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Alexander Czarnetzki: Inklusion zwischen abstrakter Utopie und Apologetik des Bestehenden

Cover Alexander Czarnetzki: Inklusion zwischen abstrakter Utopie und Apologetik des Bestehenden. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2017. 108 Seiten. ISBN 978-3-86541-926-2. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR.

Reihe: ICHS Diplom.
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Thema

Eine Beschäftigung mit dem Inklusionsdiskurs, die diesen zwischen ‚abstrakter Utopie‘ und ‚Apologetik des Bestehenden‘ verortet, lässt aufhorchen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Inklusionsansatz hat zwar deutlich zugenommen, dennoch suchen dabei die meisten Autor/inn/en den positiven Ansatz der UN-Behindertenrechtskonvention gegen eine kritisierte Umsetzung oder Instrumentalisierung zu verteidigen. Die vorliegende Arbeit unterzieht vor allem den heil- und sonderpädagogischen Diskurs einer grundlegenden Kritik. Der Argumentationsgang geht von einer Kritik der Ablehnung und der Inflationierung des Inklusionsbegriffes aus. Anliegen der Arbeit ist es, diese „im Spiegel widerstreitender Interessen zu verstehen und die Konsequenzen für seine kritische Potenz zu analysieren“ (S. 15).

Entstehungshintergrund

Die Arbeit ist in der Reihe ‚International Cultural-historical Human Sciences‘ erschienen, in der ganz überwiegend Arbeiten aus dem Kontext der kulturhistorischen Schule und einer daran orientierten materialistischen Behindertenpädagogik veröffentlicht werden, in der sich auch der Autor verortet. Hier ist das Buch in der Kategorie ‚Diplomarbeiten/Thesis‘ zugeordnet. Auch wenn dies aus dem Werk nicht ersichtlich wird, ergibt eine Recherche, dass die Schrift als Masterarbeit im Studiengang ‚Integrative Heilpädagogik/Inclusive Education‘ an der Evangelischen Hochschule Darmstadt entstanden ist. Der Schrift vorangestellt ist ein Vorwort mit einer Würdigung von Georg Feuser.

Aufbau

Der Argumentationsgang ist in drei Schritte gegliedert.

  1. Im ersten Kapitel werden „Phänomene gesellschaftlichen Ausschlusses und Zeitgeist in Bezug auf Behinderung“ dargelegt.
  2. Im zweiten Kapitel werden als theoretischer Bezugsrahmen insbesondere die Ansätze von Bourdieu und Foucault herangezogen, um
  3. im dritten Kapitel die Analyse des Inklusionsdiskurses in der Heil- und Sonderpädagogik vorzunehmen.

Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Zu 1. („Phänomene gesellschaftlichen Ausschlusses und Zeitgeist in Bezug auf Behinderung“). Die Inflationierung von Leitbegriffen der Heil- und Sonderpädagogik übergeht – so die Hauptthese des ersten Kapitels – grundlegende Probleme des sozialen Ausschlusses beeinträchtigter Menschen. Den Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben und den Einschluss in Sonderinstitutionen begründet der Autor mit der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie, die Menschen mit Beeinträchtigungen zur ‚Arbeitskraft minderer Güte‘ bzw. zu Menschen mit ‚reduzierter Ausbeutungsbereitschaft‘ werden lässt. Hier lehnt er sich an die materialistische Behindertenpädagogik von Wolfgang Jantzen an. Der Schwerpunkt wird dabei auf den aktuell scheinbar alternativlos wirkenden Neoliberalismus gelegt, der sich durch eine Entstaatlichung der Daseinsvorsorge kennzeichnen lässt, was die Spaltung der Gesellschaft und vor allem die Ausgrenzung von Minderheiten verschärft. Vor diesem Hintergrund versteht er die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen als Einspruch gegen eine zunehmende Ausgrenzung, die er anhand von Zahlen zum Wachstum von Sondereinrichtungen und Diskursen (z.B. zur Pränataldiagnostik) nachweist.

Zu 2. (Theoretischer Bezugsrahmen“). Große theoretische Anstrengungen werden im zweiten Hauptkapitel unternommen, um den Anspruch einzulösen „das Geschehene zu erklären und die inneren Gesetzmäßigkeiten der äußeren, beobachtbaren Phänomene zu verstehen“ (S. 39). Dazu setzt der Autor mit dem Gegenbegriff von Inklusion, nämlich dem Verständnis von Exklusion ein. Er grenzt sich dabei von der systemtheoretischen Perspektive funktionaler Differenzierung ab und sucht den Anschluss an Theorien sozialer Ungleichheit, die er auf den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung bezieht. Er versteht diesen im Anschluss an Basaglia „als gesellschaftliche Zurschaustellung der Handhabbarkeit von Abweichung als gesellschaftlicher, allgegenwärtiger Bedrohung, indem man das Abweichende >einmauert<, dies jedoch im Duktus der Rehabilitation und Wiedereingliederung“ (S. 44). Der Argumentationsgang wird vertieft durch die Auseinandersetzung mit dem Machtbegriff von Bourdieu und dem Ansatz der Bio-Politik bei Foucault. Die Entwicklung des theoretischen Bezugsrahmens wird abgeschlossen durch die Klärung der Begriffe der Apologetik des Bestehenden und der Utopie, die er in Anlehnung an Bloch in eine ‚konkrete‘, als kritisches Korrektiv wirkende, und eine ‚abstrakte‘, ohne Bedeutung für Veränderungen und daher eher bewahrend wirkende, Utopie unterteilt.

Zu 3. („Inklusion“). In das Kapitel, das nun die Problematik des heil- und sonderpädagogischen Diskurses klären soll, führt der Autor ein durch einen Rückblick auf die Integrations- und Inklusionsdiskussion. Er stellt dabei die Tendenz heraus, kritische Begriffe, die eigentlich eine Krise oder Auflösung der Heil- und Sonderpädagogik zur Folge haben könnten, für Strategien zur Legitimation der Disziplin und Profession mit ihren aussondernden Einrichtungen zu nutzen. Die Apologetik des Bestehenden zielt darauf, Behinderung auch außerhalb von Sondereinrichtungen durch eine sonderpädagogische Förderung sichtbar zu halten und zugleich an Sondereinrichtungen als Kern dieser speziellen Förderung festzuhalten. In der abstrakten Utopie der Inklusion werden ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ als Phasen pädagogischer Arbeit dichotom gegenübergestellt, in denen das bleibende Problem der sozialen Ausgrenzung einfach ausgeblendet wird. Bei dieser sehr überzeugenden Analyse des heil- und sonderpädagogischen Diskurses bleibt der Autor dann allerdings doch nicht stehen, sondern entfaltet sein Verständnis von Inklusion als Reformulierung unabgegoltener Emanzipationsansprüche. Er setzt sich im Anschluss an die materialistische Behindertenpädagogik für eine fachlich orientierte Politisierung der Diskussion über Integration und Inklusion ein. Dazu gehört – so der Autor im Fazit – „zentral die Notwendigkeit einer Transformation der Disziplin im Sinne der Überwindung ‚der Legitimation des Einschlusses in Institutionen des Ausschlusses‘, welche an die historischen Grundfeste der Disziplin geht.“

Diskussion

Für einen Rezensenten, der sich mit dem Thema der Behinderungen nicht aus der Perspektive der Heil- und Sonderpädagogik, sondern im Kontext der Sozialpädagogik beschäftigt, handelt es sich um eine äußerst anregende Lektüre. Sie verweist auf die Notwendigkeit der Einheit der Pädagogik und die Überwindung von Ausgrenzung durch die Konstruktion einer speziellen Zuständigkeit, sei es, dass diese durch die ‚Feststellung einer Behinderung‘ oder durch die Kategorie der ‚Hilfe‘ hergestellt wird. Die Diskussion um die Schule für alle, die durch immer mehr sonderpädagogisches Fach- und Hilfspersonal realisiert werden soll, ist symptomatisch für die Apologetik des Bestehenden und eine abstrakte Utopie der Inklusion, die das kritische Potenzial der UN-Behindertenrechtskonvention gewollt oder ungewollt zum Scheitern bringt.

Die Arbeit von Alexander Czarnetzki verdeutlicht, dass nicht eine Modernisierung von Begrifflichkeiten, sondern nur die solide Analyse von Strukturen, Praktiken und Sichtweisen des gesellschaftlichen Umgangs mit Beeinträchtigungen Chancen der Veränderung eröffnet. Auch wenn man die Suche nach einem theoretischen Bezugsrahmen, die das kritische Anliegen in große theoretische Erzählungen einordnen will, nicht an Stellen mitgeht, so gelingt es dem Autor dadurch auf eindrucksvolle Weise von der Oberfläche des Streites um Konzepte durchzustoßen auf die Ebene von Interessen und Ideologien.

Fazit

Die Arbeit trägt in einem sehr konzentrierten Argumentationsgang eine Kritik der Heil- und Sonderpädagogik vor, die mit einem oberflächlichen Begriff von Inklusion das sonderpädagogische Fördersystem verteidigt oder diesem lediglich Wunschvorstellung entgegensetzt, die auch zu einer Verfestigung des Bestehenden beitragen. Entgegen dem Titel, der diesbezüglich eine Ausweglosigkeit befürchten lässt, eröffnet die Arbeit eine pädagogische, fachliche und auch eine politische Perspektive um an das kritische Potenzial der UN-Behindertenrechtskonvention anzuknüpfen. Es geht dann darum, die Strukturen der Ausgrenzung zu analysieren und eine konkrete Utopie der Veränderung zu erarbeiten. Insofern ist die Lektüre allen zu empfehlen, die sich in unterschiedlichen Bereichen professioneller Unterstützung und Förderung mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Beeinträchtigungen und Behinderungen beschäftigen.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
Homepage www.bildung.uni-siegen.de/mitarbeiter/rohrmann/
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 06.08.2018 zu: Alexander Czarnetzki: Inklusion zwischen abstrakter Utopie und Apologetik des Bestehenden. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2017. ISBN 978-3-86541-926-2. Reihe: ICHS Diplom. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24356.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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