfein, Andreas Wildgruber, Claudia Wirts, Fabienne Becker-Stoll (Hrsg.): Interaktionen in Kindertageseinrichtungen. Theorie und Praxis im interdisziplinären Dialog. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-70225-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24353.php, Datum des Zugriffs 24.09.2020.


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