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Frederik Durczok, Sarah Lichter (Hrsg.): Integration als Bildungsaufgabe!?

Cover Frederik Durczok, Sarah Lichter (Hrsg.): Integration als Bildungsaufgabe!? Herausforderungen - Möglichkeiten - Chancen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. 291 Seiten. ISBN 978-3-8340-1760-4. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Der Band thematisiert Integration als gesamtgesellschaftliche Bildungsaufgabe und verortet das Bildungssystem als jenen Ort, an welchem Integrationsvisionen entwickelt, verfeinert, verwirklicht und verworfen werden können.

Das Bildungssystem einer Gesellschaft wird als Mittler zwischen der Entwicklung der ganzen Gesellschaft und den Individualisationsprozessen jedes einzelnen in der Gesellschaft verstanden (vgl. Waschzettel des Verlags).

Herausgeber und Herausgeberin

Frederik Durczok (Jahrg. 1986) ist Musiker, Historiker und am St. Raphael Gymnasium in Heidelberg lehrender Pädagoge; zudem ist er als Dozent am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Karlsruher Institut für Technologie KIT der Helmholtz-Gemeinschaft im Bereich Ästhetische Bildung und Lehrerberufseignung tätig.

Sarah Lichter (Jahrg. 1982) studiert Bildungswissenschaft in Heidelberg und arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg; zudem ist sie Forschungsstipendiatin der Forschungsstelle für Ästhetische Bildung und Lehrerberufseignung des KIT.

Entstehungshintergrund

Das Buch nimmt die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 zum Anlass, Überlegungen hinsichtlich geeigneter Integrationsmaßnahmen und -notwendigkeiten einer ihre Sozialität erhalten wollenden Gesellschaft anzustellen und greift dabei auf einen Bildungskongress des KIT zum Thema „Integration als Bildungsaufgabe“ aus dem Jahr 2016 zurück.

Somit dokumentiert das Buch die dort gewonnenen bzw. referierten Erfahrungen, Erkenntnisse und Denkanstöße durch die Sammlung von unterschiedlichen Fachaufsätzen, die in Anlehnung der auf dem Kongress gehaltenen Vorträge.

Aufbau

Das Vorwort und die Einführung in die Gesamtthematik nehmen die Herausgeber vor. Danach werden zweiundzwanzig Aufsätze aufgelistet und mit einem AutorInnen-Verzeichnis abgeschlossen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalte

Die Herausgeber gehen von der Erkenntnis aus, dass Integration – unabhängig von Flucht- und Migrationsbewegungen – als die eigentliche Bildungsaufgabe einer Gesellschaft gesehen werden muss, es sich somit nicht um eine neue Aufgabe handelt, sondern sich neue Fragestellungen im gesellschaftlichen Dialog auftun, welche vielfältige Anstrengungen im Bildungssystem erfordern.

Genannt werden Toleranz als ein relativer Grundwert, gemeinsame Dialoge, um Parallelgesellschaften zu verhindern, Pädagogik zur Begleitung eines Werte-Dialogs, Vermittlung der deutschen Sprache zur Vermeidung von Sprachlosigkeit und schließlich das Hinterfragen der eigenen Werte und Haltungen durch Dialog.

Jürgen Rekus geht in seinem auf dem Kongress gehaltenen Vortrag der Frage nach, inwieweit Integration als Bildungsauftrag gesehen werden muss. Er sieht Integration als bipolaren Prozess, der sowohl von der zu integrierenden Person wie auch von den Integrierenden her verstanden werden muss. Dazu gehören u.a. die Aneignung von kulturellem Wissen, aber auch der Spracherwerb, um Gesetze, Regeln, Normen und Sitten erfassen zu können – eine Aufgabe, der sich der Einzelne von sich aus zu stellen habe.

Die nachfolgenden Beiträge beschäftigen sich zunächst noch mit allgemeinen Klärungen der Zusammenhänge zwischen Bildung und Integration, so etwa Thomas Mikhail aus der Sicht der Erziehungswissenschaft, oder Karin Schäfer-Koch eher aus historischer Sicht. Während Ersterer zwischen Integration und Bildung kein Entweder-Oder, sondern vielmehr eher ein Sowohl-Als-auch zu erkennen glaubt, so kommt Schäfer-Koch zu dem Schluss, dass die Entwicklung sowohl Erfolgs- wie auch Misserfolgs-Geschichten durch die Partizipation an unserem Bildungssystem zeigen wird.

Werner Schnatterbeck wirft die Frage nach den schulischen Erziehungszielen als Integrationsfundament auf und strengt Überlegungen zu einer weiteren Renaissance des Erzieherischen in der Schule an. Dabei sieht er die Notwendigkeit, dass Demokratie, Pluralismus und offene Gesellschaft eines Fundamentes bedürfen, um diese Werte erhalten zu können und rekurriert auf die wegweisende Rede des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde in München aus dem Jahr 2006. Mit Blick in die schulische Praxis schließt Schnatterbeck Folgerungen, wie zum Beispiel Förderung der deutschen Sprachkenntnisse, eine differenzierte Schülerunterweisung, um Spannungen, Rivalitäten etc. zu vermeiden, oder aber ein synergetisches Zusammenwirken unterschiedlicher Institutionen, eine Ausweitung des islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache und unter deutscher Schulaufsicht. Zielsetzung hierbei ist für den Autor, eine Werturteilsfähigkeit aller SchülerInnen hervorzubringen.

Weitere Beiträge, auf die nicht im Einzelnen eingegangen werden soll, beschäftigen sich u.a.

  • mit Theater- und Spielpädagogik als „Königsweg“ zur Sprachförderung, Persönlichkeitsentfaltung und Bildung (vgl. Johann J. Beichel),
  • mit Deutschland unter dem Aspekt von Migration und sprachlicher Bildung vorwiegend unter Betrachtung einer Differenzlinie Deutsch als Erst- und Zweitsprache und deren Bedeutung für die jeweiligen Bildungsangebote (vgl. Heidi Rösch),
  • mit der Vermittlung ästhetischer Erfahrungen in einer als „Haus des ästhetischen Lernens und Lebens“ (S. 101) verstandenen „Kulturschule“ (vgl. Max Fuchs) oder aber
  • mit der Frage nach dem Nutzen einer pädagogischen Ästhetik für eine integrative Erziehung am Beispiel des sog. „Karlsruher Konzepts Pädagogische Ästhetik“, das die inneren Zusammenhänge sämtlicher Bildungsprozesse mit den entsprechenden Konsequenzen für Didaktik und Lehrerbildung zu untersuchen und darzustellen hätte (vgl. Norbert Jüdt).
  • Der Beitrag von Katayon Meier befasst sich mit der Ästhetischen Erziehung vor dem Hintergrund einer zunehmenden Transkulturalität unserer Gesellschaft, während
  • Monika Engelsman und Reinoud Engelsman das Thema mit den Erfahrungen aus einer Waldorfschule ergänzen und damit den Praxisbezug in die Debatte – ebenso wie der Beitrag von Uta Berger zu Musik- und Tanzimprovisation in der Grundschule deutlich macht – einbringen.

Das im Rahmen des Karlsruher Forschungsprojekts „Ästhetische Bildung“ angesiedelte, bildungstheoretisch und fachdidaktisch basierte Modell für Lernsituationen im allgemeinbildenden Mathematikunterricht wird mit Beispielen schulpraktischer Umsetzungen von Rolf Beimer vorgestellt; so zum Beispiel gilt Mathematik als nützliche, brauchbare Disziplin, deren Anwendung für den Lernenden erst dann interessant und unentbehrlich für Allgemeinbildung sei, „wenn in Beispielen aus dem gelebten Leben erfahren wird, wie mathematische Modellbildung funktioniert und welche Art von Aufklärung durch sie zustande kommen kann…“ (vgl. S. 176, nach H. Winter, Mathematik und Allgemeinbildung).

Dem Kernthema des Karlsruher Forschungsprojekts wendet sich Michael J. Müller zu, indem er die Ästhetik als Methode zum Umgang mit den Herausforderungen einer globalisierten Welt näher beleuchtet. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass es s. E. eine vermehrte Notwendigkeit gibt, eine ästhetische Perspektive einzunehmen, um sich ein Urteil bzw. eine Meinung zur Entscheidungsfindung bilden zu können.

Einer der beiden Herausgeber, Frederik Durczok, betrachtet die ästhetische Bildung unter den Aspekten „Empfindsamkeit“, „Vorstellungskraft“und „Gestaltungswille“ im Hinblick auf die Hoffnung auf eine mögliche bessere Zukunft der Menschheit im 21. Jahrhundert.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der Notwendigkeit von „Interkultureller Kompetenz“ für Bildung und Ausbildung (vgl. Walter Jungmann) oder aber konkret mit der Ausbildung in migrationsgeführten Betrieben.

René Leicht geht es dabei unter anderem um Chancen von benachteiligten und leitungsschwachen Jugendlichen, aber auch um die an die Migranten-Unternehmen gestellten Erwartungen. Dabei gelangt der Autor unter anderem zu der Überzeugung, dass bei selbstständigen Migranten-Unternehmern, die über einen Berufsabschluss verfügen, die Wahrscheinlichkeit erhöht ist, dass sie sich in der Ausbildung um mehr als das Zweieinhalbfache gegenüber jenen ohne Abschluss und um das Vierfache engagieren, wenn sie in Deutschland studiert haben (vgl. S. 223) – ohne dabei jedoch zu verschweigen, „dass die besondere Zusammensetzung der Auszubildenden in Migrationsbetrieben auch Probleme birgt, insbesondere, wenn ressourcenschwache Betriebe leistungsschwache Jugendliche ausbilden“ (S. 232).

Falk Hartmann und Wolfram Frietsch erläutern in ihrem praxisbezogenen Beitrag das Projekt „Vorqualifizierung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse (VABO)“ der Carl-Benz-Schule Gaggenau, das jugendliche Flüchtlinge und Spätaussiedler betreut, während Susanne Thimet sich der Lehrerbildung im Bezug auf Flüchtlinge und Migranten an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg annimmt und insbesondere die Qualifizierungsangebote des Beruflichen Seminars Karlsruhe beleuchtet.

Der vorliegende Band schließt mit den Beiträgen von Daniela Reimann und Martin Fischer zu neuen Konzepten zur Förderung der Berufsbiografie-Gestaltung zum einen und zum anderen mit der Frage nach den Kompetenzen von Asylsuchenden und Flüchtlingen hinsichtlich der Erfassung und Entwicklung für die Arbeitsmarktintegration durch die Autoren Ottmar Döring und Sara Hauck ab.

Diskussion

Dem Sammelband von Durczok und Lichter ist es offenkundig gelungen, die meisten Beiträge des oben genannten Kongresses – sicher auch für all jene, die nicht daran teilgenommen haben – so zu vereinen, dass ein Spiegelbild desselben wiedergegeben wird. Damit entsteht ein recht facettenreiches Bild mit einer Fülle von Erkenntnissen und Anregungen, das zu einer weiteren Vertiefung der Thematik anregt und dies auch ganz offensichtlich bezweckt.

Dabei gilt es – und dies lässt sich zwar monieren, jedoch aufgrund des Faktums eines regional angelegten Kongresses nicht anders verwirklichen – die gewonnenen Kongressergebnisse auf die gesamte bildungsorientierte Integrationsproblematik im ganzen Bundesgebiet umzulegen und zu evaluieren. Jeglicher Ansatz dazu lässt sich erst recht vermissen, wenn man sich mit der Konzentration auf ein einziges Muster-Projekt nicht zufrieden geben will.

Fazit

Das vorliegende Werk der Herausgeber Durczok / Lichter erfüllt den Anspruch, Erfahrungen, Erkenntnisse und Denkanstöße aus dem Karlsruher Bildungskongress des Jahres 2016 dokumentieren und einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stellen zu wollen, sicher nur unvollkommen, da die regionale Exklusivität der thematischen Behandlung nur bedingt Rückschlüsse auf die Erfahrungen in anderen Bundesländern mit deren nicht selten divergierenden bildungspolitischen Spezifika zulässt. Und dennoch muss konstatiert werden, dass die Fülle der Beiträge eben doch geeignet ist, weiterführende bzw. vertiefende Überlegungen anzustrengen, wie Integration als Bildungsaufgabe begriffen werden muss, wenn sie denn gelingen soll!


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 11.09.2018 zu: Frederik Durczok, Sarah Lichter (Hrsg.): Integration als Bildungsaufgabe!? Herausforderungen - Möglichkeiten - Chancen. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2017. ISBN 978-3-8340-1760-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24354.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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