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Manfred Oberlechner, Christine W. Trültzsch-Wijnen u.a. (Hrsg.): Migration bildet = Migration educates

Cover Manfred Oberlechner, Christine W. Trültzsch-Wijnen, Patrick Duval (Hrsg.): Migration bildet = Migration educates. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 404 Seiten. ISBN 978-3-8487-3327-9. D: 75,00 EUR, A: 77,20 EUR.

Reihe: Medienpädagogik - Band 3.
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Entstehungshintergrund

„Migration bildet“: Dieser dritte Band in der Reihe „Medienpädagogik“, herausgegeben von Anja Hartung-Griemberg und Christine W. Trültzsch-Wijnen, versammelt Beiträge einer gleichnamigen Tagung der Pädagogischen Hochschule Salzburg Stefan Zweig und der Université de Lorraine-Metz vom Mai 2016, also einer Zeit, in der die Debatten um Fluchtmigration nach Europa in ausnehmend heftiger Weise den öffentlichen Diskurs bestimmten.

Thema

Der Titel schließt implizit an die migrationspädagogische Einsicht an, dass jeder Segregation von Lernenden „mit Migrationshintergund“ ein inklusiver Ansatz entgegenzustellen ist, der die durch Migrationen ausgelösten Bildungserfordernisse für Alle nach den jeweiligen individuellen Dispositionen auszurichten hätte.

Die Herausgeber*innen Christine W. Trültzsch-Wijnen, Manfred Oberlechner und Patrick Duval unter Mitarbeit von Robert Obermeier, wollen eine „multidimensionale Perspektive“ (19) unter Einbezug von Beiträgen auch aus benachbarten Disziplinen zur Medienpädagogik wie Geschichtswissenschaft, Soziologie, Bildungswissenschaft und Migrationspädagogik schärfen.

Herausgeberin und Herausgeber

  • Christine W. Trültzsch-Wijnen ist Leiterin des Kompetenzzentrums für Medienpädagogik und E-Learning an der Hochschule Salzburg Stefan Zweig und vertritt dort die Professur für Medienpädgogik mit den Forschungsschwerpunkten Medienrezeptions- und Nutzungsforschung, Mediensozialisation, Medienkompetenz und international vergleichende Medienpädagogik.
  • Manfred Oberlechner ist dort Professor für Soziologie und Leiter des Kompetenzzentrums für Diversitätspädagogik mit Forschungsschwerpunkten zu Interkulturellem Lernen und Migrationspädagogik, Soziologie der Diversität, Bildungssoziologie und empirische Migrations- und Integrationsforschung.
  • Robert Obermeier ist Mitarbeiter am selben Kompetenzzentrum mit Forschungsschwerpunkten zu Migrationsgeschichte, Rechtsextremismus und Nationalsozialismus.
  • Patrick Duval vertritt die Université de Lorraine-Metz unter anderem mit Forschungsschwerpunkten zum interreligiösen Dialog und Islamischem Religionsunterricht.

Aufbau und Inhalte

Der 404 Seiten starke Tagungsband enthält neben einem Geleitwort der Präsidentin des Salzburger Landtages, Brigitta Pallauf, einem Vorwort zum Beitrag von „Schule“ zu „gelingender Integration“ der Salzburger Landesschulinspektorin Birgit Heinrich und einer Einleitung der Herausgeber*in 21 inhaltlich sehr unterschiedlich ausgerichtete Beiträge, die zum Teil spezifische regionale (Salzburg) und nationale (Österreich) Zugänge eröffnen und von denen hier nur eine Auswahl besprochen werden kann.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Geschichtswissenschaftliche Beiträge bilden eine erste Gruppe historischer Perspektiven auf unterschiedliche Themen. Mit regionalem Bezug zu Salzburg begibt sich Michael Ofenböck auf Spurensuche des protestantischen Glaubensflüchtlings Joseph Schaitberger aus dem Jahr 1686 und des draus entstandenen „Trostlied eines Exulanten“. Migrations- und Karrierewege von Musikern und Musikerinnen werden im Beitrag von Sylvia Hahn biografisch beispielhaft für kulturellen Austausch nachgezeichnet. Auch findet sich eine regionalgeschichtliche Studie zur Zwangsarbeit im Salzburger Pinzgau (Alois Nußbaumer) sowie eine empirisch gestützte Studie zu Erfahrungen und Integrationsprozessen „volksdeutscher“ Flüchtlinge nach 1945 (Brunhilde Scheuringer). Robert Obermair befasst sich mit einzelnen Phasen früherer Zwangsmigrationen von und aus Salzburg und spannt einen Bogen von der Vertreibung von Protestanten über die Lage von Zwangsarbeitern während des NS, Jüdinnen und Juden als Opfer von Vertreibung bis zu den Migrationen nach 1945, um zu zeigen, dass forced migration für Salzburg kein neues Phänomen darstellt. Wenngleich gegenwartsbezogen und von aktueller Relevanz, ist unter den historischen Beiträgen ein Aufsatz von Helga Embachers zum Holocaustgedenken und zur muslimischen Identitätspolitik in Europa platziert, der anhand vor allem britischer und österreichischer Beispiele die Diskussion um Ausmaß, Charakter und Neuigkeitsaspekte antisemitischer Identitätspolitiken von muslimischer Seite in den Blick nimmt und problematisiert. Die Autorin plädiert für eine Motivforschung, die möglicherweise Aufschluss gibt, warum auch „bestens ausgebildete MuslimInnen mit perfekten Sprachkenntnissen für Identitätsangebote aus der Türkei und Antisemitismus empfänglich“ (97) sind.

Einen zweiten thematischen Bereich bilden Beiträge zur Bildung, darunter zu Sichtweisen auf Mehrsprachigkeit, Internationalisierung und stereotypisierender Deklassierung von Migrationsanderen. Wer die Genese unterschiedlicher Konzeptionen interkultureller Bildung mitverfolgt hat, dürfte Interesse an dem von Georg Auernheimer verfassten Essay zeigen, indem er mit der Selbstbezeichnung als „alternder Protagonist“ die Erschwernisse diskutiert, die er für die Verfolgung der Leitmotive interkultureller Bildung unter ungünstigen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in einem „neoliberalen Weltregime“ sieht. Im Kontext fortgeschrittener Globalisierung seien „Kulturgemeinschaften auch in dem Sinn interkulturell geworden, dass sie sich unvermeidlich und endgültig aufeinander beziehen“ (S. 150). Der Abschied von einem naiven gruppen- und herkunftsbezogenen Kulturalismus scheint endgültig vollzogen, wenn nun die pädagogische Perspektive den je individuellen Identitätsentwürfen, individuell kreierter Inszenierungen und Lebensstile gilt. Identitätswandel durch ein Studium bei Frauen türkischer Herkunft untersucht Sule Dursum und kommt zu dem Befund, dass die von ihr interviewten Wiener Musliminnen in ihrer universitären Bildung ein wichtiges Instrument für ihre gesellschaftliche Positionierung, eine Steigerung für den Selbstwert und eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung sehen, die sie in ihrem jeweiligen familiären Umfeld als „Pionierinnen“ erscheinen lässt (192).

Ergebnisse einer international vergleichenden Studie zur Sichtweisen auf Mehrsprachigkeit von Lehrkräften dokumentiert der Beitrag von Argyro Panagiotopoulou und Lisa Rosen, die in Hinblick auf das Konzept „Translanguaging“ zeigen, dass „Deutsche Schulen im Ausland ein interessantes, komplementäres und zugleich konstrastives Forschungsfeld zu Regelschulen in Deutschland darstellen“(174). In einem Beitrag zu „Migration and Internationalisation in Higher Education – Social Work Education in a Local and Global Context“ begründet Jonas Christensen noch einmal die programmatische Perspektive vom globalen Denken und lokalen Handeln: „The importance of allowing student and teachers to meet on a crossborder basis in social work education is built upon internationalization at home as a part of domestic local programs with global understanding – a glocalized view on migration and social work – should not be underestimated when developing professional skills“ (210).

Zentrale empirische Befunde zur Bildungssituation migrantischer Schüler*innen in Österreich diskutiert der Beitrag von Nancy Andriane, in dem Bildungsforschung, Schuleffektivitätsforschung und Sozialisationsforschung aufeinander bezogen werden.

Erst in einem abschließenden Teil werden spezifisch kommunikationswissenschaftliche und medienpädagogische Zugänge in fünf Beiträgen behandelt. Eine Analyse medialer Bild-Diskurse zu Flucht und Migration (Ricarda Drüeke, Elisabeth Klaus und Anita Moser) identifiziert bestimmte wiederkehrende Motive, die überwiegend als „Hegemoniale Bedeutungsproduktion“ gewertet werden; den Umgang mit Informationen zum Thema Flucht und Asyl durch Studierende der Universität Augsburg, ihre Verarbeitungsprozesse und spezifische Meinungen und Urteile, erzeugt durch mediale Anregungen untersucht eine Studie von Maximilian Sailer, Wassilios Baros und Thomas Theurer; Am Ende ein programmatischer Beitrag von Trültzsch-Wijnen („Media Literacy: Exploring the Need for Social and Intercultural Awareness“), in dem der medienpädagogische Geltungsanspruch einer interkulturellen Sensibilität in Theoriebildung, Forschung und Handlungspraxis begründet wird.

Diskussion

Aufbau und Vielfalt inhaltlicher Aspekte des Bandes erwecken den Eindruck, dass hier der Bereich von Kommunikationswissenschaft und Medienpädagogik aufgeschlossen werden soll für bereits an anderer Stelle verhandelte Fragen im Kontext von Migrationstatsachen. Dies ist im Sinne einer wechselseitigen Wahrnehmung, auch Durchdringung einzelner disziplinärer Diskursstränge sinnvoll. Darüber hinaus finden sich Besprechungen und Ergebnisse einer Reihe aktueller Studien, die eine empirische Fundierung der sonst häufig im Programmatischen verbleibenden Schriften zu interkultureller Bildung erlauben.

Kritisch ist anzumerken, dass die im Titel des Bandes angesprochene Perspektive und die damit aufgeworfenen Fragen nicht eigens zusammenhängend entfaltet und diskutiert werden. „Migration bildet“: Was bildet sich da? Bei wem? Welche Bildungsprozesse bezogen auf welche Formen der Migration? So möchte man fragen. Bildung in der Migrationsgesellschaft, oder auch, wie einige Autoren*innen schreiben, in der postmigrantischen Gesellschaft, scheint ja gerade dadurch herausgefordert, dass es hier um Bildungsprozesse in Kontexten geht, die durch Migrationen irreversibel gekennzeichnet sind und durch deren Dynamiken nachhaltig und permanent zur Reflexion entsprechender Bildungsperspektiven aufgefordert wird. Doch welche Bildungsprozesse von wem oder wem gegenüber aufgrund welcher migrationsgesellschaftlichen Prozesse sind hier unter medienpädagogischen Gesichtspunkten in welcher bildungspolitischen Perspektive relevant? Wie etwa wären Bildungsprozesse innerhalb der asymmetrischen Struktur bei unterschiedlichen Statuszuweisungen gegenüber Migrant*innen und aufenthaltsberechtigten Bürgern*innen zu differenzieren, ohne in ein „Wir“ und „Sie“ zu verfallen aber auch ohne Vernachlässigung der Verhältnisse, die solche Unterscheidungspraxen stets aufs Neue (re)produzieren? Migration als Forschungsgegenstand bildet, aber wer erntet die Früchte?

Im Sinne einer kritischen Bildungsforschung wäre als Ergänzung zu den für sich genommen durchaus interessanten Beiträgen eine Reflexion der Bedingungen von Möglichkeiten einer migrationsbezogenen Bildung zu wünschen, die sich kritisch mit impliziten Herrschaftsverhältnissen und deren Überwindung befasst.

Fazit

Die forschungsbasierten Beiträge des Bandes ermöglichen Einblicke aus unterschiedlichen Perspektiven zu historischen, international vergleichenden, rassismuskritischen, medienpädagogischen und bildungsrelevanten Themen. Als Tagungsband stehen die Beiträge für ein Spektrum an möglichen Zugängen, die Fragen nach Bildungsperspektiven durch Migrationen anzugehen. Ein Lesebuch für Studium, Lehre oder eigene Forschung.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Eppenstein
Evangelische Hochschule RWL Bochum Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie
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Zitiervorschlag
Thomas Eppenstein. Rezension vom 05.12.2018 zu: Manfred Oberlechner, Christine W. Trültzsch-Wijnen, Patrick Duval (Hrsg.): Migration bildet = Migration educates. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-3327-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24359.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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